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  • DE-46395 Bocholt, DE-46395 Bocholt
  • 11/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-202330)

LernWerk


  • 1. Preis

    Außenraumperspektive

    Architekten
    Architektur Contor Müller Schlüter, ACMS Architekten GmbH, Wuppertal (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Visualisierer: rendertaxi architecture.visualisation, Aachen (DE), Barcelona (ES)

    Erläuterungstext
    Leitgedanke
    Die Stadt Bocholt plant im Rahmen des Gesamtprojektes KuBAal das „Lernwerk“ als Zentrum für Begegnungen, Bildung und Kultur in den Räumen des ehemaligen Generalgebäudes der Fa. Herding zu entwickeln. Zielsetzung ist es, viele Akteure in einem Haus zusammenzuführen. Durch die gemeinsame Nutzung von Flächen sollen sich die verschiedenen Nutzungsgruppen gegenseitig fördern, unterstützen und inspirieren. Die Kommunikation zwischen den Akteuren sollen durch ein offenes Haus mit gemeinsam genutzten Flächen angeregt und gefördert werden.
    Im Entwurf wird dieser Leitgedanke und die besondere Industriearchitektur Gestalt prägend berücksichtigt. Die Großzügigkeit und Einzigartigkeit des historischen Gebäudes soll im „Lernwerk“ weiter verfügbar bleiben. Kreative Produktionseinheiten sind als Teile des Ganzen erlebbar in die weitgehend belassenen industriellen Produktionsebenen eingestellt. Die Erschließungs- und Aufenthaltszonen durchziehen die kreativen Produktionseinheiten derart, dass das offene Haus in allen Bereichen erlebbar ist.
    Mit einem gezielten, sich aus den Anforderungen des Raumprogramms ergebenen Einschnitt in die historische Bausubstanz, werden die notwendigen großflächigen Funktionseinheiten und die Erschließung des Lernwerks hergestellt. In die erstellte Fuge wird ein „Studio-Kubus“ gesetzt. Kontrastierend zum massiven Ziegelbau scheint diese mit einer textilbespannten Hülle über dem Haupteingang zu schweben. Mit der semitransparenten Fassade wandelt sich seine Erscheinungsform mit Einblicken in die Studios und einer hinterlegten Lichtinstallation, die über dimmbare Lichtpunkte Zeichen setzen kann. Als neues Element nimmt der Kubus dabei jedoch auch Bezug auf die Produktion der ehemaligen Spinnerei. Die textile Fassadenbespannung zeigt, was heute mit modernen Textilien möglich ist.
    Der südlich gelegene Haupteingang öffnet sich mit seinem großen Foyer zum Vorplatz. Es entsteht eine zentrale Begegnungs- und Wartezone für alle Nutzer, welche sich im Sommer durch die verfaltbare Foyerfassade auch räumlich zum Platz öffnen kann. Innen und Außen werden dann zum fließenden öffentlichen Raum.
    Auf der Südseite wird so die Haupterschließung des Gebäudes mit Anbindung an die Innenstadt und die überregionalen Verkehrsadern gestaltet. Im Norden des Gebäudes bietet eine angestellte offene Loggia Platz für die notwendigen Erschließungseinheiten. Dabei ist sie jedoch auch als Balkon auf jeder Ebene ein gemeinschaftlicher Außenbereich, der sich zur neu gestalteten Uferlandschaft der Aa orientiert.
    Dem Masterplan des Kulturquartiers Bocholter Aa und Industriestraße folgend legen sich die begrünten öffentlichen Plätze als gefasste Intarsien in die Quartiersfläche. Die wassergebundenen Flächen werden durch eingelegte Erschließungen zoniert. Den Vorplatz vor dem Haupteingang durchzieht eine mittels großformatiger Betonplatten (Stablerplatten) eingelegten Steg zur Industriestraße. Dieser wird flankiert von runden Pflanz- und Sitzplateaus, welche sich im Hauptfoyer als eingestellte Möbel fortsetzen. Pflanz- und Baumgruppen sind in dieses Muster integriert.
    Die nördlich Richtung Aa geneigte wassergebundene Fläche wird von dem, dem Flusslauf folgenden Radweg durchzogen. Eingestreute Baumgruppen bilden kleinräumige Aufenthaltsflächen, welche zur Aa hin mit einer großen Sitztreppe als Aa-Galerie gesäumt sind. Die von Osten erschlossenen notwendigen Liefer- und Rettungswege sind untergeordnet in die vorangehend beschriebene Freiflächengestaltung integriert.

