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  • DE-77652 Offenburg
  • 11/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-186435)

Ostflügel


  • 1. Preis Zuschlag

    Perspektivische Darstellung Lindenplatz, © faktorgruen

    Landschaftsarchitekten
    faktorgruen, Freiburg im Breisgau (DE), Rottweil (DE), Heidelberg (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Elena Tzoulakis, Ricardo Patings, Michał Herl

    Preisgeld
    34.000 EUR

    Erläuterungstext
    „Die neue Altstadt“ von Offenburg

    Gesamtkonzept I Offenburg besticht durch seine weitestgehend intakte und klar ablesbare Altstadt mit der umlaufenden Stadtmauer, dem grünen Ring und einer weitgehend durchgängigen Pflasterung aus Natursteinpflaster. Darin liegt ein einmaliges Potenzial, das es im Zuge der Gestaltung des Ostflügels zu stärken und herauszuarbeiten gilt. Dem Bereich der mittelalterlichen Stadtgründung kommt dabei eine führende Rolle zu, indem eine Gestaltung vorgelegt wird, die jederzeit in die übrigen Bereiche der Altstadt fortgeführt werden kann. Die unterschiedlichen Zeiträume der Stadtgründung bleiben ablesbar, verbinden sich aber zu einem einheitlichen Stadtbild, der „neuen Altstadt von Offenburg“.

    Freiflächenkonzept „Straßen- und Platzräume“ I Der Bereich des Ostflügels ist als mittelalterliche Stadtgründung durch eine Raumfolge von Straßen- und Platzräumen geprägt. Dieser Charakter wird wieder herausgearbeitet und zur tragenden Gestaltungsidee des neuen Ostflügels. Der heutige, einseitig durch Verkehr dominierte Straßencharakter wird zugunsten eines durchgängigen Stadtraumes aufgehoben. Gleichzeitig bleiben alle wichtigen Fahrbeziehungen bestehen und ordnen sich dem Vorrang des Fußgängers unter. Das gesamte Gebiet wird als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesen und erhält einen einheitlichen, durchgängigen Stadtboden in Form des „Altstadtparketts“. Die einzelnen Platzräume sind jeweils mit einem Wasserthema in Form eines Brunnens ausgestattet, diese greifen das Thema Wasser in der Stadt auf und tragen zur Verbesserung des Kleinklimas bei.

    Vernetzung / Kompatibilität I Die Gestaltung des Stadtbodens in Form des „Altstadtparketts“ nimmt die Materialität und Farbigkeit der vorhandenen Pflasterbeläge in der Offenburger Altstadt mit ihren verschiedenen Rot- und Grautönen auf und schreibt sie auf neu interpretierte Weise fort. Vorgeschlagen wird ein robuster Großpflasterbelag in Granit, mit seiner parkettähnlichen Verlegung in unterschiedlich changierenden Rötlich- bis Grau-beige-Tönen erzeugt er ein warmes und lebendiges Erscheinungsbild. Es entsteht eine markante, eigenständige Belagsfläche, die eine subtile Vernetzung mit den Bestandsflächen herstellt, ohne einen störenden Bruch zu erzeugen. Die Querverbindungen werden gestärkt und aufgewertet, sodass ein zusammenhängendes Platz- und Wegenetz entsteht.

    Materialität / Ökologie I Die Auswahl der Materialien nimmt Bezug auf die Geschichte des Ostflügels als die ursprüngliche mittelalterliche Stadtgründung von Offenburg. Es werden einfache Materialien, nämlich Stein und Holz verwendet, Materialien, die immer schon als Baustoffe verwendet wurden. Diese werden neu interpretiert und in moderner, zeitgemäßer Form eingesetzt. In Verbindung mit Baumpflanzungen entsteht ein harmonischer Dreiklang von Stein, Holz und Pflanze. Dahinter steht auch ein ökologischer Anspruch an natürliche Baumaterialien mit einer regionalen Herkunft der Stoffe.

    Lange Straße I Die Lange Straße wird zu einer Einkaufs- und Erlebniszone mit einer einheitlichen Pflasterung in Form des Altstadtparketts umgestaltet. Die Fahrbahnbreite wird auf 4,75 m reduziert, der durchgängige Straßencharakter wird zugunsten einer verkehrsberuhigten Mischfläche aufgehoben. Die Fahrbahnbereiche werden durch flache Rinnen aus Plattenbändern markiert, diese reagieren jeweils auf einmündende Seitengassen und unterbrechen so den linearen Charakter des Straßenraums. Es entsteht ein Stadtraum, der sowohl von den Fußgängern als auch durch den Verkehr genutzt werden kann. Vor den Läden und Geschäften entstehen breitere Vorbereiche für Auslagen oder Gastronomie, das öffentliche Leben kehrt in den Straßenraum zurück. Zwei markante Platzräume, der Lindenplatz sowie der neue Klosterplatz gliedern sich an die Lange Straße an und unterbrechen wohltuend die Linearität der heutigen Straße.

