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  • DE-09669 Frankenberg/Sa.
  • 01/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-240686)

„Zeit-Werk-Stadt“ - Erlebnismuseum für Stadt- und Industriegeschichte


  • 3. Preis


    Architekten
    Anderhalten Architekten, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Claus Anderhalten

    Mitarbeit
    Moritz von Sassen, Konstantin Gerbes

    Preisgeld
    8.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die ehemalige Produktionshalle mutiert zur zeitlos- innovativen „Zeit- Werk- Stadt“. Die vorgefundene Baustruktur scheint hervorragend geeignet zur Realisierung einer flexiblen Event- und Ausstellungshalle. Nur geringe Interventionen sind notwendig zur spürbaren Wandlung und Optimierung des Ortes. Grundlage bilden die vorhandene Tragstruktur, die schlichte aber präsente Kubatur und der einmalige Werkstattcharakter.
    Das vorgestellte Konzept zur Umgestaltung orientiert sich eng am bestehenden Tragwerk und erhält beide Treppenräume. Nur so kann eine angemessene und wirtschaftliche Lösung gefunden werden, die ohne überzogene Effekthascherei einen markanten Baukörper im begrenzten Budgetrahmen ermöglicht.
    Die äußere Hülle wird gedämmt und mit gelochten Trapezblechen aus goldeloxiertem Aluminium bekleidet. Die neue Kontur zeichnet die Vorhandene nach, Zeitschichten werden sichtbar. Hierbei spielt die durchlässige Haut mit dem Moment des Verhüllens und Öffnens. Je nach Zustand zeigt oder verbirgt sie Gebäude und Inhalte bis hoch zum zukünftig begehbaren Satteldach. So entsteht ein zurückhaltender Baukörper mit industriellem Charakter als Verweis auf die Tradition des Ortes. Die einfache kubische Grundform mit einer Fassade ohne Vor- und Rücksprünge, fügt sich in den Kontext ein, gewinnt aber gleichzeitig eine deutliche eigene Präsenz.
    Bei Dunkelheit strahlt gefiltertes Licht von Innen durch die teiltransparente Hülle und bringt den Baukörper zu einem sanften Leuchten. Tagsüber öffnen sich großflächige Faltelemente, die den Kubus mit der Umgebung verzahnen und Ein- und Durchblicke freigeben. Die „Zeit-Werk-Stadt“ empfängt ihre Besucher mit „offenen Armen“. Der Baukörper exponiert sich, stellt sich selbst aus und lädt ein, seine innere Welt zu entdecken und von dort den Blick über die umgebende Landschaft schweifen zu lassen. Im Wechsel der Veranstaltungen und Ausstellungsinhalte wandeln sich die Fassaden durch Öffnen und Schließen ihrer beweglichen Elemente und zeigen sich so in vielfältigen räumlichen Facetten.
    Die Eingriffe in die vorhandene Struktur bleiben so gering wie nur möglich. So können die Substanz weitestgehend erhalten und Kosten gespart werden. Der Werkstattcharakter wird deutlich gestärkt, indem die tragende Stahlstruktur von ihrer Brandverkleidung befreit und durch einen entsprechend wirksamen Anstrich ersetzt wird. Die partielle Entfernung der Betondecken ergibt spannende räumliche Bezüge und bespielbare Lufträume zwischen den beiden Ebenen. Die bestehenden Außenwände mit ihrer vorhandenen Fensteranordnung bleiben erhalten, nur einzelne Öffnungen werden vermauert. Es erfolgt lediglich der Rückbau der Trapezblechfassade zur Freilegung der markanten Form des Satteldaches, das zur begehbaren, partiell intensiv begrünten Dachlandschaft wird und dem Besucher einen Ausblick auf den Landschaftspark gewährt. So wird das Gebäude mit der Landschaft verzahnt und die Dachfläche kann von der Landesgartenschau als zusätzliche Grünfläche genutzt werden.
    Leitgedanke bei sämtlichen Eingriffen sind der Erhalt und die Übertragung der Atmosphäre der ehemaligen Produktionshalle auf das neue Funktionsgebäude während der LAGA und mehr noch als Basis der zukünftigen musealen Vermittlung der Industriegeschichte des Ortes. Workshops, Werkstätten und interaktive Events fordern eine multifunktionale Raumstruktur mit dauerhaften Oberflächen und Einrichtungen.
    Sämtliche neu eingesetzte Materialien sind dementsprechend dem Industriebau entlehnt und unterstreichen den gewünschten Charakter. Metallisch schimmerndes Lochblech und große Faltelemente verstehen sich wie Gussasphalt und Industrieleuchten als Reminiszenz an Werkstätten und Produktionsverfahren.
    Im Inneren empfängt den Besucher eine weit ausladende Rampe. Die Stahlblechkonstruktion als Schlosserarbeit mit Asphaltbelag ist raumgreifende Installation und Erschließung zugleich. Sie führt vorbei an Exponaten und begleitenden medialen Elementen wie dem digital inszenierten „TIME- CUBE“ und unterstützt die Ausstellung durch unerwartete Blickwinkel im Raum und auf die Exponate. Die Geländer und Handläufe sind gleichzeitig Informationsträger zur Beschreibung der Exponate. Die Rampe bildet den zentralen Abschnitt des Ausstellungsrundgangs, sie ist fließende Verbindung zwischen den Ebenen und wird so selbst zum Exponat im Raum.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit 6 setzt auf den Bestand des Gebäudes. Die Verfasser setzen sich intensiv mit der Tragstruktur, d.h. Stützen und Stahlrahmen, der Kubatur und dem Werkstattcharakter der bestehenden Halle auseinander und entwickeln diese Qualitäten als einfache Interventionen mit eigenständigen Mitteln weiter. Damit beabsichtigen die Verfasser der Forderung nach Wirtschaftlichkeit gerecht zu werden.

