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  • DE-89343 Jettingen-Scheppach, DE-89343 Jettingen-Scheppach
  • 10/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-234649)

Rathaus-Erweiterung


  • Anerkennung

    Zeinerplatz, © lattkearchitekten

    Architekten
    lattkearchitekten, Augsburg (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Frank Lattke

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten, Stadtplaner: STADT LAND FRITZ, Friedberg (DE)
    Brandschutzplaner: bauart Konstruktions GmbH + Co.KG, Lauterbach (DE), München (DE), Darmstadt (DE)

    Preisgeld
    2.700 EUR

    Erläuterungstext
    Leitmotiv unseres Vorschlags ist eine ganzheitliche Strategie, eine dem Markt Jettingen-Scheppach angemessene Mitte zu schaffen, die den geforderten städtebaulichen Impuls für die vitale Weiterentwicklung des Ortes auslöst. Das Herz des Ortes ist der neue Zeinerplatz, dem Treffpunkt für das Dorf und die Umgebung.

    IDEENTEIL Zeinerhaus
    Nach gründlicher typologischer, konstruktiver und wirtschaftlicher Analyse schlagen wir vor, das Zeinerhaus zu Gunsten einer neuen vitalen Mitte aufzugeben. Das Gebäude ist baukulturell wenig bedeutend und nur mit sehr hohem Aufwand barrierefrei und strukturell sinnvoll umzubauen. Der freiwerdende Stadtraum bietet dagegen ein großes Potenzial als Ort, an dem unterschiedlichste Nutzungen stattfinden können.
    Der Zeinerplatz hat einen Rahmen durch bedeutende Bauten, dem historischen Rathaus und der gegenüberliegenden von Alexander Freiherr von Branca umgebauten Kirche St. Martin. Der Rathaus-Erweiterungsbau und ein Ersatzneubau für das Zeinerhaus vervollständigen das Ensemble. Der Zeinerplatz wird Treffpunkt zum sonntäglichen Gottesdienst und bietet Raum für Feste, Märkte, Musikauftritte usw. Die Aufweitung des Straßen-/ Platzraums durch den Wegfall des Zeinerhaus führt zur Übersichtlichkeit der Verkehrsbeziehungen im kurvigen Verlauf der Straße. Bäume und begrünte Flächen werten den Straßenraum auf und laden zum Verweilen ein.
    Die Rathauserweiterung öffnet sich zum Zeinerplatz. Ein Dorfladen mit Café, Informationstheke und der Bürgersaal bieten auf der Platzebene öffentliche vitale Funktionen. Die westliche Platzkante soll durch einen kleinen Neubau geschlossen werden. Wir schlagen an dieser Stelle ein Musikprobenhaus für die örtliche Kapelle samt Musikschule vor. Damit erhält das Herz Jettingens eine weitere belebende und gesellschaftlich wichtige Funktion.

    STÄDTEBAULICHE EINORDNUNG
    Mit dem Zeinerplatz wird eine markante Ortsmitte geschaffen, die sich durch zwei giebelständigen Neubauten in den ortstypischen Baustil von Jettingen einfügt. Sowohl das Rathaus wie auch die benachbarte Kirche bekommen ihren angemessenen Wirkungsraum. Es wird ein neuer Freiraum für den täglichen Aufenthalt, für benötigte Parkplätze und für Festlichkeiten geschaffen. Der Erweiterungsbau des Rathauses steht an der Stelle des ehemaligen Schraderhauses, orientiert sich in seiner einfachen langgestreckten Form in Ost/West-Richtung und ist im Straßenverlauf zur Rathausfassade etwas zurückversetzt.
    Die Architektur des Neubaus sucht ein Gleichgewicht zwischen Eigenständigkeit und Einordnung in die bestehenden Strukturen der zur Straße hauptsächlich giebelständigen Bestandsbauten. Mit den umgebenden, das Stadtbild prägende Bauten definiert sich das Ensemble als Teil des gewachsenen Ortes. Volumetrisch ordnet sich der Neubau dem denkmalgeschützten Rathaus in seiner Höhenentwicklung unter. Ein Zwischenbau, in dem das Archiv – das Gedächtnis des Ortes - untergebracht ist, stellt die Verbindung der Baukörper in einem angemessenen Abstand her. Das Rathaus wird in seiner prägnanten Erscheinung verstärkt. Die Eingriffe in das denkmalgeschützte Gebäude reduzieren sich auf die Verbindung der gemeinsamen Erschließung. Die fein detailierte hölzerne Fassade des Neubaus gibt der farbig gestalteten Oberfläche des rauen Putzes des Rathauses ein angemessenes Gegenüber. Die moderne Erweiterung im historischen Kontext ist Ausgangspunkt für eine städtebauliche Entwicklung des Ortes, die im nächsten Schritt mit der Platzgestaltung und dem platzschließenden Ersatzneubau des Zeinerhauses eine neue Ortsmitte schafft. Das Rathaus bietet dazu den Auftakt mit einem transparenten Schaufenster zum neuen Zeinerplatz.

