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  • DE-79540 Lörrach
  • 05/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-157694)

Schöpflin-Areal: Entwicklung eines neuen Quartiers


  • 1. Preis


    Stadtplaner
    WICK + PARTNER ARCHITEKTEN STADTPLANER, Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Karl Haag , Michael Schröder

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Glück+Partner GmbH Freie Architekten BDA, Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    26.000 EUR

    Erläuterungstext
    Mitarbeiter: Michaela Brummack, Eva Kiesel, Kristin Kalbhenn, Jochen Sieber, Kristina Hackel, Felix Wolf

    Erläuterungstext:


    Ausgangssituation
    Zwischen der Villa Schöplin und dem Schöpflin Park im Westen mit der Idee eines gemeinschaftlichen Lebensraums, zwischen den Lager- und Produktionshallen im Osten als industrielles Erbe des Standorts sowie zwischen den Stadtteilen Hauingen im Norden und Brombach im Süden stellt das Plangebiet heute ein Leeraum im heterogenen Umfeld des städtischen Gefüges dar.

    Die Franz-Ehret-Straße als Verbindung der Stadtteile, der direkt angrenzende Bahn-Halt und die vorhandenen Trampelpfade über das Plangebiet weisen bereits heute das Plangebiet als Nahtstelle unterschiedlicher Stadtbereiche aus.

    Stadträumliches Konzept
    Auf diesen Rahmenbedingungen basiert die städtebauliche Idee: Die unterschiedlichen Nutzungen wie Sporthalle und städtische Vereinsräume sowie die Raumangebote der Schöpflin-Stiftung und das gemeinschaftliche Wohnen bilden ein Stadtquartier mit hohen Identifikations- und Vernetzungspotenzialen.

    Die städtischen Räume weisen jeweils einen ihrer Nutzung entsprechenden Grad an Öffentlichkeit und/oder Gemeinschaft auf.
    Vom Bahnhalt im Norden erstreckt sich ein städtisch geprägter öffentlicher Raum entlang der Franz-Ehret-Straße bis gegenüber der Schöpflin-Villa: das Forum als multifunktionaler Stadtraum.
    Begrenzt die Sporthalle diesen Raum einerseits nach Osten und gibt ihm damit eine klare räumliche Fassung bildet er wiederum deren Vorfeld. Ein davor gestellter frei im Raum stehender Pavillon vereint die städtischen Vereinsnutzungen und den Mehr-zweckraum der Stiftung unter einem Dach bei funktioneller Trennung in zwei Einheiten. Das Dach bildet für die Nutzungen ver-bindende geschützte Freiräume, die als Werk- und Ausstellungshof auch die Präsenz der unterschiedlichen Nutzungen in den städtischen Raum und damit in die Öffentlichkeit fördern.

    Das Forum als gebauter Stadtraum geht nach Süden über in einen innerörtlichen Grünraum als Quartierspark, der die freiräum-liche und funktionale Anbindung an die Schopfheimer Straße und über sie hinweg in die südlichen Quartiere schafft. Das histori-sche Gasthaus bildet den südlichen Übergang des neuen Quartiersparks; über eine neue Freiterrasse wird der Zusammenhang zum Schöpflin-Mehrzweckraum und zur Schöpflin-Villa räumlich in Bezug gestellt.

    Beidseits des Quartiersparks entstehen zwei Wohnhöfe. Die Offenheit der baulichen Struktur und das Angebot unterschiedli-cher Typologien bei ihrer Orientierung auf einen gemeinsamen Hof unterstützen das gewünschte gemeinschaftliche Wohnen. Die Struktur der Höfe bildet wiederum ein flexibles räumliches Gerüst, das sich ändernden Anforderungen angepasst werden kann und gegenüber dem heterogenen Umfeld und Maßstab vermittelt.

    Gegenüber den umgebenden Freiräumen wie dem Quartierspark ist das Hofniveau jeweils leicht, um ca. 30 cm, angehoben. Hiermit wird wiederum eine Differenzierung im Grad der Öffentlichkeit der gemeinschaftlichen Bereiche der Höfe der Bewohner gegenüber den übergeordneten Stadt- und Freiräumen erreicht. Übergange bleiben dennoch fließend und können barrierefrei hergestellt werden.
    Die Höfe sind nutzungsoffen gestaltet und der Annahme durch die Bewohner überlassen: Spiel- und Freizeitflächen, Aufenthalts- und Ruhebereiche, gemeinschaftliches Gärtnern und vieles Kreatives mehr ...

