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  • DE-20097 Hamburg
  • 07/2014
  • Ergebnis
  • (ID 2-170876)

Sonninstrasse 3


  • 1. Preis Städtebau

    Straßenansicht, © 03 Arch.

    Architekten
    03 Architekten GmbH Architekten BDA, Stadtplaner DASL, München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb, Freising (DE), Freising (DE)

    Preisgeld
    11.000 EUR

    Erläuterungstext
    Das Wettbewerbsgebiet befindet sich im Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Mit dem seinerzeitigen Ziel, den Innenstadtkern zu entlasten, wurde Hammerbrook Anfang der 1980er Jahre als Bürostandort „City-Süd“ konzipiert. Der Stadtteil ist heute ein unverzichtbarer und im gesamtstädtischen Kontext gut aufgestellter Bürostandort mit verfügbaren und preisgünstigen Büro- und Gewerbeflächen, dessen Nähe zur Innenstadt und zur Hafencity beachtliches Entwicklungs- und Wachstumspotenzial aufweist.
    Anlass des Wettbewerbs ist die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum für die Freie und Hansestadt Hamburg. Bei der zukünftigen Entwicklung des Stadtteils Hammerbrook geht es deshalb vor allem darum diesen langfristig in ein heterogenes Wohn- und Arbeitsquartier zu transformieren. Dementsprechend soll auf dem Wettbewerbsgebiet ein lebendiges und urbanes Wohnquartier entwickelt werden, das identitätsstiftend für das gesamte Umfeld wirkt. Wesentlicher Bestandteil der Aufgabe ist dabei die Schaffung einer großen öffentlichen Parkfläche, die in ihrer Qualität für das neue Quartier und den gesamten Stadtteil eine Schlüsselposition in der Identifikation einnehmen soll.

    Hammerbrook ist seit dem Bau der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn 1842 stetig gewachsen. Grundlage war ein einfaches Straßenraster und spätestens mit Errichtung des Freihafens 1888 wurde es als wichtiger Wohnstandort in Hafenähe immer dichter besiedelt; die Blockränder schlossen sich und es entstand das typische Bild eines Gründerzeitviertels in dem bis zu 40.000 Menschen wohnten. Der 2. Weltkrieg zerstörte das Viertel weites gehend und der spätere Wiederaufbau veränderte das Bild des Stadtteils maßgeblich von einem ehemals gemischten Wohnquartier hin zu einem modernen Bürostandort, der durch wichtige Verkehrsachsen vom Rest der Stadt getrennt ist. Erhalten geblieben sind einige wenige Bauten, wie die ehemalige Schokoladenfabrik, einige Wasserkanäle, wichtige Teile des Straßenrasters und im kollektiven Gedächtnis: das Bild der ehemals dichten Bebauung des Wohnviertels Hammerbrook.

    Unser städtebauliche Ansatz geht von der Vorstellung eines lebendigen Stadtteils in Form einer kleinteilig gegliederten Blockrandbebauung aus. Ziel unseres Städtebaus ist es, die alten Straßenräume Hammerbrooks wieder herzustellen und eine analoge Dichte und Komplexität zu erzeugen. Dabei geht es uns nicht um eine einfache Kopie gründerzeitlicher Urbanität, sondern um eine Art Übersetzungsprozess, der den heutigen Ansprüchen an Freiraum, Schallschutz und Wohnqualität gerecht wird und es schafft auch in der Materialisierung einen eigenen, zeitgemäßen Ausdruck zu finden.
    Den öffentlich zugänglichen Park setzen wir als eine Art Hofgarten mitten in den übergroßen Hof und orientieren sich dabei am Beispiel des Hofgarten in München, dessen Blockrand einen öffentlichen Garten frei von jedem Verkehrslärm beherbergt und zu einem der wichtigsten öffentlichen Gärten der Stadt gehört.

