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  • DE-64285 Darmstadt, DE-64289 Darmstadt
  • 06/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-219065)

Wohnbebauung Baufeld 3.2 und 4.2 Lincoln-Siedlung


  • 3. Preis Baufeld 4.2

    Lageplan 1/500, © KUL

    Architekten
    Kuhn und Lehmann Architekten, Freiburg im Breisgau (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Prof. Christoph Kuhn , Thomas Lehmann

    Mitarbeit
    Fabian Schmidt, David Streck

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: AG Freiraum, Freiburg im Breisgau (DE)
    Tragwerksplaner: IB Lachenmann Beratender Ingenieur im Bauwesen, Vaihingen/Enz (DE)
    Energieplaner, TGA-Fachplaner: solares bauen GmbH, Freiburg (DE), Berlin (DE), Strasbourg (FR)

    Preisgeld
    25.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die neue Bebauungsstruktur auf dem Baufeld 4.2 löst sich bewusst von der diagonal ausgerichteten Zeilenbebauung der ehemaligen Kasernengebäude. Den gleichförmigen Freiräumen zwischen den Zeilen wird ein orthogonal zur Heidelberger Straße ausgerichtetes Netz aus differenzierten Straßen, Wegen und Höfen gegenübergestellt. Entlang der Nahtstelle beider Systeme entwickelt sich eine Abfolge von öffentlichen quartiersbezogenen Platzräumen mit unterschiedlichen Nutzungen.

    Im neuen Quartier 4.2 entsteht eine Überlagerung von beruhigten Aufenthaltsbereichen, Spielstraßen und schmalen Verbindungsgassen, die über halbprivate Höfe zu den Eingängen führen. Die Treppenhäuser erschließen wiederum als großzügige Übergangs- und Kommunikationsräume pro Geschoss jeweils 2 bis 4 Wohnungen. Um die Wohnhöfe gruppieren sich 2- bis 4-Zimmerwohnungen in Nord-Süd- und Ost-Westausrichtung, so dass Verschattung und Einsehbarkeit respektiert werden. Die freigestellten Loggien ermöglichen den Ost-Westwohnungen ebenfalls eine Südausrichtung, schließen den Hofraum nach Norden ab und markieren gleichzeitig den Hauptzugang. Die fünf Wohnblöcke sitzen in der Höhe versetzt auf der entsprechend dem Gelände im Split-Level organisierten Tiefgarage und sind über die Treppenhäuser/Aufzüge direkt mit den Stellplätzen verbunden. Die Mobilitätszentrale bildet einen besonderen Baukörper in der Nordostecke des Baufeldes und markiert damit ihre zentrale Rolle für das gesamte Wohngebiet. Nach Osten werden die Gebäudeblöcke zur Heidelberger Straße baulich verbunden, um die Innenbereiche gegen den Straßenlärm zu schützen und den notwendigen Einsatz von Schallschutzfenstern weitestgehend zu vermeiden.

    Die Wohnblöcke bilden ein robustes Ensemble, das in seiner Komposition nach außen präzise, in ihrem Grad an Öffentlichkeit abgestufte Freiräume erzeugt. Im Inneren findet sich eine vielfältige Mischung unterschiedlicher Wohnungsgrößen und Wohnformen. Auch das betreute Wohnen ist in diese Struktur integriert, eine Sonderstellung wird bewusst vermieden. Das Quartier 4.2 bietet somit höchste Flexibilität für langfristig sich ändernde Nutzungsszenarien und vermeidet schwerfällige Monostrukturen. In seiner Gestaltwirkung wird eine gelassene Unaufgeregtheit angestrebt. Warmgraue Klinkerfassaden in Verbindung mit naturbelassenen Alu-Fenstern bleiben dauerhaft ansehnlich, in den Höfen sorgen weiße Putzflächen für freundliche Helligkeit. Als Grundkonstruktion wird jeweils eine homogen-massive hochdämmende Hohlziegelwand vorgesehen, die in Verbindung mit kleinen Spannweiten und Stahlbetondecken für hohe Wirtschaftlichkeit sorgt. Bei durchgehender Viergeschossigkeit ist diese massive und gleichzeitig dämmende Bauweise möglich, die technisch und optisch schadensanfällige und langfristig teure Dämmverbundkonstruktionen obsolet macht. Das Baufeld bildet in seiner ruhigen orthogonalen Ausrichtung und Raumbildung Übergang und Auftakt für die weitere Quartierswicklung nach Norden mit Schule, Kindergarten und zentralem Park.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Gegenüber den Großstrukturen des Bestandsquartiers, wenden sich die Verfasser bewusst zu Einzelhof-Bebauung mit aufgelösten, teppichartigen städtebaulichen Formen zu, die als Aufbruch in ein neues Verständnis von künftigem Wohnen gewertet werden können. Sie lösen den Übergang zwischen Quartier und Gesamtsituation mit einer sehr sensiblen und gleichzeitig gut nutzbaren und verbindenden Freiflächengestaltung unter Einbeziehung der Topografie.

