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  • DE-57076 Siegen
  • 05/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-202461)

Die Campus-Universität auf dem Berg - Standortentwicklung Haardter Berg


  • Teilnahme

    Platzbereich Adolf-Reichwein-Straße, © scape Landschaftsarchitekten

    Landschaftsarchitekten
    scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Matthias Funk

    Mitarbeit
    Ben Zemke, Natalia Vergara Forero, Jonas Schäfer, Vivien Ildikó Harmati

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten, Stadtplaner: bueroKleinekort architecture | urbanism | research, Düsseldorf (DE)

    Erläuterungstext
    Entwurfskonzept
    Mit der Weiterentwicklung des Zentralcampus der Universität Siegen am Haardter Berg und der Etablierung eines neuen Standortes im unteren Schloss, schlägt die Universität Siegen einen ambitionierten Weg ein, sich im internationalen Vergleich auch baulich neu zu positionieren. Dies erfordert die einzelnen Fachbereiche räumlich neu zu organisieren, gemeinsame Synergien herauszuarbeiten und diese baulich auszubilden und offensiv zu „leben“. Ein wesentlicher Aspekt dieser Zielformulierung ist neben diesen strukturellen Entscheidungen unter anderem die Transformation der Bestandsbauten am Haardter Berg zu einer identitätsstiftenden und lebendigen Wissenslandschaft, welche sich als Kette von universitären „Leuchttürmen“ in einer prägnanten Stadtsilhouette des Haardter Berges abbildet.

    Jefferson’s klassischer „Campus lawn“ wird als herausragendes Beispiel für ein lebendiges Campusleben auf dem Haardter Berg neu interpretiert und als städtischer Campus ausformuliert, der eng mit der umgebenden Landschaft und Stadtstruktur verzahnt ist.

    Einbindung
    Die Lage der Bestandsgebäude des Zentralcampus auf dem leicht abfallenden Höhengrad des Haardter Berges stellt das zentrale Potential zur zukünftigen Entwicklung der Universität Siegen dar. Eingebettet in die umgebenden Waldflächen der Berghänge und flankiert von kleinteiligen Wohnstandorten, können die vorhandenen Standorte zu einem stadtbildprägendem Zentralcampus entwickelt werden.

    Aus bislang drei Standorten wird ein gemeinsames Stück Stadt zum Austausch der Wissenschaften, zum Forschen, Lehren und Leben entwickelt. Dieses Quartier ist geprägt von einer angemessenen städtischen Dichte, einer identitätsstiftenden räumlichen Wirkung und einer hohen Wertigkeit und Repräsentativität der öffentlichen Freiräume.

    Die öffentliche Freiräume bilden dabei das integrierende Grundgerüst des Haardter Berg-Campus. Rückgrat dieses Freiraumgerüstes ist eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende Campuspromenade, das als barrierefreie Erschließung die einzelnen Standorte miteinander verbindet. Als öffentliche Fuß- und Radwegepromenade dient sie auch zur Verknüpfung der angrenzenden Stadträume untereinander sowie mit dem nördlich angrenzenden Landschaftsraum. Eingebettet ist diese Promenade mit ihren Platzräumen und die sie flankierende Universitätsgebäude in eine offene Parklandschaft, die einen landschaftlichen Filter zu den angrenzenden Wohngebäuden bildet.

    Der gesamte Universitätsstandort bildet ein Campusband das sich im Inneren als Stadt und von Außen als Park präsentiert. Das zentrale Element des Campusbandes bindet entlang seiner öffentlichen Räume alle Campusnutzungen an und sucht zugleich die direkte Verbindung mit der Umgebung. Durchblicke, Zugänge und „Stadtbalkone“ stellen die Beziehung zu dem umgebenden Landschaftsraum her.