    Steinstraße I Die Steinstraße als Fußgängerzone erhält ebenfalls eine durchgängige Pflastergestaltung in Form des Pflasterparketts. Der markante stadträumliche Bogen in den Fassaden wird aufgegriffen und herausgearbeitet. Ein durchgängiges Rinnenband bildet den Stadtraum nach und nimmt zugleich die Entwässerung auf. Der vorhandene Brunnen wird beibehalten und freigestellt, flankierende Baumpflanzungen tragen zur Begrünung und Belebung des Raumes bei. Einzelne Bänke an zentralen Stellen bieten attraktive Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten, sie setzen Akzente und verbinden die verschiedenen Räume miteinander. Ansonsten wird die Steinstraße freigehalten von störenden Einbauten und kann auch weiterhin den Wochenmarkt aufnehmen.

    Lindenplatz I Der Lindenplatz bildet das Gelenk zwischen Fußgängerzone, Grünem Ring und den östlichen Stadtquartieren und wird als zentraler Platz in der Innenstadt von Offenburg aufgewertet. Der Platz wird in einem durchgehenden Belag gestaltet, die zentrale Platzfläche wird durch ein Feld aus größerformatigen Platten abgesetzt und erhält dadurch seinen eigenständigen Charakter. Der Narrenbrunnen wird erhalten und in die Gestaltung einbezogen. Zentrales und markantes Gestaltungselement bildet eine großzügige Stadtbühne in Form eines Holzdecks, das den räumlichen Abschluss zur Zauberflötenbrücke schafft, ohne die fußläufigen Beziehungen zu beeinträchtigen. Gleichzeitig entsteht ein neuer Treff- und Anlaufpunkt auf dem Platz, im Rahmen von Festen kann dieser als Bühne genutzt werden. Die vorhandenen Linden können erhalten und in das Holzdeck integriert werden.

    Klosterplatz I Neben dem Lindenplatz bildet der zukünftige Klosterplatz einen zweiten Schwerpunkt entlang der Langen Straße. Die historische Klosteranlage kommt wieder neu zur Geltung und wird in den Stadtraum integriert. Das Parken wird entlang der Gebäude neu organisiert, die Mitte bleibt frei von Parkierung. Ein zentrales Baumfeld integriert die bestehenden Bäume. Lädt zum Boule-Spielen ein und trägt zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Ein Holzdeck bietet Aufenthaltsmöglichkeiten für die Schüler des angrenzenden Gymnasiums, der Zugang zur Schule wird in den Platz integriert

    Gustav-Ree-Anlage I Die Gustav-Ree-Anlage bildet die Fortsetzung des Grünringes nach Norden hin, gleichzeitig kommt ihr eine wichtige Rolle als Verbindung zum neuen Einkaufsquartier zu. Die Belagsgestaltung wird bis an das Einkaufszentrum herangeführt, das Thema des grünen Ringes wird in Form einer Baumreihe ablesbar gemacht. Ein Band aus einzelnen Sitz- und Grünelementen macht den grünen Ring erlebbar und bietet attraktive Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten vor dem neuen Einkaufsquartier. Im westlichen Abschnitt öffnet sich der Raum und schafft die Verknüpfung zur Hauptstraße. Hier entsteht Raum für eine großflächige Außengastronomie. Die Stadtmauer wird freigestellt und neu erlebbar gemacht.

    Nördliche Hauptstraße I Die historische Bedeutung der Hauptstraße im Schnittpunkt mit dem Grünen Ring und der Lage des ehemaligen Stadttors wird wieder herausgearbeitet und ablesbar gemacht. Das „Pflasterparkett“ der historischen Altstadt endet mit dem Grünen Ring, nach Norden wird die bereits bestehende Gestaltung wieder aufgegriffen und fortgesetzt. Die Stadtkirche erhält ein eigenes Platzfeld und wird als nördlicher Abschluss der Innenstadt in den städtischen Kontext einbezogen. Die Lage des Stadttores wird durch ein Lichtband im Boden markiert.

    Beläge und Materialien I Als Belag für sämtliche Gehwege und Fahrbereiche wird ein robuster Großpflasterbelag in Form eines „Pflasterparketts“ vorgeschlagen, die Formatigkeit kann sich in Bahnen von 20 - 30 cm Breite mit freien Längen bewegen. Die Oberfläche wird gesägt und feingestockt ausgeführt, dadurch wird eine optimale Begehbarkeit und Barrierefreiheit auch für ältere Menschen und Behinderte erzielt. Das Abrollgeräusch im Bereich von Fahrbahnen kann dadurch ebenfalls auf ein Minimum reduziert werden. Die Farbigkeit nimmt die charakteristischen Rottöne der Stadt Offenburg auf und bewegt sich in einem changierenden Farbspektrum von Rot bis zu warmen Grau-beige-Tönen. Die Möblierung besteht aus einem Baukastensystem von einzelnen Bänken bis hin zu großzügigen Holzdecks, das Holz schafft als warmes Material einen angenehmen Kontrast zum Stein des Stadtbodens.