    Mit einer subtilen Mischung aus Wohnen, wohnverträglichem Gewerbe bis hin zu hybriden Nutzungsformen wie kleinen Atelierwohnungen, versuchen wir eine flexible und zukunftsfähige Bewohnerschaft anzusprechen. Die angebotenen reinen Wohnformen sind dabei vorwiegend bürgerlich geprägt. Aufgrund der ruhigen städtebaulichen Figur haben wir uns für bewegte Grundrisse interessiert, die innerhalb der Wohnungen immer einen Rundgang, Durchblicke und eine Erweiterung des Wohnraums durch angeschlossenen Balkone, Loggien oder Dachterrassen ermöglichen. Die städtebauliche Figur wird dabei auf der Parkseite stark gegliedert, wodurch die Wohnungen mehr Sonnenlicht und vielfältigere Blickbeziehungen zum Hofgarten erhalten.

    Das Wettbewerbsgebiet weist einen ungleichmäßigen Geländeverlauf mit erheblichen Höhenversprüngen auf. Diese Besonderheit machen wir uns zum Thema und reagieren an unterschiedlichster Stelle auf diese Thematik.
    Der Uferbereich am Mittelkanal ist eingebunden in das übergeordnete Fahrrad- und Fußgängernetz der Stadt Hamburg. Am Mittelkanal wird z.B. der Höhenversprung des Geländes genutzt um ein überhöhtes Erdgeschoss zu schaffen. Dadurch bekommt die Bebauung zum Kanalufer eine großstädtische Fassade die durch Ansiedlung entsprechender Gastronomie wieder eine Hamburger Adresse werden könnte. Hier befindet sich die Schauseite der Bebauung mit einer großzügigen Öffnung in das Blockinnere. Mit einer schrägen Gartenfläche wird das Hofinnere dramaturgisch an die Terrassen am Mittelkanal angebunden. Innen liegt vom Schall geschützt der Hofgarten, der für alle Bewohner des Stadtteils Hammerbrook als grüner Mittelpunkt Ruhe und Erholung bietet. Die unterschiedlichen Nutzflächen des Parks werden durch Maßnahmen wie Schwellen, Hofeingänge und Belagswechsel zoniert und ermöglichen eine Abstufung der Freiflächen von der öffentlichen Grünfläche, dem höher gelegenen Panoramaweg mit Bänken und Laternen, den noch weiter höher gelegenen privaten Gärten mit kleinen Bäumen bis hin zu den ganz privaten Freiflächen der Wohnungen. Vom Hofgarten aus werden auch die Quartiersnutzungen wie Kinderkrippe, Kindergarten und das Café des Supermarktes erschlossen.
    Die Sonninstraße mit der ehemaligen Schokoladenfabrik, das Ufer am Mittelkanal und der Nagelsweg werden als städtische Räume definiert, dementsprechend wurde der Erdgeschosszone eine große Sorgfalt gewidmet. Am Nagelsweg haben alle Wohnungen einen erhöhten Sockel und eineinhalbgeschossige Eingänge. An der Sonninstraße sollen zweigeschossige Atelierwohnungen mit einem Eingangsgeschoss auf Straßenniveau die Straße beleben.

    Wir möchten mit der Setzung einer einfachen städebaulichen Figur, einen robusten Rahmen für eine weitere, notwendige architektonische Differenzierung schaffen. Durch die einfache Parzellierbarkeit gehen wir in der Umsetzung von unterschiedlichen Architekturen aus, die miteinander abgestimmt, ein gegliedertes und harmonisches Fassadenbild der Straßen- und Gartenräume ergeben. Die Architektur soll mit ihren Gliederungen, den Eingängen und Passagen des Blockrands die narrative Qualität mitbringen, um als Relief der Stadt zu fungieren.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser haben den städtebaulichen Vorschlag der ersten Phase in den Grundzügen weiterentwickelt, ohne den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Das gesamte Baufeld wird mit einem weitläufigen Baublock besetzt, der zur Planstraße im Norden, zur Sonninstraße im Westen und zum Nagelsweg im Osten eine geschlossene Raumkante als Blockrandbebauung anbietet. Die Öffnung des Baublocks zum Mittelkanal wird mit zwei kräftigen Portalhäusern akzentuiert. Mit der Idee, alle Anforderungen der Auslobung in einer städtebaulichen Großfigur abzubilden, gehen die Verfasser ein Wagnis ein, das von der Jury ausdrücklich gewürdigt wird. Wie zu erwarten, führt diese Entwurfshaltung zu einer intensiven und zum Teil kontroversen Diskussion in der Jury.