    VERKEHR UND FREIANLAGEN
    Maßnahmen zur Entschleunigung des Durchgangsverkehrs zwischen Rathaus und Kirche:
    • die Linienführung der Fahrbahn südlich des neuen Platzes wird stärker verschwenkt
    • der schwellenlose Platzbelag unterbricht optisch die durchgehende Asphaltdecke
    • die Baumstellung unterbricht die uneingeschränkte Durchsicht
    Dies wird zu einer deutlichen Geschwindigkeitsreduzierung führen.
    Durch den Zeinerplatz entstehen neue Blickbeziehungen und öffentliche Räume für die Bürger. Dabei kennzeichnet der großzügige Platz für Einheimische und Radtouristen deutlich das Ortszentrum. Die offene räumliche Struktur und die Möblierung des Zeinerplatzes bietet sowohl alltägliche Aufenthaltsbereiche und Parkplätze als auch Flächen für Veranstaltungen. Als generationenübergreifender Treffpunkt ist die südliche Platzfläche barrierefrei gestaltet. Ein baumüberstellter grüner Teppich und Freiflächen für Tischgruppen vor dem Café laden zum Aufenthalt ein. Für Veranstaltungen im Bürgersaal oder im neuen Musikprobensaal kann die Platzfläche als Zuschauerraum bestuhlt werden. Der Musikprobensaal wird durch die Öffnung der östlichen Fensterflügel zur Freiluftbühne. Im Westen des Rathauses wird der bestehende Parkplatz mit seinem Baumbestand erhalten. Nur im Bereich des Rathauseingangs wird durch die kompakte Stufenanlage und die Bänke unter den Bäumen die Situation verbessert. Der Höhenunterschied zwischen den Plätzen wird durch eine Brüstungsmauer aus Naturstein mit integriertem Wandbrunnen überbrückt und bildet für den Zeinerplatz einen harmonischen räumlichen Hintergrund. Damit der Zeinerplatz als Ortsmitte deutlich wahrnehmbar ist, wird die Oberfläche mit einem einheitlichen Belag gestaltet. Dieser kann dabei von geschliffenem Asphalt bis hin zu lärmdämpfendem geschnittenem Natursteinpflaster reichen.

