In der bayerischen Gemeinde Inning entstanden auf einer Grundstücksfläche von 1.800 m2 zwei Villen für ein Brüderpaar.
Entwurf und Planung: ATP sphere, eine Forschungsgesellschaft von ATP Architekten und Ingenieure.
Die Gemeinde Inning am Ammersee liegt am nordöstlichen Ufer des gleichnamigen Sees in direkter Nachbarschaft zum viel prominenteren Starnberger See, im Süden Münchens. Gut erschlossen durch die A96 liegt die Innenstadt Münchens in Schlagdistanz. Die Nähe zur Metropole aber ist nicht spürbar, alles zeigt sich sehr ländlich, konservativ und natürlich – verschlafen. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes.
Die Architektenschaft jedoch neigt, landauf, landab, zur Klage. Trifft sie doch ständig auf den Wunsch nach einem Satteldach mit roter Ziegeldeckung, vielleicht sogar einer festgesetzten Dachneigung und/oder hellen Putzfassaden, die, da als konform und allgemeingültig akzeptiert, einen Teppich der Gleichförmigkeit erzeugen. Regionale oder traditionelle Bauformen werden hierbei genauso ausgeblendet und verhindert wie Frische oder Individualität.
Ein Wunsch, der einmal formuliert durch einen Bebauungsplan, einmal durch den Kreis der Gemeinderäte oder einer Bewohnerschaft selbst, wenn er nicht hinterfragt wird, schnell zum Gesetz wird, gesetzt ist. Die Architekten sind sehr traurig darüber, geht es letztendlich auch um ihre Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Eine Selbstverwirklichung, die mit einem Flachdach oder riesigen Verglasungen zu erreichen zu sein scheint - Elemente, die Modernität und Frische allerdings nur vormachen, die nie Qualität oder Individualität garantieren können.
Eine Selbstverwirklichung, die - viel schwerwiegender - die meist engen, privat erwirtschafteten (gespart) und den Banken (Kredit) abgerungenen Budgets nach Belieben überzieht und die Bewohner der neuen Gebilde in ihren leeren Häusern zurücklässt. Leere Häuser, in denen dann die alte Couch stehen muss, leere Häuser mit winzigen Küchen und riesigen Wohnzimmern, in denen die nackten Glühbirnen von der Decke strahlen und eine Atmosphäre schaffen, die tatsächlich jener der klassischen Moderne gleichen muss (Häuser haben sich seit vielen Jahren nicht mehr verändert, aber die technischen Möglichkeiten in Häusern). Aber das ist eine andere Geschichte...
Die beiden Häuser am Ammersee, die in ihrem Habitus schon zeigen, dass die Bewohner zwei Brüder sind, haben in der Genehmigungszeit (schlappe 2 Jahre) viel Mühe und Überzeugungsarbeit gekostet. Überzeugungsarbeit, die von einem engagierten und überzeugten Bauherren geleistet wurde - gemeinsam mit dem Architekten.
In der Gemeinschaft liegt dann auch die ganze Kraft des Projekts. Der Bauherr von heute sieht sich zunehmend als Mitgestalter der Prozesse um die Errichtung des Hauses, er greift aktiv ein. Der moderne Architekt ist immer mehr Berater und Vermittler. Die Anzahl der am Bau Beteiligten steigt ständig und der administrative Aufwand in den Projekten wächst gleichzeitig.
Hinzu kommt, dass die mediale Umwelt und Computerprogramme immer schneller perfekt wirkende Welten erscheinen lässt, die den Qualitätsanspruch verschieben – verrücken. Die gestalterische Kompetenz des Architekten wird anders gemessen, sie wird gemessen am Tempo der Errichtung von virtuellen Welten oder der Perfektion der Bilder - und nicht mehr an der Fähigkeit zur Suggestion oder seiner generalistischen Fähigkeiten als Gestalter.
Letztendlich soll der Bauherr im Haus wohnen, nicht der Architekt, und der Bauherr soll sich wohlfühlen, nicht der Architekt. Der Architekt wiederum hat zu entdecken und herauszufinden, was der Bauherr wirklich meint, wenn er sagt: “Ich will mich wohlfühlen“. Dazu gehört Vertrauen auf beiden Seiten. Der Entwurf und der Bau eines individuellen Wohnhauses bildet die engste Beziehung zwischen Architekt und Bauherr, die es beim Bauen geben kann und aus der Kraft dieser Enge werden dann auch eine ganze Menge Gefühle gemacht.
Die Intensität der Erlebnisse wird umso greifbarer, wenn man sich vor Augen hält, um was es beim Bau des eigenen Wohnhauses geht. Es geht um Lebensglück, das gesamte Geld, um Zukunft und den eigenen Lebensentwurf. All diesen Dingen muss das Haus standhalten und all diese Dinge setzen den Maßstab für das eigene Haus. Es geht also um sehr viel. Desto überraschender ist die Art und Weise, wie diese Beziehung oft geführt wird, und wie leichtsinnig wichtige und essentielle Dinge aufs Spiel gesetzt werden. Das ist keine andere Geschichte.
Am Anfang ist immer der Ort. Hier wurde er gefunden - durch Zufall. Das Grundstück war für ein Gebäude zu groß, wurde geteilt, und ein Bruder vermittelt dem anderen die Hälfte. Kein Zaun, aber auch keine vorgelebte Gemeinsamkeit. Nähe bei gleichzeitiger Distanz.
