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  • DE-82031 Grünwald, DE-80995 München
  • 07/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-238297)

Wohnquartier an der Ratoldstraße


  • 1. Preis

    Perspektive Bahnseite, © 03 Arch.

    Architekten
    03 Architekten GmbH Architekten BDA, Stadtplaner DASL, München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: ver.de Landschaftsarchitektur, Freising (DE)

    Preisgeld
    25.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die Offene Form

    Architektur ist immer «Form» und diese stets das Resultat kompositorischer Operationen.

    Unser Entwurf ist wie eine Suche nach der Offenen Form.
    Eine Form die offen ist für den zunehmenden Pluralismus der Lebensstile.
    „Eine Form die vielschichtig, vielteilig, unrein, unscharf, anti-klassisch, anti-typologisch, informell, nicht kausal, fragmentiert, semantisch schwach determiniert respektive mehrdeutig sein kann.
    Diese Eigenschaften machen die Offene Form unbestimmt und infinit. Wie die Naturform, aufgrund von Wachstum und Verfall geprägt durch steten Wandel, zeichnet sie sich durch einen «instabilen» Zustand aus. Sie thematisiert die Zeit und damit die Bewegung.“
    Zitiert aus: „Die offene Form und das Malerische“ Edelaar, Mosayebi, Inderbitzin, in Trans19, „Modell und Bild“, Sept 2011, ETH Zürich

    Diagonale Bewegung

    Für den Entwurf wird die durchgehende Wegebeziehung an den Gleisen zum Rückgrat, zum roten Faden an dem sich die polygonalen Baufelder aufreihen. Zusammen mit den polygonalen Baukörpern entsteht ein Konglomerat, ein Gefüge, das ein Netz aus diagonaler sich verbindenden Stadträumen eröffnet.
    Der Stadtraum verengt sich, weitet sich auf, so generieren die Polygone ein vielfältiges Beziehungsgeflecht und laden den umgebenden Raum auf mit verbindenden Möglichkeiten.
    Durch die diagonale Bewegung gelingt es ein engmaschiges Wegenetz über das Grundstück zu legen, das Nachbarschaften schafft und gleichzeitig den Schallschutz garantiert.

    Das Wegthema

    Die dynamischen Räume der städtebaulichen Figur können von der Architektur genutzt werden, um den Weg von der Nachbarbebauung über kleine Vorplätze in das neue Quartier, weiter in die Höfe bis hin zu den Treppenhäusern zu thematisieren. Dabei werden die bestehenden Raumbeziehungen und Wege aus der Nachbarschaft aufgenommen. Kleine Vorbereiche, Plätze zum Verweilen entstehen und verbinden Alt mit Neu.
    Die Dynamik aus dem Stadtraum kann sich von den Foyers in die Treppenräume fortsetzen um sich am Ende in die Grundrissgestaltung der Wohnungen einzuschreiben. Dies ermöglicht eine erlebbare Beziehung von Innen nach Aussen, respektive Aussen nach Innen.


    Das Potential des Pittoresken

    Die offene Form des Entwurfs wird getragen von dem gedanklichen Modell der «Gesteinsformation» (neben vielen anderen Assoziationen). Sie ist präsent von der städtebaulichen Figur bis zum Grundriss und sorgt damit für eine Kohärenz zwischen Städtebau und architektonischem Ausdruck.
    Die Assoziationen ermöglichen uns eine weiche Ordnung herzustellen und dabei den Entwurf so anzureichern, dass ein narrativer und prägnanter Ausdruck entsteht.

    Dabei entsteht eine Bebauungsstruktur, die unterschiedlichste Gebäudetypologien von der straßenbegleitende Stadtvillen in offener Bebauung neben der kleinen Turmwohnung, von einfachen Townhouses neben modularen Baugruppenhäusern
    zulässt.
    Eine Collage, die durch die räumliche wie auch typologische Vielfalt ein enorm hohes pittoreskes Potential für die spätere Architektur bietet.

