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  • DE-73728 Esslingen
  • 07/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-205153)

Urbane Straßen und Plätze in der „Neuen Weststadt"


  • 2. Preis

    Perspektive Stadtteilplatz, © Latz + Partner

    Landschaftsarchitekten, Stadtplaner
    LATZ+PARTNER LandschaftsArchitektur Stadtplanung, Kranzberg (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    12.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die Fleischmannstraße besitzt eine wichtige Verbindungsfunktion als zentrale, gebietsinterne Fuß- und Radwegeachse vom Bahnhof zum Roßneckarkanal und bis ins ehemalige Hengstenberg-Areal.
    Es ist notwendig, verschiedenartige Nutzungen und Angebote entlang der linearen Struktur zu verteilen und Orte mit unterschiedlichem Charakter zu schaffen. Dabei bilden der Quartiersgarten und der Stadtteilplatz Schwerpunkte, welche durch die Einbeziehung der historischen Elemente zu Identifikationsorten werden.


    STADTTEILPLATZ

    Die Anforderungen an den Stadtteilplatz sind vielfältig und zum Teil sehr widersprüchlich. Er sollte gleichzeitig möglichst frei gehalten werden und flexibel sein, um verschiedene Veranstaltungen wie Wochenmärkte, Konzerte oder ein open-air-kino zu ermöglichen. Gleichzeitig muss er unterschiedliche Raumcharaktere von hoher Qualität aufweisen und alle Anwohner zum Aufenthalt einladen. Besonders durch die noch ungeklärte Nutzung des Blocks E sollte der Platz anpassungsfähig gestaltet und langlebig ausgestattet sein.

    Durch die großflächige Verwendung der Natursteinplatten, die durch die unterschiedliche Oberflächenbehandlung eine Veredelung erfahren, ist der Platz multifunktional nutzbar und kann auf alle Entwicklungen auf der Südseite adäquat reagieren.
    Durch die Verwendung des gleichen Materials und Formats entstehen Synergieeffekte mit dem Bahnhofsvorplatz, so dass vor allem die langfristigen Unterhalts- und Pflegekosten minimiert werden können. Das eingefügte Muster in der der Oberfläche erinnert an die ehemaligen linearen Strukturen der Bahnnutzung und stellt einen weiteren Informationslayer dar. Neben den umgebenden Bauvolumina wird der Platz durch locker gesetzte Bäume im Norden und Westen gefasst, die schattige und geschützte Bereiche schaffen und die Bestandsbäume wie selbstverständlich integrieren.
    Der südliche Bereich des Platzes wird durch den erhaltenen Portalkran bestimmt, der die Dominanz des 7-geschossigen Gebäudes abmildert und in den Nachtstunden mit einer Effektbeleuchtung den Platz bespielt.
    Im Norden und Westen wird der Platz durch eine großzügige Sitzskulptur gefasst, die in Teilen mit Rücken- und Armlehnen ausgestattet ist. Trinkbrunnen spenden im Sommer und an heißen Tagen eine kleine Erfrischung. Insgesamt bietet der Stadtteilplatz als freie Fläche einen angenehmen Gegensatz zur engen und dichten Weststadt; er ist als Universalraum vielförmig nutzbar und mit dem Naturstein als Oberfläche sowie dem neuen Sitzelement nachhaltig ausgestattet.

    Der Portalkran stellt ein wichtiges historisches Identifikationselement der Weststadt auf dem Stadtteilplatz dar. Um den Kran im öffentlichen Raum aufzustellen und die Standsicherheit und die Sicherheit der Besucher gewährleisten zu können, müssen einige
    Arbeiten vorgenommen werden. Zum einen werden alle Leitern und Aufstiegshilfen entfernt und bis in eine Höhe von 2.5 m ein transparentes Lochblech installiert, durch das die bestehende Struktur sichtbar und erfahrbar bleibt. Abstehende Teile und solche, von denen Verletzungsgefahr ausgehen können, werden entfernt oder ebenfalls mit Lochblech verkleidet. Da das Gesamterscheinungsbild für uns von größter Bedeutung ist, sollte der Kran von leicht verrottbaren Teilen sowie hydraulischen und elektrischen Elementen befreit werden. Durch die Reduktion auf die Skelettstruktur ist die Instandhaltung und der Korrosionsschutz auf partielles ausbessern durch lokale Neubeschichtung begrenzt.