    Der Eingang sitzt richtig, die Anfahrbarkeit der Ausstellungsbereiche ist gut gewährleistet. Die Lage der Nebenräume ist richtig gewählt. Die Beibehaltung eines der beiden bestehenden Treppenhäuser als schnelle Verbindung ist nachvollziehbar.

    Die Eigenständigkeit erhält der Innenraum durch die neue und farbig gestaltete Rampe, die in Zusammenhang mit der Öffnung der Decke ein spannungsreiches Raumerlebnis ermöglicht. Unterstützt wird dies durch Materialwahl und Farbgebung des Bodens und der Stahlkonstruktion.

    Dem Gedanken der Weiterentwicklung des Bestands mit minimalen Interventionen in Form einer einheitlichen Fassadenbekleidung ist schlüssig.

    Die Konsequenz dieser Entscheidungen wird gewürdigt, jedoch wurde im Preisgericht kontrovers diskutiert, ob diese vorgeschlagene Anmutung im Innenraum ein angemessener und zeitgemäßer Ausdruck für die Zeit Werk Stadt sei und ob die Wirkung des Fassadenmaterials Streckmetall die richtige Außendarstellung der neuen Nutzung angemessen vermittelt.

    Die Ausstellungsbereiche sind ausreichend. Die Ausstellungsbereiche im 1. OG bilden eine gute Grundlage für die Wechselausstellungen. Das intensive Gründach wird kritisch gesehen. Die geforderte Bespielbarkeit während der Gartenschau mit Blumenhalle und Innen- und Außengastronomie, sowie Öffnungen zum Park, ist gewährleistet.

    Empfehlungen:
    Die Stadt Frankenberg möchte den bereits begonnenen Weg der Umwandlung des ehemaligen Industriegebiets entlang der Zschopau mit dem Projekt Zeit Werk Stadt als erlebbaren und öffentlichkeitswirksamen Höhepunkt zum Abschluss bringen. Die Überarbeitung soll die Erscheinung des Gebäudes als zukunftsträchtigen und Interesse weckenden Neubau, der für die Weiterentwicklung der Stadt Frankenberg steht, in geeigneterer Weise zum Ausdruck bringen.

    Dabei ist die Wahl des Fassadenmaterials zu überprüfen. Es bestehen Bedenken vor einer sich eventuelle einstellenden wenig einladenden „grauen“ Erscheinung des Gebäudes. Die Transformation der introvertierten Halle der ehemaligen Produktion in ein offenes und einladendes Gebäude, auch mit den Öffnungen zum Park und Umraum oder als Einbringöffnung für große Exponate ins 1.OG, sollen intensiviert werden. Der räumliche Charakter im Innenraum könnte auch von außen erfahrbar gemacht werden.

    Der Time Cube sollt freier im Innenraum platziert werden, damit die LED Bilder direkt vom Eingangsbereich und auch möglichst aus anderen Perspektiven gut erkennbar ist und nicht durch Rampen verdeckt ist. Den Besuchern soll einen abwechslungsreicher Parcour, der zu Entdeckungen einlädt, angeboten werden.

    Der Haustechnikraum sitzt ungünstig und sollte in Zusammenhang mit den Nebenräumen stehen. Der Sozialraum und die Mitarbeiter benötigt ein eigenes Personal-WC.

    Insgesamt soll die Markanz des Erscheinungsbilds des Gebäudes für die neuen Nutzungen, das ein wesentlicher Baustein des zukünftigen Tourismuskonzepts sein wird, verbessert werden.


    Nach Überarbeitung:
    - Die Außenfassade ist nicht mehr „grau“, das Fassadenmaterial wurde unter Beachtung der Hinweise der Beurteilung geändert.
    - Das Gründach wird jetzt zu einem begehbaren Dach mit teilweise Grünflächen, die quadratischen Lichtflächen im Dach wurden beibehalten. Die Terrassennutzung wird hinsichtlich Statik als kritisch angesehen.
    - Die Treppenhäuser wurden bis auf das Dach erweitert, beide Bestandstreppenhäuser sind erhalten.
    - Die Lage von Time Cube und Rampenanlage sind verschoben, der Time Cube steht an neuer Stelle, man geht jetzt nicht mehr zu Beginn der Rampe unter dem Time Cube durch.
    - Die Nebenräume wurden lt. Forderung der Beurteilung umsortiert. Das Mitarbeiter WC wurde zusätzlich eingeordnet.
    - Konsequent wurden wie bereits im 1. Entwurf im OG keine zusätzlichen Räume angeordnet, nur Ausstellungsfläche, alle Nebenräume befinden sich im EG.
    - Der Shop-Bereich ist nicht gesondert ausgewiesen, lässt sich aber festlegen.