    Neue Wohnformen

    Wir sind davon überzeugt, dass neue Formen im Städtebau und neue Formen in der Immobilienvermarktung zusammen spielen müssen, um neue Arten von Stadträumen und neue Wohnformen generieren können.
    Der Entwurf bietet mit seiner sehr unterschiedlichen Körnung in der Bebauungsstruktur die Möglichkeit das Gebiet ganz flexibel und innovativ zu vermarkten. Von kleinen Einheiten von 20 Wohnungen, zum Beispiel für Baugruppen, bis zu den üblichen größeren besteht hier das Potential, diese offene Form in der weiteren Zusammenarbeit auch im Sinne einer innovativen Vermarktung an zu passen.
    Die Ablesbarkeit von einzelnen Häusern in der Größe von 80qm Grundfläche bis zu 240qm Grundfläche, vom dreigeschossigen Haus bis zum Wohnturm, geben dem Projektentwickler und den Architekten sämtliche Spielräume für eine diversifizierte flexible Wohnungstypologie innovativer Grundrisslösungen.

    Dachlandschaft

    Durch seine subtil bewegte Dachlandschaft schafft es der Entwurf sich mit seinem Höhenprofil an die benachbarte Bebauung optimal anzupassen.
    Dabei entsteht eine kleinteilige Struktur aus leicht unterschiedlich hohen Häusern, die sich an der Massstäblichkeit des Bestandes orientiert, eine vielfältige Dachlandschaft, die gegenüber der Einfamilienhaussiedlung mit dreigeschossigen Häusern, an der südlichen Siedlung aus den 60ern 5- und 6- geschossig wird und es schafft am S-Bahn-Haltepunkt einen deutlichen Akzent mit 14 Geschossen als Zeichen für das neue Zentrum zu setzen.
    Höhere Akzente an den Ecken und Eingänge der Baufelder werden genauso zur Inszenierung genutzt.
    So kann dann jedes Haus mit seinem eigenen architektonischen Ausdruck einen Beitrag zum Gesamtgefüge des Quartiers leisten. Es entsteht eine kleinteilige Struktur mit einem hohen Wiedererkennungswert.

    Ambivalente Räume

    Die Offene Form mit Ihren polygonalen Figuren erzeugt fließende, dynamische Räume, die in Ihrer Ambivalenz Spielraum für spätere Interpretationen lassen.

    Im Inneren der Baufelder sind die gemeinschaftlich gelegenen Zonen unterschiedlich aneigenbar. Je nach späteren Nutzern können kleinere Gärten, ein offen begehbarer urbaner Raum oder ein grüner ruhiger Hof entstehen.
    Damit entsteht ein Raum der Imagination, ein Raum für jede Form der Aneignung, die am Ende dann den realen Kontext formt.

    Verzahnung

    Die Vor- und Rücksprünge an der Ratoldstrasse rhythmisieren den Strassenraum. Dies wird noch durch die Baumpflanzungen an den polygonalen Quartiersplätzen unterstützt.
    Dabei entsteht das Bild einer grünen Straße, die immer wieder durch Fassaden und Hausecken unterbrochen wird. Zusammen mit dem Angebot an Besucherparkplätzen wird der Strassenraum zu einem belebten Begegnungsraum.

    Polygonale Lärmschutzhügel am Gleispark schaffen eine Folge dynamischer Räume, die den Weg an den Gleisen entlang in Aufenthaltsbereiche gliedern. Dabei werden die Hügel westseitig als besonnte Magerstandorte weiter entwickelt, während auf der Ostseite lärmgeschützte nutzbare Schrägen als Spielplätze und für Trendsportarten genutzt werden können.

