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  • DE-89231 Neu-Ulm, DE-89231 Neu-Ulm
  • 11/2016
  • Ergebnis
  • (ID 2-243717)

Münsterblickstrasse


  • 3. Preis

    Perspektive, © o5 architekten

    Architekten
    o5 architekten bda - raab hafke lang, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Tragwerksplaner: TRAGRAUM Ingenieure PartmbB vormals Dr. Kreutz+Partner BERATENDE INGENIEURE mbB, Nürnberg (DE), Oberschleißheim (DE), Bamberg (DE), Münnerstadt (DE), Regensburg (DE)
    Energieplaner: ina Planungsgesellschaft, Darmstadt (DE)

    Preisgeld
    8.000 EUR

    Erläuterungstext
    Projektteam
    Isabelle von Keitz, Conny Baumeister, Melanie Nathan, Marcel Balsen
    Max Nohé, Eva-Lisa Rehm


    Die Stadt Neu-Ulm bildet mit ihrer Schwesterstadt Ulm das Zentrum einer der stärks¬ten Wachstumsregionen Deutschlands. Um auf den hohen Druck am Wohnungs¬markt, insbesonders im Bereich des geförderten Wohnungsbaus, zu reagieren, sollen Flächenpotenziale mit möglichst zentraler Lage genutzt werden. Hierzu werden seit den 1990er Jahren verschiedene Konversions-flächen zwischen dem Glacis der Altstadt und der Europastraße entwickelt. Die NUWOG GmbH setzt auf dem Wettbewerbs-Grundstück bereits einen ersten Bauabschnitt mit 36 Wohnungen um. Der zweite und dritte Bauabschnitt sollen im Rahmen des experimentellen Modellvorhabens der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr (OBB), „effizient bauen - leistbar wohnen - mehr bezahlbare Wohnungen für Bayern“, realisiert werden. Ziel des Wettbe-werbs ist der Entwurf für zeitgemäßen, nachhaltigen und für alle Bevölkerungsgruppen bezahlbaren Wohnraum. Insgesamt sind ca. 70 Wohnungen geplant, davon im zweiten Bauabschnitt (2.BA) 40 Mietwohnungen für geförderten Wohnungsbau nach EOF (ein-kommensorientierter Förderung) und im dritten Bauabschnitt (3.BA) 30 Eigentumswohnungen für den freien Wohnungsmarkt.

    Städtebauliche Einordnung

    Für den 2. BA wird im Sinne der Vision des Modellvorhabens die im B-Plan vorgesehene städtebauliche Konzeption der aufgeloc-kerten, offenen Bebauung mit Einzelgebäuden modifiziert: Es entsteht ein zusammenhängender, gegliederter Wohnblock aus vier baulich verbundenen Bausteinen mit Gemeinschafts-Innenhof und gemeinsamen Erschließungs- und Gemeinschafts-bereichen.
    Für den 3. Bauabschnitt werden zwei Baukörper vorgesehen. Jedoch stützt sich die architektonische Konzeption auf die Merkmale des 2. Bauabschnittes. Die Geschossigkeit aus dem B-Plan wird übernommen, die Kennzahlen können eingehalten werden.
    Hohe Freiraumqualität ist ein wichtiges Kriterium für gutes Wohnen in verdichteter Bauweise. So bilden sich in den Zwi-schenräumen der Gebäude qualitätvolle Außenräume mit ge-meinschaftlichen Funktionen und Aufenthaltsbereichen. Die Erschließung der neuen Wohngebäude erfolgt über diese begrün-ten Zwischenräume. Der Baustein für das geförderte Wohnen wird dabei aus östlicher und westlicher Richtung erschlossen. Es ergeben sich Schnittstellen mit Begegnungspotentialen, einer-seits zum Baustein des 1. BA und andererseits zu den Bausteinen des 3. BA.
    Eine Besonderheit stellt der Innenhof des offenen Blocks dar. Hier ist eine Gestaltung als nutzungsflexible Fläche vorgesehen, die den gemeinschaftlichen Aktivitäten der Bewohner Raum gibt.
    Die Stellplätze für die Wohnungen des 2. BA sind straßenbeglei-tend angeordnet, während die Parkierung für die Gebäude des 3. BA in der Tiefgarage liegt. Die Einfahrt zur Tiefgarage erfolgt am Ende der Zufahrtstraße über die einspurige Kurvenrampe (Ampel-regelung) auf der Nordseite des nördlichen Wohngebäudes (3. BA). So entstehen minimale Störungen für die Bewohner

