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  • DE-77652 Offenburg
  • 11/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-186435)

Ostflügel


  • Anerkennung

    Perspektive Klosterplatz, © Lützow 7 Cornelia Müller Jan Wehberg

    Landschaftsarchitekten
    Lützow 7 Müller Wehberg Landschaftsarchitekten, Berlin (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    10.000 EUR

    Erläuterungstext
    Bearbeitung mit
    Verkehrsplanung: BPR Dipl. Ing. Bernd F. Künne & Partner Beratende Ingenieure mbB, Hannover
    Lichtplanung: Lichtvision Design & Engineering GmbH, Berlin


    Ostflügel Offenburg

    Leitmotiv
    Der Ostflügel stellt einen gut ablesbaren Teil der Altstadt Offenburgs dar und bietet aufgrund der Straßenstrukturen und Plätze einen spannungs- und facettenreichen Stadtraum. Diese Mischung aus engen Gassen und diversen Straßen- und Platzquerschnitten, sowie typologisch mittelalterlicher Gebäudekörnung gestattet die Möglichkeit mit einem homogenen Stadtboden den städtischen Raum zusammenzuziehen um so die Altstadt noch stärker wahrnehmen zu können.
    Das vor der Stadtmauer gelegene neue Einkaufsquartier und die bestehenden Gebäudestrukturen werden für die Konzeption als Neustadt gelesen und erhalten eine eigene Behandlung, wobei eine Homogenität des Belages beibehalten wird. Lediglich dem gewählten Material und der Körnung erfährt hier eine Änderung, so dass dieser immanente Wechsel im Stadtraum erfahrbar wird. Es ist so möglich den Innenstadtraum als Ganzes und ebenfalls die Differenziertheit und Besonderheit abzulesen.

    Grünzugerweiterung
    Das Glacis als vor der Mauer gelegene Grünraum wurde im 18. Jhd. als Parkstruktur angelegt, die in großen Teilen den Altstadtkern umschloss. Große Teile sind hiervon erhalten geblieben und dienen als wichtige Wegeverbindung und Naherholung. Um diesen Grüngürtel zu stärken und zu schließen wird dieser mit dem aufgewerteten Stadtraum vor dem Einkaufsquartier verwoben. Es wird außerdem die Hochwertigkeit der neuen Außenbereiche mit gastronomischer Nutzung gesteigert und relativ große Straßenquerschnitt auf eine angenehme Maßstäblichkeit gebracht.

    Plätze und Verbindungen
    Entlang der Langen Straße als übergeordnete Verbindung im innerstädtischen Gebiet findet sich eine Aufreihung kleinerer und größerer Plätze, sowie Straßenaufweitungen. Die bestehende Aufenthaltsqualität wurde als wichtiger Bestandteil dieses Stadtgefüges erkannt. Um diesen Plätzen einen eigenen Duktus zu verleihen, markieren Bänderung behutsam die als Platz ablesbare Geometrie. Die Bänder reagieren auf die durch die Gebäudestrukturen vorgegebene Größe und Proportion, bestehen aber im Gesamtbild als einheitliche Handschrift. Darüber hinaus kann das einheitliche Belagsthema trotz einer Betonung der Plätze weiterverwandt werden. Die auf dem Lindenplatz vorhandenen Bäume bleiben bedacht als Torsituation bestehen, finden ihren Platz im umlaufenden Band und werden in den Abendstunden unterseits beleuchtet.
    Im Bereich Gustav-Ree-Anlage / Hauptstraße wird das Prinzip in gesonderter Weise auf dem Vorplatz der Stadtkirche angewandt und so die gewünschte Scharnierfunktion zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt (Lange Straße/Hauptstraße) erzeugt.
    Der Vorplatz zur Mädchenrealschule /-gymnasium „Unserer Lieben Frau“ wird differenziert ausgestaltet, um einen eigenständigen Raum zu generieren. Dies wird mit Gehölzstellungen in der Fortführung der Gebäudelinie und eine Rasenfläche erzeugt. Der Ort orientiert sich zum Schulgelände und erhält so einen geschützten Charakter. Ein langer steinerner Tisch mit Sitzelementen, sowie ein Kiosk geben dem Platz vielseitige Funktionen und Belebtheit.

