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  • DE-70174 Stuttgart, DE-70191 Stuttgart
  • 10/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-213306)

Umbau der Evangelischen Martinskirche zum erweiterten Gemeindezentrum


  • 1. Preis


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    Architekten
    prinzmetal Architekten, Stuttgart (DE)

    Verfasser
    Gerald Klahr , Werbick Aaron

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: Engelsmann Peters Beratende Ingenieure, Stuttgart (DE), Graz (AT)
    Akustikplaner, Brandschutzplaner: Kuhn Decker GmbH & Co. KG, Sindelfingen (DE)
    Landschaftsarchitekten: A24 Landschaft, Berlin (DE)
    TGA-Fachplaner: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart (DE), München (DE), New York, NY (US), Paris (FR)
    sonstige Fachplaner: Edgar Fuchs GmbH, Aschaffenburg (DE)

    Preisgeld
    14.500 EUR

    Erläuterungstext
    Seit nunmehr zehn Jahren greift das Profil der Martinskirche in Stuttgart-Nord die Vielseitigkeit der unmittelbaren Umgebung – eines multikulturellen und von künstlerischer Vielfalt geprägten Standortes – auf und lebt und diskutiert diese in ihren diversen kulturellen Angeboten. Im Zuge der städte- baulichen Veränderungen in Stuttgart-Nord ist es eine konsequente Entscheidung das Profil der Kirche zu stärken und diese in Form eines umfassenden Umbaus räumlich zu unterstützen.

    Eine klare Entscheidung ist es die gelebte Form als räumliches Konzept umzusetzen und durch minimale Eingriffe unter Wahrung denkmalpflegerischer und ästhetischer Aspekte, eine größtmögliche Flexibilität in der Bespielbarkeit, der Nutzung sowie räumlicher und historischer Verknüpfung der Räume zu erreichen, und eine Beziehung zwischen dem Innen und Außen herzustellen.

    Die Beziehung von Innen und Außen manifestiert sich in der Neuaufteilung der Kirche nach Addresaten. Der obere Kirchplatz bleibt in seiner Form erhalten und wird lediglich über ein Sitzmöbel und eine Bepflanzung ergänzt. Somit hält dieser das Versprechen einer Kontinuität und einer Tradition und vermittelt der Nordgemeinde weiterhin gewohnte Anblicke und ein Gefühl der Vertrautheit. Über das Sitzmöbel und die landschaftliche Aufwer- tung des Platzes erhält dieser eine neue Aufenthaltsqualität die insbesondere für junge Menschen der unterschiedlichen Gemeindeinstitutionen attraktiv ist. Der Platz ist als verknüpfendes Element der Innenräume zu lesen – Gottesdienst- und Veranstaltungsraum sowie sämtliche Jugendräume und die Gemeindebüros sind diesem zugeschaltet. Der obere Kirchplatz bleibt ein Ort der Gemeinde.
    Der neue Martinsplatz entsteht östlich der Martinskirche in ummittelbarem Bezug zum neuen Grüngürtel und dem Schmidtgen Areal. Ein Akzent wird über den Gute-Hirte-Brunnen gesetzt, der zentral nordöstlich des Kirchengebäudes platziert wird und in Verbindung einer Tradition neue Bezüge und Offenheit präsentiert. Der Andachtsraum schließt sich ebenfalls diesem Gedanken an und ist daher direkt zum Grüngürtel hin ausgerichtet. Die Ostfassade der Kirche wird die neue Anlaufstelle der verschiedensten Nachbarschaften und Milieus im Umfeld der Martinskirche. Der neue Eingangs- bereich im UG mit ebenerdigen Zugang zu Ausstellungsflächen, dem Bistrobereich und Martinscafé bietet einen Ort zum Versammeln und über seine topografische Bespielung mit hölzernen Sitzmöglichkeiten und begrünten Flächen einen Platz zum Verweilen.

    Der Innenraum der Kirche vertritt eine Symbiose aus den charakteristischen Merkmalen des Wiederaufbaus und der ursprünglichen Gestalt von 1937. Das Tonnengewölbe als gestaltgebendes Element des Wiederaufbaus bleibt erhalten. Die Anmutung der ursprünglichen Flachdecke über definiert plat- zierte Querbalken, die Profilierung der Altarwand sowie die Öffnung der Arkaden zum Foyer geben dem Raum aber auch seine reduzierte, kubische Erscheinung zurück. Die Orgel kann in ihrem Bestand und Registervolumen erhalten bleiben, erhält lediglich über sechs neue Pfeifen eine reduzierte Gestaltung als flaches Wandprospekt. Zeitgleich wird der Raum über entsprechende Eingriffe in seiner Flexibilität und Adaptionsfähigkeit für die Zukunft gerüstet. Hauptsächlich verantwortlich hierfür ist die Neugestaltung der Empore, deren Einbauten, die multifunktionalen Querbalken (at- mosphärische, zonierte Beleuchtung, Beamervorrichtung, Trennvorhang, etc.) sowie die neuen Erschließungswege. Die Einbauten ermöglichen viele räumliche Nutzungsvarianten mit ihren großflächigen Türen, die sich sowohl im Erd- wie im Obergeschoss nach Innen öffnen und somit abgetrennte Räume (Martinskapelle und Gemeindesaal) dem Veranstaltungsraum zuschalten lassen. Die sich bildenden Wandschotten dienen im offenen Zustand als Zonierung der Sitz- und Verkehrsflächen. Im geschlossenen Zustand bilden sie als ruhiger, zentrierter Raumabschluss ein Pendant zur Altaransicht. Charakteristisch für den Entwurf ist, dass den Räumen klare Belegungen zugeteilt sind, deren Möglichkeiten temporärer Neubelegung dadurch jedoch keine Grenzen gesetzt sind.

