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  • DE-38440 Wolfsburg
  • 04/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-181735)

Wohnbauentwicklung Nordsteimke / Hehlingen


  • 3. Preis

    Lageplan, © büro luchterhandt/Gerber Architekten

    Architekten, Landschaftsarchitekten
    büro luchterhandt • stadtplaner architekten landschaftsarchitekten, Hamburg (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten, Landschaftsarchitekten: Gerber Architekten GmbH, Dortmund (DE), Hamburg (DE), Berlin (DE), Shanghai (CN), Riad (SA)
    Energieplaner: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart (DE), München (DE), New York, NY (US), Paris (FR)

    Erläuterungstext
    AUSSERGEWÖHNLICHE ORTE // Stadtentwicklung ‚auf der grünen Wiese’ läuft Gefahr, austauschbare Strukturen zu erzeugen, die überall errichtet werden könnten. In der Nordsteimker Au jedoch entstehen Nachbarschaften, die einerseits ein hohes Maß an Individualität und Privatheit sichern, andererseits vielfältige Anlässe zu einem nachbarschaftlichen Miteinander bieten. Aus den charakteristischen Eigenschaften der vorhandenen Kulturlandschaft und den gewachsenen lokalen Besonderheiten wird ein Ort entwickelt, der tatsächlich unverwechselbar ist. Maßgeblich für eine identitätsstiftende Entwicklung ist die Aue, ein hochwertiger Freiraum sowohl für den bestehenden Ortsteil, als auch für die neuen Quartiere.

    FÜNF BESONDERE NACHBARSCHAFTEN // Jedes der fünf Quartiere ist einzigartig. Jedes folgt einem eigenen Thema, das atmosphärisch und in konkreten Elementen (z. B. Wasserbecken oder Heckenstrukturen) erlebbar und unverwechselbar ist. Der prinzipielle Aufbau der Quartiere folgt indessen identischen Prinzipien:
    » ‚grüne Finger’ verknüpfen das Quartier mit der Aue
    » Herzstück ist stets ein kleiner Quartiersplatz am Ende eines jeden „grünen Fingers“; ggf. mit kleiner Versorgungseinheit und/oder sozialer Infrastruktur
    » hohe Bedeutung gemeinschaftlich nutzbaren und gestaltbaren Außenraums
    » starke Siedlungsbilder durch Setzen von Qualitätsmaßstäben an die Architektur
    » erlebbare Umsetzung von ökologischen Zusammenhängen (Regenwasserversickerung, Photovoltaik, Nutzgärten, dezentrale Energieerzeugung)

    NACHHALTIGKEIT KONKRET – WOHNEN UND LEBEN AN DER AUE // Die Nordsteimker Au wird als Abschnitt eines übergeordneten Grünzugs mit einer direkten Radwegeverbindung in die Innenstadt Wolfsburgs gestärkt. Die Aue hat den Charakter eines öffentlichen Angers, in dem vielfältige Nutzungsangebote verortet sind und der überdies eine starke ökologische Funktion erfüllt. Sie führt als zentraler Freiraum die Menschen aus dem bestehenden Stadtteil mit den Bewohnern der neuen Quartiere zusammen. Sie bietet hinreichend Raum für gemeinsame Aneignungsprozesse und Aktivitäten. Die Biotope mit ihren wichtigen Schutz- und Übergangszonen sind behutsam in diesen Anger eingewoben und selbstverständlicher Bestandteil des Landschaftsbildes. Die Flächen zur Regenwasserretention erfüllen nicht nur technisch ihre Funktion, sondern leisten auch ihren Beitrag zu einem sinnlichen Erleben von Naturkreisläufen – ebenso wie die landwirtschaftlichen Bereiche: Auf dem ‚Feldmarkt’ werden vor Ort Erdbeeren, Kürbisse etc. zum Selbstpflücken angebaut und machen den Einkauf lokaler Produkte wohnortnah möglich.
    Sport- und Spielbereiche sind ebenfalls integraler Bestandteil des Angers. Ein differenziertes Netz aus Fuß- und Radwegeverbindungen erschließt die Aue nicht nur, sondern macht sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erlebbar. Die Randbereiche der Aue sind von Rad- und Fußverkehr sowie öffentlichem Verkehr bestimmt. Der 'Auenboulevard' als autofreies Rückgrat der neuen Quartiere lädt zum Flanieren ein und ist zugleich eine Fahrradschnellstraße, die als attraktive Verbindung im Grünen in die Wolfsburger Innenstadt leitet. Die Aue ist ein Ort des gemeinsamen Lernens und Lebens. Sie ist ein Erfahrungsfeld für die Bewohner der Quartiere, aber auch für Schulen, Kindergärten und andere Bildungseinrichtungen aus Wolfsburg zugänglich. Sie wirken an Aufbau und Pflege mit, sie gestalten Freiflächen und nutzen diese intensiv. Sie erforschen die Biotope und lassen in ihrer Aue Nachhaltigkeit zum Erlebnis werden.

