Architekten
Explanatory text
Wie das Schwein auf den Nöldner Platz kam...
Zur Ausgangssituation:
Erreicht man den Nöldnerplatz von den nördlichen Quartieren findet man sich in einer Situation wieder die eher an den Stadtrand erinnert. Der Raum ist weitgehend ohne Fassung und muss mit nur zwei Rändern auskommen. Die heutige fragmentierte Stadtstruktur lässt auf einen konsolidierten Zustand in der Geschichte schliessen. Der Platz war gemessen an den klassischen Maßstäben der kompakten europäischen Stadt nie vollständig und immer ein Torso. Die unbefriedigende Situation resultiert aus einer Kette gut gemeinter Maßnahmen bedingt durch spontane Anforderungen, die ein Gesamtkonzept vermissen lassen.
Die Schule dominiert weite Teile des Platzes, kann aber den Raum nur bedingt fassen. Der dominante Eindruck einer vorstädtischen Situation läst sich nicht negieren. Eine kompakte Bebauung die in der Lage wäre diese Räume zu fassen ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Die funktionalen Aspekte des Durchgangsverkehrs und der Erschließungswege dominieren die Gestalt des Platzes bis heute. Der direkte Weg vom S-Bahnhof zur Schule ist bestimmend für den Platz die Bereiche zu den Seiten werden zu Abstandsgrün degradiert. Nach eigenen Beobachtungen wird der Platz heute kaum genutzt. Er ist für einen Platz zu groß und für einen Park zu klein. Die verkehrliche Belastung lässt sich absehbar nicht reduzieren.
Städtebauliche Maßnahmen
Die in der Auslobung aufgeworfene strukturelle Frage zum weiteren Umgang mit dem Betrachtungsraum bietet zwei mögliche Antworten.
1. Zusammenfassen der 3 Platzflächen zu einem erlebbaren Raum.
2. Etablieren von eigenständigen Teilflächen
Die vorliegende Arbeit schlägt eine klare Zonierung in unterscheidbare unabhängige Räume vor.
Für die mittlere Platzinsel wird ein Jugendhotel vorgeschlagen, der vorgesehene Standort auf den heutigen Kinderspielplatz wird dafür dem Park zugeschlagen.
Durch die Bebauung entstehen zwei unabhängige Platzbereiche:
1. Der Nöldnerplatz wird als überschaubar gegliederter Quartierspark hergerichtet mit diversen Nutzungsangeboten in den kleineren Einheiten.
2. Der Platz vor der Schule wird zum repräsentativer Platz mit großzügigen Belagsflächen (Flohmarkt) und einer integrierten Vorfahrt. Parkplätze sind auf seiner Ostflanke vorgesehen. (kiss + ride)
Das neue Gebäude gegenüber der Ausländerbehörde beherbergt im EG weitere quartiersbezogene Nutzungen (Bürgerladen, Cafe etc.) und ergänzt das soziale Leben im Kiez. Die städtische Nutzung wirkt sich positiv auf die Situation auf dem Vorplatz der Behörde aus. Die Besucher sitzen nicht länger ausgegrenzt im Park, sondern werden wieder in eine städtische Situation integriert.
Städtisch - Ländlich
Die Geschichte des Nöldnerplatzes ist die Geschichte des Scheiterns, der Ort ist gekennzeichnet durch den Versuch Stadt zu simulieren.
Die vorliegende Arbeit beruht auf der Annahme, dass durch eine konventionelle Aufwertung des Platzes durch Steigerung der Oberflächen- und Ausstattungsqualitäten die baulichen und sozialräumlichen Probleme nicht zu lösen sind.
Vorgeschlagen wird eine Teilung der Platzfläche in einen ländlich und einen städtisch geprägten Bereich
Der zukünftig räumlich gefasste Quartiersplatz wird inhaltlich umgedeutet.
So soll der dörfliche Charakter des Platzes zunächst angenommen und überhöht werden.
Die gesamte Fläche wird als landwirtschaftliche Produktionsfläche aufgefasst.
ländlich (Weide-Schweine)
Um diesen Charakter glaubhaft umzusetzen, werden auf der Fläche in den ersten Jahren ca. fünf Hausschweine gehalten.
Die Schweine benötigen räumliche Separierung, genügend Auslauf, räumliche Diversität (Offenland Baumschatten, Suhle)
Die Gegenwart der Tiere in Freilandhaltung wirkt zunächst befremdlich und verstörend. Nach einem Moment der Reflexion wirkt die Präsenz der Schweine jedoch vielschichtig lesbar und ganz „normal“.