    Qualitäten der Freiräume
    Forum und Quartierspark bilden die übergeordneten Stadträume:
    Das Forum als städtisch gebauter Stadtraum verbindet die publikumsintensiven Nutzungen im nördlichen Bereich und über-nimmt gleichzeitig die Funktion eines Quartiersplatzes mit identitätsstiftender Funktion für die beiden Stadtteile an deren Naht-stelle und als Stadtteileingang mit der Bahn kommend.
    Der Quartierspark vernetzt nach Süden und bietet einen Freiraum sowohl für die direkten Anwohner der Wohnhöfe wie auch über das Quartier hinaus und fördert damit die Nachbarschaft.
    Auch in Ost-West-Richtung wird ein differenziertes Freiraumsystem aufgebaut:
    Die Fuge zwischen Sporthalle und östlichem Wohnhof übernimmt Retentionsbereiche zur Ableitung des gesamten Oberflä-chenwassers.
    Am südlichen Quartiersrand und im Nordosten werden in weniger frequentierten Bereichen Habitate für Zauneidechsen in Form von Ruderal- und Schotterflächen angelegt. Für Mauereidechsen werden Habitatrequisiten in Form von Gabionen- und Natur-steinmauern in die Flächen integriert. Baum- und Gebäudereihen bilden Leitbahnen für die Fledermausfaun aus.
    Durch die differenzierte naturnahe Gestaltung und Bepflanzung kann der erforderliche artenschutzrechtliche Ausgleich in räumlich-funktionalem Zusammenhang sichergestellt werden. Naturschutzfachliche Eingriffe werden minimiert und kompensiert.

    Gerahmt wird das neue Quartier im Westen durch die aufgewertete Franz-Ehret-Straße, die als aufgewerteter, im Belag abge-setzter Straßenraum zwischen Villa und Mehrzweckraum aber auch zwischen Schöpflin-Park und neuem Stadtquartier verbin-det. Im Osten wird ein Freiraum vor den Hallen definiert, der zukünftig zum Kreativquartier in den Bestandshallen vermittelt und schon heute als Fuge einen flexibel nutzbaren Kreativhof bildet.
    Alle Freiräume übernehmen mit einem differenzierten Wegesystem die gewünschten Vernetzungsfunktionen und gewähren ein Quartier der kurzen Wege.

    Entsprechend ihrer Funktion erhalten die Freiräume eine differenzierte Gestaltung von hoher Urbanität am Forum, einer klaren Freiraumgestaltung hoher Nutzungsoffenheit im Quartierspark und den Wohnhöfen bis zu einer naturnahen Gestaltung mit na-turschutzfachlicher Funktion. Freie Baumstellungen im Quartier übertragen die Freiraumqualität des bestehenden Schöpflin-Parks in den neuen Kontext und verbunden zu einem Ganzen.

    Erschließung
    Die hohe Qualität für das Wohnen wird über die autofreien Wohnhöfe erreicht. Zentrale Stellplätze werden unter den Wohnhöfen und ergänzend auf der nördlichen Parkierungsfläche angeboten. Die Anfahrbarkeit der Höfe ist über die zentralen Wege gewähr-leistet.
    Das Parken für die Halle und die Zulieferung erfolgt von den Randstraßen.



    Bausteine des Quartiers
    · Pavillon mit Mehrzweckraum und Vereinsräumen / Sporthalle
    Der frei stehende Pavillon vereint die städtischen Vereinsnutzungen und den Mehrzweckraum der Stiftung unter einem Dach bei funktioneller Trennung in zwei Einheiten. Die Grundrissorientierungen erlauben enge funktionale Verknüpfungen, sowohl zwischen Mehrzweckraum und heutigem Stiftungsstandort einerseits und zwischen städtischen Vereinsräumen und Sport-halle anderseits.
    Neben dem ideellen Ziel der Schaffung unterschiedlicher Räume für die Gemeinschaft und deren Korrespondenz über den Stadtraum besteht durch die Gebäudedisposition eine hohe funktionale Flexibilität auch im Hinblick zukünftiger Anforderun-gen.

    · Wohnhöfe
    Attraktive Nachbarschaften sind die Leitvorstellung des Wohnens. Eine Gemeinschaft, die die Kommunikationsnähe und Überschaubarkeit der Hausgruppen um die Wohnhöfe anbietet, aber nicht zwingend macht. Wer will, hat immer die Rück-zugsoption ins abgeschirmte Private.
    Die typologische Ausrichtung des Wohnhöfe ist beispielhaft, mit der Zielvorstellung einer das gemeinschaftliche Wohnen för-dernden Mischung unterschiedlicher Wohnformen und Gemeinschaftsräume: für Freizeit, für Versorgung und Betreuung, ...
    Der Wohnhof ist, angelehnt an die ursprüngliche Allmende, dabei die gemeinschaftliche Mitte.