    Städtebau
    Die neue Bebauung der Fakultäten am Haardter Berg-Campus konzentrieren sich entlang des Campusbandes. Die weichen und harten Räume zwischen den Gebäuden sind einerseits räumlich Teil des Campusbandes und öffnen sich zu diesem, andererseits bilden sie die Übergänge zur umgebenden Wohnbebauung und darüber hinaus. Sie bilden die öffentlichen und halböffentlichen Räume für die Nutzer, vergleichbar mit denen eines klassischen städtischen Blocks. So ergibt sich eine horizontale Verschiebung der konventionellen Schichtung, der „Blockinnenraum“ wird Teil der Landschaft, die Plätze werden zu einem „inneren Außenraum.“

    Von der Bündelung der universitären und durch Ergänzung von öffentlichen Nutzungen, sowie durch neue Wohnbauten am Campusband, profitieren auch die angrenzenden Siedlungsstrukturen. Der privaten Wohnbebauung der Umgebung kommt dadurch eine neue Bedeutung zu.

    Neben den Anforderungen für das alltägliche Leben, Lernen und Arbeiten, ist die Hochschule immer auch ein Ort von überregionaler kultureller Bedeutung. Hörsäle, Bibliotheken und Verwaltungseinrichtungen bedienen nicht nur den Campus selbst. Sie müssen im städtischen Gewebe als dauerhafte und stabile Fixpunkte kultureller Produktion und gesellschaftlicher Ereignisse verstanden werden. Die Strahlkraft dieser einmaligen Ansammlung öffentlichen Einrichtungen ist in Zeiten zunehmender marktwirtschaftlicher Orientierung der Universitäten wichtiger denn je. Sie sind nicht mehr als selbstverständliche Begleiterscheinung zu begreifen, sondern als besondere Leistung, mit der sich die Hochschule in der Öffentlichkeit ein Gesicht geben kann.

    Diesen zweifachen Anspruch – öffentliche Einrichtung des kulturellen Lebens und identitätsstiftender Faktor der Hochschule – erfüllt das Campusband auf konzentrierte und nachhaltige Art und Weise. Es beherbergt repräsentative öffentliche und universitätsnahe Gebäude am zentralen Platz vor der Bibliothek sowie an den jeweiligen Plätzen der unterschiedlichen Fakultäten. Während das Band somit die veränderlichen Aufgaben des Universitätsalltages (Fakultäten und Institute) trägt, werden die räumlichen und wirtschaftlichen Ressourcen für kulturelle, gesellschaftliche und repräsentative Funktionen am zentralen Campusplatz konzentriert.

    Freiraum
    Die Freiräume des Campusbandes prägen einen differenzierten Lebens- und Lernraum entlang des Höhenrückens des Haardter Bergs. Die Campuspromenade verknüpft die Plätze der Teilräume zu einem zentralen städtischen Freiraumnetz mit variierenden Funktionen. Im Norden liegt als Auftakt ein Platz des Ankommens inklusive Mobilitätshub zwischen Univerwaltung, Parkhaus, Sporthalle und Instituten. Zwischen Audimax, Bibliothek und Mensa liegt der zentrale Platzraum des Campusbandes. Durch Abriss der vorhandenen Ein- und Anbauten wird ein repräsentativer und multifunktional nutzbarer städtischer Platz geschaffen, der große baumüberstandene Aufenthaltbereiche anbietet. Südlich schließt ein terrassierter Platzraum mit Außengastronomie und Zugang zu einem weiteren Parkhaus an. Im Bereich der Hölderlinstraße wie auch an der Paul-Bonartz-Straße werden weitere zentrale Platzräume geschaffen, die die Funktionen Aufenthalt, Veranstaltungen, Gastronomie, Willkommensort in einer klaren räumlichen Figur anbieten. Neben diesen Orten des intensiven Campuslebens, bietet das Campusband auch urbane durch Grün geprägte Freiräume an. Neben zahlreichen kleineren Parkanlagen im Westen des Campusbandes ist es vor allem der zentrale Campuspark der großzügige Aufenthaltsbereiche als auch Freizeitnutzungen bietet.