Die Schweine sind täglich zu sehen. Sie sind die Haustiere des Quartiers, die Anwohner kennen sie schon.
Nach einer Weile der Beobachtung lassen sich bei den Tieren individuelle Eigenarten und tägliche Rituale feststellen. Es entwickelt sich über die alltägliche Begegnung zwischen Mensch und Tier unterschiedliche Bindungen. Sie werden zu kollektiven Haustieren.
Schweine sind:
- selten lebendig zu sehen, aber dann quicklebendig
- soziale Wesen, gesellig und kontaktfreudig
- lustig anzusehen, wachsen schnell
- fabelhaft
- sauberer als vermutet
- robust, daher das ganze Jahr draussen
städtisch (Pocketparks)
Eingestanzt in das ländliche Feld sind kompakte Inseln städtischer Programme, sie erscheinen als spannungsreiche Negativfigur. Die Platzkanten reichen bis an die Strassen und bilden so weite Gehwege.
Die gerichtete Struktur der Wege und Achsen wird aufgegeben. Eine neue hirachielose Struktur wird etabliert.
Die dezentrale Struktur besteht nicht aus einem Platz sondern aus 10. Demnach gibt es auch 10 Eingänge statt Einem. Die einzige Durchwegung existiert entlang des Bahndamms. Hier findet sich eine breite Promenade, die das erste Drittel des Damms in die Parkfläche einbezieht. Diese Promenade setzt sich als Sportband hinter der Ausländerbehörde fort. Hierzu wird dieser Bereich erschlossen und der Baumbestand ausgelichtet.
Parkgliederung von West nach Ost
- Bewegung Spiel und Sportfeatures entlang des Damms für alle Altersgruppen (Sandspiel, Roll-Landschaft, Micro-Macro-Golf)
- Naturnahe Erholungszonen ( Liegehang, Holzdecks)
- Artifizielle Umgebung zur Kontemplation und Anregung (Lustgarten, Rabatten)
- Informelle Treffpunkte sozialer Alltagspraktiken (Campingtische, Laptop-Wiese, Unterstand, Pissoir)
Wie in einem englischen Landschaftspark ergeben sich aus der Bewegung und dem Verweilen durch die einzelnen Pocketparks unzählige Panoramen die sich zu einem Gesamteindruck fügen.
Schutzgüter (Kultur-Denkmale, Baumschutz)
Gegenüber dem S-Bahnhof befindet sich eine Referenz des alten Parks, hier ist der Standort der Brunnenfigur. Dieser Vorplatz bildet mit der gegenüberliegenden Eckbebauung den Eingang ins Quartier.
Alle Bestandsbäume bleiben erhalten!
Sie bilden eine autonome Struktur unabhängig von der Zonierung der Flächen, die Bäume werden nach Bedarf ausgelichtet.
Landwirtschaftliche Motive
Durch eine Folge landwirtschaftlicher Motive soll der Platz bespielt werden. Die Fütterung und Betreuung erfolgt über eine Patenschaft mit einem Biohof der die Fläche pachtet und in Stand hält. Die Schweinefreilandhaltung ist exemplarische für eine über mehrere Jahre andauernde agraische Nutzung der Fläche.
Weitere Nutzungen könnten in Gänsemast oder Sonnenblumenfeldern bestehen.
Ein Teil der Bausumme wird zur Subventionierung der landwirtschaftlichen Nutzung eingesetzt.
Evaluation by the jury
Die Arbeit ist ein außergewöhnlicher Beitrag im Rahmen des Wettbewerbs. Sie macht als einzige den Vorschlag einer Bebauung des mittleren Platzsegments. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, die gesamte Platzfläche in drei unterschiedlich genutzte und gestaltete Bereiche zu trennen. Es entstehen zwei klar abgegrenzte Plätze mit unterschiedlichen Charakteren. Positiv dabei ist, dass der städtebaulich prägnante Baukörper der Max-Taut-Schule einen Vorplatz mit räumlicher Fassung erhält, dass perspektivisch ein Baufeld erhalten bleibt – welches Investitionen im 1. Bauabschnitt nicht in Frage stellt – und dass das nördliche Segment (1. BA) deutlich als eigenständiger Freiraum definiert wird. (...)
Die verbleibenden Flächen des Nöldnerplatzes, zugleich 1. BA werden sinnvoll als einheitliche Fläche gestaltet. Innerhalb der Fläche wird ein interessantes, vielfältiges Nutzungsangebot geschaffen, dabei bilden Ruhezonen und Aktionsräume einen spannungsvollen Kontrast und sind räumlich klar voneinander abgegrenzt. (...)