    Umgang mit dem Bestand
    Die gestaltprägende Fassaden- und Stützenkonstruktion des Bestandsgebäudes bleibt erhalten. Unqualifizierte An- und Umbauten werden rückgebaut, so dass der Solitär wieder frei steht.
    Die historische Westfassade des Herding-Gebäudes bildet zur Innenstadt die markante Eingangs-Silhouette zum KuBAaI.
    Zum südlich gelegenen Vorplatz wird am Haupteingang des Lernwerks das Bestandsgebäude eingeschnitten. In die so entstehende Gebäudenut wird der „Studio-Kubus“, scheinbar über dem Eingangsfoyer schwebend, eingehängt. Als Raumtragwerk in Stahlverbundkonstruktion, somit mit stützenfreien Ebenen, beinhaltet der Kubus die notwendigen großflächigen Nutzungseinheiten, welche im engen Bestandsstützenrastern nicht realisiert werden können.
    Zwischen dem eingeschobenen Kubus und dem Gebäudebestand entsteht ein fünfgeschossiger Luftraum, welcher der natürlichen Belichtung des Gebäudeinneren und dem visuellen Verbund der Nutzungseinheiten dient.
    Auf der Nordseite des Herding-Gebäudes wird ein Erschließungsbalkon vor den Bestand gestellt. Mit Lastenaufzug und Rettungstreppe dient er der Erschließung des Gebäudes, kann jedoch gleichzeitig auf allen Ebenen als zur neu gestalteten Aa-Landschaft gerichtete Freiraumerweiterung des Lernwerks genutzt werden.

    Erschließung
    Der Weg in das Lernwerk führt über das Foyer des südlich gelegenen Eingangs zum fünfgeschossigen Luftraum, der eine optische und funktionale Verbindung zwischen allen Nutzungseinheiten schafft. Über die in den Luftraum eingehängte Freitreppe und den nebengestellten Personenaufzug wird das Gebäude erschlossen. Dabei wird der kreative Nutzungsmix beim Begehen des Gebäudes erlebbar. Die großzügige natürliche Belichtung und Einblicke in den „Studio-Kubus“ lassen diesen Lichthof zu einem besonderen Erlebnisraum werden.
    Die mittels Aufenthaltsflächen aufgeweitete Erschließungsachse zu den Unterrichtsräumen mündet auf dem zur Aa orientierten Nordbalkon.

    Zonierung
    Der Luftraum teilt die Ebenen in zwei Bereiche:
    Südlich gelegen sind die öffentlicheren Zonen mit dem Hauptfoyer im Erdgeschoss, dem Veranstaltungssaal inklusive Speise-, bzw. Nebenfoyerbereich im 1. Obergeschoss, den Gymnastik- und Musikstudios im 2. Obergeschoss, den Studios für bildende Künste im 3. Obergeschoss und den Künstlerateliers im Dachgeschoss.
    Nördlich vom Lichthof liegen die kleinteiligeren Unterrichtseinheiten mit jeweils vorgeschalteten kleinen Warte- und Aufenthaltszonen.
    Raumbildung
    Das historische Herding-Gebäude soll in seiner Grundstruktur, der stützenbesetzten Produktionshalle erlebbar bleiben. Der benötigte akustische und brandschutztechnische Raumabschluss der einzelnen Funktionseinheiten ist deshalb so geplant, dass dieser nicht zum gestaltprägenden Trennen der Funktionsbereiche führt.
    Deshalb werden raumtrennende Elemente als Kuben, Möbel und vom Bestand losgelöste Wandwinkel in die Ebene eingestellt. Die Wand- und Deckenanschlüsse werden über verglaste Wand- und Türelemente als transparente Fugen hergestellt. Die Industriearchitektur bleibt erlebbar.

    Brandschutz
    Der von der Bauordnung abweichende konstruktive Brandschutz des Gebäudebestandes und die offene Strukturierung des Gebäudeentwurfs machen brandschutztechnische Kompensationsmaßnahmen notwendig:
    Vollsprinklerung, Brandmeldeanlage, jeweils zwei gebaute Rettungswege, Herstellung von

    Brandschutz-Clustern
    Die hierfür benötigten drei „notwendigen Treppen“ sind ergänzend zur Haupterschließung jeweils außenliegend angeordnet. Wie in vielen Schul- und Bildungseinrichtungen üblich, wird in den erstellten Brandschutz-Clustern jeweils ein notwendiger Rettungsweg über einen „Bypass“ entlang der Fassade direkt zu den Fluchttreppenhäusern geführt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf stellt Aufbruch-Stimmung im wahrsten Wort dar, weil ein neues Gebäude in ein altes hineinragt und es aufbricht. Dadurch wird die Transformation, die das gesamte Areal durchläuft, architektonisch versinnbildlicht.