    QUARTIERSGARTEN

    Der Quartiersgarten bildet einen angenehmen Ruhepol und Ausgleich zur umgebenden dichten und sehr steinernen Weststadt. Als wichtiges historisches und identitätsstiftendes Element werden die Gleise und Schienendrehkreuze erhalten und in den Entwurf integriert. Auf die Schienendrehkreuze werden Sitzelemente mit langlebigen Holzauflagen und Rückenlehnen montiert, die so gleichzeitig eine Aufenthaltsqualität und einen Bezug zur Historie des Ortes darstellen. Die Elemente sind umgeben von einer wassergebundenen Wegedecke, die als weicher Belag einen Kontrast zur Fleischmannstraße darstellt und die Möglichkeit zur Außenmöblierung eines Cafés bietet.
    Der großzügige Pflanzbereich des Quartiersgartens ist mit einer extensiven Gräser- und Staudenmischung bepflanzt, die im Zusammenspiel mit den erhaltenen Sommerlinden und den neu gepflanzten fiederblättrigen Bäumen einen introvertierten und schattigen Stadtgarten schaffen, der zum Ausruhen und Verweilen einlädt. Im westlichen Teil des Gartens ist eine Seilskulptur mit verschiedenen Ebenen in Form eines Gugelhupfes geplant, welche ebenfalls in einer wassergebundenen Wegedecke steht und als Spielgerät für Kinder aller Altersgruppen dient. Die umlaufende Einfassung aus Betonfertigteilen variiert in der Höhe von 3 bis 50 cm, bietet den Nutzern und Gartenbesuchern so ein sicheres und geschütztes Gefühl und die Möglichkeit zum Aufenthalt.


    OBERFLÄCHEN

    In der “Neuen Weststadt“ werden die bestehenden und schon verwendeten Materialien und Oberflächen aufgegriffen und weitergeführt. An bestimmten Orten werden diese Materialien durch kleine Abwandlungen veredelt und schaffen dadurch eine besondere Qualität: Die Granitplatten auf dem Stadtteilplatz erhalten einen schmalen Streifen mit gesonderter Oberflächenbehandlung wie z.B. Stocken oder Sägen.
    Das verwendete Betonsteinpflaster wird in den Parkplatz- und Zufahrtsbereichen mit (Rasen-)Fugen verlegt und verringert so den Versiegelungsgrad. Die Bereiche der Tempo-30-Zone werden asphaltiert, Aufenthaltsbereiche werden mit wassergebundenen Wegedecke befestigt. Die restlichen Flächen werden als städtischer Teppich einheitlich mit dem empfohlenen Betonwerkstein belegt. Der hohe Versiegelungsgrad der Oberflächen im öffentlichen Raum wird durch additive Versickerungsmaßnahmen mehr als kompensiert.


    BAUMSTRUKTUR

    Die Baumstruktur im öffentlichen Raum nimmt die rechtwinklige und lineare Struktur der Straßen und Bebauung auf, unterstützt so die städtebauliche Figuration und dient der Orientierung im Quartier.
    Die bestehenden Sommerlinden in der Fleischmannstraße werden in die Neuplanung integriert und mit neuen fiederblättrigen Arten wie Sophora japonica oder Gleditsia triacanthos ergänzt. Durch die lockere Baumstellung erhält der Stadtteilplatz eine Sonderstellung und unterstreicht die die Wichtigkeit des Platzes. Auch hier sind lockere, gefiederte Arten geplant, die stadtklimafest und für zukünftige Klimaänderungen ausgelegt sind.


