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  • DE-49074 Osnabrück
  • 07/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-206539)

Berliner Platz


  • Teilnahme

    Neuer Kleistplatz mit Blick auf Fahrradhighway und Neubau, © scape Landschaftsarchitekten

    Landschaftsarchitekten
    scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Matthias Funk , Hiltrud Maria Lintel , Prof. Rainer Sachse

    Mitarbeit
    Melanie Eiler

    In Zusammenarbeit mit:
    Stadtplaner: ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS GmbH, Köln (DE)
    Verkehrsplaner, Stadtplaner: BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, Aachen (DE)

    Erläuterungstext
    – Freiraum

    Die Freiräume des Berliner Platzes definieren ein differenziertes Freiraumnetz unterschiedlicher Typologien in Abhängigkeit ihrer städtebaulichen Position. Die innerstädtische Dichte des Quartiers wird in der Maßstäblichkeit der aufgeweiteten Gehwege, Platzbereiche und Gartenhöfe ausformuliert.

    Im Kreuzungsbereich des Berliner Platzes einstehen durch die zurückweichenden Fassaden aufgeweitete Gehwegbereiche als Vorplätze der angrenzenden Bebauung. Neben der Funktion als großzügig dimensionierte Bewegungsflächen für Fußgänger, stellen sie die ruhige Grundfläche dar, auf der die stadträumlich prägnanten Gebäude die neue Adresse des Berliner Platzes bilden.

    Die dreieckige Grundform des Wittekindplatzes wird mittels einer straßenbegleitenden Baureihe vom Verkehrsraum getrennt, so dass ein Platzraum entsteht, der sich hervorragend für den kurzfristigen Aufenthalt sowie die Nahversorgung im Umfeld der Bushaltestellen anbietet. In der Erdgeschosszone der begleitenden Bebauung können entsprechende Angebote mit Aktionszonen vor den Ladengeschäften angesiedelt werden. Die Sicht- und Wegebeziehung zum Berliner Bahnhof wird über diesen Platz freigehalten.

    Der Gartenhof vor dem Berliner Bahnhof wird durch die umgebende Bebauung deutlich von den umgebenden Verkehrsräumen getrennt, so dass ein ruhiger Innenhofbereich entsteht. Je nach Nutzung der umgebenden Gebäude durch Kunst, Kultur oder Gastronomie, können die angrenzenden Freiräume als multifunktionale Aktions- oder Ausstellungsflächen sowie als Gastronomieterrassen genutzt werden. Die vorhandenen stadtbildprägenden Bäume werden auf grüne Inseln gestellt, die um 50 cm aus dem Stadtboden herausgehoben sind, so dass die umlaufenden Einfassungen als Sitzbänke genutzt werden können. Die grünen Inseln sind so platziert, dass sowohl klar definierte Eingangsituationen in den Gartenhof formuliert als auch ein offener Veranstaltungsplatz vor dem ehemaligen Bahnhofsgebäude geschaffen werden. Im süd-östlichen Hofbereich werden über großzügige Treppenanlagen Wegeanschlüsse an die Überführung Wittekindstraße sowie an die Unterführung des Bahndamms geschaffen. In einem ersten Bauabschnitt können die umgebenden Gebäudekonturen ebenfalls als erhöhte Grünflächen angelegt werden, so dass eine nutzungsoffene Grünanlage als Vorfeld des ehemaligen Bahnhofs entsteht.

    Südlich der Wittekindstraße liegt ein überdachter Platzbereich als Vorfahrt für das angrenzende Hotel und Eingangsbereich in den gegenüber liegenden Wohnkomplex für Studenten. Der terrassierte Innenhof dieser Wohnanlage bietet zahlreiche Freizeit- und Sportangebote für die umgebende Wohnnutzung.

    Parallel zum Bahndamm wird eine Hauptradwegetrasse als Radschnellweg über eine Brücke in Verlängerung der Eisenbahnstraße über die Wittekindstraße geführt. Eine großzügige Platzanlage verbindet über barrierefrei geneigte Flächen die verschiedenen Niveaus der Brücke, der Kleiststraße und der Bahnunterführung zur Buersche Straße. An diesem Platzbereich liegen die öffentlichen Zugänge zu einem Fahrradparkhaus sowie eines Fitnessstudios im angrenzenden Gebäuderiegel.

