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  • DE-70173 Stuttgart, DE-70173 Stuttgart
  • 07/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-207218)

Dauerausstellung Hotel Silber


  • 2. Rang

    Längsschnitt, © büroberlin

    Architekten, Innenarchitekten, Szenographen
    büroberlin, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Julia Neubauer , Ruth Schroers

    Erläuterungstext
    Idee
    Im Hotel Silber soll ein offener Begegnungs- und Diskussionsort für ganz unterschiedliche Besucher entstehen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, schlagen wir vor, im Erdgeschoss möglichst offen zu gestalten und Hemschwellen für zufällige Besucher niedrig zu halten. Innere Trennwände werden durch eine Glaswand ersetzt, um Offenheit und Transparenz zu schaffen. Als einladende Geste ragt aus dem Gebäude einen Windfang vor, welcher den Eingang markiert.

    Die Ausstellung im 1. Obergeschoss befasst sich mit der Geschichte des Orts als Gestapozentrale. Leider wurde das Gebäude in seiner Geschichte so oft umgebaut und überformt, dass kaum mehr Spuren aus der Zeit erhalten sind. Wand- und Bodenbeläge wurden in mehreren Renovierungs- und Umbauphasen vernichtet, Mobiliar ist schon lange keins mehr vorhanden. Im Großen und Ganzen im Original erhalten sind die historische Raumstruktur und die Lage der Fenster. Unser Entwurf verändert diese nicht.

    Wir schlagen vor, die Atmosphäre der Konfrontation zwischen Opfern und Tätern, welche sich in den Räumen abgespielt hat, mit Hilfe szenografischer Mittel wiederzubeleben und für den Besucher erfahrbar zu machen.

    Unterschiedliche Installationen mit und ohne Einsatz von Medien sprechen eine große Vielfalt von Besuchern unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters an und verknüpfen die Inhalte mit der Gegenwart des Einzelnen.

    Der Geschichtsort im Stadtraum
    Die Umwandlung des früheren Hotels Silber zum Geschichtsort ist bereits von aussen sichtbar. Der Windfang aus Messing ragt als verformte Polygonfläche aus dem Gebäude hervor und markiert den Eingang. Schon vor Betreten des Gebäudes begegnet der Besucher hier dem ersten Fenster in die Vergangenheit. Die Seiten des Windfangs dienen als Präsentationfläche für die Geschichte von Eugen Bolz. Im Dach wird ein Projektor untergebracht, welcher in regelmässigen Abständen eine kurze Animation auf die Tür projeziert.

    Auf der Fassade präsentieren sich auch schon die ersten grafischen Elemente, welche dem Besucher im Geschichtsort Hotel Silber immer wieder begegnen werden. Ein großer Teil des ersten und zweiten Obergeschosses des Ostflügels wird mit einem Netz überspannt, welches auch um die Ecke ragt. Es markiert die neuen Ausstellungsbereiche und ist aus beiden Zugangsrichtungen sichtbar. Die Netzstruktur wird mit einem großformatigen Logo des neuen Geschichtsorts überlagert. Die Aussenwerbung präsentiert sich in den Farben weiß und blau, welche auch im Inneren des Gebäudes zum Einsatz kommen.

    Geschichte des Hotels Silber
    An der Wand des Flurs, welcher vom Eingangsbereich das Diskussionsforum im Erdgeschoss erschließt, wird in chronologischer Abfolge die Geschichte des Gebäudes von seiner Entstehung als Hotel Silber bis zu seiner heutigen Nutzung als Geschichtsort erzählt.

    Die Wand zwischen Flur und Seminarräumen wird komplett geöffnet und durch eine Glaswand ersetzt. Davor werden in einem regelmässigen Rhythmus vertikale Lamellen angeordnet. Auf der zum Eingang zugewandet Ansichtsfläche der Lamellen werden die Abschnitte eines historischen Fotos des Gebäudes so installiert, dass sich die Einzelteile für den Besucher, der den Flur betritt, zu einem Bild zusammensetzen.

    Auf dem Rückweg präsentiert sich dem Besucher die Rückseite der Lamellen, wo nach dem gleichen Prinzip ein Foto des Gebäudes als Geschichtsort verteilt ist.

    Auf den Glasflächen zwischen den Lamellen werden die verschiedenen Etappen der Gebäudenutzung thematisiert und bebildert. Im Bereich der Grafik ist das Glas milchig, als Sichtschutz für die Seminarräume und für eine gute Lesbarkeit der Inhalte der Chronologie.

