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  • DE-59379 Selm, DE-59379 Selm
  • 09/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-215015)

Burg Botzlar


  • Anerkennung

    Ansicht Süden, © Feja + Kemper Architekten

    Architekten
    Feja + Kemper Architekten, Recklinghausen (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Franz-Jörg Feja

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: brandenfels landscape + environment, Münster (DE)
    Brandschutzplaner: BKK Brechler.Kiküm.Klein GmbH, Warendorf (DE)

    Preisgeld
    5.000 EUR

    Erläuterungstext
    Zum Konzept. Die zentrale Entscheidung, den Saal außerhalb des Bestandes in einem Anbau auszuweisen, ist den Kriterien der Nutzung und der Funktionszusammenhänge, den Kriterien des Denkmalschutzes und nicht zuletzt den Anforderungen des Brandschutzes geschuldet. Die gewünschte Größe des Saales sprengt die Möglichkeiten des historischen Bestandes. Der vorliegende Entwurf nimmt die Burg zum Maßstab und ordnet die Nutzungen in die Struktur ein, der Saal ist über einen filigranen Gang angedockt, er fügt sich pavillonartig in den Grünraum ein und respektiert die Dominanz der Burg.

    Zum Gebäude. Das Gebäude ist über drei Ebenen sehr flexibel nutzbar: je Geschoss steht ein großzügiges Foyer zur Verfügung, welches die jeweiligen Seminar- und Workshopräume erschließt. Im Erdgeschoss sind dem Foyer der Infopoint, ein Tresen und ein Büro als Empfang zugeordnet. In Erd- und Obergeschoss sind die Seminarräume durch mobile Wände kombinierbar, so dass auch die Saalgröße von 85 qm zur Verfügung steht, der Gewölbekeller mit seinem besonderen Charakter wird ohne den benachbarten Raum genutzt. Der große Saal entsteht in einem Neubau, der als Holzkonstruktion errichtet wird. Er ist teilbar und hat einen idealen Bezug zum Außenraum, die Küche ist zugeordnet, sie ist jedoch ebenso separat nutzbar. Die Treppe verbleibt am heutigen Standort, sie wird jedoch umgestaltet, um auch dem Aufzug einen angemessenen Ort zu geben. Im Dachgeschoss sind ausschließlich Lager- und Technikräume ausgewiesen. Erd- und Untergeschoss sind zusätzlich durch eine freie Treppe miteinander verbunden, um Foyer und Saal angemessen zu verknüpfen.

    Die Anforderungen des Brandschutzes beziehen sich zuvorderst auf die Rettungswege. Während in Unter- und Erdgeschoss je zwei bauliche Rettungswege zur Verfügung stehen, wird der zweite Rettungsweg im Obergeschoss über die Anleiterung der Fenster nachgewiesen. Möglich ist dies unter der Voraussetzung, dass die Innenwände und Innentüren eine höhere Brandschutzqualität erhalten. Dadurch stehen die Anzahl der Besucher in den Workshopräumen und die zur Verfügung stehende Rettungszeit in einem vertretbaren Verhältnis. Die Evakuierung einer größeren Anzahl von Menschen (großer Saal) ist auf diese Weise nicht zu leisten. Das Dachgeschoss bleibt ohne Aufenthaltsräume, da ein zweiter Rettungsweg hier nicht darstellbar ist.

    Zu den Freianlagen. Das Konzept der Freianlagen nimmt den historischen Befund zum Anknüpfungspunkt: Ein äußerer Weg zeichnet den Gräftenverlauf nach, die ehemalige „Insel“ der Burg wird durch eine Geländekante nachgezeichnet und bildet den Hauptaufenthaltsbereich im Sinne einer vergrößerten Terrasse. Der Belag besteht aus einem Wechsel von harten und weichen Materialien, die sich je nach Nutzung verdichten und weiten. In die Struktur der Fläche sind Sitzmöglichleiten integriert, vor der Südfassade an der Schnittstelle von Altbau, Neubau und wiederentstandener Gräfte wird eine freie Möblierung mit dem Charakter einer Außengastronomie vorgeschlagen.

    Die Bäume entsprechen dem Bestand; lediglich im Übergang zur westlichen Bebauung wird eine alleeähnliche Reihe von Bäumen vorgeschlagen. Vor dem Bürgerhaus dient sie der Abgrenzung zur Erschließung und zu den Stellplätzen, südlich dient sie der Unterbringung der Fahrradstellplätze und der Abgrenzung zum Marktgebäude. Zusätzlich wird vor der geschlossenen Fassade eine tiefe Heckenbepflanzung angeordnet.