    Typologie und Nutzung

    „Die Aufgabe, neue Lösungen für leistbaren Wohnungsbau zu finden, gilt auch für die Gebäudekonzeption: gefordert sind eine flächenökonomische Erschließung, die architektonische und soziale Reize vermittelt, und durchdachte, wohnflächeneffiziente Grundrisse, die durch typologische Intelligenz Wohnvielfalt er-möglichen. Dazu sind einfache und stabile Grundrisslösungen mit minimierten reinen Verkehrsflächen gefragt, mit Raumsequen-zen, die auf kleiner Fläche räumliche Großzügigkeit und einen guten Freiraumbezug bieten. Die Anforderungen an Barrierefrei-heit im Haus und im Wohnumfeld sind zu berücksichtigen. Gera-de wenn kompakt gebaut wird, müssen Privatheit, Hausgemein-schaft und Öffentlichkeit sehr sorgsam geordnet werden.“ Diese Forderung aus der Auslobung zum experimentellen Modellvorha-ben für bezahlbaren Wohnraum wird im 2. BA in Form eines zusammenhängenden und gegliederten, blockartigen Baukörpers beantwortet. Dieser bietet den Vorzug einer wirtschaftlichen, weil gemeinsamen vertikalen und horizontalen Erschließung (nur ein Aufzug, nur zwei Treppenanlagen) und ermöglicht die Einrich-tung gemeinsam genutzter Bereiche (Gruppenraum, Lagerräume, Waschräume).
    Die Typologie basiert auf der Laubengangerschließung in Kombi-nation mit relativ geringen Wohnungstiefen. Wobei die hoch installierten Bereiche (Küchen, Bäder) immer innen am Gang liegen (natürlich belichtet und belüftet) und die Wohn- und Indivi-dualbereiche nach Außen orientiert werden. Ein Durchwohnen mit beidseitiger Belichtung wird im Bereich der Wohn-, Ess- und Kochbereiche der Mittelwohnungen vorgesehen.
    Die Konzeption der Grundrisse erfolgt vor dem Hintergrund einer Minimierung der Erschließungsflächen, die Wohnungen weisen einen geringen Fluranteil auf und sind durchgehend barrierefrei.
    Durch die „Integrierte Loggia“, einen durch eine zweite Falt-schiebe-Glasfassade variabel schaltbaren Raumbereich innerhalb der Gebäudehülle, wird die Nutzung dieser Fläche zu jeder Jah-reszeit, in den kalten Monaten als Wohnraumvergrößerung, in den warmen Monaten als individueller (privater) Außenraum, oder als Pufferraum ermöglicht.
    Der Forderung nach einem breiten Wohnungsmix wird durch eine variable Schottenkonstruktionsweise entsprochen, die innerhalb der Grundstruktur des Gebäudes eine große Vielfalt an Typen mit freier Verteilung ermöglicht. Ebenso besteht die Möglichkeit der Zuschaltbarkeit von Wohnflächen, um auf sich ändernde Bedarfe flexibel zu reagieren. Der geforderte Wohnungsmix mit entspre-chender Funktionsverteilung und Größe der Einheiten wird er-reicht.
    Konstruktion und Wirtschaftlichkeit

    Das Tragwerk ist als massive Konstruktion in Schottenbauweise mit Stahlbetonflachdecken und hochdämmendem Außenmauer-werk konzipiert.
    Die in Querrichtung der Wohnungsgrundrisse verlaufenden Wandschotten minimieren die Deckenspannweiten und damit die erforderliche Konstruktionshöhe. Die Wandschotten sind als Stahlbetonhalb- und Vollfertigteile elementierbar. Sie erfüllen Schall- und Brandschutzanforderungen und gewährleisten neben ausgezeichneten bauphysikalischen Eigenschaften für ein ausge-glichenes Raumklima (Speichermasse) auch die erforderliche Robustheit.
    Aufgrund der einachsigen Deckenspannrichtung über die Wand-schotte lassen sich die parallel zur Spannrichtung verlaufenden Außenwände als nicht tragendes und damit hochdämmendes Mauerwerk ausführen. Die Außenwandflächen an den Endaufla-gern der Decken werden zur Gewährleistung der Dämmwirkung mit tragendem Mauerwerk in höherer Wandstärke ausgeführt.
    Die klare Struktur der Fassade mit dem Wechsel aus raumhohen Fassadenelementen und raumhohen Außenmauerwerk ohne weitere Stürze ermöglicht einfache Bauabläufe und unkomplizier-te, sich wiederholende Anschlussdetails. Die Mauerwerkspfeiler können dabei in ihrer Gesamtform als Fertigteil mit einem schlanken, umlaufenden Ringanker, der gleichzeitig den Fenster-anschluss aufnimmt, ausgebildet werden.
    Die unterzugsfreien Stahlbetonflachdecken werden als Halbfer-tigteile mit Ortbetonergänzung ausgebildet. Die Laubengangkon-struktion ist mit oberflächenfertigen Stahlbetonvollfertigteilen konstruiert und steht frei und damit ohne konstruktiven Aufwand thermisch getrennt vor dem Gebäude. Seitlich angeordnete Wandscheiben sorgen für Sicht- und Witterungsschutz vor den Wohnungseingängen und übernehmen gleichzeitig den vertikalen Lastabtrag.
    Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt über die Wandschotte in Verbindung mit den Geschossdecken, die Gründung über eine elastisch gebettete Bodenplatte. Das klar strukturierte Trag-werk, die Möglichkeiten zur Präfabrikation der Decken und der Wandschotten mit Voll- und Halbfertigteilen sowie der Mauer-werkspfeiler in der Außenfassade und die vom primären Lastab-trag freigestellte Fassadenkonstruktion gewährleisten eine robuste, wirtschaftliche und zeitlich optimierte Bauweise.
    Gleichzeitig entfallen im Bereich der „Integrierten Loggia“ hohe Erstellungskosten durch das „Verspringen“ der Dämmebene bzw. der Gebäudehülle oder durch das „Anhängen“ und das „Durchdringen“ der Dämmebene.