    BELEUCHTUNG

    Der bestehende Beleuchtungskatalog der Stadt Esslingen am Neckar wird in der “Neuen Weststadt“ aufgenommen und fortgeführt. Um dem von Fußgängern und Fahrradfahrern dominierten Charakter gerecht zu werden sind sowohl in der Fleischmannstraße als auch in den Nebenstraßen (Verlängerung der Kandlerstraße und Kollwitzstraße) die Leuchten Saturn1 von Selux vorgesehen. Auf dem Stadtteilplatz erhält der historische Portalkran eine besondere Effektbeleuchtung, welche das identitätsstiftende Element besonders in Erscheinung treten lässt und so auch nachts den Platz beleuchtet und bespielt. Diese Inszenierung wird von der Lichtstele Malmsheim begleitet.
    Alle verwendeten Gestaltungselemente und deren Zusammenwirken schaffen eine Wiedererkennbarkeit und eigene Identität für die “Neue Weststadt“. Die ausgewählten Materialien können und sollen auch in den westlichen Teilen der Weststadt fortgeführt und verwendet werden. Durch das Zusammenwirken der Elemente und die Kontinuität der Materialien entsteht Urbanität und Identität. Zur taktilen Führung durch das Gebiet werden die neuen, oft linearen Elemente des Freiraumkonzepts genutzt, um eine möglichst natürliche und schwellenfreie Leitung durch das Quartier zu ermöglichen. Als Beispiel hierfür können die kontrastreiche Entwässerungsrinne in der Fleischmannstraße oder der Oberflächenwechsel am Stadtteilplatz genannt werden, die einen sicheren Bereich entlang der Gebäude schaffen, die auch als solche zu erkennen sind.


    VERKEHRSKONZEPT

    Um die Aufenthaltsqualität auf den Platzbereichen (Stadtteilplatz, Quartiersgarten und Bahnhofsplatz) zu erhöhen werden Teile der Fleischmannstraße als autofreier Bereich ausgewiesen. Die übrigen Flächen der Fleischmannstraße werden als verkehrsberuhigte Bereiche beschildert und erschließen die Quartiere und Parkplätze. Die geforderte Anzahl von PKW-Stellplätzen und Abstellmöglichkeiten für 120 Fahrräder werden gleichmäßig im gesamten Quartier verteilt.


    GRÜN- UND GARTENRÄUME

    In der Neuen Weststadt werden verschiedenartige Grünraum- und Gartenräume angeboten. Hervorzuheben ist hier der Quartiersgarten, der als introvertierter, schattiger Bereich für Kinder zum Spielen geeignet ist; die Staudenpflanzung und die schützende Sitzmauer laden Erwachsene zum Ausruhen und Verweilen ein. Die autofreie Zone vor dem Beet unterstützt diesen Charakter. Die grünen Inseln zwischen den Parkplätzen bilden kleine Trittsteine entlang der Fleischmannstraße; auch sie bieten die Möglichkeit sich kurz hinzusetzen und bilden in Verbindung mit den grünen Innenhöfen und dem Grünkorridor entlang der Neckarauen eine hervorragende Grünversorgung des Gebiets.


    ENTWÄSSERUNGSKONZEPTION

    Ziel des Entwässerungskonzepts ist, die Abflussmenge in die zentrale Regenwasserbehandlungsanlage (Stauraumkanal) so weit wie möglich zu reduzieren. Hierzu wird das Oberflächenwasser über offene und gedeckte Rinnen in gesondert konstruierte Baumgräben und den Quartiersgarten geleitet und hier versickert. Bei Starkregenereignissen leitet ein Überlauf das Wasser in Rigolen, die im spartenfreien Bereich der Fleischmannstraße liegen. Das Oberflächenwasser des Stadtteilplatzes wird mit Vorschaltung von Absetzschacht und Ölabscheider ebenfalls in die Rigole eingeleitet. Durch diese Maßnahmen liegt der Abflussbeiwert der öffentlichen Oberflächen der gesamten Weststadt bei 0,239.
    IKK - Auf dem Gebiet der IKK bleibt die Nutzung als Parkplatz erhalten; lediglich die die Lage der einzelnen Stellplätze wird neu organisiert und eine Zufahrt von Norden her installiert. Zur Abschirmung werden kleine Heckenstrukturen geschaffen, welche den privaten Charakter des Areals unterstützen. Es bleibt jedoch ein kleiner Durchschlupf zum alten Zollamt und zum Innenhof des Hotels erhalten.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Kette von unterschiedlich gestalteten und nutzbaren Räumen entlang der urbanen Fleischmannstraße wird positiv gewertet. […] Die Platzgestaltung bietet in der Weise einen Identifikationsort, als er die unterschiedlichsten Nutzergruppen – Studenten und Anwohner - zusammenführen kann. Er ermöglicht einerseits die multifunktionale Bespielung des Platzes und andererseits ruhige Aufenthaltsbereiche in den Randzonen. […] Der große Gewinn der Arbeit liegt in der klaren Konzeption und in der qualitativ und atmosphärisch hochwertigen Gestaltung des Stadtteilplatzes.