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  • DE-10179 Berlin, DE-10178 Berlin
  • 12/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-178581)

Innenraumgestaltung der Parochialkirche


  • ein 2. Preis Zur Überarbeitung aufgefordert

    © knerer und lang

    Architekten
    KNERER UND LANG, Dresden (DE), München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    TGA-Fachplaner: GESA Ingenieurgesellschaft für technische Gesamtplanung mbH, Dresden (DE), Köln (DE), Hamburg Pinneberg (DE)

    Preisgeld
    4.617 EUR

    Erläuterungstext
    ZEITSCHICHTEN
    KONZEPTIONELLE IDEE UND FUNKTIONALITÄT
    Der Zentralraum der Parochialkirche ist ein herausragendes Beispiel der Sakralarchitektur des Barock in Berlin. Er spiegelt die Ideale des reformierten Kirchenbaus wieder. Durch die Zerstörung im 2. Weltkrieg finden wir heute einen Raum vor, der – neben der Erhabenheit– Verletzungen durch die Kriegseinwirkung zeigt.
    Das Ziel jeder Intervention muss daher die Konservierung des Status Quo und die sensible, selbstbewusste Darstellung der neuen Zeitschicht sein.
    Die betont zentral ausgerichtete räumliche Anlage des barocken Kirchenbaus soll erhalten und weiter gestärkt werden. Der gestalterische Ansatz sieht vor, die Symmetrie und Zentralität des Ortes „weiterzubauen“. Für feste Einbauten wird ein einheitlicher Materialkanon mit der Festlegung auf Oberflächen in Baubronze und Holz geschaffen, der die konzeptionelle Einheit aller neuen baulichen Maßnahmen bildet. Dies sind der Kuppelschluss und die Schaffung von Depot- und Ausstellungsflächen. Über die Haptik, Wertigkeit, Dauerhaftigkeit und die prozesshafte Alterung der ergänzenden Materialien wird ein Zusammenhang mit dem wertvollen Bestand hergestellt. Die Beschränkung auf wenige Materialien spiegelt die Intention des betont schlichten Bauschmucks des ursprünglichen, barocken Baus wieder und bildet in der Reduktion einen Kontrast zu den nach der Kriegszerstörung rauen, verletzten Oberflächen des Raumes.

    KUPPELSCHLUSS_REALISIERUNGSTEIL
    Die Schließung der Deckenkuppel ist zur Verbesserung des Raumklimas unabdingbar und räumlich notwendig. Das Konzept des Kuppelschlusses muss mit den übrigen Eingriffen eine gestalterische Einheit bilden und wird daher als neue Zeitschicht sichtbar gemacht. Die neue bronzierte Kuppel überspannt als scheinbar schwebende Halbschale den Zentralraum; die Pendentife werden bewusst nicht geschlossen, um die Schließung einer Wunde sichtbar zu machen.
    Der eigentliche Raumabschluss befindet sich in der Deckenebene.

