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  • 4. Preis

    Perspektive, © o5 architekten

    Architekten
    o5 architekten bda - raab hafke lang, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Landschaftsarchitekturbüro Stefan Laport, Battweiler (DE)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept
    Die Phillips-Universität Marburg plant als Teil der baulichen Erweiterung des innerstädtischen Campus Firmanei den Neubau des Forschungszentrums Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg (DDK) sowie die Errichtung eines Seminargebäudes. Inhalt des vorliegenden Konzeptes ist ein Gebäudeensemble, welches eine neue prägende und identitätsstiftende Adresse formuliert und gleichzeitg die einzelnen Gebäude im Stadtraum aber auch über ihren differenzierten architektonischen Ausdruck ablesbar lässt. Die neuen Baukörper entsprechen in ihrer Größe, Proportion und Anordnung den darin eingeschreibenen Nutzungen und erfüllen die jeweiligen funktionalen Anforderungen vollends. Das Gebäudeensemble mit seiner zentral angelegten Piazetta formuliert allseitig Angebote in den Stadtraum und wird so seiner Lage im Gelenkpunkt wichtiger Wegebeziehungen innerhalb des Universitätscampus und der Stadt gerecht.

    Städtebau
    Die Standorte der Phillips-Universität Marburg liegen über weite Teile des Stadtgebietes verteilt. Das Plangebiet liegt hierbei in zentraler Lage und übernimmt eine wichtige Gelenkfunktion der Wegenetze. Die städtebauliche Setzung der neuen Gebäudekörper und die hieraus entstehende Platzfolge tragen dieser Anforderung maßgeblich Rechnung. Auftakt bilden die Plätze am Pilgrimstein und am Mühlgraben, die die Wegebeziehungen zum zentralen Hörsaalgebäude und über den botanischen Garten zur neuen Universitätsbiliothek einerseits und nach Süden zum Rudolphsplatz andererseits aufnehmen. Aus der historischen Oberstadt kommend gelangt man über den Pilgrimstein auf die von den Gebäuden DDK, Seminargebäude und Sprachatlas umstandene zentral gelegene Piazzetta. Eine Stärkung der Ensemblewirkung erfahren die Gebäude durch eine horizontale Gebäudegliederung sowie durch die Orientierung der jeweiligen Hauptzugänge und somit einer gemeinsamen Adressbildung zur Piazzetta.

    Freiraum
    Für den Ort prägend ist neben dem identitätsstiftenden Gebäudeensemble die Reihung von drei aufeinander folgenden Plätzen unterschiedlichen Charakters und Funktion. Der Platz am Pilgrimstein ist übernimmt die Funktion des Ankommens und Parkens und ist durch seine Materialität städtisch geprägt. Die Freifläche am Mühlgraben dagegen übernimmt Elemente aus dem Botanischen Garten und ist daher eher landschaftlich geprägt, wassergebunden und baumbestanden. Ein einheitlicher, kleinteiliger Plflasterbelag bildet die Wegebeziehungen und bindet die unterschiedlichen Freibereiche zusammen. Der Niveauunterschied vom Mühlgraben zur zentralen Piazzetta wird barrierefrei über die geneigte Freifläche gewährleistet. Vom Tagungsbereich des DDK vermitteln breite Stufen mit Sitzblöcken auf das untere Niveau. Die von den Gebäuden geprägte Piazzetta verfügt über Sitzgelegenheiten und lädt zum vor und nach den Besuchen und Lehrveranstaltungen zum Verweilen ein.

    Architektur DDK
    Von der vorgelagerten Piazzetta gelangt man über den Hauptzugang in das einladende, zweigeschossige Atrium mit Foyerfunktion. Alle öffentlichen Funktionsbereiche (Bibliothek und Tagungsbereich) sind von auf gleicher Ebene gut auffindbar angeordnet. Während die Bibliothek sich in Richtung Pilgrimstein positioniert befindet, orientiert und öffnet sich der Tagungs- und Seminarbereich zum Botanischen Garten und Platz am Mühlgraben. Über die zentrale Treppe im Atrium sowie über den dort angeordneten Aufzug gelangt man in die Funktionsbereiche des Instituts und des Archivs in den Obergeschossen.Typologisch ist das Gebäude in einem Art Dreibund organisiert welcher sich um das zentrale Atrium legt. Die Abteilungen des Instituts sowie das Archiv sind zusammenhängend unter Berücksichtigung Ihrer Lage zueinander organisiert. Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein Dachgarten der zusätzliche Aufenthaltsqualitäten und Belichtungsmöglichkeiten generiert.