    Alle im Umfeld des Quartiers gelegenen Straßen werden mit einer lockeren Baumreihe begleitet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebauliche Gesamtkonzeption
    Der Entwurf definiert drei Baubereiche: ein großes Baufeld südöstlich der Wittekindstraße, einen Bereich um den ehemaligen Hannoverschen Bahnhof und einen im Nordwestquadranten des Berliner Platzes.
    Der Bereich des Berliner Platzes wird durch eine wohltuende Rücknahme der Baufluchten zu einer rautenförmigen Platzfläche aufgeweitet, die sinnvolle Bewegungsräume für Passanten anbietet und so dem Motiv „Mobilitätsdrehscheibe“ Rechnung trägt.
    Durch einen achtgeschossigen Baukörper Ecke Goethering/ Kleistraße wird ein städtebaulich überzeugendes Pendant zum gegenüberliegenden Sparkassenhochhaus geschaffen.
    Der benachbarte Baublock bis zur Bahnstrecke nimmt eine öffentliche Tiefgarage mit 300 Stellplätzen auf, die über die Kleiststraße funktional gut angebunden sind.
    Kritisch wird das Volumen des Baublocks bewertet, welches vom Gremium als überdimensioniert empfunden wird. Das formulierte Ziel einer Weiterentwicklung der Innenstadtstruktur über kleinteilige Elemente kann hier nicht wiedergefunden werden. Die Öffnung der Kubatur zur Bahn verringert aufgrund des zu erwartenden Lärms die Aufenthaltsqualität im aufwändig gestalteten, terrassierten Innenhof. Die Dominanz des Baukörpers wird durch das Dach zum Nachbargebäude im 4. OG verstärkt.
    Der Bereich um den Hannoverschen Bahnhof erhält durch drei neue Baukörper eine neue Fassung, die hinsichtlich der Höhenentwicklung und der Abstände denkmalpflegerisch gut umgesetzt ist.
    Das Zurücktreten des benachbarten Baublocks in der Achse zum Hannoverschen Bahnhof öffnet auf sinnvolle Weise den Blick auf das historische Bauwerk. Die durch den hohen Versiegelungsgrad eher städtische Ausformung des Platzes suggeriert jedoch eventuell eine öffentliche Funktion des Bahnhofes, den dieser schon seit langem nicht mehr wahrnimmt. Weiterhin formulieren die amorphen Gebäudeformen bewusst einen asymmetrischen Stadtraum, der einen - innerhalb des Gremiums unterschiedlich bewerteten - Kontrapunkt zur Gebäudegeometrie des Hannoverschen Bahnhofes setzt.
    Angesichts der entwurfsimmanenten starken Fokussierung der Aufenthaltsqualität in diesem "intimen" Raum stellt sich die Frage nach der angemessenen Dimension und dem Charakter des Platzes. Es bleibt zu vermuten, dass die sehr großkronigen Bestandsbäume diesen kleinen Raum sehr stark dominieren.
    Die vorgesehenen öffentlichen Nutzungen (Museum, Kunstgalerie und Restaurant) sind an dieser Stelle investiv kaum zu realisieren. Die ökonomische Realisierbarkeit der dargestellten Gebäude bleibt damit fraglich, zumal Gastronomie und Museum zu nicht unerheblichen Teilen über den - eigentlich freizuhaltenden - Kanalverläufen des Hauptsammlers positioniert sind.
    Der Entwurf hält alle bisherigen Verkehrsbeziehungen aufrecht und greift die Chancen einer stadtverträglicheren Quartierserschließung nicht auf. Insgesamt ist die Arbeit damit klar verkehrsdominiert und verzichtet - wohl als gewählte Haltung - auf wohltuende Grünelemente im Straßenraum.
    Positiv wird die Planungsidee einer Radmagistrale gesehen, die an der Kleiststraße mit einer platzartigen Öffnung und der Niveauabsenkung zum Gleistunnel qualitätvoll beginnt, die Wittekindstraße im direkten Anschluss an die Bahnbrücke an der richtigen Stelle quert und eine äußerst wünschenswerte Radverbindung in den Bereich Hasetor und die nordwestlichen Stadtteile bietet. Leider werden die Chancen einer besseren Vernetzung mit dem Karlstraßenquartier und der Innenstadt nicht genutzt. Darüber hinaus bestehen Zweifel an der Umsetzbarkeit dieses Elements in der dargestellten Form (siehe nachfolgende Erläuterungen).