    So entstehen vier plus eins gleichförmige Kleinquartiere, die selbstverständlich und individuell Neben- und Erschließungsfunktionen direkt mit dem Wohnen verkoppeln. Die Verfasser arbeiten das topografische Gefälle bewusst in Freiflächenplan und Tiefgarage ein. Hervorzuheben ist die mit dem Quartier verbindende Nord-/Südachse.

    Die Raumfolgen sind trotz der hohen Dichte individuell vernetzend und öffnen sich zum Gesamtquartier. Insbesondere in südlicher und westlicher Richtung ergeben sich durch diesen Entwurf vielschichtige und sehr qualitätsvolle und gut nutzbare Freiräume. Damit rückt der Verfasser das Zentrum gemeinschaftlichen Lebens nicht in die Mitte des Quartiers, sondern an alle sich bildenden Übergänge und damit zu einer gemeinsamen Schnittmenge.

    Die Einfahrt in die Tiefgarage ist schlüssig, die Tiefgarage selbst erfüllt die Stellplatzanforderung nicht.

    Die gemeinschaftlichen Einrichtungen für quartierszentrale Funktionen und das Mobilitätsmanagement sind städtebaulich gut platziert und leiten in die Quartiersmitte mit Schule und gemeinschaftlichen Einrichtungen über.

    Die kleinteilige Hofstruktur hat Vorteile und Nachteile. Hervorzuheben sind die sehr qualitätsvollen und effizienten Grundrisse. Das Thema Ein-Zimmerwohnen ist dabei auf der Strecke geblieben zu Gunsten größerer Wohnungen. Die Anordnung von Schlafräumen zur Heidelberger Landstraße ist ungünstig. Was für die Bewohnerschaft Individualität bei der Nutzung von Nebenflächen und Nebenfunktionen (Fahrräder, Müll, etc.) ist, bedeutet für die Bewirtschaftung ein Nachteil.

    Die adressbildende Identität der Innenhöfe hat, aufgrund der Größe der Höfe und der Höhe der Gebäude, den Nachteil der Verschattung. Der scheinbare Nachteil der Öffnung der Höfe nach Norden ermöglicht den sichtbaren Vorteil für die großen Wohnungen mit südlich orientierten privaten Zonen.

    Es ist den Verfassern gelungen, die geförderten und nicht geförderten Wohnungen sehr gut zu durchmischen. Die Architektur ist in werthaltige Materialien übersetzt worden, die Konstruktion ansonsten eher konventionell.

    Wohnungsanzahl und Wohnfläche sind jedoch weit unter dem Durchschnitt. Der Wohnungsmix entspricht in Bezug auf die Kleinwohnungen nicht den Vorgaben, dafür ist der Entwurf jedoch sehr qualitätsvoll und familienorientiert. Wirtschaftlich problematisch könnten die zahlenmäßig überdurchschnittlichen Erschließungskerne sein. Das Grundstück wird flächig belegt und ist in Bezug auf die Abstandsflächen und die Baugrenzen austariert. Änderungen, z.B. eine Erhöhung der Raumhöhen oder der Geschossigkeit sind nicht ohne weiteres möglich. Der Entwurf ist in Bezug auf Anpassungen im weiteren Planungsprozess wenig flexibel.