    Durch die Anordnung der Gebäudegeschichte im Flur bleibt diese auch dann zugängig, wenn im Vortragssaal oder in den Seminarräumen Veranstaltungen stattfinden. Sie ist direkt an den Eingangsbereich angeschlossen, die Hemmschwelle für zufällige Besucher dadurch niedrig.

    Fenster in die Vergangenheit
    Als Projektionsflächen dienen stets mit den einzelnen Geschichten verbundene Gebäudeteile, wie z.B. das Fenster am Pförtnerhaus (Franz Hirth), oder die Lage der früheren Tür zum Restaurant (Hochzeit). Sie werden durch eine polygone Messingfläche gerahmt. Dadurch werden die Orte markiert. Das Material setzt sich von den restlichen Gestaltungselementen der Ausstellung ab und kann in allen Räumen eingesetzt werden. Der Besucher erkennt die Fenster in die Vergangenheit sofort wieder, wenn er ihnen auf seinem Rundgang begegnet.

    Tritt ein Besucher an eines der jeweiligen “Fenster” heran, startet eine das Exponat begleitende Animation, die die zu erzählende Geschichte visuell aufbereitet. Sie greift einzelne Elemente daraus auf. Die Projektion selbst findet direkt auf dem Gebäudeteil statt. Sie erscheint bruchstückhaft, in einer reduzierten und abstrakten Schwarz-Weiß-Ästhetik an der Stelle, wo sich die Geschichte ereignet hat und verschwindet wieder. Begleitende Exponate werden in der Messingfläche präsentiert.

    Prolog und Epilog
    Das Fenster in die Vergangenheit zur Gedenktafel im Eingangsbereich dient auch als Prolog und Epilog.

    Die Projektion erzählt den sich in der Stuttgarter Gesellschaft festgesetzen Gebrauch des Namens “Hotel Silber”. Zugleich wird die sowohl zynische als auch euphemistische Weiterverwendung jenes Namens durch Assoziationen zu den folgenden Institutionen konterkariert.

    Am Ort, wo sie früher hing, wird die Gedenktafel projiziert. Die Erzählung folgt der auf der Gedenktafel befindlichen Chronologie. So formieren sich die ersten zwei Zeilen der Gedenktafel. Die Schrift “Hotel Silber” löst sich daraufhin von der projizierten Gedenktafel ab und wandert nach rechts auf die Wand. Dabei verwandelt sich der Schriftzug in das historische Logo um das sich dazugehörige Schlagworte legen. Nach kurzer Zeit verblassen sämtliche Worte und das Logo wandert wieder als ursprünglicher Schriftzug der Gedenktafel auf dieselbige zurück.

    Dieses Prinzip setzt sich fort, mit dem Unterschied, dass jede weitere Nutzung auf der rechten Wand nur kurz besteht und vom Namen “Hotel Silber” verdrängt wird. Die Nutzung “Polizeidienststelle” wird durch Zitate aus dem Brief der Tochter Heinrich Silbers überlagert.

    Auch hier setzt sich abermals “Hotel Silber” durch, bleibt nun jedoch bis zum Ende der noch folgenden Animationen stehen. Ab diesem Punkt wird die Gedenktafel durch zwei neue Abschnitte ergänzt - “1985 Initiative Lern- und Gedenkort” und “2017 Geschichtsort Hotel Silber”. Dieser letzte Schriftzug wird auf der rechten Wand zum Logo des Museums. Dieses wird durch Eintragungen aus dem Gästebuch und heutigen Assoziationen zum Hotel Silber überlagert. Damit endet die Animation und beginnt wieder von vorne.

    Rundgang
    Der Rundgang durch die Ausstellung im 1. Obergeschoss beginnt im Flur, und von dort geht es in den ersten Raum auf der rechten Seite. Hier befindet sich das erste Kapitel.

    Am Ende jeden Kapitel wird der Besucher wieder in den Flur geführt, bevor es im nächsten Raum weitergeht. Erstreckt sich ein Kapitel über mehrere Räume, werden diese durch Durchbrüche in den Trennwänden miteinander verbunden. Am Ende der einen Seite angelangt, überquert der Besucher den Flur und setzt seinen Rundgang auf der anderen Seite fort.

    Einzelne Trennwände, welche zur Gestapozeit nicht vorhanden waren, wurden entfernt, um partiell größere Räume zu schaffen. Ansonsten wurde die historische Zellenstruktur erhalten. Auch die Fenster sollen mit Ausnahme der früheren WC-Fenster ablesbar bleiben, sie werden lediglich verdunkelt.

    Am Ende seines Rundgangs gelangt der Besucher nicht mehr in den Flur, er wird direkt ins Treppenhaus entlassen.