    ARCHITEKTUR
    Foyer, Bürgersaal und Dorfladen öffnen sich mit einer großflächigen Verglasung zum Zeinerplatz. Der Raum wird zu einer öffentlichen Zone und bekommt dadurch die Bedeutung eines Vestibüls für das Rathaus. Dieses bietet unterschiedliche Möglichkeiten flexibler Raumgestaltung: das Foyer ist sowohl Verteiler wie auch verbindendes Element des Raumangebotes. Der Bürgersaal bietet mehrere Nutzungsoptionen. Eine offene Bespielung über die gesamte Gebäudelänge ist möglich, wenn die Trennwände zum Saal oder die Fassade zum Platz geöffnet wird. Ein kleiner Dorfladen mit Café ist Anziehungspunkt zur Belebung des Platzes (Beispiel Dorfladen Irsee). Man trifft sich, tauscht Neuigkeiten aus, knüpft Beziehungen. Hier entsteht ein regionales Schaufenster in der Ortsmitte. Die Vereinsküche versorgt den Vortrags- und Versammlungsraum, bietet Verbindung zum Platz, kann aber auch ein Café des Dorfladens bedienen. WCs sind von außen über den westlichen Platz erreichbar. Die Anbindung an den Bestand des denkmalgeschützten Rathauses erfolgt über eine Erschließungsachse, die ihren Anfang am neuen Platz nimmt und sich mit Sichtverbindung über das Foyer, den gläsernen Verbindungsgang zur gegenüberliegenden Halle des alten Rathauses erstreckt und den barrierefreien Zugang von den beiden Geländeniveaus erlaubt. Im Zwischenbau ist das Archiv über mehr als 9,0 m Höhe an alle Verwaltungsebenen angebunden, was sehr kurze Wege zu den Beständen bedeutet. Die bauliche Struktur des Erweiterungsbaus orientiert sich an den vorgegebenen Höhen des historischen Rathauses. Ein Höhensprung im Erdgeschoß in Längsrichtung vermittelt zwischen unten (Zeinerplatz / Bürgersaal) und oben (Rathaus). Dadurch ist eine Teilunterkellerung für Technikräume, Lager und Server kostengünstig realisierbar. Die oberen Geschosse schließen etagengleich an den Bestand. Die Bauabteilung liegt mit kurzen Wegen auf gleicher Höhe der anderen Verwaltungseinheiten. Die tragende Skelettstruktur ermöglicht ein hohes
    Maß an räumlicher Flexibilität. Neben der Ausbildung von traditionellen Zellenbüros ist die Integration innovativer Verwaltungstypologien wie Kombibüro oder Open Space möglich. Der offenen Wartebereiche bietet Präsentationsflächen für aktuelle Bauvorhaben und Modelle, die Jettingens Aufbruch erklären. Anstelle eines sanierten Zeinerhauses bietet der Raum im zweiten Obergeschoß den Mehrwert eines multifunktional bespielbaren Ortes. Das aufgespannte Dach bietet für die Entwicklung des Markt Jettingen-Scheppach einen zentralen Raum, in dem Vermittlungsangebote stattfinden können, ein „GeschichtenOrt“ (Hofburg in Wien) für Ausstellungen von regionalen Künstlern, Handwerkern, Krippenverein oder Schulprojekten, Vorträge oder kleinere Veranstaltungen wie Hochzeitsgesellschaften. Er bietet zusätzlich potentielle Reserve für einen späteren Ausbau der Verwaltung.

    KONSTRUKTION
    Der Neubau setzt als moderner Holzbau ein Zeichen für Nachhaltigkeit und Modernität. Wände und Decken sind in sichtbarer Brettsperrholzbauweise errichtet. Die quergespannte Decke liegt im Erdgeschoß auf der Außen- und der Mittelwand auf. Im Obergeschoß ist die Mittelwand zu Gunsten der räumlichen Flexibilität in ein wirtschaftliches Stützenraster aufgelöst. Der Dachraum wird durch eine eng gestellte Reihe filigraner Fachwerkträger in Buchen-FSH aufgespannt. Die Oberfläche der Brettsperrholzbauteile aus Fichte wird mit einer Silikatfarbe lasiert und erhält dadurch eine feine fast kalkartige helle Erscheinung. Brandschutztechnisch wurde der Altbau in Verbindung mit dem Neubau untersucht. Das Gesamtbauwerk kann in Gebäudeklasse 4 eingestuft werden, was die Konstruktion in Holz vereinfacht. Das Wetterschutzkleid aus sägerauer Wechselfalzschalung in Fichte erhält einen lasierenden Anstrich in einem warmen Grauton, der die Holzstruktur sichtbar lässt und eine Vergrauung der Oberfläche vorwegnimmt. Die Fassade braucht in Zukunft keinen weiteren Anstrich.