    Verkehr
    Positiv wird die Grundkonzeption einer Radschnellroute parallel zu der Bahntrasse gewertet. Die Umsetzbarkeit scheint jedoch in der dargestellten Form kaum realistisch. Die notwendige Durchfahrtshöhe der Wittekindstraße wird auf der stadteinwärts führenden Fahrbahn deutlich unterschritten. Die Rampe würde sich entsprechend länger hinter dem Hannoverschen Bahnhof Richtung Nordosten ziehen. Insgesamt geht diese Rampe erheblich zu Lasten der Nutzungsqualitäten des Bahnhofsgebäudes und liegt darüber hinaus sowohl auf Privatfläche, als auch auf Flächen der Deutschen Bahn. Die eigentumsrechtlichen Konstellationen sind damit als sehr ungünstig zu werten.
    Die bestehende Quartierserschließung wird funktional fortgeschrieben. Die Beibehaltung vollwertiger Einmündungen aus bzw. in die Karl- und Kleiststraße von bzw. zur Wittekindstraße wären verkehrlich nicht erforderlich und führen zur Verkehrsbelastung aufenthaltsrelevanter Flächen.
    Das Gremium kommt zu der Überzeugung, dass der Entwurf weiterhin die Dominanz des MIV akzeptiert und die Möglichkeit einer Verkehrs(flächen)reduzierung bewusst verwirft. Mit dieser Entscheidung erschweren sich die Autoren die stadträumliche Auf-wertung.
    Die unmittelbare Nachbarschaft der signalisierten Fußgänger- / Radverkehrsquerung im Bereich Wittekindsplatz zur bestehenden Kreuzung Berliner Platz ist verkehrstech-nisch problematisch.
    Eine Radverkehrsbeziehung vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt (Schillerstraße) wurde leider nicht nachvollziehbar herausgearbeitet.
    Das Haltestellenkonzept ist insgesamt nicht plausibel.

    Landschaftsarchitektur
    Das Freiraumkonzept zeigt differenzierte, kleinräumige Orte auf, die jedoch in der Typologie, besonders vor dem Hannoverschen Bahnhof mit den 2-geschossigen Solitärgebäuden, keine überzeugend neue Adresse bilden.
    Gleichfalls birgt der steinerne Platzraum durch weiterhin bestehende verkehrliche Funktionen potentielle Gefahrenzonen. Im Bereich der bahnbegleitenden Ost-West-Verbindung werden analog zum aufgeweiteten „Kleistplatz“ weiterführende Aufweitun-gen bzw. Interventionen im stadträumlichen Kontext vermisst. Für den gesamträumlichen Verkehrsraum der Magistrale incl. der neuen Vorplätze wird der Wegfall von Baumpflanzungen kritisiert.

    Fazit
    Insgesamt bemüht sich die weit durchgearbeitete Arbeit erkennbar um eine angemessene und qualitätvolle stadträumliche Antwort. Die Hinweise aus dem Zwischenkolloquium wurden weitgehend aufgegriffen und insbesondere im Bereich des Berliner Platzes wurde der Entwurf erheblich verbessert.
    Es bleiben jedoch bei zentralen Entwurfselementen technische oder normative Fragen. Der gewählte Grundansatz einer sehr urbanen ("steinernen") Konstellation an der Wittekindstraße/ Berliner Platz und einer Fokussierung der Aufenthaltsqualiäten im Bereich vor dem Bahnhofsgebäude erscheint falsch. Aus den genannten Gründen ist diese Arbeit nicht als Grundlage der weiteren Planungen geeignet.