    Farbgebung Kapitel
    Kapitel I werden die Besucher mit der Farbe Blau empfangen. Diese verläuft innerhalb des Raumes zu Schwarz, als Symbol für die Wandlung von der Demokratie zur Diktatur.

    Kapitel II und III, welche die Zeit von der Machtübernahme bis zum Zusammenbruch des Naziregimes behandeln, werden in einer strengen Schwarz-weiß Ästhetik gestaltet. Schwarz steht für die Täter. Die Farbe legt sich wie ein Schatten über große Teile des jeweiligen Raums und besetzt diese. Weiß steht für den Raum, der den Opfern blieb. Dieser wurde mit der Radikalisierung des Sytems immer kleiner. Kapitel IV zum Ende der Gestapo ist ganz schwarz.

    Kapitel V erhält einen helleren Blauton, in dem aber immer noch ein nicht geringer Schwarzanteil enthalten ist, als Symbol für die Kontinuitäten nach 1945.

    Zuschauen, Hinschauen, Anschauen
    Beim Betreten der Dauerausstellungsfläche im 1. Obergeschoss befindet sich der Besucher im Flur. Eine Installation, welche den ganzen Raum einnimmt, soll ihn auf die Ausstellung einstimmen. Bevor er die Büros betritt, die als Räume der Täter belegt sind, kann er sich hier den Opfern widmen. Durch die Installation soll er dazu angeregt werden, vom Zuschauer zum Akteur zu werden.

    Der Flur ist komplett in weiße Farbe getaucht. An den Wänden ist auf Aughöhe ein umlaufendes Band angeordnet, welches sich aus vielen Rechteckformaten zusammensetzt. Auf diesen ist auf den ersten Blick nichts zu erkennen. Nähert sich der Besucher einem Bereich der Wand, erscheinen dort die Porträts von Menschen, die Opfer der Gestapomitarbeiter im Hotel Silber wurden. Die Personen, die in der Ausstellung erwähnt werden, sind im Bereich der Räume angeordnet, in denen ihr Schicksal thematisiert wird.

    Bei manchen Proträts können in einem weiteren Schritt zusätzliche Informationen eingeblendet werden. Einzelne Rahmen bleiben auch bei näherem Herantreten weiß. Sie stehen für die Opfer, die unbekannt geblieben sind.

    Eine Tonkulisse, welche sich einschaltet, wenn der Besucher in die Nähe einer Tür kommt, ergänzt die Präsentation. Einzelne Wortfetzen aus Gesprächen, die hinter den Türen stattgefunden haben, sind erkennbar.

    Am Ende des Flurs befindet sich ein Spiegel, welcher die Perspektive noch überhöht und die Anzahl der Bilder vermehrt.

    Schnittmengendarstellung
    Die letzte Wand des ersten Kapitels dient der Darstellung der Schnittmengen der Mitarbeiter der Politischen Polizei zwischen März und November 1933. In einer strengen Reihung werden die 220 Porträts zu einem Rechteck geordnet. Einzelne Portraits sind durch ihre Größe hervorgehoben.

    Eine Animation veranschaulicht die Darstellung. Die Verglasung, hinter der die Porträts präsentiert werden, ist steuerbar (switchable glass), sie kann zwischen den Modi Milchglas und Klarglas wechseln. Durch Umschalten zwischen den beiden Modi wird dargestellt, ob die Person zu der gerade besprochenen Gruppe gehörte oder nicht.

    Die Entwicklungsschritte werden linear erzählt. Während der linearen Animation sind immer nur die der jeweiligen Gruppe zugehörigen Portraits sichtbar. Darüber an der Wand wird mittels Projektion parallel erläuternder Text angezeigt.

    Die hervorgehobenen Portraits ermöglichen zudem jederzeit und zusätzlich zur laufenden Animation eine Interaktion. Tritt ein Besucher an eines der größeren Portraits heran, wird zu jenem vertiefende Information angezeigt. So bieten die exemplarischen Biografien bereits einen kurzen Einstieg in die bevorstehenden Themen der Ausstellung. Hier können durch Verweise Verknüpfungen innerhalb der Ausstellung hergestellt werden.

    Die Schnittmengendarstellung 1945 würde auf ähnliche Art aufgearbeitet und auf der gegenüberliegenden Flurseite in gleicher Form präsentiert (siehe Querschnitt).

    System
    Über die schwarz angelegten Flächen in den Räumen der Kapitel II und III legt sich eine Wandgrafik, welche “das System” Gestapo darstellt. Die Grafik spinnt ein Netz durch die Räume und verknüpft einzelne Informationen und Inhalte.