    · ‚Kulinarischer Gastraum’
    Das historische Gasthaus bildet in Verbindung mit einem Neubau den verbindenden Baustein des Quartiers nach Süden. Neben klassischer Gastronomie können im Neubau Räume geschaffen werden, die für gemeinsame Feste, Quartiershocketse im Bier-garten oder ganz einfach für den täglichen Mittagstisch Räume für alle bieten und damit die Nachbarschaft auch über das Quar-tier hinaus fördern.

    Nachhaltigkeit
    Kompakte Baukörper gewährleisten eine hohe ökologische und ökonomische Effizienz, flexible Typologien ermöglichen eine so-ziokulturelle Vielfalt, die städtebauliche Figur fördert die Gemeinschaft sowie unterschiedliche Energielastträger profitieren von einem Nahwärmenetz für das Quartier mit einer Heizzentrale im UG der Sporthalle und Retentionsbereiche und Naturschutz-ausgleich im Quartier begründen schließlich den integrierten, ganzheitlichen Konzeptansatz.

    Konzeption Sporthalle und Gemeinbedarfsräume
    Die beiden Gebäude mit dem Mehrzweckraum der Schöpflinstiftung, den städtischen Vereinsräumen und der Sporthalle sind im nördlichen Bereich des Baufelds platziert und definieren einen attraktiven, öffentlichen Platzraum an der Franz-Ehret-Straße, in unmittelbarer Nachbarschaft zum gegenüberliegenden Werkraum und Kinderhaus.

    Die eher kleinen Bauteile für die Räume des Musikvereins und der Stiftung sind unter einem gemeinsamen Dach zusammenge-fasst.
    Durch das Eingraben der Sporthalle kann deren sichtbares Bauvolumen auf ein Minimum reduziert werden. Sämtliche Neben-räume sind im Untergeschoss angeordnet und treten baulich nicht in Erscheinung.
    Damit fügen sich die Gebäude maßstabsgerecht in die Umgebung ein.

    Die Sporthalle ist parallel zur Ortmattstraße ausgerichtet, nahe an die Gewerbe- und Lagerhallen herangerückt und über den Bahnhofsplatz erschlossen. Sie ist auf kurzem Wege von den Haltestellen des ÖPNV und vom Parkplatz erreichbar. Ein zweiter Eingang auf der Westseite dient der direkten Verbindung mit den Vereinsräumen.

    Transparenz und Reflexion der verglasten Außenwände der Gebäude bewirken eine Entmaterialisierung der Fassaden, die bei-den Dachscheiben scheinen über der Platzfläche zu schweben. Durch die semitransparente Gewebehaut an den Außenkanten der Dächer wirken auch die Scheiben selbst aufgelöst und ansprechend leicht.

    Mit Ausnahme der erdberührten Teile sind alle konstruktiven Elemente der Tragwerke aus Holz und Holzwerkstoffen gefertigt. Die Dächer bestehen aus Rippenplatten mit Brettschichtholzträgern sowie aus vorgefertigten Hohlkastenelementen aus Furnier-schichtholz. Robustheit, Hochwertigkeit, Langlebigkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sind bestimmende Faktoren für die gewählten Ausführungen bei der äußeren und inneren Gestaltung. Holzoberflächen im Innenausbau sorgen für eine angenehm warme Atmosphäre. Ökologische Aspekte, wie die energetische Bewertung des Stoffkreislaufes und eine bevorzugte Verwen-dung nachwachsender Rohstoffe und gesundheitlich unbedenklicher Materialien, erfahren eine besondere Wichtung bei der Auswahl der Baustoffe.

    Die energetische Konzeption zielt darauf ab, durch innovative Technologien die Betriebskosten zu minimieren und einen Ener-giekennwert für die Heizwärme entsprechend Passivhausstandard zu erreichen. Die Baukörper sind sehr kompakt gehalten, die Außenbauteile hochwertig gedämmt und die Konstruktionen wärmebrückenfrei, sodass ein sehr hoher energetischer Standard erreicht werden kann. Die Konzeption für die Wärmeversorgung sieht ein BHKW mit Gasbetrieb vor, das im Untergeschoss der Sporthalle angeordnet ist. In den Umkleidebereichen und Nebenräumen sind statische Heizkörper geplant, in der Halle, in den Foyers und in den Sälen ist ein Fußbodenheizsystem vorgesehen.

