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  • DE-46395 Bocholt, DE-46395 Bocholt
  • 11/2015
  • Ergebnis
  • (ID 2-202330)

LernWerk


  • ein 3. Preis

    © ATELIER BRÜCKNER GmbH

    Architekten
    ATELIER BRÜCKNER GmbH, Stuttgart (DE) Büroprofil

    Preisgeld
    12.500 EUR

    Erläuterungstext
    Entwurfskonzept und Leitidee

    Das Lernwerk ist als offenes und einladendes Haus konzipiert, das viel Raum für Begegnung und Austausch bietet. Das historische Spinnereigebäude wird freigestellt und durch einen Anbau, der stützenfreie Räume ermöglicht, behutsam erweitert. Im Bestand bleiben alle historischen Spuren erhalten. Der Charakter der großen Spinnereisäle bleibt gewahrt, indem die neue Nutzung über frei geformte Räume eingestellt wird. Alle Etagen sind offen und frei durchwegbar, so dass eine einfache Orientierung gegeben ist.

    Das erste Obergeschoss wird zum zentralen Verteiler des Gebäudes. Es verbindet die Stadtseite mit der Flussseite des Gebäudes. Über eine großzügige Außentreppe mit hoher Aufenthaltsqualität ist es erreichbar. Eine Terrasse mit Blick auf den Fluss Aa bildet das Pendant zum neu gefassten Stadtplatz an der Industriestraße.

    Erschließung

    Die Zufahrten zum Grundstück erfolgen, wie vorgegeben, über die Industriestraße (vorläufig) und über eine neue Stichstraße von Osten her. Durch die Freistellung des Gebäudes und die Befestigung der Freianlagen wird der Zugang vereinfacht und eine Feuerwehrumfahrt von allen Seiten ermöglicht. Behindertenparkplätze und Fahrradstellplätze befinden sich im Südosten der Anlage in direkter Nähe zur stadtseitigen Aufzugsanlage.

    Über zwei Vertikalerschließungen sind alle Nutzungsbereiche des Gebäudes erreichbar: Eine Treppe befindet sich im ehemaligen Seilgang der Spinnerei, die andere in der Fuge zwischen Bestandsbau und Erweiterung. Beide Vertikalerschließungen verfügen über einen Aufzug als barrierefreien Zugang. Für die Künstler ist zudem eine separate Erschließung an der Südostseite vorgesehen. Die Technikbereiche im Erdgeschoss sind ebenfalls separat von außen erschließbar. Das historische Treppenhaus an der Südostseite bleibt erhalten und dient als zusätzliches Fluchttreppenhaus.

    Funktionalität und Nutzung

    Öffentliche Nutzungen wie Bibliothek und Kulturbüro befinden sich im ersten Obergeschoss, dem Haupterschließungsbereich; ebenfalls der Bereich der Lehr- und Begegnungsküche. Er ist zur Terrasse hin orientiert und kann sich somit zu einem gefragten Treffpunkt vor oder nach einem Veranstaltungs- oder Kursbesuch entwickeln. Weitere Unterrichts- und Kursräume befinden sich im zweiten und dritten Obergeschoss des Altbaus. Das zweite Obergeschoss des Neubaus, direkt ans Foyer angeschlossen, ist durch den große Veranstaltungssaal mit Blick auf die Aa geprägt.

    Der Bereich der freien Kulturschaffenden ist im Erdgeschoss untergebracht und kann sowohl über das Foyer als auch separat von außen erreicht werden. Er ist vollständig abtrennbar und somit auch separat nutzbar. Ebenfalls im Erdgeschoss befinden sich die Leseräume des Stadtarchivs (Richtung Aa); das entsprechende Magazin ist im lichtgeschützten Untergeschoss angelegt. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss sind ferner die Verwaltungsbereiche des Lernwerks angesiedelt – sämtlich mit Tageslicht. Lagerräume und WC-Anlagen nutzen hingegen die innenliegenden, weniger gut belichteten Bereiche des Bestandes. Die Technikzentrale (Lüftung) befindet sich auf dem Dach der Erweiterung, die übrigen Technikanlagen sind unter der Freitreppe und im Technikanbau auf der Stadtseite untergebracht.

    Materialien und Konstruktion

    Der Bestand der ehemaligen Spinnerei wird weitestgehend erhalten. Die Sanierung beschränkt sich auf den Austausch schadhafter oder belasteter Bauteile und – aus Belichtungsgründen – die Wiederherstellung der Fenster an der West- und Ostfassade. Ziel ist der Erhalt der bauhistorischen Substanz und der räumlichen Struktur der Spinnereisäle. Um das Gebäude insgesamt zu entlasten, wird die bestehende Dachdecke rückgebaut und durch eine leichtere Konstruktion ersetzt.