    Zur Wirtschaftlichkeit. Obwohl der Anbau des Saales voraussichtlich zu einem höheren Bauvolumen führt, sehen wir aus folgenden Gründen die Wirtschaftlichkeit der Lösung gegeben: die bauliche Struktur des Bestandes wird weitestgehend erhalten, tiefgreifende Eingriffe mit dem entsprechenden Kostenrisiko werden vermieden, ein Treppenhaus ist ausreichend, der Saalanbau wird als leichte und auch kostengünstige Holzkonstruktion errichtet und kann in seiner Größe exakt dem Bedarf angepasst werden.

    Sowohl im Bestand als auch im Saalanbau bestehen im Ausbau vielfältige Möglichkeiten der Selbsthilfe. Im Altbau haben zahlreiche Tätigkeiten den Charakter von Renovierungsarbeiten in traditioneller Technik, im Anbau sind nach Erstellung des Holztragwerks die innere und die äußere Bekleidung selbsthilfegeeignet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Bei diesem Entwurf wird die »Burg Botzlar« um ein eigenständiges Gebäude (300 m2), das einen Saal mit Verbindungseingang beinhaltet, auf der Ebene des UG erweitert. Der Zugang zur historischen »Burg Botzlar« erfolgt in der Achse über die vorhandene Treppenanlage in das Erdgeschoss. Der barrierefreie Zugang wird über vier weitere Zugänge im Untergeschoss geschaffen, wovon drei Eingänge an dem Verbindungsgang in östlicher Richtung, der in der Achse des Haupteingangs liegt, angeordnet sind. Die Lage des bisherigen Treppenhauses wird beibehalten. Zugunsten des Einbaus eines Aufzuges wird die Treppenanlage neu angelegt und der Aufzug im Treppenauge angeordnet. Dies stellt einen erheblichen Eingriff in der Bausubstanz dar.
    Der Saal ist über den Haupteingang nur über eine zusätzliche Treppe, die in das Untergeschoss führt, zu erreichen. Eine leichte Orientierbarkeit ist nicht gegeben. Die Orientierung innerhalb des Gebäudes, wenn man dieses Gebäude über den barrierefreien Eingang am Verbindungsgang betritt, ist ebenfalls nicht optimal gelöst. Der Saal ist gut teilbar und die Zuordnung der Küche ist gelöst. Allerdings wirken die Eingänge zum Saal überdimensioniert. Losgelöst von der »Burg Botzlar« ist der Saal nicht nutzbar, da Nebeneinrichtungen fehlen. Eine Teilnutzung ist nur im Zusammenhang von Untergeschoss und Erdgeschoss denkbar. Technikräume sind im Anschluss an den Saal und im Dachgeschoss untergebracht. Die Anordnung einer Garderobe für das Gebäude fehlt ganz.
    Das Erdgeschoss bietet eine vielfältige Nutzung an Räumen, die barrierefrei erreichbar sind. Dies gilt auch für das erste Obergeschoss in dem die Büro- und sonstigen Räume angeordnet sind. Im Dachgeschoss, ebenfalls barrierefrei, liegen nur Lagerräume, weshalb keine Dachausbauten notwendig sind. Dies ist positiv zu bewerten. Jedoch ist die Höhenentwicklung des Aufzuges nicht berücksichtigt. Das Thema »Rettungsweg« ist durch die getrennte Anordnung des Saales gelöst. Durch die Größe und das dominante Erscheinungsbild liegt der Saal in Konkurrenz zum bestehenden Bürgerhaus.
    Die Nutzfläche des Entwurfs ist nicht viel höher als der Durchschnitt, die Hüllfläche ist jedoch um 150% erhöht.
    Die Planung verändert das bestehende Geländerelief stark insofern, als dass der neue Saalanbau auf einem im jetzt abfallendem Gelände aufgeschnittenem Baugrund erreichtet werden muss. Auch die vorgesehene erneuerte Gräfte verlangt einen hohen Randwall. Dadurch wird die rundliche Anhöhe auf der die Hauptburg steht verunklärt. Dieser runde Hügel ist – speziell von der Ostseite her – Mittelpunkt der Ortsentwicklung. Dies ist aus bodendenkmalpflegerischer Sicht nicht günstig. Aus baudenkmalpflegerischer Sicht zeigt dieser Entwurf eine sehr sensible Herangehensweise an das bestehende Baudenkmal. Es erhält alle konstituierenden Merkmale des Baudenkmals in der Substanz, beeinträchtigt jedoch seine Wirkung im rückwärtigen Bereich. Der Denkmalschutz ist durch das Freistellen der »Burg Botzlar« gewährleistet. Allerdings ist das gotische Gewände nicht berücksichtigt.
    Der Verfasser entwirft einen landschaftlich geprägten Freiraum. Prägnant ist das »harsche« Plateau auf dem die »Burg Botzlar« steht. Kritisch hinterfragt und dem Ort nicht angemessen sind die vorgeschlagenen Vegetationsmuster auf dem Plateau. Diese wirken als reines Design ohne eigenen Wert. Die ergänzende Wasserfläche im Süden ist im Sinne der Historie nachvollziehbar.