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  • DE-55131 Mainz, DE-55122 Mainz
  • 10/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-198773)

Wohnen am Hartenbergpark


  • Anerkennung

    Schwarzplan, © 03 Arch.

    Architekten
    03 Architekten GmbH Architekten BDA, Stadtplaner DASL, München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: realgrün Landschaftsarchitekten, München (DE)
    Bauphysiker: Müller-BBM GmbH, Planegg/München (DE), Berlin (DE), Dresden (DE), Frankfurt (DE), Gelsenkirchen (DE), Hamburg (DE), Karlsruhe (DE), Köln (DE), Nürnberg (DE), Reutlingen (DE), Stuttgart (DE), Weimar (DE)

    Preisgeld
    3.000 EUR

    Erläuterungstext
    Mainz wächst.
    Die Nachfrage nach qualitätvollen Wohnungen in städtischen und gleichzeitig von Grün geprägten Lagen hält an.
    Die topografisch herausragende Situation an der Jakob-Steffan-Straße mit Ihrem Blick über die Stadt hinweg in Richtung Rhein-Main-Ebene hat dem Ort schon in vergangenen Jahrhunderten seine strategische Bedeutung gegeben.
    Das vorgeschlagene Konzept befasst sich mit der Geschichte des Ortes, der kristallienen Formensprache der barocken Festungsanlagen aus der Zeit, als Mainz kurfürstliche Residenzstadt war.
    So entsteht eine charakteristische Form, die einerseits Geschichte weitertransportiert, jedoch gleichzeitig mit einem ganz eigenen, räumlich vielseitigen Ausdruck - wie ein Palimpsest - seine eigene, neue Zeit manifestiert.
    Die raumhaltige Struktur der großen sternförmigen Randbebauung nutzt die besondere Lage für ein neues Wohnquartier mit abwechslungsreichen Ausblicken, Bezügen zum Hartenbergpark, einer der beliebtesten Grünanlagen der Stadt.


    Polarität und Identität.
    Durch Vermeidung größerer Gestaltungsinterventionen behalten die umgebenden Außenbereiche den Charakter der „Stadtwildnis“ - vorbehalten dem Naturspiel und dem Naturerlebnis im übergeordneten innerstädtischen Kontext.
    Gegenüber diesen naturräumlich geprägten Freibereichen, zeigen die inneren Hofstrukturen einen urbanen, gärtnerischen Charakter.
    Ziel ist hierbei die Versorgung der zukünfitgen BewohnerInnen mit differenzierten, vielfältig nutzbaren Freiräumen unter Berücksichtigung der Einbindung in die vorhandenen und geplanten Freiraum- und Erschliessungsstrukturen des übergeordneten Stadt- und Landschaftsgefüges.
    Die städtebauliche Großform fügt sich konsequent in die großmaßstäblichen Grün- und Freiflächen wie auch in die geschützten Grünbestände des Naturdenkmals im umgebenden Stadtorganismus ein. Ein differenziertes Erschließungsystem aus übergeordneten öffentlich und halböffentlich gewidmeten Wegen stellt die gewünschte Vernetzung im Stadtquartier her. Private Gartenwege überlagern das übergeordnete Erschliessungssystem und erschliessen „schlaufenartig“ die privaten Hauszugangsbereiche.
    Begriffe wie Ruhe und Geborgenheit, Durchlässigkeit und Trasparenz, Dynamik, Enge und Weite, Licht und Schatten, Flexibilität, Nutzungsoffenheit und individuelle Aneignung, wie auch Ökologie und Nachhaltigkeit, Robustheit und Kostenbewusstsein in Herstellung und Unterhalt bestimmen die freiraumplanerische Herangehendsweise.


    Bauen in der Lichtung.
    Die vorhandenen Qualitäten des Orts macht sich die Neuentwicklung zu eigen, ohne gestalterisch oder baulich in die wertvollen vorhandenen Grünstrukturen außerhalb der klaren Konturen zu nehmen.
    Die vorgeschlagene Baustruktur setzt sich behutsam in die, von der Peter-Jordan-Schule hinterlassene, Lichtung im vorhandenen dichten Grün. So ist für das neu entstehende Quartier bereits von Beginn an eine hohe Freiraumqualität gesichert.
    Es entsteht ein ganz eigenes, neues Quartier mit urbanen Qualitäten und einem hohen Wiedererkennungswert und einer einprägsamen Identität für seine Bewohner und Besucher.


