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  • DE-71638 Ludwigsburg, DE-71638 Ludwigsburg
  • 03/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-245614)

Konversion Jägerhofkaserne


  • ein 2. Preis Zuschlag

    Perspektive, © Renderbar

    Architekten
    Hähnig + Gemmeke Freie Architekten BDA, Tübingen (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Anthony Carimando, Jan Gienau

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Stefan Fromm Landschaftsarchitekten, Dettenhausen (DE)

    Preisgeld
    43.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die städtebaulich, architektonische Auseinandersetzung mit der Jägerhofkaserne verfolgt den Ansatz einer Sichtbarwerdung, Visualisierung historischer baulicher Entwicklungen, Schichtungen und Texturen. Im geschichtlichen Kontext werden diese Phasen herausgearbeitet, weiterentwickelt und ergänzt.
    Historische Identität im Spanungsfeld von Bestandsstrukturen und Neubauten. Erlebbar geschichtliche Prozesse fortführen und mit der Neuordnung, Umstrukturierung Alt und Neu zu einem Ganzen stimmig zusammenführen.

    Die 2. Bauphase der Jägerhofkaserne (1937—1938) wird in Teilbereichen, den verbindenden Mittelbauten zurückgebaut. Durch diese Entwurfsentscheidung werden die historischen Gebäude von 1903 wieder sichtbar. Die eingefügten Neubauten mit neuen Erschließungselementen bilden im Kontext des Bestandes die typische Blockrandbebauung im Übergang zu den östlichen angrenzenden Wohnbebauungen.
    Nach außen, in den öffentlichen Raum spürbar wird die innere Quartiersentwicklung, Nachverdichtung in Architektursprache, Materialität und Ausdruck erlebbar. Sechs Solitäre (IV+D) prägen unter Berücksichtigung des identitätsstiftenden Baumbestandes im Süden und unter Einbeziehung des nördlichen „Kamins“ die grüne Innenhofsituation. Durch die versetzte Anordnung der Baukörper entstehen optimale Belichtungssituationen, Orientierungen und gegliederte Freiräume. Es entstehen klare Zonierungen von öffentlichen und geschützten privaten Frei- bzw. Platzflächen. Im Bereich der neuen Kindertageseinrichtung im sanierten und ergänzten DRK-Gebäude entsteht eine attraktive Platzsituation, der aus den angrenzenden Gebäuden Nutzungen zugeordnet sind, die diesen Raum bespielen.

    Mit den ergänzenden Neubauten in den Fugen der historischen Kasernenbebauung ist es möglich, mit neuen Erschließungselementen, Treppenhäusern vorhandene unterschiedliche, versetzte Geschossebenen aufzunehmen und unter Erhalt der bestehenden Erschließungskerne im Bestand gute Anbindungen für die neue Wohnnutzung zu generieren.
    In diesem Zusammenhang kommt auch dem Umgang mit den historischen Fassaden und den eingefügten Neubauten eine große Bedeutung zu. Die jeweiligen historischen Bauphasen werden in den Fassaden wieder ablesbar. Über dem vorhandenen Sandsteinsockel werden die Ziegelfassaden der Bauphase 1903 wieder hervorgeholt und als geschliffenes Mauerwerk sichtbar. Die teilweise im Entwurf beibehaltene Aufstockung aus den Jahren 1937/38 werden sandgestrahlt und das Mauerwerk geschlemmt ausgeführt. Die im Dachgeschoss aufgesetzten Neubauten, in Leichtbauweise werden durch eine Fuge vom „historischen Sockel“ abgelöst und bilden in ihrer bewusst differenzierten Materialität einer glatten, weißen Putzoberfläche einen Kontrast zum Bestand.
    Das bestehende DRK-Gebäude wird auf seine Betonskelettkonstruktion zurückgeführt und in diesem Duktus erneuert und transformiert. Ausfachungen mit hochformatigen Fensterelementen und Klinkeroberflächen in einer verputzten Skelettrahmenkonstruktion geben dem umgebauten Bestand eine eigene Identität, Prägung. Die Aufstockung um ein weiteres Geschoss und der südliche Neubau ergänzen das Flächenangebot.
    Der Topographie entsprechend erfolgt im nördlichen Bereich der Alt-Württemberg-Allee die Zufahrt zur gemeinsamen Quartierstiefgarage.
    Mit dem jeweils gebäudespezifischen Umgang der Erneuerung, der Ergänzung von historischer Bausubstanz und Erlebbarmachen unterschiedlichen Zeitschichten entsteht mit der Neuordnung der Jägerhofkaserne ein Stadtbaustein der auf Historischem aufbaut, aber sich auch selbstbewusst mit den Anforderungen des heutigen Städtebaus auseinandersetzt.

