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  • DE-58849 Herscheid
  • 04/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-215732)

Umgestaltung Ortsmitte


  • ein 3. Preis

    Perspektive Schulplatz

    Stadtplaner
    pp a|s pesch partner architekten stadtplaner GmbH, Dortmund (DE), Stuttgart (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Dr. Franz Pesch

    Mitarbeit
    Ina Schauer, Helen Rohde, Jonas Hölzel

    Erläuterungstext
    Rund um die Apostelkirche aus dem 13./14. Jahrhundert, die kunsthistorisch betrachtet zu einem der markantesten Sakral-bauten im westlichen Sauerland gehört, befindet sich das historische Zentrum der Gemeinde Herscheid. Entlang der Lüdenscheider und Plettenberger Straße hat sich der zentrale Ortskern entwickelt und ergänzt damit die Mitte um eine lineare städtebauliche Struktur. Hier finden sich verstärkt die zentralen Nutzungen wie Handel, öffentliche und private Dienstleistungen sowie gastronomische Angebote. Durch die großflächigeren Einzelhandelseinrichtungen am Neuen Weg hat sich zudem ein neuer Versorgungsschwerpunkt im Süden der Ortsmitte etabliert. Daher erfolgt die Orientierung in der Ortsmitte hauptsächlich über das Straßenkreuz Lüdenscheider/Plettenberger Straße und Neuer Weg, das nun zentraler Bereich für ein neues Gestaltungskonzept ist.
    Die Ortsmitte Herscheids ist mit kleinmaßstäblichen Gebäuden, einsehbaren Gärten, Platzfolgen und grünen Freiflächen dörflich geprägt und ist ein multifunktionaler Ort aus Wohnen, Handelsangeboten, öffentlichen und privaten Dienstleistun-gen sowie Freizeit- und Kulturangeboten. Die besondere städtebauliche Prägung wie auch das multifunktionale Angebot sorgen für einen hohen Identifikationsgrad der Gemeindebewohner mit ihrer Ortsmitte.

    Städtebauliches Konzept/Gestaltungskonzept
    Der kleinmaßstäbliche, dörfliche Charakter sowie die Multifunktionalität in der Ortsmitte soll mit der Neugestaltung der zentralen öffentlichen Räume unterstützt und stärker herausgebildet werden. Ziel der Neugestaltung der öffentlichen Räume ist eine ortsgerechte, multifunktionale, barrierefreie und langlebige Gestaltung. Vorhandenes, das den Ort auszeichnet, wird dabei in das neue Gestaltungskonzept aufgenommen. Plätze, Gassen und Straßen sollen auch zukünftig dem historischen Bild von eher steinernen Flächen entsprechen. Gehölze in Form von vorhandenen sowie neuen Hecken und solitären Bäumen gliedern Räume und setzen Akzente.
    Die Plätze nehmen zusammen mit den Straßenräumen eine Raumfolge ein, in der jeder kleine Platz seine eigene Aufgabe übernimmt. Durch den Abriss und einen Neubau an der Ecke Am Markt/Neuer Weg entsteht eine neue Platzfläche, die als zentraler lebendiger „Kleiner Dorfplatz“ auch den Schulplatz etwas stärker öffnet. Der Schulplatz wird als ruhigerer Ort mit multifunktionalen Aufgaben, wie öffentliches Parken sowie Märkte und Feste an bestimmten Tagen des Jahres, betrachtet. Er wird von Wohnhäusern, zukünftig auch einem neuen Wohnhaus als südlicher Abschluss, gesäumt. Am Markt müssen Verkehrsbeziehungen sowie Hotelstellplätze aufrecht erhalten bleiben. Dennoch muss diese Fläche aufgrund ihrer Bedeu-tung eine hochwertigere Oberfläche erhalten und die Markierung der Verkehrsräume stärker in den Hintergrund treten. Der Kirchvorplatz ist ein Ort der beschaulichen Begegnung, ob vor oder nach dem Kirchenbesuch oder beim Verweilen am Nachmittag in der Sonne. Und der Straßenraum Am Markt/Am Kirchplatz ist das verbindende Band, das so ausgebildet wird, dass das Queren für Fußgänger in der zentralen Ortsmitte Vorrang bekommt.