    Das System nimmt seinen Ursprung im zweiten Raum (Kapitel II), wo die Position der Gestapo innerhalb des NS-Apparats dargestellt wird. Die Installation besteht aus drei Ebenen, welche sich von der Wand lösen und als Raumstruktur dreidimensional werden. Die oberste Ebene des System mit Adolf Hitler und seinem unmittelbaren Umfeld liegt als Grafik auf der Wand. Das Netzwerk baut sich immer weiter in den Raum auf, bis man auf der vorderste Ebene bei den Abteilungen und Referaten der Gestapo angekommen ist. Hier wird anhand der Bezeichnung der Abteilungen und Referate ihre Verknüpfungen mit der rassistischen Ideologie des Regimes sichtbar.

    Das Netz dient auch dazu, die Position des Hotels Silber im regionalen und überregionalen System der Gestapo einzuordnen. In die Felder der Grafik können die verschiedenen Textebenen sowie Informationsgrafiken integriert werden. Auch Vitrinen mit Originalobjekten, welche das System der Gestapo erläutern, kann diese Ebene aufnehmen.

    Im Kapitel III dient die Grafik dazu, das System des Auswärtigen Einsatzes zu erklären. Eine Europakarte am Boden, an der die Einsatzorte der Stuttgarter Gestapo-Beamten markiert sind, wird über die Netzgrafik mit Inhalten und Informationen an der Wand in Beziehung gesetzt.

    Konfrontationen
    Ausgewählte Einzelgeschichten werden als Konfrontation zwischen einem Täter und einem Opfer dargestellt. Beide werden benannt, dadurch können Handlungsspielräume sowie die Konsequenzen der Handlung jedes Einzelnen dargestellt werden. Die Konfrontation findet in einer freistehenden Vitrine statt, welche auf der Farbgrenze zwischen dem schwarzen Täterbereich” und dem weißen Opferbereich platziert ist. Die Farbgrenze verläuft auch über die Vitrine.

    Jeder der Protagonisten wird durch mindestens ein Objekt dargestellt. Das Objekt zum Täter liegt auf der schwarzen Fläche, das Objekt des Opfers auf der weißen Fläche. Um beide zu betrachten, muss der Besucher die Seite wechseln, er wird gezwungen, die Seite zu wechseln und die schwarze Fläche zu betreten. Je nach Inhalten können die Körper auf denen die Konfrontation stattfindet unterschiedlich geformt sein.

    Auf der weißen Wandfläche könnten zusätzliche Informationen zu den Opfern, insbesondere Vernetzungen, dargestellt werden.

    Document reader
    Am Beispiel der Geschichte des Pfarrers Theoder Dipper soll gezeigt werden, auf welche Art die Konfrontation, die zwischen Herrn Dipper und der Gestapo stattgefunden hat, dem Besucher näher gebracht werden kann.

    In einer freistehenden Vitrine werden einander gegenüberliegend das Schreiben der Gestapo und Theodor Dippers Brief unterhalb eines transparenten Displays gezeigt. Dies ermöglicht zwei Personen den gleichzeitigen Einblick in die Originaldokumente.

    Durch das Herantreten eines Besuchers werden auf der entsprechenden Seite Textstellen im Originaldokument in Form einer Animation hervorgehoben. In einem weiteren Schritt werden diese Stellen durch zusätzliche Informationen erläutert bzw. thematisch vertieft.
    Die animierte textuelle und bildliche Erweiterung der Dokumente kann interaktiv sein oder läuft in einer Schleife bis der Besucher die Vitrine verlässt.

    Pepper’s ghost
    Für die Geschichte von Helmut Baumann wurde eine weitere Art der medialen Aufarbeitung von Originalexponaten dargestellt, die auch an anderer Stelle zum Einsatz kommen kann.

    In einer Glasvitrine einander gegenüberliegend befinden sich das Dokument der Spruchkammer und die Anstecknadel.
    Tritt ein Besucher auf Seiten der Anstecknadel an die Vitrine heran, erklingt lokal mittels Richtlautsprechern die Musik “Du-immer wieder du” begleitet von einer Animation wandernder Musiknoten.

    Nach kurzer Zeit “erheben” sich Worte (wie z.b. “Aufforderung zur Wehrdienstverweigerung” oder “Kopf des sogenannten Swingklubs”) aus dem gegenüberliegenden Dokument der Spruchkammer und führen zur Störung der sich bewegenden Musiknoten, begleitet von Störgeräuschen (Knacksern, Verlangsamung, Tonhöhenänderung) in der Musik. Verlässt der Besucher die Vitrine werden Musik und Animation ausgeblendet.

    Durch das visuelle und auditive Zusammenwirken beider Exponate wird ihre geschichtliche Verbindung versinnbildlicht und erzeugt Interesse für das schriftliche Exponat.