    Die gewählten historischen Bezüge, seien es Britische Squares, das Grand Palais in Paris oder die Hamburger Jarrestadt, wurden unter gänzlich anderen Bedingungen entwickelt; sind im wahrsten Sinne des Wortes „weit hergeholt“ und treffen nur bedingt auf den Standort Sonninstraße zu. Nichtsdestoweniger kann man sich der Faszination der gefundenen städtebaulichen Lösung nicht entziehen, da sie im Gegensatz zu kleinteilig strukturierten Baublöcken, der von anderen Teams angebotene Standardlösung, manchen Vorteil bietet.

    Die außergewöhnliche städtebauliche Figur antwortet sinnvoll auf die besondere Situation des Grundstücks, das auch in Zukunft erheblichen Lärmeinträgen ausgesetzt sein wird und für die Wohnnutzung immer noch einen Pionierstandort darstellt. Die gewählte Großform bietet die Chance, eine große, perfekt abgeschirmte, öffentliche Grünfläche im Inneren mit gleichwertigen Wohnadressen am Rand zu verbinden. Damit entkommen die Verfasser auf geschickte Weise der Versuchung, die öffentlich geförderten Wohnungen dem Lärm auszusetzen und die frei finanzierten Wohnungen im geschützten Bereich am Freiraum zu platzieren. Im weiten Geviert werden allen Bewohnern gleichwertige Wohnlagen angeboten.

    Alle Funktionen sind sinnvoll platziert und organisiert. Der SB-Markt funktioniert in Orientierung und Anbindung. Die Kindertagesstätten erhalten auf dem Dach des Supermarktes geschützte Freiflächen. Die Erschließung bleibt auf die Randstraßen beschränkt, von denen auch die Tiefgaragen angefahren werden. Dimension und Zufahrt der Garagen sind jedoch noch nicht optimal organisiert. Eine Unterteilung in mehrere eigenständig erschlossene Abschnitte wäre funktional, eigentumsrechtlich und sicherheitstechnisch dringend zu empfehlen.

    Die Entscheidung, die zentrale Freifläche, die auch die Nachbarquartiere versorgen soll, in die Blockmitte zu legen, wird in der Jury intensiv diskutiert. Es besteht Konsens, dass die Zugänglichkeit niedrigschwellig gesichert wird und die Eingänge zum Betreten des Innenparks einladen müssen. Die im Entwurf angebotenen Perforierungen des Blockrands erfüllen diese Forderung bisher noch nicht. Insbesondere der Eingang Richtung Sonninkanal und Münzviertel ist nicht hinreichend signifikant, müsste also stärker geöffnet und baulich akzentuiert werden. Auch die sperrigen Portalhäuser am Mittelkanal bleiben in ihrer Kubatur und Qualität deutlich hinter der städtebaulichen Tradition Hamburgs, vor allem in den 1920er Jahren, zurück. Hier besteht in der städtebaulichen Feinjustierung noch Potenzial.

    Die Nahtstelle zwischen den privaten Gärten am Blockrand und den öffentlichen Innenflächen hat in der Überarbeitung deutlich gewonnen. Der vorgeschlagene Höhenunterschied zum Promenadenweg und die Absenkung der Spielflächen deuten in die richtige Richtung. Mit diesen Vorschlägen gewinnt die Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Privatheit an Glaubwürdigkeit. Um möglichen Konflikten zwischen den Nutzern des Freiraums und den Bewohnern vorzubeugen, wäre die Freiraumlösung allerdings noch zu verfeinern und weiter zu qualifizieren.

    Insgesamt bieten die Verfasser einen außergewöhnlichen Entwurf für ein besonders herausforderndes Grundstück in der Hamburger City-Süd an. Der Kontrast von der kleinteiligen Straßenrandbebauung an den flankierenden Straßen zu den großen Volumen im Norden und Süden des Quartiers fällt zu stark aus; hier sind die gewählten Referenzen des gründerzeitlichen Parzellenstädtebaus und die voluminöse Kontorhausarchitektur noch nicht optimal zu einer Komposition verwoben. Die Lösung der angesprochenen Kritikpunkte ist innerhalb einer robusten städtebaulichen Struktur möglich. Die Jury lobt einen Entwurf, der zwar nicht frei von Widersprüchen ist, dessen originelle wie tragfähige Idee ein großes Potential für die Zukunft bietet.