    Material, Möblierung, Begrünung
    Wenige, ausgewählte Materialien, Möblierungs- und Begrünungselemente sollen den öffentlichen Raum der Ortsmitte prägen. Bei der Gestaltung der Oberflächen wird je nach Funktion und Verkehrsbelastung zwischen Natursteinflächen und Asphaltflächen differenziert. Aufgrund eines hohen Anteils von in der Herstellung günstigeren Asphaltflächen ist die Wahl für kostspieligere Natursteinflächen in den Aufenthaltsbereichen wirtschaftlich vertretbar. Die Natursteinflächen sind barrierefrei aus Großpflaster mit gesägten und gestrahlten Oberflächen, sie wirken durch einen einfachen Netzverband ungerichtet und homogen. Grauwacke könnte hinsichtlich ihres Farbtons und Farbspiels ein geeigneter Stein sein, die end-gültige Auswahl sollte in einem gemeinsamen Abstimmungsprozess erfolgen. Die Asphaltflächen werden mit gestrahlter und aufgehellter Oberfläche ausgebildet und mindern so Am Markt/Am Kirchplatz die derzeit beklagte Zäsur zwischen Nord- und Südseite der Ortsmitte. Vorhandene Natursteinrinnen und Flachborde säumen die Fahrbereiche und gehen somit eine Einheit mit den Natursteinflächen ein, die wiederum durch wenige Betonelemente die Materialität und Farbigkeit der Asphaltflächen erwidern.
    Sitzgelegenheiten auf den Plätzen sind massive Langbänke aus Beton mit Holzauflage. Als markanter Treffpunkt auf dem kleinen Dorfplatz wird eine Rundbank aus Holz vorgesehen. Das Beleuchtungskonzept folgt dem Prinzip der schlichten Zurückhaltung mit geradlinigen LED-Mastleuchten.
    Die Auswahl der Gehölze unterstützt den dörflichen Charakter. Es werden alte Sorten vorgesehen wie Apfel - Malus domestica ‚Rote Strenrenette‘ (kleiner Dorfplatz), Rotdorn - Crataegus laevigata und Wildebirne - Pyrus pyraster (Schul-platz). Auch die Hecken bestehen aus heimischen Blattgehölzen.

    Kleiner Dorfplatz
    Im Ideenteil des Wettbewerbs wird eine bauliche Veränderung vorgeschlagen. Das leerstehende Gebäude und Nebenanla-gen an der Ecke Am Markt/Neuer Weg werden für einen kleineren Neubau entfernt. Somit wird neuer Raum für einen attraktiven Platz in der zentralen Ortsmitte geschaffen. Im idealen Fall befindet sich im Erdgeschoss des schieferverkleide-ten Gebäudes ein gastronomisches Angebot, eventuell eine Erweiterung des bestehenden Cafés. Im Obergeschoss wird Wohnraum angeboten. Dieser Kleine Dorfplatz ist lebendiger Treffpunkt, ob in der Außengastronomie, auf der Rundbank am Apfelbaum oder auf den Sitzstufen. Auch das Warten auf den Bus ist hier oder im neuen Buswartebereich möglich. Die Haltebucht entfällt zugunsten eines großzügigeren Geh- und Wartebereichs. Der Platz, sowie die Erschließung zum Schul-platz werden einheitlich mit Natursteinpflaster, Oberflächen gesägt und gestrahlt, im Netzverband gestaltet. Rinnen mar-kieren Geh- und Fahrbereich. Die gebogenen Stufen, die den Platz ein wenig aus dem Gefälle heben, werden als Beton-blockstufen hergestellt.

    Schulplatz
    Der Schulplatz ist durch seine Lage etwas verborgener als der neue Kleine Dorfplatz. Vom Schulplatz aus werden Wohnge-bäude erschlossen, die Privatheit dieser Grundstücke soll gewahrt bleiben. Und so reiht sich auch ein neues Wohnhaus, in dem sich untergeordnet auch kleine Praxen oder Büros befinden dürfen, im Süden des Platzes hinter einem mit Hecken gesäumten Vorgarten in diese ruhige Situation. Die Nutzung des Schulplatzes ist an ausgewählten Tagen zu Märkten, Festen und Veranstaltungen intensiver. Daher erhält der Platz eine robuste, homogene Oberfläche aus einem gestrahlten, aufgehellten Asphalt. Rinnen aus Naturstein gliedern die Fläche und weisen zusammen mit Markierungsnägeln die für die Ortsmitte wichtigen öffentlichen Stellplätze aus. Mit Ausnahme von Mastleuchten und drei Bäumen bleibt die Platzfläche für eine multifunktionale Nutzung unmöbliert. Der grüne, baumbestandene Hang zum Neuen Weg bleibt erhalten, auch im Bereich des für eine Wohnbebauung vorgesehenen Grundstücks. Unter den Bestandsbäumen werden zwei Langbänke zum Verweilen angeboten. Vom Neuen Weg aus wird eine Tiefgarage für das neue Wohnhaus erschlossen. Zudem wird hier ein neuer Treppenaufgang für eine stärkere Wechselbeziehung zwischen den Ebenen vorgesehen.