    GOTTESDIENST-, AUSSTELLUNGS- UND ARBEITSRAUM _ IDEENTEIL
    Der Charakter des Zentralraumes der Kirche bedingt einen besonderen liturgischen Umgang im Feiern der Gottesdienste und Andachten. Durch die Umgestaltung darf kein profaner Raum entstehen, sondern eine bereichernde Wechselwirkung von liturgischem Raum, und der Präsentation sakraler Kunst. Diese soll in einem „offenen Haus“ für Besucher leicht zugänglich, niederschwellig erlebbar sein. Daher wird der Hauptteil der Sammlung im Hauptraum und so ohne Einschränkungen durch Anforderungen des Brandschutz oder Zugänglichkeit untergebracht. Das Schau/Depot bildet den konzeptionellen Kern für die Nutzung der Parochialkirche.
    Der Erhalt eines hierarchiefreien, flexibel nutzbaren Raums steht dabei im Vordergrund. Die Wirkung des Zentralraums soll trotz der notwendigen Schaffung von Depotflächen nicht durch raumverändernde Einbauten oder sichtbare technische Elemente beeinträchtigt werden.
    Basierend auf der traditionellen Ausstattung sakraler Räume mit Chor, Emporen oder Seitenaltären werden Raumelemente entwickelt, die allen vier Seitenkonchen einbeschreiben sind. Der Korpus der Elemente folgt Radius der Konche und wird mit mobilen Depotschiebewänden ausgestattet. Hier können die wertvollen Bestände sakraler Kunst in einem klimatisch überwachten Umfeld gelagert werden.
    Alle technisch notwendigen Installationen wie Klimatechnik, Beleuchtung und Sonnenschutz können in dem Korpus verdeckt untergebracht werden. Ebenfalls in den Korpus eingebaut ist der Arbeitsplatz für temporäre restauratorische Arbeiten zu pädagogischen Zwecken.
    Zentrum des Kirchenraumes bleibt die Ostkonche, mit dem Schrottkreuz von Fritz Kühn.
    Die Orgel wird in der Westkonche, dem Hauptzugang vorgesehen, so bleibt die Wirkung des Raumes mit dem Fokus auf die Ostkonche unberührt. Der Korpus wird dem Materialkanon folgend bronziert.
    Im Schaudepot können Besucher Einblicke in Bereiche der Sammlung erhalten. Weiterhin ist vorgesehen Sommerausstellungen der Sammlung in „Arbeitshängung“ zu veranstalten. Zu diesem Zweck können bestimme Schiebewände ohne Aufwand herausgezogen werden, um den Archivbestand in einer Art Laboratoriumscharakter zu präsentieren. Parallel zu den Ausstellungen sind Gottesdienste und Veranstaltungen möglich.
    Die Konzeption soll inhaltlich wie architektonisch den Dialog von Liturgie, Raum und Kunst anregen und zu einer vielfältigen Bespielung des Raumes inspirieren. Sitzgelegenheiten, Altar, die Kanzel (Pult), und das Taufbecken sind folglich mobil.
    Eine weitere Option Ausstellungen kleineren Umfangs aufzunehmen, bietet die Nutzung der Turmsäle. Hier muss allerdings auf Grund des zur Herstellung der Barrierefreiheit notwendigen Einbaus eines Aufzugs an Stelle einer der beiden Wendeltreppen die Limitierung der Besucheranzahl auf Grund des fehlenden 2. Rettungsweges in Kauf genommen werden. In den „ Kabinetten“ können durch die besseren Möglichkeiten der Schaffung musealer Bedingungen (Raumklima, UV Schutz), Objekte mit besonderer Lichtempfindlichkeit in Einzelpräsentationen gezeigt werden.

    TECHNISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE REALISIERBARKEIT
    Da die Maßnahme von der Finanzierung durch Fördermittel abhängig ist, sollte das Konzept stufenweise Realisierbar sein. Auch im Ideenteil sind sinnvolle Abschnitte möglich, da eine „konchenweise“ Umsetzung ohne Einschränkung der Nutzung denkbar ist. Der Ansatz den technisch notwendigen Ausbau in den neuen Raumelementen unterzubringen, lässt eine gebäudeschonende und daher wirtschaftliche Lösung erwarten.
    Die barrierefreie Nutzung der Räume im Turm, die kostenintensive Umbaumaßnahmen durch den Einbau des Aufzugs notwendig macht, kann als Ergänzung betrachtet werden.