    Pflanzkonzept I Die vorhandenen Bäume werden weitestgehend erhalten und in der Steinstraße sowie in der Gustav-Ree-Anlage durch robuste Stadtbäume, wie z.B. Stadtbirne, Gleditschie oder Tulpenbäume ergänzt. Die beiden Platzräume erhalten jeweils ein eigenes Baumthema. Es entsteht eine dezente Durchgrünung und dadurch Verbesserung des Stadtklimas.

    Beleuchtung I Die Abfolge von Straßen- und Platzräumen wird durch die Beleuchtung unterstützt und differenziert herausgearbeitet. Während die Straßen und Gassen in Form einer Hängeleuchte mit Abspannung ausgeleuchtet werden, die den Straßenraum freihalten von störenden Einbauten, werden die Platzräume über einzelne Lichtstelen ausgeleuchtet. Es entsteht eine warme und angenehme Lichtstimmung, markante Gebäude werden betont und herausgestellt. Bei der Auswahl der Leuchten wird auf eine zeitgemäße Bestückung durch LED-Technik geachtet. Zentrale Gestaltungselemente wie die Brunnen sowie die Holzdecks werden durch eine eigene Beleuchtung inszeniert und bilden Lichtakzente.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Grundhaltung, einen durchgängigen Stadtraum herzustellen, der die Aufenthalts- und Verkehrsfunktion gleichberechtigt ermöglicht, wird sehr positiv bewertet.

    Beim vorgeschlagenen Belagskonzept der Lange Strasse wird die Differenzierung in gerichtete Straßenräume und eher offene Platzräume in den Verknüpfungsbereichen begrüßt. Die Gliederung des Straßenraums durch die nicht durchgängig angeordneten Muldenrinnen wirkt großzügig und selbstverständlich, allerdings bleibt die Frage der Entwässerung in Teilbereichen offen. Die geforderten Ladezonen sind nicht dargestellt, jedoch herstellbar.

    Grundsätzlich wird eine gute und attraktive Anbindung an das neue Einkaufsquartier erreicht.

    Die Platzaufweitung an der Kirche wirkt ruhig und klar. Der vorgeschlagene Brunnen wird als wichtiges Element der Platzbildung erkannt. Er ist richtig positioniert, unterstützt die Verkehrsführung über den offenen Platz und schafft eine angenehme Begrenzung für die Außengastronomie. Dafür muss allerdings ein Bestandsbaum weichen, was abgewogen werden muss.

    Durch das Baumfeld auf dem Klosterzugangsbereich werden differenzierte und selbstverständliche Vorzonen um Kirche und Schule gebildet und zur Lange Straße eine Abgrenzung erzeugt.

    Der Lindenplatz wirkt durch den Belagsteppich aus größeren Platten und das um 2 Bäume ergänzte Baumdach gut proportioniert. Die „Stadtbühne“ ist ein wertvoller Beitrag, dessen Abmessungen in Bezug auf die seitlichen Durchgänge sensibel austariert werden müssen.

    Die Gestaltung der Steinstrasse mit der Ergänzung von einigen wenigen Bäumen im Bereich der vorhandenen Bäume ist richtig und schafft gute Aufenthaltsbereiche.

    Die Weiterführung der Grünanlage in die Gustav-Rée-Anlage über das Band aus Bäumen und Holzdecks ist gut entwickelt, im Querungsbereich Lange Straße – Haupteingang Einkaufsquartier könnte das Holzpodest aber eher stören. Nach Osten wäre eine Fortführung der Baumreihe wünschenswert, in der Ausfahrt aus der Ladezone wird min. ein Baum entfallen müssen.

    Mit der durchgehenden Verwendung eines gleichen Pflasterformats von Hauskante zu Hauskante wird eine großzügige Gestaltung erreicht, die im Bereich der Gebäudeanschlüsse noch ausdifferenziert werden muss. Das vorgeschlagene Granitmaterial auf allen Flächen scheint im derzeitigen Budget nicht umsetzbar, die alternative Verwendung von hochwertigem Betonpflaster müsste überprüft werden. Dies gilt auch für den Anschluss an den vorhandenen Stadtboden in den angrenzenden Flächen.

    Die großflächigen Holzdecks, als Lounges oder Bühnen ausformuliert, sind ein neues attraktives Element, das hinsichtlich der Aufenthaltsqualität positiv gesehen wird. Sie bedürfen einer sorgfältigen Detaillierung und sind an einzelnen Standort hinsichtlich der Größe zu überprüfen.

    Das dargestellte Beleuchtungskonzept scheint in seiner Strenge der stadträumlichen Gestaltungsidee zu widersprechen. Der Ansatz mit Seilpendelleuchten in der Steinstrasse, in Kombination mit wenigen Lichtstelen, erscheint zielführender.

    Insgesamt besticht die Arbeit durch ihren einfachen und selbstverständlichen Umgang mit dem Stadtraum sowie dem reduzierten Einsatz von Materialien.