    Im Norden knüpft der Gleispark an das Motiv der Heidelandschaft an und schafft mit lichten Kiefernhainen einen guten Übergang in die nördliche Münchner Schotterebene. Dabei ergeben sich auch Spiel- und Streifräume für ältere Jugendliche, abseits der nahen Wohnumgebung.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Aus der sensiblen Auseinandersetzung der Verfasser mit dem nicht eben einfachen Ort resultiert ein höchst differenziertes und identitätsstiftendes Gesamtkonzept. Es entstehen Orte mit besonderem Charakter, die in ein überzeugendes Gesamtkonzept eingebettet sind. Identität wird hier zum Programm. Ganz besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Arbeit entspannt, ja beinahe lässig auf die Umgebung eingeht und dennoch ein Quartier mit besonderer Eigenart kreiert.
    Ausgehend von der U- und S-Bahnstation Feldmoching, die mit dem hohen Gebäude und der anschließenden P+R- Anlage in ihrer Zentralität richtig betont wird, entsteht ein Platz der sowohl für die neuen Bewohner als auch die alteingesessenen Feldmochinger einen besonderen Ort schafft. Gleichzeitig wird durch die Setzung des Hochpunktes in der Quartiersmitte die Signifikanz des Quartiers bahnseitig erlebbar. Der bauliche Akzent an der Feldmochinger Mobilitätsdrehscheibe wird in der Jury als Akzent an der richtigen Stelle begrüßt, die Höhe des Gebäudes wird allerdings kontrovers diskutiert. Eine Nutzung als Hotel oder gewerbliches Wohnen ist vorstellbar.
    Die Einzelhandelsflächen an der P+R-Anlage sind noch zu verifizieren.
    Sehr gekonnt reagiert die Arbeit auf die vorhandenen Quartiere, indem gegenüber jeder Einmündung einer Straße ein kleiner Eingangsplatz entsteht, der das neue Quartier beiläufig aber wirksam mit dem Bestand vernäht. Gleichzeitig werden weitere Plätze in einem wechselvollen Rhythmus entlang Ratold- und Raheinstrasse angeboten, sodass eine sehr angenehme Rhythmisierung der Straßenräume entsteht.
    Der südliche Auftakt des neuen Quartiers weist bereits auf die kristalline Gesamtidee hin und zeigt, dass individuelle Einzelhäuser in einen städtebaulichen Zusammenhang eigebettet und harmonisch zu einem Ganzen zusammengefügt werden können. Die privaten Innenhöfe bieten vielfältige einmalige Raumsequenzen, die sich zu einem Kontinuum zusammenschließen, ohne die Idee einer individuellen Prägung der Quartiere und einer Adressbildung durch identifizierbare Einzelgebäude aufzugeben.
    Grundsätzlich wird der durchgängige Radweg an der Westseite begrüßt, wenngleich in Teilabschnitten eine benutzerfreundlichere Führung erforderlich wäre.
    Die Verfasser stellen einen durchwegs funktionsfähigen Biotopverbundkorridor dar: Geringfügige Unterschreitungen der verlangten Mindestbreite werden an anderen Stellen überkompensiert. Positiv gewürdigt wird die Geländemodellierung, die Biotop- und Erholungflächen wirksam voneinander trennt und die Biotopfläche als Teil eines zusammenhängenden Grünraums erlebbar macht.
    Die freien, teilweise sehr tiefen, polygonalen Baukörper lassen hohe Anforderungen an effiziente Grundrisse erkennen. Der vorliegende Grundrissnachweis überzeugt noch nicht. Um sich die Möglichkeiten vorzustellen, die im souverän vorgetragenen städtebaulichen Ansatz liegen, muss die Jury daher ihre eigene Phantasie bemühen. Die Anzahl der Wohneinheiten liegt im unteren Bereich, eine moderate Erhöhung ggfs. einzelner „Polygone“ vorzugsweise an der Westseite ist denkbar.
    Im weiteren Verfahren sollte die Dachlandschaft hinsichtlich gemeinschaftlich nutzbarer Dachterrassen untersucht werden.
    Insgesamt kann mit dieser Arbeit das Versprechen an die alteingesessene Bevölkerung auf eine städtebauliche Ergänzung mit Augenmaß eingelöst werden. Der Lärmschutz funktioniert, eine Verschattung der angrenzenden Bebauung ist nicht zu befürchten. Attraktive Freiräume versprechen einen Mehrwert – für Neubürger Feldmochings wie für alteingessene Nachbarn. Die Jury lobt einen kreativen Entwurf, der aufgrund eines außergewöhnlichen Raumkonzepts, aufgrund seines angemessenen städtebaulichen Maßstabs sowie seiner individuellen Bautypologien ein Alleinstellungsmerkmal im Münchener Baugeschehen erhalten könnte.