    KLIMA UND ENERGIE
    Alle Maßnahmen sollen ökologisch und energetisch sinnvoll sein. Es sollen nur Materialien verwendet werden, die mit geringem Energieaufwand und geringer Schadstoffemission hergestellt, eingebaut und auch wieder entsorgt werden können. Der kompakte Neubau mit hochwärmegedämmter Gebäudehülle erfüllt energieeffizienten Standard mit geringen Betriebskosten und robuster Technik. Zur Deckung des Heizwärmebedarfs wird der Neubau an die Bestandsheizung angeschlossen. Strahlungsheizung (Fußboden) sorgt für konstant angenehme Temperierung. Die Grundlüftung erfolgt individuell über die Fenster. Eine Lüftung mit Wärmerückgewinnung (Zusatz) optimiert das Raumluftklima und die Energiebilanz.

    WIRTSCHAFTLICHKEIT
    Im Vergleich zur notwendigen sehr aufwendigen Sanierung des Zeinerhaus erlaubt die Kompaktheit des Neubaus die Herstellung eines zusätzlichen Raumangebotes zu günstigeren Kosten. Der Entwurf versteht sich als Baustein einer längerfristigen Gesamtstrategie, die die Vitalisierung des Ortes mit weiteren Eingriffen als Ziel verfolgt. Mit dem Anbau des Rathauses wird dafür eine Vision baulich angestoßen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebau
    Ein langgestreckter giebelständiger Baukörper erweitert als eigenständiger Neubau das Rathaus nach Süden. In der Straßenflucht springt er leicht gegenüber dem Bestandsgebäude zurück und rückt von diesem durch eine breite Fuge ab.
    Das Zeinerhaus wird zugunsten eines großzügigen Platzraumes abgerissen, der als öffentlicher Platz das Rathaus und die Kirche St. Martin zusammenführt. Ein in seiner Kubatur zu kleiner, ebenfalls giebelständiger Baukörper versucht diesen Platz nach Westen hin abzuschließen.

    Architektur
    Als eigenständiger Typus positioniert sich der Erweiterungsbau selbstbewusst neben dem denkmalgeschützten Altbau. Seine Erscheinung ist durch die wenigen, klar positionierten Öffnungen ruhig. Er ist in Holzbauweise (Brettsperrholzbauweise) ausgeführt und mit Brettsperrholztafeln verkleidet.

    Die öffentlich genutzten Räume öffnen sich großzügig nach Süden zum neu geschaffenen „Zeinerplatz“ Der Verbindungsbau schiebt sich zwischen Neu- und Altbau und sperrt die beiden gestalterisch stärker gegeneinander ab, als dass es sie innenräumlich miteinander verbindet. Die hier in allen Geschossen angeordneten Archivräume sind sinnfälliger im Untergeschoss vorzusehen.

    Das hohe, aus filigranen Fachwerkträgern errichtete Dach birgt einen großen, multifunktional zu nutzenden Saal, der eine Ergänzung zum Raumprogramm darstellt.

    Räumlich organisatorisch ist der Neubau klar und einfach strukturiert: Die durchgängige Mittelwand im Erdgeschoss, die hier die auch von außen zugänglichen Nebenräume von der Hauptnutzfläche Bürgersaal und Foyer trennt, löst sich in den Obergeschossen zu Pfeilern auf, die eine Flexibilität in der Raumaufteilung ermöglichen.

    Denkmalschutz
    Ein breiter Zwischenbau trennt den Baukörper der Arbeit vom Baudenkmal des alten Rathauses. Die Umrisse des Baudenkmals bleiben damit vollumfänglich erhalten.
    Freiraum Der Abriss des Zeinerhauses und der Vorschlag eines zurückgesetzten Ersatzneubaus weisen ein großes Potenzial für die Entwicklung der innerörtlichen Freiräume auf. Es entsteht die Möglichkeit, Rathaus und Kirche über die Hauptstraße hinweg über eine gemeinsame Platzfläche miteinander in Dialog zu setzen. Leider wird dieses Versprechen durch die Freiraumgestaltung im Platzbereich mit Grüninsel und nicht nachvollziehbaren Baumsetzungen nicht eingelöst. Auch die Verbindung von der unteren Platzfläche zum erhöhten Rathaushof bleibt im Hinblick auf eine gewünschte Großzügigkeit weit unter ihren Möglichkeiten.

    Eine Erweiterung der vorgeschlagenen Überpflasterung der Hauptstraße nach Norden und damit eine Einbindung des historischen Rathausbaus wäre wünschenswert.