    Verkehr
    Bei der Umgestaltung des Ostflügels wird vorgesehen, den Parkraum suchenden MIV in die bestehenden und die geplanten Parkhäuser zu leiten und eine Beruhigung insbesondere der Langen Straße zu erreichen. Dies findet weiterhin Beachtung in der Umformulierung der Langen Straße in einen verkehrsberuhigten Bereich als dieser auch konsequent umgesetzt wird. Es wird auf verkehrsführende Elemente in Gänze verzichtet.
    Entwässerungsrinnen strukturieren den Raum. Dasselbe Prinzip findet ebenfalls in der Gustav-Ree-Anlage und in den Fußgängerzonen ihre Anwendung, wo auch hier in Straßenkreuzungen und Einmündungen die Entwässerungslinien aussetzen. Die Verkehrsberuhigung in der Gustav-Ree-Anlage wird bewusst bis zum östlichen Rand erweitert.
    Die übergeordnete Fahrradwegeverbindung wird wie im Bestand belassen. Eine Nutzung der verkehrsberuhigten Bereiche durch Fahrradfahrer ist aber nicht ausgeschlossen.

    Materialität
    Als eine moderne Interpretation eines historischen Natursteinverbandes wird der homogene Pflasterbelag im Altstadtbereich verstanden. Das auf den ersten Blick als Wildverband zu deutendes Belagsmuster basiert im eigentlichen Sinne auf einem sich wiederholenden Pattern, bestehend aus einem 10 x 10 cm Raster, das durch die Nuancierung der einzelnen Pflastersteine seine Diversität und angenehme Belebtheit erhält.
    Als Widerhall der Gebäudestrukturen wird das Pflaster zu den Gebäuden hin transformiert und verändert sich in Größe und Farbauswahl. Die Geometrie der Straßen und Plätze wird dabei sanft wiedergegeben und umspielt. Auf diese Weise wird jeder Platz zu einem Unikat im Stadtverlauf ist dennoch als Gesamtbild verständlich.
    Ist das Belagsmuster im Altstadtbereich in Naturstein ausgeführt, so findet dasselbe Prinzip in der Neustadt als hochwertiger Betonstein in einer leicht vergrößerten Formatigkeit seine Anwendung. Ausnahme bildet hier der vornehmlich befahrene Bereich der ebenfalls im kleineren Format hergestellt wird. Die geplanten Entwässerungsrinnen werden, um die einheitliche Fläche nicht zu unterbrechen, aus dem Fundus der Pflastersteine erstellt und setzen sich so von den in den Plätzen liegenden Rahmen ab, die jedoch im selben Material ausgeführt werden. Grundsätzlich wird für das Pflaster eine gebundene, wasserdurchlässige Tragschicht vorgesehen, um den Anforderungen der Belastungklasse gerecht zu werden.
    Eine einheitliche, robuste, identitätsstiftend Belagsoberfläche mit zeitloser Eleganz wird so geschaffen.
    Der Kostenkennwert wurde berücksichtigt und eingehalten (Anteil Naturstein: ca. 70%, Anteil Betonstein: ca. 30%).

    Beleuchtung
    Die Anzahl der Leuchtentypen ist auf ein Modell, eine rechteckige Lichtstele, reduziert. Es kommt aus wirtschaftlichten Erwägungen (Lichtausbeute, Effizienz und Lebensdauer) ausschließlich LED-Technik als Leuchtmittel in Betracht. Die Lichtfarbe ist warmweiß 3000° K mit mindestens guter Farbwiedergabe. Dies gibt dem Straßenraum eine warme angenehme Grundstimmung mit hoher Lichtqualität. Die Beleuchtung ist über hochwertige Reflektoren auf die jeweilige Aufgabe optimiert. Die Vermeidung von Streulicht spart Energie, vermeidet Blendung sowie Störung der Nachtruhe und trägt zur Vermeidung der Aufhellung des Nachthimmels bei (darksky.org). Dies hat auch positive Aspekte bezüglich des Naturschutzes. Nachtaktive Insekten werden von warmweißen Leuchtmitteln weniger angezogen als von kaltweißem blauhaltigem Licht. Die Leuchtenpositionen sind anhand eines einheitlichen Systems definiert und unterstreichen so die aufgeräumte Struktur. Die Höhe der Stele von 6 m lässt einen wirtschaftlichen Mastabstand von 15 m zu. Die Lichtstele hat zur Fahrbahn eine höhere Lichtpunkthöhe und erreicht so eine größere Gleichmäßigkeit. Im Fußgängerbereich wird mit etwas niedriger Lichtpunkthöhe eine gewisse Akzentuierung ermöglicht. Die Stadtmauer erhält eine Beleuchtung über eine Reihe von Bodeneinbauleuchten. An der Unterbrechung wird auch die schmale Stirnseite der Stadtmauer angeleuchtet. Dies markiert dezent die Portalsituation. Ähnlich wird auch am Lindenplatz vorgegangen; die Bäume werden durch Bodenstrahler beleuchtet und markieren die Torsituation zur Altstadt. Die einheitliche Lichtgestaltung gibt dem Zentrum einen Zusammenhalt im nächtlichen Stadtbild, welches leicht erweitert werden kann. Eine besondere Situation bildet die Klosterkirche mit ihrem Eingangsbereich. Der Dachraum wird mit optimierter Lichtverteilung von der gegenüberliegenden Seite beleuchtet, ggf. mit zusätzlichen Blenden um jede Störung in Nachbargebäuden zu vermeiden. Die 2 Lichtstelen seitlich der beiden großen Bäume beleuchten den unteren Teil der Fassade können aber die beiden Figuren sowie die Freitreppe zum Eingang nicht erfassen. Diese Aufgabe übernehmen je 2 Strahler, die rechts und links des Eingangs an den großen Ästen der Bäume befestigt werden. Ziel ist hier ein harmonisches Gesamtbild für die die Sommer- und Wintersituation. Lichtverteilungen und Wattagen werden hierfür über Bemusterungen festgelegt. Es ist denkbar, die Lichtstele im oberen Bereich mit einer verdeckt hinter einer Blende liegenden „Docking Station“ (mechanische Befestigung sowie elektrischer Anschluss) für Weihnachts- oder Festbeleuchtung auszustatten.