    Durch die sensible Einpassung der Promenade in die vorhandene Topografie ist es möglich alle Gebäude des Campusbandes barrierefrei zu erreichen. In Bereichen mit längeren Rampen über 6%-Steigung wie auch größeren Treppenanlagen kann der Höhenunterschied über Aufzüge innerhalb der angrenzenden Gebäude barrierefrei überwunden werden.

    Nutzungsmix
    Die angestrebten Baustrukturen bilden klare Kanten zum öffentlichen Raum des Campusbandes und der Plätze und lassen diese als qualitätvolle städtische Räume erfahrbar werden. Nutzungen mit öffentlichem Charakter in den Erdgeschosszonen stärken das Bild eines aktiven städtischen Raumes. Die Baufelder sind so dimensioniert, dass eine vielfältige Bebauung im Block bzw. im offenen Block möglich ist und ein vitaler Nutzungsmix und eine große Nutzervielfalt aufgenommen werden kann. Teilbibliotheken, Copyshops und andere universitätsnahe Nutzungen beleben die öffentlichen Räume.

    Ausgangspunkt für die Neuordnung und Weiterentwicklung des Haardter Berg Campus ist die fakultätsübergreifende Neuordnung der Institute. Im nordwestlichen Campusbereich entsteht das Cluster „Gestaltende Künste“, das die inhaltiche Nähe und die potenziellen Synergien zwischen den Fachbereichen Architektur und Bauingenieurwesen auch räumlich abbildet. Die Ingenieurwissenschaften, bestehend aus Chemie, Physik, Mathematik, Elektrotechnik und Maschinenwesen, reihen sich an der östlichen Hangkante entlang des Campusbandes von der Adolf-Reichwein-Straße bis zur Paul-Bonatz-Straße. Das Zentrum bildet, die öffentlichen Bausteine umschließend, die Philosophische Fakultät. Die frei finanzierbaren Bausteine des Science Campus flankieren den Haardter Berg Campus im Norden und Süden.

    Der Teil der Universität zwischen dem Wilhelm-von-Humbold-Platz und der Paul-Bonatz-Straße bildet nicht nur räumlich und baustrukturell ein Scharnier zur umgebenden Siedlungsstruktur, sondern bezieht sich auch funktional darauf: Hier sind vielfältige Funktionen vorgesehen, die eine moderne Universität ebenfalls ausmacht. Je nach Bedarf und Nutzen können in diesem Bereich, und langfristig auch in den benachbarten Quartieren, die Stadtstruktur und die Hochschule miteinander verschmelzen. Um die dafür erforderliche Flexibilität und Aktivität zu gewährleisten, sind für hier vor allem verknüpfende Funktionen wie Gastronomie, kleinteiliges Gewerbe und nicht zuletzt studentisches Wohnen sowie hochschulnahe Einrichtungen vorgesehen. Dadurch wird gewährleistet, dass ein integriertes Quartier entsteht, welches unabhängig vom Semesterrhythmus Leben und Arbeiten vor Ort ermöglicht.

    Mobilität
    Das Campusband ist als verbindendes Element dem Fußgänger vorbehalten. Zugleich integriert es die Haltestellen der Buslinien als zentrale Ankommens-Orte in den jeweiligen Eingangsbereichen. Durch Ergänzung der vorhandenen Haltepunkte werden auch die südlichen Standorte an der Paul-Bonartz-Straße wie auch die nord-westlichen Standorte an der Hölderlinstraße zukünftig optimal vom ÖPNV bedient. An den Haltepunkten des ÖPNV sollen alternative Erschließungsstrategien wie P+R, Sammeltaxis, Uni-E-Bikes und Car-Sharing-Angebote als Mobilitätshub in das Gesamtsystem integriert werden.

    Vier zentrale Parkhäuser mit insgesamt 1.600 Stellplätzen sichern die Erschließung des Campus durch den motorisierten Individualverkehr. Erreichbar sind diese im Hang liegende bewirtschaftete Parkierungen ausschließlich über die östlich liegende Haupterschließung des Haardter Berges. Daher kann der bisherigen Durchgangsverkehr durch die bestehenden Wohnbebauung auf ein Minimum reduziert werden. Als Campus für Fußgänger und „langsame Verkehrssysteme“ profitieren der Campus und der Wohnstandort Haardter Berg gleichermaßen.

