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  • CH Zürich
  • 03/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-193733)

Ersatzneubau Wohnsiedlung Kanzleistrasse


  • Teilnahme


    Landschaftsarchitekten
    Schmid Landschaftsarchitekten GmbH, Zürich (CH) Büroprofil

    Verfasser
    André Schmid

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Gigon / Guyer Architekten, Zürich (CH)

    Erläuterungstext
    Vorgarten - Gartenhof
    Der neue Hof an der Kanzleistrasse führt die Tradition grüner Höfe der 30-er Jahre im Quartier fort. Das Strassenbild orientiert sich stark am Bestehenden: kleinkronige Bäume, niedere Hecken, sorgfältig gestaltete Vorgärten respektive Vorzonen mit Gewerbelokalen oder Ateliers und fussgängerfreundliche Trottoirs. Parkplätze für Besucher und Velofahrende sind ebenfalls dort situiert.

    Im Innern des Blocks öffnet sich dann ein grosszügiger grüner Raum, der die Aktvitäten des Wohnalltags im Freien aufnehmen kann. Der wertvolle Baumbestand mit seinen Blutbuchen, der die Atmosphäre wesentlich prägt, wird in der Neugestaltung des Hofs
    mit zusätzlichen lichteren Gehölzen (Fraxinus) unterstützt.

    Im Gegensatz zur heutigen Situation erhält der Hofraum eine aktivere Mitte. Die Hofzugänge führen über Eck ins Zentrum, ebenso sind die rückwärtigen Hauseingänge über kleinere Plätze, an denen gemeinschaftliche Erdgeschossräume (Gemeinschaftsräume, Waschküchen) angeschlossen. Ein Kranz von niederen blühenden Gehölzen bilden den Übergang vom Haus zum Hof. In dieser Raumorganisation lässt sich auch der Aussenraum des Kindergartens in diese Übergangszone integrieren. Hier schliesst eine niedere Hecke den KIGA-Garten ab.

    Die Hofmitte ist auf einer feinen Chaussierung zwanglos durchschreitbar. Als Intarsien sind wie Teppiche unterschiedliche Flächen ausgelegt: Baum bestandene Rasenflächen mit punktuellen Spielplätzen, ein Brunnenplatz unter Bäumen, ein mögliches Hofgebäude mit Ateliernutzung. Wird das Hofgebäude nicht gebaut, so wird an dessen Stelle ein zusätzlicher grüner Teppich etabliert. Entlang des niederen Strauchkranzes sind weitere Flächen gegen die Mitte des Hofs ausgeschnitten, die mögliche Nutzungen wie ruhigere Sitzplätze, kleinere Gemeinschaftsgärten oder Spielecken aufnehmen können.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der geschlossene Blockrand markiert angemessen den Auftakt zum Anny-Klawa-Platz. Nach aussen präsentiert sich der Ersatzneubau offen und transparent, die Akzente der öffentlichen Nutzung zum Stadtraum sind gut gesetzt. Kleine Balkonspitzen ragen auf allen Seiten in den Strassenraum, ein stiller Verweis auf die Erkermotive der Vorgängerbauten und eine feine Artikulation der sonst zweidimensional gestalteten Fassadenbilder. Mittels subtiler Farbdifferenzen wird versucht, dem Wunsch nach einer horizontalen Fassadengliederung Rechnung zu tragen, was jedoch kaum lesbar ist. Der Projektvorschlag wird mehr als autonomer Siedlungskörper denn als integrativer Teil des Stadtraums gelesen.

    Der glatten Stadtfassade wird eine leicht bewegte Hoffassade gegenübergestellt. In einer Art Mittelrisalit werden vier Treppen als «Zinnen» bis aufs Dach geführt. Für das verdichtete Wohnen in der Stadt ist dies eine gute Möglichkeit, den zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern durch zusätzliche Gemeinschaftsoder auch Rückzugsräume einen spürbaren Mehrwert anbieten zu können. Ein kleiner aber nicht so einfach zu lösender Mangel entlang der Seebahnstrasse ist der hohe Anteil an Über-EckLiften, die aufgrund der fehlenden Manövrierfläche so nicht behindertengerecht
    sind.

    Innerhalb des städtebaulich schlüssig hergeleiteten Volumens haben alle 211 gewünschten Wohnungen Platz, sämtliche Nutzungsanforderungen wurden zielgenau erfüllt. Die Qualität der einzelnen Wohnungen ist dabei durchgehend hoch. Der Hauptwohnraum ist jeweils zweiseitig belichtet. Die privaten Aussenräume sind gut gesetzt und bieten schöne Ausblicke. Innovativ ist auch der Vorschlag zur ringförmigen Velogarage. Damit wird das Erdgeschoss von vielen Veloabstellplätzen entlastet. Die Begegungszonen sind mit besonderer Sorgfalt um den gemeinsamen Wohnhof gruppiert. Das Projekt beweist, dass der Spagat zwischen privater Wohnnutzung im Hochparterre und Gemeinschaftsnutzung zum Hof tatsächlich gelingen kann.

    Der Strassenraum wird mit Strassenbäumen angereichert und verspricht eine gelungene Eingliederung in das Strassenbild. Bei den Vorgärten ist die Drittelsregelung etwas zu frei interpretiert. Sowohl im Strassen- wie auch im Hofraum stehen das Innen und das Aussen in einem qualitativ überzeugendem Dialog. Die räumliche Zonierung des Hofs wirkt schlüssig und verspricht eine gute Aufenthaltsqualität. Die formale Anordnung von Wegen und Grünflächen ist noch etwas schematisch. Vermisst wird eine Reaktion auf den vorgefundenen Baumbestand. Bezüglich ökologischer Nachhaltigkeit wäre die vorgeschlagene Konstruktion noch zu prüfen. Die Aussicht auf ein wirtschaftliches Projekt ist aufgrund der Flächeneffizienz und der guten Kompaktheit grundsätzlich gegeben. Die Erstellungskosten überschreiten den angestrebten Benchmark um 7 – 13 Prozent. Gesamthaft handelt es sich um einen in sich kohärenten Entwurf, der einen bemerkenswert guten Umgang mit dem engen Korsett aller gestellten Anforderungen zeigt. Leider stellt die Eigenständigkeit im Ausdruck die Bewilligungsfähigkeit des Gesamtprojekts in Frage. Bezüge zu quartiertypischen Motiven bleiben auch nach der zweiten Bearbeitungsphase vage und schwer argumentierbar. Insbesondere ist die dreiteilige Fassadengliederung kaum lesbar, die eine wesentliche Bedingung zur Eingliederung in die Quartiererhaltungszone darstellt, um die Inventarentlassung zu rechtfertigen. Die hohe Qualität des Gesamtprojekts wiegt dieses Risiko nicht ganz auf.