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  • 1. Preis

    Modellfoto

    Architekten
    architekten prof. klaus sill, Hamburg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Lorenz Tettenborn, Jan de Wolff, Vera Dietl

    Erläuterungstext
    AUFGABE
    Die Universität Göttingen plant die Zusammenführung der über das Stadtgebiet verteilten Institute und Seminare der Philosophischen Fakultät zu einem Kulturwissenschaftlichen Zentrum. Durch die räumliche Zusammenfassung der Einrichtungen im Altklinikumsbereich, dem Hauptstandort der Philosophischen Fakultät, werden wesentliche Synergie- und Rationalisierungseffekte erwartet.

    STÄDTEBAU
    Die Stadtstruktur Göttingens ist maßgeblich durch die Institutionen und Bauten der Georg-August-Universität geprägt. Besonders der in der Neunziger Jahren komplettierte Campus am Platz der Göttinger Sieben bringt dies räumlich zum Ausdruck. Großmaßstäbliche Einzelbaukörper beschreiben einen zentralen Bereich, dessen Ursprung eher in der siebziger Jahren zu finden ist. Allerdings erzeugt die Konzentration universitärer Einrichtungen an diesem Ort einen hohen Zustrom von Studierenden und Lehrenden.
    Im Vergleich zu dem diesem Campus ist der unmittelbar östlich angrenzende Bereich des Altklinikums durch eine deutlich andere Maßstäblichkeit geprägt. Die historischen, ehemaligen Klinikgebäude an der Gossler Strasse und an der Humboldtallee erzeugen ein homogeneres und kleinmaßstäblicheres Bild, die erfolgten Umbauten und Sanierungen dieser Gebäude unterstreichen dies.
    Im Inneren des Altklinikumsbereich herrscht eine introvertierte Atmosphäre. Die auch hier vorhandenen historischen Gebäude stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zu den grossen Bäumen und parkartigen Grünflächen [nur die diversen Anbauten späterer Epochen an die historischen Bausubstanz stören das homogene Bild] .

    Die Philosophische Fakultät ist wichtiger Bestandteil dieses Gesamtensembles und damit Teil einer anderen Campus-Atmosphäre als es die Gebäude am Platz der Göttinger Sieben sind. Diesen spezifischen städtebaulichen Raum gilt es mit dem neuen Kulturwissenschaftlichen Zentrum fortzuführen und zu pointieren.

    GRÜNRÄUME
    Die vorhandenen Grünräume im Altklinikumsbereich lassen sich in zwei Kategorien unterscheiden:
    1. Grünflächen mit intensiven flächen- oder alleeartigen Baumbestand
    2. Einzelbäume oder Baumgruppen, die in unmittelbaren Kontext zu Gebäuden stehen.
    Gerade die zweite Gruppe führt zu einer spezifischen Verbindung von Grünraum und Gebäudestruktur. Die Bäume stehen in Höfen oder Vorplätzen der U- oder L-förmigen Bauten und erzeugen so das stark durchgrünte Gesamtbild des gesamten Areals.

    Unser Konzept greift beide Phänomene auf:
    1.1. Es entsteht nördlich des neuen Kulturwissenschaftlichen Zentrums ein Freiraum mit einer regelmäßigen Baumstellung. Er entspricht nahezu der heute dort vorhandenen Fläche, wird allerdings durch das neue Gebäude einen deutlichen Benutzungsimpuls erhalten. Der hier im Erdgeschoss angeordnete Lehrbereich wird diese Aussenraum mit universitärem Campus-Leben bespielen können.
    Langfristig kann diese Fläche auch ein Erweiterungspotenzial für die Institutsbauten der Universität darstellen.
    1.2. Eine im Ansatz schon vorhandene Allee zwischen dem Haupteingang des neuen Kulturwissenschaftlichen Zentrum und der Gosslerstrasse wird aufgegriffen und deutlicher zum Ausdruck gebracht. Sie weist auf den neuen Eingang hin und stellt gleichzeitig die kürzeste Verbindung zum Campus am Platz der Göttinger Sieben her. Eine zweite Allee verläuft in Nord-Süd-Richtung und stellt die Verbindung zwischen dem des Eingang Kulturwissenschaftlichen Zentrums und der Mensa am Turm her. Diese wird zukünftig eine stark frequentierte Bewegungsachse sein.

    2. Die drei neuen U-förmigen Institutsgebäude umschliessen einen sich nach Süden öffnenden Grünbereich, in dem eine Baugruppe angeordnet ist. Diese Maßnahme greift das oben beschriebene historische Prinzip des Altklinikumbereiches auf. Es artikuliert aber auch das Konzept der Einzelgebäude und greift den vorhandenen städtebaulichen Maßstab auf.