    Die Haltung zum Quartier ist städtebaulich zukunftsweisend, individuell, kraftvoll und trotzdem sensibel. Der Respekt vor der Einbindung in „Gesamt-Lincoln“ wird in vielschichtiger, kompetenter weise über Wegeführung und Grüngestaltung gelöst und entwickelt sich somit zum qualitätsvollen Auftakt zum Vis-a-Vis des Zentrums und der Umgebungsbebauung. Das Wohnen ist individuell und gleichzeitig gemeinschaftlich. Der Entwurf liefert einen wertvollen Beitrag zum Thema Städtebau und Wohnen und in Bezug auf zukunftsgemäßes Wohnen.

    Technik
    HA-Räume und Technikräume sind im Grundriss nicht dargestellt, deren Nachrüstung würde die Stellplatzanzahl oder die Nebenraumflächen weiter verringern. Positiv ist, dass je Treppenhaus bereits separate Lüftungsräume je TRH für eine zentrale Lüftungsanlage vorgesehen sind. Die natürliche Lüftung der TG ist nicht dargestellt, wird mit Luftschächten aber einfach herzustellen sein. Sanitär-Vorwände sind überwiegend nicht dargestellt, deren Nachrüstung bedingt eine Wohnflächenverringerung. Es werden nur 2 Abw-Fallstränge je WE benötigt, die Schächte sind dargestellt und scheinen ausreichend bemessen. Bei einer lichten Geschosshöhe von 2,50 m, würde ein horizontaler Leitungsverzug zu einer zu geringen Raumhöhe führen. Die Passivhaustauglichkeit ist durch eine zentrale Lüftungsanlage mit WRG je Treppenhaus, bereits mitgedacht. Die Außenluftzuführung direkt aus der Tiefgarage im 1.UG ist nicht zulässig, die Fortluftabführung in die Tiefgarage 2.UG jedoch ist ein guter Vorschlag, der förderlich für die natürliche Lüftung der TG ist. Das Ziel eines „Null-Emissions-Konzeptes“, mit 300 kWpeak- PVAnlage ist positiv zu bewerten, die Umsetzung auf der vorhandenen Dachfläche ist jedoch fraglich, da die vorhandene Dachfläche nicht ausreichen wird.Das Technikkonzept bietet gute Ansätze, wäre jedoch im Detail noch zu entwickeln. Die Außenluftzuführung durch die Tiefgarage ist so nicht möglich.

    Tragwerk
    Eine klare Tragstruktur mit wirtschaftlichen Spannweiten (5,5m in aufgehenden Bereichen) kennzeichnet dieses Konzept. Über dem 1. Tiefgaragengeschoss ist eine Konstruktionshöhe vorgesehen, die es ermöglicht, einen Abfangrost zu errichten, um das Tragsystem der oberen Geschosse in die TG-Stützen und –wände überzuleiten, was derzeit noch nicht optimal oder noch gar nicht dargestellt ist. Die Außenwände der Gebäude sind als 42,5cm dicke Porotonwände vorgesehen, die kein zusätzliches WDVS benötigen. Vorabfertigstellung der TG ist eher problematisch. Eine wirtschaftliche Gesamtlösung des Tragwerks kann attestiert werden.

    Baurecht
    Der Brandüberschlag vom Treppenraum zu Fenstern in den Wohnbereichen ist auszuschließen. Die Feuerwehrzufahrt und Aufstellflächen sind nach der DIN 14090 für die Feuerwehr herzustellen. Ein 2. baulicher Rettungsweg für das betreute Wohnen wäre noch einzuplanen.


INFO-BOX

Angelegt am 15.06.2016, 14:58
Zuletzt aktualisiert 27.06.2016, 13:59
Beitrags-ID 4-122860
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