    Die Belüftung sämtlicher Räume erfolgt über mechanische Lüftungsanlagen mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung und ma-ximiertem Wirkungsgrad. Die Luftmenge wird über Fensterkontakte, Luftqualitäts- und Temperaturfühler bedarfsabhängig gere-gelt. Die Zuluft für die Sporthalle wird über Weitwurfdüsen an einer Hallenlängsseite eingebracht, durchströmt die Halle und die Umkleiden und wird in den Waschräumen abgesaugt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Ausgangspunkt des Projektes ist die Vernetzung der angrenzenden Quartiere: von der S-Bahn Haltestelle im Norden zur Schopfheimer Straße im Süden und von der Schöpflin Villa im Westen zu Schöpflin Forum und Vereinsgebäude im Osten. Die angebotenen Außenräume werden entsprechend ihrem Öffentlichkeitsgrad unterschiedlich ausge-bildet: Das Forum als städtischer Platz, die Nord-Süd Verbindung als kleiner Quartier-park mit Durchwegung. Folgerichtig liegt das historische Gasthaus als südliches Kopf-ende des Parks am Übergang zur Schopfheimer Straße. Östlich und westlich des Quartierparks werden zwei Wohnhöfe angeboten, die etwa 30 cm erhöht liegen.
    Um diese Wohnhöfe gruppieren sich die Wohnbauten. In der Höhenstaffelung der Baukörper findet ihre abgewinkelte Form eine selbstverständliche Entsprechung. Es entstehen differenzierte Volumen, die an alle Richtung angemessen auf ihr Umfeld reagieren können. Die Freiräume werden von den begleitenden Gebäuden präzise gefasst, sind gut proportioniert und differenziert gestaltet: Ausgleichs- und Retentions-flächen sowie verschiedene Habitat-Formen werden angeboten. Die Franz-Ehret-Straße soll zwischen Schöpflin Villa und Mehrzwecksaal Schöpflin im Belag abgesetzt werden. Das Gebäude an der Kreuzung Franz-Ehret-Straße / Schopfheimer Straße integriert sich gut in das Gesamtkonzept und bildet einen attraktiven Vorplatz zur Kreuzung hin aus.
    Der Mehrzweckraum Schöpflin liegt mit den Vereinsräumen unter einem Dach, ist je-doch separat erschlossen. Die Nutzungskombination wird ausdrücklich begrüßt, zudem wird der Platz vor der Sporthalle in zwei gut proportionierte Räume gegliedert. Der Zu-gangsraum vor dem Seiteneingang der Sporthalle wird konsequent von der Wohnbe-bauung getrennt, gegenseitige Störungen werden vermieden. Das große Dach er-zeugt jedoch auch versteckte Winkel und Durchgänge, die im Hinblick auf Attraktivität und Sozialkontrolle überprüft werden müssten. Die gedeckte Fläche vor dem Zugang zum Vereinsheim wird von den Nutzervertretern gelobt. Die Galerie Schöpflin ist an der Franz-Ehret-Straße ebenfalls gut gelegen.
    Die Turnhalle ist konsequent auf die S-Bahn Station ausgerichtet. Ihre Organisation er-füllt die Nutzeranforderungen. Die teilweise Absenkung mit rundum Verglasung ver-spricht ein attraktives, gut belichtetes Gebäude. Der Sportlereingang von Westen und die Rampe zur Catering Küche sind funktional richtig gelegen.
    Die Wohnbebauung ist autofrei, die Parkierung soll unter den Wohnhöfen erfolgen. Zufahrten sind von Westen (Franz-Ehret-Straße) und von Osten entlang der bestehen-den Hallen vorgesehen. Die östliche Zufahrt ist in dieser Form nicht möglich und müsste überarbeitet werden. Eine Realisierung des Projektes in Bauabschnitten ist gut möglich.

    Im Vergleich weist das Projekt für die Wohnnutzung eine geringe Dichte auf, die Bau-körper lassen eine große Wohnungsvielfalt zu. Die vorgeschlagene Abtreppung der Baukörper führt zu einer größeren Zahl Maisonettwohnungen oder zusätzlichen Trep-penhäusern, wenn die Dachterrassen nicht durch Laubengänge erschlossen werden. Bei einer Ausarbeitung der Wohnbaukörper muss der angemessenen, aber auch wirtschaftlichen Erschließung der Wohnungen große Beachtung geschenkt werden.

    Die zwei unterschiedlichen Komponenten, Wohnquartier und Sporthalle, sind wohldurchdacht und über Freiräume komplex miteinander verbunden, so dass der Entwurf den Bedürfnissen beider Auslober gleichermaßen hervorragend gerecht wird.