    GEBÄUDKÖRPER
    Der Gebäudekörper des neuen Kulturwissenschaftlichen Zentrums leitet sich konsequent aus der vorgefundenen städtebaulichen Situation ab. Er führt die vorhandene Typologie Gebäude/ Grünraum fort.
    Die entstehende Gebäudestruktur basiert auf einer kompakten, rechteckigen Gesamtfigur, die sowohl das Gebäude der Philosophischen Fakultät wie auch den existierenden Bibliotheksanbau in das Gebäudeensemble integriert. Der Eingang ist auf die Allee zur Gossler Strasse hin orientiert, einer Achse, die sich im Inneren des Gebäudes wiederfindet und einen direkten Anschluss an die Philosophische Fakultät herstellt.
    Das eingeschossige Gebäude des Tierstalls der Anatomie wird mit einer Brücke überbaut, die die direkte Verbindung des neuen Gebäudes zur vorhandenen Bibliothek herstellt. Nachdem das Tierstall-Gebäude [mgl. zügig] abgerissen worden ist, wird seine Grundfäche mit einer nahezu gleich grossen Wasserfläche belegt. Dadurch entsteht in diesem Grundstücksteil eine neue Aussenraumqualität mit einem hohen Aufenthaltswert für die Studierenden und Lehrenden sowie zur Verbesserung des Mikroklimas am Gebäude.

    Konzept der Gebäudestruktur ist die Entwicklung einer Gesamtfigur, die dem Begriff des Zentrums gerecht wird. Dies erfolgt jedoch nicht durch einen maßstabssprengenden Gebäudekörper, sondern durch eine Gebäudegruppe, die den Maßstab der Umgebung reflektiert und aus vier miteinander verbundenen Einzelbaukörpern besteht. Drei `Institutsvillen` im Park kreisen um die zentral gelegene Bibliothek. Jedes Gebäude hat seine eigene, ablesbare Identität, im Zusammenspiel bilden sie das neue Kulturwissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen.

    RAUMSTRUKTUR/ RAUMPROGRAMM
    Signifikantes Merkmal der beschriebenen Gesamtstruktur ist die von Ost nach West verlaufenden Hauptachse des neuen Gebäudes, die den Haupteingang und den Anschlussbereich an das Philosophische Institut unmittelbar verbindet.
    An dieser Bewegungsachse befinden sich die Bibliothek mit ihren internen Zugängen für die Mitarbeiter und im westlichen Bereich die Eingangshalle. Diese ist Treffpunkt und Verteiler, sie bietet direkten Zugang in die Bibliothek und in das Learning Ressources Center, in den Lehrbereich im Erdgeschoss und zu den Institutsflächen in den Obergeschossen.

    Die Institutsflächen sind in den drei beschriebenen Baukörpern [`Institutsvillen` im Park ] untergebracht. Sie sind so proportioniert, dass ablesbare und identifizierbare Raumeinheiten entstehen, die eine unmittelbare Auffindbarkeit und Orientierung gewährleisten. Alle Institute besitzen eine kurze Verbindung zur zentral angeordneten Bibliothek.
    Die drei Institutsgebäude beruhen auf einer U-förmige Grundstruktur, die sich konsequent zum Licht öffnet. Sie erzeugen jeweils im Zentrum einen trapezartigen Aussenbereich, der begrünt ist. Die Trapezform entsteht durch die sich verjüngenden Flurbereiche, die anlog zur Benutzungsfrequenz schmaler werden.

    Der Lehrbereich ist unmittelbar über die Eingangshalle im Ergeschoss erschlossen. Seinen Schwerpunkt findet er im nördlichen Institutsgebäude. Er hat unmittelbaren Bezug zur anschliessenden, stark begrünten Freifläche. Nach dem Abriss des Tierstall-Gebäudes und dem Anlegen einer Wasserfläche mit Sitzstufen im Freien erhält der Lehrbereich einen weiteren, attraktiven Außenbezug.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die städtebauliche Leitidee dieses Entwurfes ist, die vorhandene Gebäudetypologie der Umgebung aufzunehmen und konsequent umzusetzen. Dies gelingt dem Entwurf außerordentlich gut. Durch die Anordnung der Seminargebäude mit nach außen hin geöffneten Innenhöfen erreicht der Verfasser eine Erschließung der kurzen Wege und eine trotz ihrer Kompaktheit leicht und aufgelockert wirkende Gebäudestruktur, die sich selbstverständlich in die Umgebung einfügt. Die vorhandene Erschließungsachse von der Gosslerstrasse wird konsequent aufgenommen und in die Bildung einer klar strukturierten Eingangssituation fortgesetzt.
    Die städtebauliche Gesamtstruktur des Beitrags ermöglicht eine außerordentliche Freiraumqualität. Der besondere Charme liegt im Verzicht auf einen monumentalen, massiven Baukörper, und trotzdem gelingt es, alle geforderten Funktionen auf kurzen Wegen miteinander zu verbinden und zudem eine attraktive Freiraumgestaltung als Park, insbesondere nach Norden, in abgestufter Form auch nach Süden herzustellen.
    Die funktionale Anordnung der Seminar- Übungs- und Bibliotheksbereiche ist überzeugend gelungen. Aus der sehr kompakten Bauweise ergibt sich eine kostengünstige Gebäudebewirtschaftung.