    Aufgrund des jungen Alters von Helmut Baumann und dem Bezug zur Musik bietet sich diese Geschichte an, um Jugendliche für die Ausstellung zu interessieren. Es wäre denkbar, einen iPod mit der Darstellung einer Playlist zur Steuerung der Installation zu integrieren.

    Taschenlampenraum
    Der Raum, in dem das Kapitel IV (Ende der Gestapo) behandelt wird, stellt den Zusammenbruch des Systems dar. Der ganze Raum ist schwarz. Alles wird unter den Teppich gekehrt und manche Beamte verschwinden im Untergrund. Um die Inhalte aufzudecken, bekommt jeder Besucher am Eingang des Raumes eine Taschenlampe, mit der er die Inhalte selbst aufdecken soll.

    Eine leuchtende Lichtkante am Boden signalisiert die Position der Einbauten, die den Wänden entlang angeordnet sind. Der Boden und die Wände heben sich in diesen Bereichen, auf den Flächen und in Vertiefungen können Inhalte und Exponate präsentiert werden.

    Die Texte leuchten eine Zeit lang nach, um den Besucher bei seiner Suche zu unterstützen und ihn zu motivieren.

    Nachkriegszeit
    Im letzten Raum, der die Nachkriegsgeschichte behandelt, wird der Besucher von einer neutralen, graublauen Stimmung empfangen. Auch der Boden hat den gleichen Farbton. An manchen Stellen klappt sich der Boden nach oben, um dem Besucher Inhalte zu zeigen. Dadurch kommt darunter eine schwarze Fläche zum Vorschein. Durch eine Öffnung mit Lupe in der Präsentationsfläche kann der Besucher auf die untere Fläche schauen. Die Geschichte, die auf der oberen Fläche erzählt wird, wird dadurch mit Ereignissen verknüpft, die zwischen 1933 und 1945 stattgefunden haben. Hier werden Brüche und Kontinuitäten erläutert.

    Die ganze Fläche der Wand zum Treppenraum wird durch eine Installation eingenommen, welche die Polizei heute zum Thema hat. Auf der obersten Ebene, für alle im Raum sichtbar, stellt eine Grafik das große Vertrauen der Deutschen in Ihre Polizei dar. Bei der Wand handelt es sich um eine Glasscheibe, welche mit einem blickkontrollierenden Film belegt ist.

    Wenn man im Winkel zur Wand durchschaut, ist das Glas milchig. Nur wenn man gerade auf das Glas schaut, ist es durchsichtig und man kann die Inhalte dahinter erkennen. Hier werden aktuelle Fälle von Übergriffen der Polizei auf mehreren Bildschirmen dargestellt.

    Diese werden oft mit Handykameras gefilmt und über soziale Netzwerke verbreitet. Hier bietet sich ein guter Einstieg in die Ausstellung für Jugendliche. Ausserdem sind nicht selten Minderheiten betroffen, ein Anknüpfungspunkt für Ausstellungsbesuche von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wie die erste Installation im Flur soll auch diese zum Hinschauen und aktiv Werden animieren.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Zentrale Entwurfsidee ist eine eigenständige Raumsinzenierung, die sich von dem bestehende Gebäudestruktur löst und Räume mit Erlebnisscharakter erzeugt. Die Räume sind in ihrer Ausgestaltung vielfältig und niedrigschwellig zu erleben.

    Als Auftakt der Ausstellung dient bereits im Erdgeschoss eine in Scheiben aufgelöste Flurwand mit bedruckten Lamellen. Diese wird konträr diskutiert und würde voraussichtlich einen großen Eingriff in die Baustruktur erfordern.

    Wenig überzeugend ist der Vorschlag für die Fassade. Sowohl der Windfang aus Messing als auch die Netzstruktur wirken beliebig. Das Obergeschoss beinhaltet einen „Erlebnissparcours“ geprägt durch einen Rundweg mit einer Schwarz-Weiß Gestaltung, der die Thematik ins Unterbewusstsein überführt. Es besteht die Gefahr einer Überfrachtung. Ein starker Gegenwartsbezug ist vorhanden.

    Ein Entwurf mit einem eigenständigen, vielfältigen allerdings nicht ganz zeitlosem pädagogischen Konzept geht leider auf Kosten der das Gebäude prägenden Raumstruktur, die noch original aus der Epoche besteht, die Thema dieser Ausstellung ist.


INFO-BOX

Angelegt am 06.08.2015, 11:08
Zuletzt aktualisiert 13.08.2015, 10:51
Beitrags-ID 4-107292
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