Architekten
Author
Ansgar Schulz
,
Benedikt Schulz
Collaboration
Dipl.-Ing. Carola Troll
Dipl.-Ing. Laurenz Andritz
Explanatory text
Der neue Schlossvorplatz Pillnitz - Das Entrée nach Pillnitz
Der ehemalige Schlossvorplatz, frühere Wirtschaftshof, heutige Parkplatz wird zum Ankunftsort. Er besetzt eine zentrale Stelle im räumlichen und funktionalen Gewebe von Dorf, Schloss und Park Pillnitz. Wie vor Jahrhunderten muss auch heute das bewegt, sortiert, organisiert und aufbereitet werden, was in großen Wagen das Schloss erreicht.
Dabei sind die materiellen Bedürfnisse zur Bewirtschaftung der Schloss- und Parkanlage den touristischen Anforderungen nachgeordnet: Die Besucher und Besucherinnen sind heute das wertvollste Gut im Schlossbetrieb.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich der gestalterische und funktionale Ansatz des Entwurfes, der sowohl die Bedürfnisse einer optimalen Besucherkonzeption erfüllt als auch dem Ort wieder die ihm gebührende städtebauliche und historische Wertigkeit im Pillnitzer Gesamtensemble zuspricht.
Die ankommenden Besucher – Busreisende, Fahrgäste der Weißen Flotte und Individualtouristen – werden an dieser Schnittstelle auf den Besuch in Pillnitz eingestimmt. Das Ziel ist, durch eine qualitätsvolle Gestaltung und optimale Abwicklung organisatorischer Notwendigkeiten vor der eigentlichen Besichtigung die positive Grundstimmung der Besucher und damit das Image der Anlage zu befördern.
Die Fläche erfüllt darüber hinaus eine wichtige Funktion als „verlängertes Foyer“ für das am Platz liegende Schlosshotel sowie die staatlichen Einrichtungen der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft und der Hochschule für Technik und Wirtschaft: alle Häuser erhalten mit der Neugestaltung neue, attraktive Eingangsbereiche.
Neues Wirtschaften auf dem Schlossvorplatz
Der neue Wirtschaftshof wird als einheitlicher Platzraum aufgefasst. Er erhält einen durchgehenden Belag aus gesägtem Naturstein-Kleinpflaster in ungebundener Bauweise. Die richtungslose Verlegeart in „wildem Verband“ unterstreicht den Hofcharakter, der als Raum zwischen den Gebäuden des neuen Besucherzentrums, der Landesanstalt und des Schlosshotels keine Vorzugsrichtung aufweist.
Lediglich die an die Baumreihe angelehnte Fahrzone sowie die eigentlichen Bushaltebereiche werden im Großpflasterformat, jedoch materialgleich wie die Platzfläche ausgeführt. Diese in Format, Detailverlegung und subtiler Höhendifferenzierung ausgeführte Oberflächenbefestigung dieser Bereiche gewährleistet die technisch-organisatorischen Anforderungen hinsichtlich der Verkehrsorganisation, Entwässerung und Belastungsklassen für den Schwerverkehr.
Die Fläche zwischen dem neuen Besucherzentrum und Alter Wache bleibt uneingeschränkt den Fußgängern vorbehalten, während das Wenden und Ausfahren der Busse, die Vorfahrt zum Hotel sowie die tägliche Anlieferung für den Hotelbetrieb auf der östlichen Platzhälfte abgewickelt werden.
Die fußläufigen Wegebeziehungen zwischen aus- beziehungsweise einsteigenden Busgästen an der Platzkante, Besucherzentrum und Zugang ins Schlossareal an der Alten Wache können somit gefahrlos und besucherfreundlich erfolgen.
Während im Normalbetrieb die zwei direkt an der Platzkante eingeordneten Busvorfahrten ausreichen werden, stehen zwei weitere Standplätze östlich der Kastanienreihe für Spitzenzeiten zur Verfügung. Die Haltebereiche sind mit 15 Metern Länge für jeden Reisebustyp ausreichend dimensioniert. Ein unabhängiges Ein- und Ausfahren der Einzelfahrzeuge ist möglich. Der vorgesehene Einrichtungsverkehr erleichtert die Orientierung für die Fahrer und ist im Alltagsbetrieb eindeutig kommunizierbar und konfliktfrei durchzuführen.
Wiesen-Inseln – Gras und alte Bäume
In der Platzfläche liegen die „Wiesen-Inseln“, die als bewusst geformte grüne Figuren sowohl den Kontrast zur strengen Axialität des Barockparks verdeutlichen als auch die Flächen abbilden, die außerhalb des täglichen „Wirtschaftens und Bewegens“ liegen: Wie auf einem großen Gutshof formt der alltägliche Betrieb diese „Inseln der Kontinuität“, auf denen sich das Gras hält und die alten Bäume stehen.