    Architektur Seminargebäude
    Das Seminargebäude wird ebenfalls über die vorgelagerte Piazzetta erschlossen. Die Seminarräume sind über vier Geschosse mit einem jeweils vorgelagerten Foyer organisiert. Über eine zentrale offene Treppe sowie einen Aufzug werden alle Geschossebenen erreicht. Es befinden sich jeweils zwei multifunktionale Seminarräume unterschiedlicher Größe auf einer Etage. Im Bedarfsfall können diese flexibel miteinander verbunden oder in kleinere Segmente unterteilt werden. Die Orientierung der Seminarräume nach Aussen verändert sich je nach Höhe und Lage im Gebäude. Die geschossweise organisierten Foyerflächen dienen als Ort der Sammlung und als Treffpunkt. Neben Öffnungen mit Sitzbänken in den Öffnungslaibungen verfügen sie über kleine Kaffeebereiche mit Automaten.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurfsverfasser schlägt eine vom Vorentwurf abweichende Anordnung der Baukörper vor. Durch die Platzierung des viergeschossigen Seminargebäudes im Süden und das im Norden anschließende dreigeschossige DDK wird eine klare städtebauliche Kante zum Pilgrimstein hin ausgebildet. Es entstehen zwei Bauvolumina, die den Straßenraum rhythmisierend auflockern und zwei barrierefrei Durchwegungen möglich erscheinen lassen. Zugleich wird mit der bestehende Architektur des Sprachatlasses ein stimmiges Gesamtensemble geschaffen. Die Durchwegung zum Parkhausaufzug zur Oberstadt ist gelungen.

    Durch die Anordnung der Baukörper ergibt sich ein zentraler Platz, der zugleich Verteilerfunktion übernimmt und von dem aus beide Neubauten zugänglich gemacht werden. Nördlich des Sprachatlasses entsteht eine weitere Platzsituation auf Höhe des Steges, die durch die überdachten Fahrradstellplätze sowie die seitlich angeordneten Sitzstufen einen Ort der Begegnung erwarten lassen.

    Die Bandfassade mit Einzelfenstern sowie die geschlossene Fassade aus einem hochwertigen Ziegelmauerwerk können überzeugen, sofern diese in der Materialität und Kostengesichtspunkten auch in dieser Qualität so umgesetzt wird. Das Seminargebäude ist kompakt organisiert, und alle Funktionen sind konsequent abgebildet. Die Eingangssituation des DDK ist gelungen. An das großzügige Foyer mit einem zweigeschossigen Atrium schließt sich die zentrale Treppe an, die in die Obergeschosse führt. Im zweiten Obergeschoss wird erfreulicherweise ein begehbarer Dachgarten ausgebildet. Die Umsetzung des Raumprogramms im DDK entspricht im Wesentlichen den Auslobungsunterlagen, jedoch sind in der Anordnung der Räume zueinander Defizite zu erkennen. So sind beispielsweise die Archive und Magazine räumlich zu weit voneinander entfernt, wodurch lange Laufwege entstehen. Ebenfalls wird die Verbindung der Bibliothek im Erdgeschoss zu den Archivräumen im zweiten Obergeschoss kritisch gesehen. Auch im Hinblick auf die klimatische Konditionierung ist die Anordnung der Archive und Magazine ungünstig. Der Entwurf liegt im vorgegebenen Kostenrahmen. Die Vorgaben zur Energieeffizienz können im Rahmen des Entwurfs gut eingehalten werden. Das Ener¬giekonzept ist in sich schlüssig und nachvollziehbar dargestellt. Die Stromversorgung soll durch Erneuerbare Energien aus Fotovoltaik ergänzt werden. Der gemittelte Glasflächenanteil in der Fassade von ca. 30 % erlaubt den Schluss, dass die Gebäude, ohne besonderen zusätzlichen Aufwand konditioniert werden können. Bezüglich der Gesamtenergieeffizienz befindet sich diese Arbeit im soliden Mittelfeld der abgegebenen Arbeiten.

    Die Relation von Investitionskosten zu Energieeinsparpotential wird als angemessen bewertet. Insgesamt stellt der Entwurf einen wichtigen Beitrag zur städtebaulichen Klärung dar, jedoch vermag die innere Organisation des DDK nicht vollends zu überzeugen.