    Form follows Topography.
    Die vorgefundene Topografie, die vielseitigen Blickbeziehungen, die erhaltenswerte Baumstrukturen und die vorgefundene Lichtung in der Parklandschaft lassen wie von selbst die städtebauliche Grundfigur eines unregelmäßigen Sterns entstehen, die sich auf das vorhandene flache Plateau niedergelassen hat.
    Es entsteht eine lichte Bebauung „mitten im Wald“, die in Ihrer räumlichen Spannung und Atmosphäre an die Zitadelle erinnert.
    Dabei bilden mehrere Einzelgebäude einen großzügigen städtebaulichen Raum, der mit seiner Urbanität seine Vorbilder in den Reformhöfen der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hat.


    Flipperprinzip.
    Ein szenographisch entworfener Raum nimmt die Hauptverbindung vom südlich ankommenden Grünzug auf und leitet den Besucher in den Hartenbergpark. Der öffentlich geprägte Hauptweg entwickelt sich entlang von Raumfolgen, die sich immer wieder auf ein neues verschließen, um sich dann wieder ähnlich einer Theaterkulisse zu öffnen und den Blick in gestalterisch verschieden geprägte Hofräume freizugeben.
    Entlang von „Meilensteinen“ in Form von Schwerpunkten oder Köpfen an den Baukörperenden, von denen er förmlich angezogen und wieder abgestoßen wird, bewegt sich der Weg im Zickzack durch den Binnenraum.
    Funktionen mit öffentlichem oder gemeinschaftlichem Charakter liegen in den Erdgeschossen der Gebäudeköpfe am Quartierszugang und in der grünen Quartiersmitte und sind somit leicht auffindbar.


    Die Architektur der Stadt.
    Mit der städtebaulichen Figur ist der Grundstock geschaffen für eine urbane, städtische Architektur, die entlang des Binnenhofraums mit ihren Hauseingängen und Fassaden den Stadtraum definiert.
    Dabei bildet jeder der Baukörper einen Teilbereich des Hofs aus, die mit ihrer eigenen identitätsstiftenden Gestaltung kleinmaßstäbliche Nachbarschaften entstehen lassen, in denen geförderte und frei finanzierter Wohnungen gemeinsam als sozial gemischtes Quartier funktionieren.


    Garten und Park.
    Während sich die großen Wohnungen jeweils zum Binnenraum und zum Naturraum des Parks orientieren, liegen kleinere Wohnungen zum ruhigen Hof. Über die an der Außenfassade liegenden, natürlich belichteten Treppenhäuser partizipieren aber alle Bewohner an den beiden grundsätzlich verschiedenen Freiraumqualitäten.
    Dabei genießen vor allem die oberen Wohnungen, die dem Segment der höherpreisigen freifinanzierten Wohnungen zugeordnet werden können, den Blick über die Baumkronen in die Rhein-Mein-Ebene.


    Wohnen plus.
    Wohnen - das bedeutet für uns eine Idee für jede einzelne Wohnung zu entwickeln, bei der Wohnen zum räumlichen Wagnis wird.
    Die Binnendifferenzierung innerhalb der Wohnung, ein System von Schwellen zwischen privaten und öffentlichen Zonen schaffen interessante Raumfolgen, die die BewohnerInnen vom Ankommen im Quartier bis in die privaten Rückzugsbereiche begleiten.
    Die jeweilige Lage im Haus vom Erdgeschoss bis in die zurückgestaffelten Dachgeschosse wird genutzt, um besondere Qualitäten in den Wohnungen zu schaffen.
    Überhöhte Wohnbereiche, private Gartenaustritte, Dachterrassen auf unterschiedlichen Höhenniveaus bieten vielseitige Raumerlebnisse.
    Es sind die verwinkelten, räumlich abwechslungsreichen Situationen, die besonderen Ecken, wie die verschieden hohen Wohnräume in den einzelnen Wohnungstypen, die später von Ihren Benutzern und Benutzerinnen geliebt werden und zu dem Wohnkomfort führen, den wir schätzen.
    Wohnungen, die man sich aneignet, weil sie zu eigenen geworden sind und dadurch für den Einzelnen mehr darstellen, als gewöhnlichen Geschosswohnungsbau.