Die Lage, ca. 80 Meter über dem Ostufer des Ammersees, ist aufgrund eines vorgelagerten Naturschutzgebietes noch wertvoller. Der See ist präsent, aber nicht unmittelbar. Nähe und Distanz.
konzept - zugang
Großzügige Wohnhäuser (Villen) verstecken sich zumeist in der Tiefe der meist auch großzügigen Grundstücke. Das Vorfeld ist dabei oft geprägt durch pompöse Auffahrten (geharkter Kies) und feingliedrige Toranlagen (Kunstschlosser).
Rückzug (Distanz) und Präsenz (Nähe) sind hier jeweils Gesten der Macht, zwar in der Regel zurückhaltend eingesetzt, dadurch aber umso wirkungsvoller. Im Falle der Häuser für die beiden Brüder wird das Ganze umgekehrt. Die Distanz wird zur Nähe, die Baukörper aus sich heraus eher schlank und lang sind für alle wahrnehmbar.
Ihre Schlankheit verrät aber nichts über ihre eigentliche Größe (Distanz). Die Toranlage und die natürlich nicht ganz kleinen Garagen (Distanz) bilden eher einen Filter denn eine Grenze und lassen Blicke in das Grundstück zu (Nähe).
Ganz bewusst ist der Raum zwischen der Garagen und Toranlage und den eigentlichen Eingangsbereichen als öffentlicher Park gestaltet; man will, dass man reinschaut. Es gibt nichts zu verbergen, der Status ist eh klar, es wird nicht damit kokettiert.
Ein Teppich aus anthrazitfarbenen Kieseln verbindet Innen und Außen, keine Wege, nur Fläche, ein ganz besonderes Gehgefühl (unglaublich aber wahr: stöckelschuhtauglich) weich, mit einer ganz eigenen Akustik.
Die Eingangsbereiche sind bewusst aus dem Teppich aus Kieseln herausgehoben und nach Betreten der Häuser wird der Besucher/Bewohner entlang einer leicht nach oben führenden Rampe in die Wohn/Essbereiche geführt. Spätestens hier nimmt man wahr, warum die Häuser so langgestreckt sind, es geht um die Beziehung zum See.
konzept - interior
Nur dadurch, dass die Häuser recht bescheidene dem See zugewandte Gärten „übrig lassen“, kann der See ins Haus geholt werden. Die leichte Bewegung der Rampen hebt den Wohnbereich jetzt so weit aus dem Grundstück, dass die Präsenz des Sees noch verstärkt wird. Es sind nur 40 cm, aber durch diese Bewegung kann jener im Sitzen gesehen werden und trotz seiner Entfernung wird er so gegenwärtig. Nähe und Distanz.
Die Raumfolgen in beiden Häusern berücksichtigen den Ort und die Bedürfnisse der Bewohner. Atrien und Durchbrüche nach oben und nach unten verstärken die Beziehung in der Vertikalen. Da alle diese Bewegungen durch Glas oder Wandscheiben abgeteilt sind, bleibt die Beziehung rein visuell, schaufenstergleich und vermeintlich nutzlos.
Raum und Fläche aber nicht zu belegen, sondern zu betrachten und wirken zu lassen, das ist die eigentliche Großzügigkeit. Ein Gang wird so zum Raum. Ein Atrium zur Halle. Der Tausch von Raumanteilen zwischen Obergeschoß und Erdgeschoß verbindet und trennt gleichzeitig, vor allem aber gibt er den einzelnen Nutzungsbereichen ihren Charakter.
Es gibt keine Räume eher sind es Orte in einem Kontinuum, das aber gleichzeitig entdeckt werden will, es will begangen werden. So werden die Häuser zum Erlebnis.
Nachhaltigkeit
In Zukunft werden nachhaltige Aspekte bei der Bewertung der Qualität von Gebäuden eine gewichtige Rolle spielen. Das hat vor allem zwei Gründe:
Erstens wird dem Zeitgeist entsprochen, die Sensibilisierung der Gesellschaft für nachhaltige Themen ist im vollen Gange. Dies entwächst aus der reinen Notwendigkeit der Bearbeitung von Problemen wie Klimawandel, Ressourcenrückgang etc. und, viel spannender aus einer inneren Stimme, die post-Finanzkrise, zu mehr Besinnung, Sinnlichkeit und Authentizität aufruft.
Zweitens wird die Qualität eines Hauses messbar gemacht, dies stellt natürlich eine Gefahr für andere Qualitäten dar, die, da nicht messbar, durch zu rationale Ansätze in den Konzepten in den Hintergrund gedrückt werden könnten. In diesem Spannungsfeld wächst Raum für Neues.
Wenn wir davon ausgehen, dass wir Nachhaltigkeit nach ökologischen, ökonomischen und soziologischen Aspekten bewerten, dann liegt in der soziologischen Betrachtung nachhaltiger Aspekte am meisten Gewicht und Potential, da es hier um den Menschen geht - als Individuum und als Grundstein der Gesellschaft. Und um Glück.
[Architekt Marc Eutebach, Geschäftsführer von ATP sphere]
Projektdaten:
Projektname: Villen am Ammersee
Architektur: ATP sphere, Innsbruck, www.sphere.ag
Grundstücksfläche: 1.800 m2
BGF: 800 m2
Wohnfläche: 600 m2
Bauherr: privat
Bauzeit: 16 Monate
Fotos: © Christian Schmidt [www.christianschmidt.com/]