    Zur Verbesserung der Belichtung im dritten Obergeschoss werden Oberlichter eingeführt. Wo erforderlich, wird der Boden schallschutztechnisch vom Bestand entkoppelt durch Aufbringen eines zweiten Belages. Zur Verbesserung der Raumakustik werden zudem, je nach Erfordernis, Akustikpanele von der Decke frei abgependelt.

    Die Abtrennung der Raumeinheiten im Bestand erfolgt durch leichte GK-Trennwände mit durchgehenden Oberlichtbändern aus Glas, die in ihrer räumlichen Ausrichtung vom vorhandenen Stützenraster vollständig unabhängig sind. Vom historischen Bestand werden die Räume mittels Glasfugen abgesetzt. Dadurch bleibt auf den einzelnen Etagen der Charakter der offenen Spinnereisäle erhalten. Die Trennwände sind derart ausgeformt, dass sie sowohl Sitzgelegenheiten als auch Schrankelemente harmonisch aufnehmen können.

    Der Neubau wird als Stahlbetonmassivbau mit einer Vormauerschale aus Klinker ausgeführt. Materialität und Anmutung der Fassade orientieren sich am Bestand, differenzieren sich aber in der Ausprägung soweit, dass ein harmonischer Kontrast zwischen den beiden Gebäudeteilen entsteht. Im Innenbereich prägen ein einfacher beschichteter Estrich und verputzte Wände das Erscheinungsbild und greifen dabei die Qualitäten des Bestandes auf. Großformatige Verglasungen bieten spektakuläre Ausblicke auf die Aa und die Stadt und schaffen damit einen bewussten Kontrast zum eher introvertierten Bestandsgebäude.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Baukörper der Spinnerei wird im Wesentlichen erhalten und auf der Seite der Bocholter Aa durch eine Ergänzung in Höhe des Bestandsgebäudes ausdrucksstark vergrößert. Als Pendant bildet diese Arbeit eine Adresse zur Innenstadt aus. So überzeugend die Positionierung des neuen Baukörpers an der Bocholter Aa ist, so schwach ist die tatsächliche Verknüpfung von Architektur und Außenraumnutzungen an dieser exponierten Stelle. Die starke Geste einer Freiraumtreppe wird durch ihre Position an der Westseite des Platzes geschwächt. Der in einer Ziegelverkleidung ausgeführte Ergänzungsbau nimmt sämtliche stützenfreien Flächen auf – Ateliers, Räume für Kulturschaffende, die Veranstaltungsbereiche; eine Terrasse im 1. OG stellt einen öffentlichen Kontakt zum Brückenbereich her. Das Konzept der Auslagerung dieser Flächen ermöglicht es das Bestandsgebäude mit seinem historischen Spinnereisälen fast vollständig zu erhalten. Der Gebäudezugang erfolgt über eine Freitreppe auf der Seite der Industriestraße direkt ins 1. OG. Die Nutzflächen des Raumprogramms werden in unkonventioneller Weise in die ehemaligen Spinnereisäle eingestellt, indem die Wände gleichsam einen „plan libre“ nicht den vollständig erhaltenen Stützenstellungen folgen, sondern jeweils neue individuelle Raumfolgen bilden. Damit kann heutigen und auch künftigen Flächenansprüchen Rechnung getragen werden. Einige kleinere Nutzungseinschränkungen durch die Bestandsstützen sind gegeben. Die Freiflächen zwischen den Nutzräumen bilden fließende Räume, die die Kommunikation im Gebäude fördert. Die Aufenthaltsflächen liegen überwiegend an den Außenwänden und werden natürlich belichtet. Die planungs- und baurechtlichen Bestimmungen werden bis auf die barrierefreie Erschließung gelöst, diese ist z. Zeit unzureichend, kann aber ohne großen Aufwand entscheidend verbessert werden. Die Feuerwehrumfahrt kann unproblematisch gelöst werden. Die wirtschaftlichen Kenndaten liegen im oberen Bereich. Die Wettbewerbsarbeit wurde aufgrund seines unkonventionellen Ansatzes intensiv diskutiert. In Frage gestellt wurde insbesondere die These der Verfasser, dass die Räume der Musikschule frei in den Innenraum gestellt werden können und praktikabel für die gewünschte Nutzungsvielfalt sein können.