    Flexibilität.
    Das Wohnkonzept versucht mittels möglichst gleich großer und nutzungsneutraler Räume ein hohes Maß an Flexibilität für den Wohnungsschlüssel zu erreichen. So kann über Schalträume und unterschiedliche Gebäudetiefen nahezu jeder Wohnungsschlüssel erreicht werden; auch sind Varianzen der Wohnungsgrößen innerhalb der einzelnen Wohnungsarten möglich.
    Gleichzeitig wird versucht auch dem späteren Nutzer eine gewisse Aneigenbarkeit und Flexibilität, bei gleichermaßen hoher Robustheit der Grundrisse zu gewährleisten. Die klar zonierten Grundrisse, insbesondere der großen Wohnungen, sind höchst familientauglich. Es entstehen überschaubare Hausgemeinschaften mit 8-15 Wohnungen je Treppenhaus, die dennoch sehr wirtschaftlich erschlossen sind.


    Erstellung.
    Die vorgeschlagene Konstruktion erfolgt in Ziegelbauweise aus hochisolierten Thermoziegeln und Decken in Stahlbeton aus halb-vorgefertigten Filigrandecken. Der Innenausbau erfolgt vorzugweise ebenfalls in Ziegel, alternativ mit Gipsfaserplatten.
    Die Fassaden erhalten eine Verkleidung aus hochglänzenden, reliefierten Keramikelementen. Die Fenster sind als Holz-Aluminium-Fenster vorgesehen. Der Sonnenschutz erfolgt über textile Senkrechtmarkisen.
    Die dargestellten Grundrisse weisen für die jeweilige Konstruktion optimierte Spannweiten auf, sind konstruktiv mit tragenden Mittelwänden auch für einen späteren Umbau geeignet und somit langfristig nachhaltig entworfen. Auf eventuelle Änderungen im Wohnungsschlüssel kann durch mehrere Schalträume während der Planungsphase einfach reagiert werden. Zusätzlich zum strukturellen Aufbau ist die Erschließung mit Drei- bis Vierspännern sehr wirtschaftlich, was langfristig niedrige Unterhaltskosten erwarten lässt. Sämtliche Dachflächen werden extensiv begrünt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die städtebauliche Großfigur hebt sich deutlich von anderen Entwürfen ab. Sie grenzt sich zum Außenraum ab und bildet im Inneren eine eigene Freiraumqualität. Die Öffnungen zum vorhandenen Park sind an der richtigen Stelle platziert, um Bezüge von Innenraum zu Außenraum zu ermöglichen. Die Gebäudestruktur schirmt den Lärm vom Park ab, die Grundrissorientierung geht nicht auf die Schallproblematik ein. Positiv bewertet wird die Anordnung von überhöhten Wohnräumen und Maisonetten. Sogenannte Schalträume ermöglichen flexible Wohnungsgrößen. Die Grundrisse sind alle durchgesteckt und orientieren sich zu mehreren Himmelsrichtungen.
    In Bezug auf die ca. 28.930 m² BGF a oberirdisch und der Wohnfläche von ca. 19.000 m² weist der Beitrag durchschnittliche Gesamtflächen aus. Der Wohnungsmix könnte jeweils etwas besser an die Vorgaben der Auslober angepasst werden.
    Die Grundrisse sind klar strukturiert und funktional. An den Gebäudeknicken sind die Treppenhaus- und Grundrisslösungen teilweise nicht überzeugend. Die Einhaltung der Kostenvorgabe für die Wohngebäude der WB Wohnraum Mainz KG erscheint sehr fraglich.
    Gewürdigt wird der Mut zur städtebaulichen Großform mit Bezug auf die historische Fortanlage, deren Umsetzbarkeit an diesem Ort allerdings bezweifelt wird.