    Material, Gestalt und Raum

    Die Materialisierung der Raum bildenden Bauteile - Boden, Wand und Decke - folgt dem Prinzip der Einfachheit und Robustheit. So sind die Böden in den Wohneinheiten aus Linoleum ausgeführt, die tragenden Wände verputzt und die Trennwände als GK-Konstruktion ausgeführt. Die Stahlbetondecken erhalten einen Anstrich. Die Laubengänge aus Beton-Fertigteilen werden ober-flächenfertig verbaut. Die Fassaden aus hochdämmendem Zie-gelmauerwerk werden verputzt. Es ist angedacht, außen einen strukturierten Putz einzusetzen, während die Wandflächen im Innenhof bzw. an den Laubengängen glatt gefilzt verputzt werden, um einen hohen Albedo-Wert zu erzielen. Die großformatigen, modularen Fenster der Loggiaöffnungen lassen sich prinzipiell aus standardisierten Elementen vorfertigen und montieren. Die Flachdächer der Gebäude werden extensiv begrünt.

    Energie und Technik

    Die Anordnung der hoch installierten Räume in einer Raumschie-ne in der Innenseite sowie der Einsatz von modularen, vorelemen-tierten Küchen und Bäder ermöglicht geringe Kosten bei der Technischen Gebäudeausrüstung.
    Das Energiekonzept sieht eine Kombination von Bedarfsminimie-rung und Wärmeversorgung durch das BHKW der SWU an der Bradleystraße (südlich der Behindertenwohnanlage) unter Be-rücksichtigung der Investitions- und Unterhaltskosten vor.
    Zur Reduzierung des Heizwärmebedarfs im Betrieb werden alle Außenbauteile entsprechend des EnEV Neubaustandards ausge-führt. Um Verluste im Winter zu reduzieren und Überhitzung im Sommer zu vermeiden, ist der Fensterflächenanteil der Fassade optimiert. Die Einbindung der Loggia in die thermische Hülle sorgt zudem für eine größere Kompaktheit. Der sommerliche Wärmeschutz wird über einen außen liegenden Sonnenschutz gewährleistet. Dieser kann bei den Fenstern zur Loggia auf Grund der Eigenverschattung entfallen und somit die Investitionskosten reduziert werden.
    Zur Reduzierung der Lüftungswärmeverluste und zur Verbesse-rung der Luftqualität in den Wohnungen verfügen alle Einheiten über wohnungszentrale Abluftanlagen in den Bädern. Die Zuluft für diese Anlagen wird über Außenluftdurchlässe bzw. Fenster-falzlüfter in der Fassade angesaugt.
    Die Deckung des reduzierten Wärmebedarfs erfolgt kostengün-stig über das Erdgas-/Biogas-Blockheizkraftwerk (BHKW). Die-ses bietet auch die notwendigen hohen Temperaturen für die Trinkwarmwasserbereitung, die bei der vorgesehen Nutzung und den relativ kleinen Wohnungen einen erheblichen Teil des Ge-samtwärmebedarfs ausmacht. Durch den ganzjährigen Trink-warmwasserbedarf erreicht das BHKW eine hohe Anzahl jährli-cher Betriebsstunden, was die Wirtschaftlichkeit erhöht.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die vorgeschlagenen, hell verputzten, kubischen Baukörper mit dem Wechsel vertikaler Fensteröffnungen und eingeschnittener Loggien wirken vergleichsweise konventionell. Nicht zuletzt deshalb wird bezweifelt, ob sich die Neubauten mit einer eigenständige Identität in der sehr heterogenen Nachbarschaft behaupten können.

    Die Angebote an Begegnungsflächen beschränken sich auf die Laubengänge und eine kleinere Terrassenfläche. Die große Dachfläche im Norden bleibt leider ungenutzt.

    Die prinzipiell gleichartige Erscheinung von gefördertem und frei finanziertem Wohnungsbau wird begrüßt. Die Laubengangerschließung erscheint jedoch in den frei finanzierten Bauteilen nicht angemessen, wäre aber korrigierbar. Mit Ausnahme der gegeneinander versetzt angeordneten Loggien erscheint der Entwurf wirtschaftlich realisierbar. Insgesamt handelt es sich um einen sorgfältig durchgearbeiteten Beitrag, der eine hohe Wohnqualität verspricht.