    KLIMAKONZEPT
    Die vorliegenden klimatischen Auswertungen zeigen die natürliche Korrelation von Feuchte und Temperatur. Die gemessene relative Luftfeuchte steigt im Winter bei deutlich absinkenden Temperaturen erheblich an, umgekehrt verhält es sich im Sommer.
    Beispielhafte Werte sind:
    Winter: Temperatur: 5 - 10°C, Rel. Feuchte: 80 - 90%rF ! absolute Feuchte: 4,6 - 5,2 g/kg
    Sommer: Temperatur: 20 - 25°C, Rel. Feuchte: 30 - 40%rF ! absolute Feuchte: 4,6 - 6,2 g/kg
    Erkennbar ist, dass die absolute Feuchte ganzjährig in einem schmalen Band bleibt, jedoch die relative Feuchte physikalisch bedingt durch die hohen Temperaturschwankungen ebenfalls großen saisonalen Schwankungen unterliegt. Mit einer Vergleichmäßigung der Temperatur kann somit die Schwankungsbreite der relativen Feuchte verändert werden. Zu beachten ist, dass durch eine Beheizung eine Trocknung der Luft erfolgt und diese sich wieder negativ auf das Feuchteband auswirkt. Folgendes Konzept wird hierzu vorgeschlagen:
    Der gesamte Dachstuhl wird thermisch von der eigentlichen Kirche getrennt. Auf der Ebene Dachstuhl über Kuppel und Konchen wird eine horizontale Wärmedämmung eingezogen. Diese Wärmedämmung verringert die Heizlast und damit die erforderliche Wärmeleistung deutlich.
    Baulich erhalt die zentrale Kuppel eine neues Gewölbe aus Metall. Zwischen dieser neuen Kuppel und der horizontalen Wärmedämmung wird eine ebenfalls horizontale Strahlplattenheizung vorgesehen. Diese Strahlplattenheizung kann auf Grund der hohen Installationshöhe mit Temperaturen von 60..100°C betrieben werden. Die VL-Temperatur wird feuchteund temperaturgeregelt geführt, bei absinkender Feuchte soll die Temperatur reduziert werden. Die Strahlplattenheizung ist durch die Anordnung aus dem Kirchenbereich nicht sichtbar und kann aus dem Dachraum erschlossen werden.
    Die Strahlplattenheizung soll als Grundheizung betrieben werden. Diese erwärmt die neu eingebaute Metall -Kuppel, über die dann wiederum die Kirche beheizt wird. Im Konzept wird von Oberflächentemperaturen der Kuppel im Bereich von 40..70°C ausgegangen. Diese wirkt sehr gleichmäßig über die gesamte Fläche, so dass eine sehr hohe Heizleistung erreicht werden kann. In der Praxis wird auf ausreichend kleine Laständerungsgeschwindigkeiten zu achten sein, so dass die neu eingezogene Kuppel nur mit geringen Temperaturänderungs-gradienten beaufschlagt wird.
    In den Konchen werden im Bereich unterhalb der Fenster Depotschränke angeordnet. Im Bereich der Fenster sind derzeit Nischen vorhanden. In jeder Konche sollen in 1 oder 2 gedämmten Fensternischen (Dämmung zur Außenwand und zum Depot) zusätzlich Heizkörper als Konvektoren verdeckt angeordnet werden. Diese werden zur Aufheizung der Kirche vor Veranstaltungen genutzt.
    Die Vorhalle wird mit Strahlungsheizungen im Wandbereich oder FB-Heizung auf winterliche Temperaturen von ca. 10-12°C temperiert. Die Ausführung ist hier im weiteren Projektverlauf noch zu spezifizieren.
    Ein Blendschutz vor den Fensterflächen kann dazu beitragen, die sommerliche Aufheizung zu reduzieren.
    Zur Reduzierung des Feuchteeintrages insbesondere bei hoher äußerer Luftfeuchtigkeit soll zwischen Vorhalle und Kirche eine Tür vorgesehen werden. Dies ist wesentlich zur Trennung des Kirchenschiffes und zur Vermeidung von starkem Luftzug bei hoher Besucherfrequenz.
    Das vorgeschlagene Konzept ermöglicht mit geringem Investitionsaufwand für dieses Gebäude mit sehr schwerer Bauweise eine ganzjährige Vergleichmäßigung der Temperaturen und Feuchte.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.