    Dank des Erhalts und der Stärkung der Blockrandbebauung und einer innerquartierlichen Weiterentwicklung wird der historische Stadtgrundriss erlebbar gestärkt und als ein attraktiver Ort für innerstätisches Wohnen und Arbeiten generiert. In dieser Auseinandersetzung entsteht ein Ort von hoher Identifikation für seine zukünftigen Bewohner und Nutzer. Die unterschiedlichen Wohnungstypologien, Wohnungsgrößen und –formen, Büro und Dienstleistungsflächen und öffentliche Einrichtungen werden ein differenziertes Angebot für die zukünftigen Nutzer bilden und im Quartier einen Ort neuer Nachbarschaften und gegenseitiger Kommunikation ermöglichen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit überzeugt durch eine klare städtebauliche Struktur, die sich am historischen Stadtgrundriss orientiert. Der Blockrand wird weitestgehend geschlossen und die Zugänge an den richtigen Stellen geschaffen. Die bestehenden Kasernengebäude werden rückgebaut, mit modernen Zwischengebäuden versehen und um aufgesetzte Dachgeschosse in Leichtbauweise ergänzt. Dabei bleibt das neue Zwischengebäude an der Jägerhofallee wohltuend niedriger als die Bestandsgebäude und wird über Erschließungsfugen maßstäblich an den Bestand angeschlossen. Ebenso ist es richtig, die Kasernengebäude an der Hindenburgstraße mit einem Zwischenbau, der die Erschließung aufnimmt, räumlich zu schließen. Das neue sechsgeschossige Eingangsgebäude an der Jägerhofallee in Ergänzung des bestehenden DRK-Gebäudes überzeugt als städtebauliche Dominante und akzentuiert den Zugang zum Quartiersplatz. Warum der Kamin als Landmarke in der neuen Struktur erhalten bleibt, erschließt sich nicht.

    Die sechs fünfgeschossigen Punkthäuser verdichten den Innenbereich in hohem Maße, schaffen aber durch ihre versetzte Anordnung auch eine Abfolge gut proportionierter Räume. Weniger Baumasse wäre hier wünschenswert, aber in der Abwägung der sehr verträglichen Höhenabwicklung des Blockrandes erscheint diese gerade noch vertretbar.

    Ein Rahmen aus inneren fußläufigen Wegen erschließt das Quartier konsequent und schafft eine klare Orientierung. Die Lage des Quartiersplatzes im Süden ist richtig und konsequent gesetzt und ermöglicht den Erhalt der vorhandenen Platanen, was eine hochwertige Qualität erwarten lässt. Nicht nachvollziehbar ist die Setzung der Nebengebäude, die die wohltuende städtebauliche Rhythmik der inneren Bebauung durch weitere räumliche Setzungen schwächt und die dichte und Enge der Inneren Bebauung verstärkt.

    Hinsichtlich der Gestaltung erfolgt eine überzeugende Differenzierung zwischen Bestand und Neubau. Das Mauerwerk der Bestandsgebäude wird sichtbar gemacht und hebt sich deutlich von den modernen Putzfassaden der Neubauten ab. Die gut proportionierte Fassade des DRKGebäudes wirkt eigenständig, wobei der Klinker als Material in der zweiten Fassadenebene aufgenommen wird. Insgesamt entsteht eine hohe Identität des Quartiers, bei der die Geschichte erlebbar bleibt. Die mit einer Fuge abgesetzten neuen Dachgeschosse ergänzen die Altbauten, ohne diese zu dominieren.

    Das Raumprogramm ist erfüllt. Die Wohnungsgrößen der geförderten Wohnungen und auch teilweise der Eigentumswohnungen werden jedoch deutlich überschritten. Kritisch angemerkt werden muss die einseitige Verteilung der geforderten Wohnformen. Die geförderten Wohnungen konzentrieren sich in den Punkthäusern im Inneren, während die Blockrandbebauung weitgehend den Eigentums- und Mietwohnungen vorbehalten bleibt. Hier wird eine stärkere Durchmischung gewünscht, obwohl klar ist, dass der Bestand sich nur eingeschränkt für kleinere Wohnungen eignet. Die Lage der Kita im Erdgeschoss des DRK-Gebäudes ist richtig gewählt, ebenso wie die kleine Ladeneinheit an der Ecke Alt-Württemberg-Allee und die gewerblichen Einheiten in den Erdgeschossen der Bestandgebäude. Ein Quartierstreff im Erdgeschoss des südlichsten Punkthauses rundet die Nutzungsmischung ab. Auf diese Weise wird der Quartiersplatz von lebendigen Nutzungen flankiert und damit seinem halböffentlichen Charakter gerecht.

    Der Quartiersplatz selbst überzeugt durch eine Gestaltung mit qualitätsvollen Aufenthalts- und Spielbereichen. Die Flächen für den gewünschten Erdschluss der bestehenden Bäume auf dem Quartiersplatz sind allerdings zu gering dimensioniert. Da mehr als ausreichend Stellplätze in der großzügigen Tiefgarage vorgesehen sind, lässt sich die Pflanzfläche problemlos vergrößern. Vorteilhaft ist, dass die Tiefgarage alle Gebäude erschließt. Ihre Zufahrt ist ansprechend in das DRK-Gebäude integriert und liegt an der richtigen Stelle.

    Insgesamt eine gelungene Arbeit, die die richtigen Akzente bei der Verteilung der Baumasse setzt, eine hohe Identität und einen hohen Wohnwert erzeugt und überzeugend mit den Bestandsgebäuden in Kombination mit den Neubauten umgeht.