    Entwicklungsstufen
    Die Baufelder sind flexibel, in zeitlichen Stufen zu entwickeln und können architektonisch und programmatisch unterschiedlich ausgeformt werden, um auch auf zukünftige Bedarfe und sich wandelne Realitäten in der Hochschulwelt reagieren zu können.
    Ihre Größe erlaubt die Belegung von Institutsgebäuden mit bis zu 9.000 qm BGF oder die Unterteilung in zwei, auch unterschiedliche Baukörper je Baufeld gleichermaßen.

    Der Umzug der Wirtschaftswissenschaften ins untere Schloss und der Neubau der Bauvolumen inkl. der zentralen Parkierungen an der nord-östlichen Hangkante, welche zukünftig zusammen mit dem Bestand die Fachbereiche Chemie, Physik und Mathematik beherbergen, ermöglicht eine grundlegende Sanierung und Neuorganisation des Bestandsgebäudes an der Hölderlinstraße.
    Letzterer fungiert in der zweiten Phase als „Umzugshelfer“ für weitere Flächenrochaden und wird danach zum großen Institut für „Elektrotechnik und Informatik“. In einem nächsten Schritt entsteht durch die Integration der Fachbereiche Kunst, Musik, Architektur und Bauingenieurwesen fakultätsübergreifend das Cluster „Gestaltende Künste“ im Bereich der ehemaligen Haardter-Berg-Schule. Diese Konzentration im nördlichen Campusbereich wiederum ermöglicht es dem Fachbereich Maschinenwesen, den erforderlichen Flächenbedarf in einem eigenen Cluster an der Paul-Bonatz-Straße zu realisieren.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit zeichnet sich durch eine ausgewogene Mischung von Platz- und Grünbereichen mit guten Raumqualitäten aus.

    Die zentrale Verbindungsachse erhält eine abwechslungsreiche Gestaltung zwischen begleitender Bebauung und Ausblicken in die freie Landschaft.

    Als positive Beiträge werden hier insbesondere die Lösungen im Bereich des Wilhelm-von-Humboldt-Platzes und im Zugangs-bereich von Norden an das neue AVZ gesehen.

    Für den Bereich des zentralen Platzes auf dem Adolf-Reichwein-Campus finden sich keine schlüssigen Angaben, wie mit der schwierigen Topografie umgegangen werden soll. Die Anbindung von dort an die südlichen Teilbereiche erfolgt über eine sehr aufwendig angelegte große Treppenanlage, die räumlich durch eine Bebauung gefasst wird, die sich sehr weit in den Hang hinein schiebt.

    Die neuen separaten Zugänge zu den drei vorgesehenen Parkhausstandorten am vorhandenen Erschließungsnetz erscheinen sinnvoll. Kritisch zu sehen sind die Platzierung des Sportplatzes auf dem Parkhausplateau und die extremen Bauhöhen zur Ostkante. Der vorgeschlagene Abriss des gerade fertig gestellten SSC erscheint unrealistisch.

    Insgesamt hat das Konzept mit vielen interessanten und richtigen Entscheidungen in einzelnen Bereichen größere Schwächen.

    Anmerkungen zum Verkehr
    Die MIV-Verkehrserschließung erfolgt konsequent von Osten, indem das Parkierungsangebot mit vier neuen Anlagen hier konzentriert wird und damit alle ebenerdigen Stellplätze ersetzt.

    Das Busnetz wird konsequent auf die Hochschulnutzung mit einer Vielzahl von Haltestellen ausgerichtet, berücksichtigt dabei aber die Erschließung des Wohnstandortes nicht gleichermaßen. Die Idee von vier „Mobilitäts-Hubs“ mit ergänzenden Angeboten auch für die Nahmobilität ist hier zukunftsweisend.