Strukturkonzept
Landscape architects
Explanatory text
Durch die jahrzehntelange Unzugänglichkeit des Steinmüllerareals ist dieser Teil der Stadt abseits des alltäglichen Innenstadtlebens. Die Neugier auf das jahrelang Verborgene wird genutzt, um die Entwicklung zu initiieren. Der Charakter einer Insel, nur über wenige Stellen erreichbar, wird erhalten.
In einem ersten Anstoß werden zwei Brückenschläge in das Areal hergestellt: im Norden von der Fußgängerzone über die Vogtei und den ehemaligen Verwaltungsgebäuden bis zum Steinmüller Förderzentrum, im Süden vom Bahnhof und vom neuen Busbahnhof bis zur neuen Fachhochschule. Die Bahn wird jeweils unterquert. Die beiden grünen Bänder werden anfangs mit minimalem Aufwand entwickelt: die asphaltierten Flächen werden teilweise aufgebrochen, ähnlich einer sich selbst überlassenen Industriebrache werden die Brückenschläge mit jungen Bäumen (kleinen Qualitäten) bepflanzt. Spielorte werden in Eigenregie der Gummersbacher geschaffen oder entwickeln sich selbst. Die ungenutzten Gebäude können für einen Kiosk/ Biergarten genutzt werden. Die grünen Bänder werden je nach Fortschritt des Areals entwickelt. Mit der Zeit entstehen von den provisorischen Brückenschlägen, die stark an die industrielle Geschichte des Areals erinnern, zwei anspruchsvoll und differenziert gestaltete Parkbänder.
Die vorhandene lineare Hallenanordnung steht im spannenden Kontrast mit der nahen, hügeligen Landschaft um Gummersbach. Die Hallenzwischenräume bieten bereits heute immer wieder spannende Blickbeziehungen in die Landschaft. Diese Linearität wird aufgenommen und zum Grundprinzip für die weitere Entwicklung des Areals. Eine gestreifte Struktur in Nord-Südrichtung wird entwickelt. Die Streifen orientieren sich in ihrer Breite an den vorhandenen Hallen, so daß die Hallen je nach Bedarf erhalten werden können. Mit zunehmenden Freiwerden des Geländes können die Streifen in unterschiedlichen Breiten ganz nach Bedarf entwickelt und vermarktet werden. Die Wegebänder zwischen den Streifen werden unterschiedlich gestaltet, schmalere als Mischverkehrsfläche, breitere wie an den kleineren Gebäuden direkt nehen dem geplanten Einkaufszentrum, als Promenade mit kulturellem oder gastronomischem Schwerpunkt. Auch temporäre Nutzungen wie Skate- oder Eisbahn sind hier für eine Aneignung des Steinmüllerareals denkbar.
Mit den ersten Bausteinen wie Fachhochschule und Einkaufszentrum wird das neue Stadtgebiet immer stärker genutzt. Das Einkaufszentrum mit Anschluß an die Kampstrasse schlägt einen weiteren Brückenschlag in das Areal. Dieser ist, im Gegensatz zu den Grünen Bändern, deutlich städtischer ausgebildet. Vorgeschlagen wird hier die Bildung einer öffentlichen städtischen Anbindung an das gesamte Areal, nicht einer Passage, die das EKZ zum Zielpunkt und damit zur Sackgasse werden läßt. Weiter wird bei der Entwicklung eines EKZ vorgeschlagen, die Westseite des neuen Gebäudes mit Läden und Mietbüros, zusammen mit den bereits genannten Nutzungen in den drei kleineren Gebäuden als Kultur- oder Gastronomiemeile zu etablieren.
Optionen. Bei einer möglichen Veränderung des neuen Stadtteils weg vom gewerblichen Schwerpunkt ist eine Entwicklung der Streifen zum Wohnen und Arbeiten, zum Forschungs- und Technologiezentrum an einem spannenden, ungewöhnlichen Ort ebenso denkbar wie die Entwicklung einer gröber gekörnten Struktur, die einen neuen Hallenstandort für den Vfl Gummersbach und weitere Sportparkangebote ermöglicht. Direkt an der Erschliessung zum Bahnhof gelegen und mit südlich angrenzenden Stellplatzflächen bestens angebunden, könnte hier ein attraktiver Standort gefunden werden.