    Der Entwurf ist die Antwort auf die Kombination einer sakraler Atmosphäre mit spielerischer Varianz.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Durch die Neustrukturierung der Martinskirche zum Gemeindezentrum entsteht ein spannender Dialog mit dem städtebaulichen Umfeld. Der obere Kirchplatz bleibt in seinem vertrauten Erscheinungsbild bestehen und dem Besucher erhalten. Ergänzt wird der Bereich lediglich durch ein Sitzmöbel, welches angenehm zum Aufenthalt einlädt.
    Richtung Osten - zur Stadt und zur Wohnbebauung - öffnet sich das Gemeindezentrum, wirkt einladend, begrüßt die Besucher und ist selbstverständlich. Dies wird in hohem Masse anerkannt. Allerdings werden Lage, Höhenlage und Ausformung der vorgelagerten Freibereiche kritisch diskutiert, sowie die neue Position des Brunnens abgelehnt. Die vorgeschlagene interne Nutzungsverteilung unterstützt stärkend das Konzept und wird begrüßt. Jugend und Gemeindebereiche, Veranstaltungs- und Gottesdiensträume orientieren sich zum oberen Kirchplatz, hier ist nach wie vor der Ort der Gemeinde und dieser wird durch die Anordnung des Rauminneren sensibel verstärkt. Zum unteren neuen Martinsplatz öffnet sich das Kaffee mit seiner Ausstellungsfläche und verknüpft richtigerweise das Kirchengebäude mit der Nachbarschaft und setzt hier neue Impulse.

    Durch die gut strukturierte innere Aufteilung der Funktionen können die drei Hauptbereiche unabhängig von einander genutzt werden. Positiv ist die hohe Flexibilität, die das neue Gemeindezentrum bietet und in sämtlichen Ebenen vorhanden ist. Die hier gebotene Anpassungsfähigkeit der Räume lässt einen hohen Gestaltungsspielraum für den Nutzer zu. Die vorgeschlagene vertikale Erschließung ist richtig positioniert und ergänzt und offeriert ein klares Erschließungsprinzip.

    Der Bistrobereich ist richtig positioniert, sollte jedoch hinsichtlich seiner Größe, Raumanordnung und Belichtung überprüft und überarbeitet werden. Die Integration seiner bedeutenden Geschichte mit Sichtbarmachung des alten Bunkergrundrisses als Bodenornament, der Wahrung alter Details, Relikte und Oberflächen ist wohltuend und wichtig. Dies könnte jedoch noch intensiver ausformuliert werden. Der Andachtsraum wird in seiner Lage kontrovers diskutiert. Unbefriedigend ist die Treppe, welche das Geschoss mit dem Kirchplatz verbindet, diese sollte entfallen.

    Die hohe Flexibilität des Gottesdienst- und Veranstaltungsbereiches ist sehr überzeugend. Hier ist die Anordnung der Räume äußerst gelungen lässt ein lebhaftes und buntes Gemeindeleben erwarten.
    Das vorgeschlagene Einbauelement im Gottesdienst und Veranstaltungsraum ist in seiner anpassungsfähigen Funktion überzeugend. Allerdings ist das Erscheinungsbild in Proportion, Größe und Gestik zu mächtig für den reduzierten Kirchenraum und sollte überarbeitet werden. Auch ist es schade, dass die Details (Decke, Empore) der Wiederaufbauarchitektur nicht gebührend respektiert werden, vor allem aus denkmalpflegerischen Gründen.
    Die Öffnung zum Seitenschiff wird anerkannt. Die Schließung des letzten Bogens wird von Seiten der Denkmalpflege stark kritisiert Das Seitenschiff wird sinngemäß in seiner räumlichen Qualität belassen und verbindet sich wohltuend. Der Westflügel mit seiner Raumaufteilung für den Jugend- und Gemeindebereich ist richtig und stimmig.
    Hier ist die Belichtung jedoch zu prüfen.

    Die wenigen Eingriffe in die Fassaden des Kirchengebäudes geschehen einfühlsam und integrieren sich gut in das Erscheinungsbild der Kirche.

    Mit dem Umbauentwurf der Evangelischen Martinskirche zum multifunktionalen Gemeindezentrum Stuttgart-Nord gelingt den Verfassern ein Kombination aus Wahrung der traditionellen Werte und neuer Impulse im Kontext eines bedeutenden historischen Baudenkmals.


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