    Mobilierung
    Der Bedarf des Stadtraums nach funktionalen Elementen (Leuchten, Bänke, Abfallbehälter, Pflanzkübel, Fahrradbügel) wird über eine einheitliche Mobiliarfamilie gedeckt. Die Konformität spiegelt sich im Aufbau der einzelnen Elemente wider: Grundprinzip ist ein quadratisches Raster aus dem Profile und Querschnitte der Einbauelemente entstehen und somit auch einen Bezug zum Pflastermaterial und den dort verwendeten Maßen herstellt. Das Stadtmobiliar wird im Straßenraum vornehmlich einseitig verortet. Daraus resultiert ein intuitiv wahrnehmbarer Funktionstreifen, der auch für die Strukturierung des Raumes eine wichtige Funktion übernimmt.
    Es wird ferner eine einheitliche Farbigkeit angestrebt, die sich zurückhaltend und schlicht gestaltet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die städtebauliche Leitidee, die vorhandene Mischung aus Gassen und Plätzen in der Altstadt durch einen homogenen Stadtboden zu stärken, wird grundsätzlich nachvollziehbar umgesetzt.

    Die Abfolge attraktiver Aufenthaltsbereiche im Straßenraum vom Lindenplatz über den Kiosk am Karstadt, den Kirchen- und Klosterplatz bis zur Einmündung Gustav-Rée-
    Anlage / Hauptstraße, führt prinzipiell zur gewünschten Aufwertung und eigenständigen Identität der langen Straße. Auch die Verbindung von Lindenplatz zur Steinstraße wird gut gelöst ohne die Durchgängigkeit der Lange Straße zu konterkarieren. Die Anbindung des Straßenraums an die Nebenstraßen und Einmündungen ist jedoch zu artifiziell und führt zu unverständlichen Brüchen mit dem Bestand.

    Bei der Verkehrsführung sind Mängel im Bereich der Einmündung Glaserstrasse und Lieferausfahrt Einkaufszentrum festzustellen.

    Die Einrahmung des Kirchenplatzes mittels einer abgesetzten Pflasterrinne wirkt willkürlich und widerspricht der Struktur der Lange Straße. Die Nutzbarkeit für Gastronomie ist unnötigerweise eingeschränkt. Die Grünfläche am Klosterparkplatz ist zwar richtig proportioniert, die Erschließung der Privatgrundstücke und die Platzierung des Kiosks sowie die nicht ersetzten Stellplätze werden jedoch kritisch gesehen.

    Die Materialwahl mit Natursteinpflaster in pixelartigem Muster führt zu einer Abgrenzung zur Materialität der Altstadt. Der hohe Anteil an Naturstein lässt der angestrebten Kostenrahmen nicht zu. Die gewünschte Körnigkeit des Materials ist jedoch in einem anderen Material als Naturstein nicht denkbar, so dass das erreichen des eigentlichen Gestaltungsziels nicht realistisch erscheint. Das gewählte Stadtmobiliär ist zwar schlicht, wirkt jedoch etwas zu beliebig.

    Die Differenzierung der nächtlichen Stadträume durch unterschiedliche Lichtpunkthöhen ist erkennbar und wird gewürdigt. Die Wahl der Stelen ins die einseitige Positionierung bedarf der gestalterischen und lichttechnischen Überprüfung.

    Insgesamt stellt die Arbeit einen guten konzeptionellen Beitrag dar, der jedoch insbesondere in der Detaillierung und im Hinblick auf eine wirtschaftliche Realisierbarkeit Fragen offen lässt.