Prägend für den Hof ist der Altbaumbestand, der vor allem in Form einer Baumreihe aus fünf mächtigen Kastanien den Beginn der nach Osten führenden Lohmener Allee kennzeichnet.
Dieses wichtige historische Element – der Regent verließ die Schlossanlage durch eine Allee und nicht über den Wirtschaftshof – wird in der originalen Linienführung bis zur Alten Wache ergänzt. Die hochaufgeasteten Kastanien erlauben in der Fußgängerebene einen ungehinderten Durchblick und schränken trotz ihrer dominanten Stellung die räumliche Erlebbarkeit des Platzes nicht ein.
Die weiteren vorhandenen Großbäume werden in die Gestaltung einbezogen: Sie sind Teil der Geschichte des Ortes und prägen die Atmosphäre des Platzes wesentlich.
Wasser-Insel – Ein Elbausschnitt im Hof
Der direkte und ideelle Bezug zur Elbe ist für Pillnitz ein wesentliches und den Ort stark prägendes Moment. So wie die Gestaltung der Schlossanlage eng mit dem Fluss verbunden ist, und ein Pillnitzbesuch ohne einen Blick auf die Elbe undenkbar ist, so belebend ist das Vorhandensein von Wasser auf einem Wirtschaftshof.
Vor der Kulisse der ersten Parkbäume befindet sich im westlichen, ruhigeren Platzbereich der „Elbspiegel“, ein Ausschnitt des Flusses, an der Hauptachse des Schlossparks in den Wirtschaftshof gespiegelt.
Als flacher, unregelmäßig nasser Wasserplatz weist der Natursteinbelag in seiner Längsstruktur auf die Hauptrichtung des Barockparks hin. Durch die Neigung der Einzelelemente im Belag ergeben sich unterschiedliche, flache Wasserstände – eine Anspielung auf die interessante Dynamik des nahen Stromes.
In Kombination mit Sitzmöglichkeiten im Schatten der alten Bäume entsteht hier eine attraktive Aufenthalts- und Wartezone.
Freiraummöblierung – schlichte Funktionalität
Die Freiraumausstattung mit Bänken, Papierkörben und Cafemöbeln erfolgt der historischen Anlage angemessen zurückhaltend jedoch in zeitgemäß-moderner Ausführung. Die Anordnung von Bänken im Schatten der Altbäume erhöht die Aufenthaltsqualität für die Besucher.
Die Beleuchtung des Platzes beschränkt sich auf funktional wichtige Zonen und verzichtet zugunsten der Gesamtatmosphäre auf Effekt- und Objektbeleuchtung.
Der Sammelparkplatz - Stellplätze unter Obstbäumen
Hinter der Landesanstalt entsteht ein klar strukturierter Parkplatz in einem Hain aus locker gestellten Pillnitzer Obstbäumen: Beidseitig der Mittelachse, die vom vorhandenen Einfahrtstor auf der Dampfschiffstraße in direkter Verbindung auf den Mittelbau der Landesanstalt führt, liegen die Stellplätze für Pkw, Fahrräder sowie der neue Car-Port der Hochschule.
Die nördliche Hälfte ist mit circa 90 Stellplätzen den Bediensteten der Landesanstalt vorbehalten. An Wochenenden können diese Flächen – inklusive einer Erweiterung von ungefähr 34 Stellplätzen im süd-östlichen Teil Touristen zur Verfügung gestellt werden.
Für das Schlosshotel werden in kürzestmöglicher Entfernung von der Beherbergungseinrichtung ungefähr 77 Stellplätze reserviert, die bei Bedarf vom übrigen Parkplatz abgesperrt werden können. Die jeweils sechs Behindertenstellplätze für das Hotel beziehungsweise die Landesanstalt werden im südlichen Bereich vorgesehen und sind somit auf kürzestem Weg für beide Einrichtungen erreichbar.
Weiterhin werden am öffentlichen Hintereingang der Landesanstalt 50 Fahrradstellplätze für Studenten und Mitarbeiter eingeordnet. Weitere 30 Fahrradparker können vor dem Gebäude auf der Wiesen-Insel untergebracht werden.
Der Parkplatz kann je nach Bedarf auf die angegebene Stellplatzanzahl ausgebaut werden.
Wegeverbindungen – ankommen, informieren, besichtigen
Die fußläufigen Verbindungen vom geplanten Parkplatz an der Lohmener Straße werden über die Mittelachse des Parkplatzes oder auf Parkwegen durch den Obstgarten geführt. Kleine Sitz- und Ruheplätze laden hier zum Picknick bei Ankunft oder vor der Abfahrt ein. Alternativ steht der Weg entlang der zukünftig verkehrsberuhigten Dampfschiffstraße zur Verfügung.