Mit dem vorgeschlagenen Freiraumgerüst aus den beiden Parkbändern, die als Brückenschläge das Areal erschliessen, und den Streifen, die je nach Bedarf flexibel und variabel entwickelt werden, kann ein robuster neuer Stadtteil entstehen.
Erschliessung. Das Areal wird fußläufig über die beiden „grünen“ Brückenschläge und über den städtisch geprägten Brückenschlag Kampstrasse an die Innenstadt angebunden. Die Promenade ist wichtigste Nord-Süd-Verbindung. Entlang der Bahn wird ein neuer Weg von der Vogtei bis zum Bahnhof vorgeschlagen.
Über die Kampstrasse und den südlichen Brückenschlag wird das Areal und die Innenstadt optimal an den Bahnhof und den Busbahnhof angebunden. Der Bahnsteig erhält an der Kampstrasse einen weiteren Zugang. Südlich des Bahnhofs können P+R Stellplätze entstehen.
Das Areal wird über einen Ring, den Steinmüllerring, an das Verkehrsnetz angebunden. Der Ring verläuft östlich des Einkaufszentrums parallel der Bahn, Lärm und Verkehrsbelastung werden damit gebündelt, auf der anderen Seite des Einkaufszentrums kann eine autofreie Promenade entstehen.
Die Wegebänder in Nord-Süd-Richtung werden als Mischverkehrsflächen ausgebildet. Besucherstellplätze werden auf den Quartiersplätzen angeordnet, je nach Neubebauung werden Tiefgaragen vorgesehen. Neben dem Ärztehaus wird an der Rospestrasse ein Parkdeck auf zwei Ebenen vorgeschlagen. Im Süden werden weitere Stellplätze, auch für die Entwicklungsoption Mehrzweckhalle angeboten.
Grünstruktur. Im Westen zur Rospestrasse und im Osten entlang der Bahn entstehen grüne Spangen. Im Norden und im Süden wird das Areal über die beiden Baumbänder verknüpft. Die Linde, der Traditionsbaum in Gummersbach, stellt als geschnittenes Baumdach die Verbindung über die Kampstrasse her, die Promenade erhält ebenfalls ein Baumdach aus Linden. Im Inneren des Areals entstehen baumüberstandene Quartiersplätze, die Wegebänder in Nord-Süd-Richtung bleiben für den Blick in die Landschaft offen.
Baummanagement. Für die Entwicklung des Gebietes wird ein Baummanagement vorgesehen. Die beiden Bänder werden dicht mit Bäumen in kostengünstigen kleinen Qualitäten bepflanzt. Dabei werden drei verschiedene Kategorien vorgesehen: Eichen, die dauerhaft auf diesen Bändern etabliert werden sollen. Gleditsien, die später, wenn die Bäume einwachsen und größer werden, auf die nach und nach entstehenden Freiflächen und Stellplätze umgepflanzt werden. Und zum Dritten Birken, die als Aspektbildner für die ersten Jahre gepflanzt und später dann vollständig entfernt werden. So kann erreicht werden, daß mit den Bändern bereits in den ersten Jahren prägnante Freiräume entstehen, später stehen dann für die weitere Entwicklungen kostengünstig Bäume zur Verfügung.
Regionale 2010. Für temporäre Zwischennutzungen wie z.B. zur Regionale 2010 bietet das Streifengerüst zwischen den Grünen Bändern eine optimale Grundstruktur für temporäre Freiflächen, Ausstellungen, Kulturevents oder auch Sportveranstaltungen. Hier könnten Pflanzen wie schnellwachsende Weiden oder Gräser ein Grundgerüst bilden, die Pflanzen können später zur Energiegewinnung aus Biomasse weitergenutzt werden.
Für das Initialprojekt Stadt macht Platz wird ein erster Brückenschlag im Süden des Areals zwischen Bahnhof und Fachhochschule vorgeschlagen. Je nach Entwicklungsschwerpunkt kann auch das nördliche Band zwischen Vogtei und Steinmüller Förderzentrum initiiert werden.
Mit diesen ersten Brückenschläge in das Areal werden die Innenstadt und das Steinmüllerareal verbunden. Dazu werden die asphaltierten Flächen aufgebrochen, flächig und dicht bepflanzt. Informelle Spielplätze werden initiiert, provisorische Biergärten, Bars oder Clubs werden in den noch bestehenden Gebäuden eingerichtet. Mit der zunehmenden Nutzung entstehen schmale Wege und Pfade, die die Bänder erschliessen.