    GELEBTE NACHHALTIGKEIT // Für die Bewohner der neuen Quartiere ist ein Leben im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit selbstverständlich. Sie setzen auf umweltfreundliche Fortbewegungsmittel im Quartier, bilden Fahrgemeinschaften für den Weg zur Arbeit oder nehmen den Bus, der auf der ‚Grünen Route’ am Stau vorbeifährt. Sie nutzen das Car-Sharing-Angebot, das in jedem Quartier jede Fahrzeugklasse bereithält oder Elektrofahrzeuge, die zu wesentlichen Teilen aus auf den Dächern gewonnener Sonnenenergie gespeist werden. Die Quartiere zeichnen sich durch einen geringen Versiegelungsgrad aus, Straßenflächen werden auf ein Mindestmaß reduziert. Die Nordsteimker radeln oder gehen zum Einkaufen ins neue Zentrum, ihre Einkäufe werden ihnen dann bei Bedarf von einem Bringdienst nach Hause geliefert. Obst und Gemüse der Saison können zu großen Teilen eigenhändig in der Aue geerntet oder als lokale Produkte direkt vom Acker eingekauft werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Entwurfsverfasser sehen für die geplante bauliche Entwicklung insgesamt fünf klar ausgebildete Wohnquartiere mit sehr unterschiedlichen baulichen Dichten vor, woraus sich eine hohe Varianz in den Wohnangeboten ergibt. Die topographischen Gegebenheiten werden berücksichtigt, eine gute Vernetzung mit der Hanglage ist gegeben. Im Vergleich zum Umfeld erscheinen die vorgesehen Quartiere jedoch
    relativ klein, so dass ein inselartiger Charakter entsteht, der die Wohnquartiere zwischen den bestehenden Stadtteilen Nordsteimke und Reislingen wie solitäre Fremdkörper wirken lässt. Ein Zusammenwachsen von Alt und Neu wird daher kritisch gesehen, eine integrierende Funktion wird vermisst.
    Auch die ca. 500 m lange grüne keil-/trichterförmige Achse zum bestehenden Real-Markt wird als zu bedeutungsvolle Geste beurteilt, die eher Distanz als Verbindung schafft. Als problematisch sieht das Preisgericht auch die verwinkelte innere Erschließung/ Verkehrsführung der Quartiere an, die eine einfache Orientierung innerhalb des neuen Wohngebiets erschwert.
    Die Themen der einzelnen Wohnquartiere - wie z.B. Feld-, Hecken-, Waldquartier - nehmen Bezug zur Landschaft. Der angestrebte Landschaftsbezug äußert sich jedoch teilweise in formal unverständlichen Gesten. Die Übergänge in die Landschaft erscheinen nicht ausreichend ausgeformt. Die Differenzierung der Quartiere über jeweils eigene Zielgruppen/Lebensstilgemeinschaften wird vom Preisgericht kritisch beurteilt, weil dies die Gefahr „sozialer Verinselung“ mit sich bringen könnte. Fraglich erscheint dem Preisgericht zudem, ob die Vorgaben der Verfasser bezüglich der angedachten Entwicklung und Identitätsausbildung der Quartiere tatsächlich funktionieren. Auch in Bezug auf eine soziale Durchmischung in den Quartieren scheint dem Preisgericht die Ausbildung der Quartiere fragwürdig.
    Insgesamt sieht das Preisgericht in dem Konzept einen interessanten innovativen städtebaulichen Ansatz, der jedoch nicht hinsichtlich seiner Konsequenzen ausreichend durchdacht wurde und daher in seiner Funktionalität hinterfragt wird.