Die historische Mauer an der Lohmener Straße wird am Gebäude der Landesanstalt geöffnet, um den direkten Zugang vom und auf den Parkplatz herzustellen. Die Straße wird im Kurvenbereich zugunsten eines verbreiterten Fußweges auf einen Querschnitt von ungefähr 7 Meter reduziert.
Das Besucherzentrum – Leitidee
Der ursprüngliche Charakter des Anfang des 18. Jahrhunderts erbauten Wirtschaftsgebäudes soll als Teil des historischen Ensembles Schlossvorplatz Pillnitz erhalten bleiben. Die Nutzung als Empfangszentrum soll in die bestehende Struktur integriert werden, ohne dem Selbstverständnis des Ortes als ehemaliges Kammergut des Schlosses entgegenzustehen.
Ziel des Entwurfes ist es, die historische Gestalt der alten Scheune in den neuen Kontext zu überführen, um eine neue ausgewogene Einheit auszubilden.
Städtebau
Die Scheune orientiert sich zum historischen Schlossvorplatz. Die zweiflügeligen Holztore sind die prägenden Elemente der Platzansicht. Der Entwurf bezieht sich auf dieses vorgefundene Bild. Die geöffneten Tore dienen als Eingangsbereiche für die vier neuen Nutzungsschwerpunkte. Die klare Erschließungssituation erleichtert die Orientierung des Besuchers und schafft zahlreiche Bezüge zwischen Besucherzentrum und Schlossvorplatz. Die „offenen“ Scheunentore prägen die einladende Atmosphäre des Ortes.
Die Anordnung der Nutzungen resultiert aus dem städtebaulichen Konzept. Das Besucherzentrum und der Verkaufsbereich stehen im direkten Bezug zu Ein- und Ausstieg der Busgäste.
Das Restaurant ist dem ruhigeren, platzartigen Bereich des ehemaligen Wirtschaftshofs zugeordnet. Es entsteht ein attraktiver Bereiche zum Verweilen. Auch der direkte Bezug zwischen Wirtschaftsflächen und der Gärtnerei im Westgiebel der Scheune ist berücksichtigt.
Gebäudekonzept
Durch die Sanierung soll die innenräumliche Identität der historischen Scheune wiederhergestellt und zum Ausdruck gebracht werden.
Nachträglich eingebaute Bauteile werden zurückgebaut. Die ursprüngliche Struktur der Scheune wird freigestellt und durch zurückhaltende, zeitgemäße Einbauten möbliert und funktional ergänzt. Die öffentlichen Funktionen, das Restaurant und das Besucherzentrum, befinden sich im hallenartigen Innenraum und bilden das neue Herzstück des historischen Gebäudes aus.
Damit einher geht das gezielte Verdichten der vorgefundenen Struktur. Die Nebenräume des Restaurants, Technikflächen, Verwaltungs- und Lagerflächen werden in die Höhe „gestapelt“. Die räumliche Gliederung ist geprägt von Kompaktheit und Übersichtlichkeit. Zwei Lastaufzüge gewährleisten die vertikale Erschließung.
Konstruktion und Materialien
Die Gebäudehülle wird zurückhaltend verändert. Das Verhältnis zwischen alten und neuen Elementen ist ausgewogen. Die vorhandene Fassade wird repariert. Die historischen Tore und Fenster werden aufgearbeitet und durch neue Verglasungen aus Sonnenschutzglas ergänzt. Der Dachstuhl wird saniert und in Teilbereichen ausgetauscht. Die vorhandene Bieberschwanz-Tonziegeldeckung wird nach Möglichkeit wiedereingebaut. Flächenbündige Dachfenster ergänzen die historischen Federmaus- und Hechtgauben.
Das Innere wird auf die Tragstruktur zurückgebaut und mit Leichtbauwänden ergänzt. Die exakten, weißen Oberflächen und die zeitgemäße Detailausbildungen stehen im bewussten Gegensatz zu den historischen Materialien. Die großzügige Verglasung und die „offen“ stehenden Scheunentore sorgen für ausreichende natürliche Belichtung und prägen die Atmosphäre des Innenraumes.
Energie und Ökologie
Die Gebäudehülle wird unter Wahrung des Erscheinungsbildes zur Reduzierung der Transmissionsverluste energetisch optimiert. Die Lüftungswärmeverluste werden reduziert, in dem die für die Küche erforderliche Lüftung mit Wärmerückgewinnung versehen und auf die WCs erweitert wird.
Die gute natürliche Belichtung der Aufenthaltsbereiche verringert in Verbindung mit tageslichtabhängiger Beleuchtung den Strombedarf. Bedarfsgerechte Anlagensteuerung und wassersparende Sanitärtechnik tragen zur Kompensation der energetisch-ökologischen Nachteile des Altbaus bei.
Die Technik wird in die Altbaustruktur integriert. Sichtbare Elemente wie Heizungsradiatoren oder Leuchten werden in adäquater Gestaltung zugefügt.
Evaluation by the jury
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