Einige Jahre später ist die Fachhochschule in Betrieb, der Campusplatz vor dem Neubau ist stark frequentierter Treffpunkt. Die Bänder werden weiterentwickelt. Sie erhalten zwei breite Wege, die sich mit den gewachsenen Pfaden und Wege überlagern. Zum Bahnhof entsteht als wichtige Verknüpfung zwischen FH und Bahn in einem ersten Schritt eine Rampe, die die Bahn unterquert. Die größer gewordenen, inzwischen zu dicht stehenden Bäume werden ausgelichtet. Dazu werden entsprechend dem Baummanagement die Eichen freigestellt, die Gleditisien umgepflanzt und die Birken entfernt.
Mit der Entwicklung weiterer Bausteine etabliert sich das Steinmüllerareal und ist zur ersten Adresse geworden. Der Bahnhof erhält beidseitig neben dem bereits gebauten Treppenanlage neue Gebäude mit Reisezentrum und Café. Ein Dach verbindet die Gebäude und den Zugang zu den Bahnsteigen.
Die Eichen in den Baumbändern bilden inzwischen ein Baumdach, die letzten Gleditsien werden entnommen und auf die neu geschaffenen Plätzen des Areals verpflanzt. Die Bänder werden mit Sitzbänken, Boulebahnen und Spielorten entwickelt. Bänder aus Bodeneinbaustrahlern schaffen auch nachts eine angenehme Atmosphäre.
Materialien. Die Materialwahl orientiert sich an der Geschichte des Ortes. So wird Stahl, als Cortenstahleinfassung und Wasserband zum prägenden Element. Das vorhandene Natursteinpflaster wird aufgenommen, ergänzt und wieder verlegt. Die Kampstrasse wird mit Natursteinplatten hochwertig gestaltet. Für die Fahrflächen (Steinmüllerring und Mischverkehrsflächen) wird Asphalt mit Splittabstreu vorgesehen. Unter dem Baumdach der Promenade liegt wassergebundener Belag. Bänke aus Cortenstahl mit bequemen Holzauflagen bieten Aufenthaltsmöglichkeiten.
Die Beleuchtung erfolgt für die meisten Flächen über angestrahlte Fassaden, über unterleuchtete Baumdächer oder über orientierende Bodeneinbaustrahler, die in Reihen angeordnet sind. Nur die Promenade erhält eine Lichtstelenreihe.
Evaluation by the jury
Die beiden Parkbänder und die Verlängerung der Kampstraße verknüpfen das neu entstehende Quartier gut mit der Innenstadt von Gummersbach. Der Charakter der baumbestandenen Parkbänder ist sorgfältig entwickelt und berücksichtigt die Zeit-Komponente in besonderem Maße.
Das zentrale Baufeld entwickelt sich aus dem Bestand und ermöglicht in großer Flexibilität schrittweise Entwicklungen in unterschiedlichen Formaten und Nutzungen. Dass in diesem Zusammenhang dem Wohnen entsprechender Raum gegeben wird, wird besonders gewürdigt, gerade in Verbindung mit einem entsprechenden Grünangebot. Quartiersplätze in richtiger Größe gliedern die Nord-Süd gerichteten Bebauungsbänder. Die angebotene Baustruktur lässt die Option auf ein mögliches Einkaufszentrum zu, ohne dies zur Bedingung ihres Grundansatzes zu machen.
Der Vorschlag, den „Steinmüllerring“ bahnparallel zu legen, wird begrüßt. Die ohnehin vorhandene Trennung wird nicht wesentlich verstärkt, eine Zerschneidung des neuen Quartiers wird damit vermieden. Schön ist die Herstellung von Sichtbeziehungen aus dem Gelände nach außen, wie zur Berstig. Auch das trägt dazu bei, die isolierte Lage aufzuheben oder zu mindern. Im Einzelnen werden die Vorschläge, wie z. B. die Unterführung Kampstraße, in Maßstäblichkeit, Materialwahl und Ausstattung gut durchgearbeitet.
Die Arbeit bietet sowohl vom gesamtkonzeptionellen Ansatz, wie von den im Einzelnen vorgetragenen Vorschlägen gute Voraussetzungen für einen hoffnungsvollen Neuanfang und Aufbruch des Steinmüller-Geländes in Gummersbach.