    Am Markt
    Die Bezeichnung Am Markt zeugt davon, dass sich hier unmittelbar in Nachbarschaft zur Apostelkirche von je her der Mit-telpunkt des dörflichen Lebens befand. Aufgrund der notwendigen Verkehrsbeziehungen ist die Situation heute funktional wie auch optisch als reiner Verkehrsraum wahrzunehmen. Durch Pflasterung mit Natursteinpflaster wird die Fläche in Wert gesetzt. Es entsteht ein platzähnlicher Charakter, Rinnen markieren die Fahrbereiche. Die Ausbildung der recht steilen Fläche ist barrierefrei. Fünf Stellplätze verbleiben weiterhin für Besucher des Hotels, sie werden mit Markierungsnägeln sichtbar gemacht. Zur Herausstellung des dörflichen Charakters und als Blickfang können vor dem historischen Gebäude Am Markt 2 zwei kleine Birnbäume, als Spalierobst gezogen, gepflanzt werden.

    Kirchvorplatz
    Der Kirchvorplatz bietet einen kleinen geschützten Raum zum Verweilen. Auch dieser Platz erhält eine Natursteinpflaste-rung. Die bisherigen Beete und Einbauten werden aufgeräumt, und eine Langbank vor einer neuen Mauer an der Kirchen-treppe sowie ein Wasserspiel laden zum ruhigen Aufenthalt mit Blick auf den lebendigen Straßenraum ein. Die vorhande-nen Fahnenmasten finden einen neuen geeigneten Ort, und eine Hecke schützt den Platz zur benachbarten privaten Stell-platzfläche.

    Straße Am Markt/Am Kirchplatz
    Die Lüdenscheider/Plettenberger Straße, im zentralen Bereich Am Markt/Am Kirchplatz ist die Haupterschließung der Ortsmitte Herscheids. Die vorgefundene Gestaltung mit einer Asphaltfahrbahn, Natursteinrinnen und Flachborden ist funk-tional und gestalterisch sinnvoll. Sie soll aber im zentralen Bereich eine Aufwertung erfahren, die darin besteht, die As-phaltdecke abzufräsen und durch eine gestrahlte, aufgehellte Asphaltoberfläche zu ersetzen und die Gehbereiche mit Natursteinpflaster neu zu gestalten. An markanten Orten werden solitäre Gehölze gesetzt. Auf beiden Gehwegseiten werden im regelmäßigen Abstand die neuen LED-Mastleuchten, die sich in ihrer Gestalt bewusst stark zurückhalten, aber für eine gute Beleuchtung des Straßenraums sorgen, aufgestellt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser sehen in der Ortsmitte eine Abfolge von Plätzen, in deren Mittelpunkt sie den neugestalteten „kleinen Dorfplatz“ sehen. Dieser Platz ist der wichtigste Aufenthaltsbereich mit gastronomischer Nutzung. Für das vorhandene Café wird ein Anbau vorgeschlagen, der aber als Entwicklungspotential für das vorhandene Gebäude gesehen wird. Der an den Dorfplatz anschließende Schulplatz greift die vorhandenen baulichen Strukturen auf und gibt den Gebäuden die den Schulplatz begrenzen einen privaten Vorraum. Die Ausbildung dieser Bereiche ist fragwürdig und wird vom Preisgericht kontrovers diskutiert.
    Die Platzgestaltung mit der Baumgruppe als Mittelpunkt ermöglicht die gewünschte
    multifunktionale Nutzung. Im Alltag besteht die Gefahr, dass der Platz weiterhin ausschließlich als Parkplatz genutzt wird.
    Im Bereich zur Straße „Neuer Weg“ wird im Wesentlichen die Böschung erhalten und eine
    zweite Anbindung an den „Neuer Weg“ geschaffen. Der Grünbereich zum Platz hin wird mit neuen Sitzelementen bestückt.
    Die im Norden gelegenen Plätze „Am Markt“ und „Kirchenvorplatz“ werden im Wesentlichen durch die Materialwahl Naturstein aufgewertet. Die Materialauswahl wird konsequent und pragmatisch eingesetzt: Naturstein für Aufenthaltsbereiche und gestalteter Asphalt für Fahrbahnbereiche.
    Die Arbeit ist unaufgeregt und der dörflichen Gestaltung angemessen. Das Konzept wird im Wesentlichen getragen von der Idee des kleinen Dorfplatzes, die übrigen Bereiche sind eher zurückhaltend gestaltet.