loading
  • DE-13055 Berlin
  • 02/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-249074)

Typenhochhaus 2.0


  • Anerkennung

    Perspektive, © Lorber Paul Architekten GmbH und ASTOC Architects and Planners GmbH / PONNIE Images

    Architekten
    LORBER PAUL Architekten GmbH, Köln (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Gert Lorber , Annette Paul

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten, Stadtplaner: ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS GmbH, Köln (DE)
    Visualisierer: PONNIE Images / BARTSCHER Architekten, Aachen (DE)
    Tragwerksplaner: Arup Deutschland GmbH, Berlin (DE), Düsseldorf (DE), Frankfurt am Main (DE)
    TGA-Fachplaner: K&P Planung GbR, Münster (DE)
    Landschaftsarchitekten: hermanns landschaftsarchitektur umweltplanung, Schwalmtal (DE)

    Preisgeld
    6.000 EUR

    Erläuterungstext
    Auf dem Mustergrundstück ist eine Erschließung von Westen vorgegeben, ansonsten fehlen alle klassischen städtebaulichen Anforderungen aus der Umgebung: keine Flucht, kein Gegenüber, keine vorherrschende Traufhöhe, keine spezifische Geometrie. Der Urtyp des neuen Hauses ist autonom und entwickelt seine Qualitäten von innen heraus. Erst in der spezifischen Planung und Verortung in der Realität wird er seine Anpassungsfähigkeit beweisen, darauf wird er in einem zweiten Schritt entsprechend vorbereitet.
    Während das Basis-Typenhochhaus mit seiner einfachen Kubatur vor allem der konstruktiven und strukturellen Sinnfälligkeit aus inneren Maßgaben folgt, wird der zu realisierende Bau später zusätzlich auf verschiedenste Anforderungen von außen treffen. In Abwandlung der Basisvariante können mit maßvollen Veränderungen sehr unterschiedliche, eigenständige Gebäude entwickelt werden, die den Entwurf deutlich vom autistischen Plattenbau seiner Vorfahren abheben.

    Struktur
    Der Grundriss des Basis-Typenhochhauses ist mit Kantenlängen von 24,05 x 26,55 m annähernd quadratisch. Die Wohnungen gruppieren sich rings um einen massiven Kern mit zwei Aufzügen und Sicherheitstreppenhaus. Vier Eckwohnungen und vier bis sechs einseitig orientierte 1- und 2-Zimmer-Apartments bilden die Grundkonstellation, Freisitze werden als Loggien angeordnet. Es entsteht eine klare, 15-geschossige Kubatur.
    Aus zwei 3-Zimmer-Wohnungen kann über ein Schaltzimmer eine Kombination aus einer 2,5- und einer 4-Zimmerwohnung gebildet werden. Alle Wohnungen sind mit Fassadenanschlüssen im Raster von 2,50 m konzipiert, dieser Baukasten erlaubt einen Wechsel unterschiedlicher Typen übereinander. So lässt sich der gewünschte Wohnungsspiegel abbilden, aber auch leicht in der Planungsphase an veränderte Anforderungen anpassen.

    Städtebau und Footprint
    Aus der grundsätzlichen Unabhängigkeit eines auf einem abstrakten Grundstück entwickelten Haustypen heraus bietet sich mit den erweiterten Kubatur-Varianten die Einbindung in verschiedenste städtebauliche Situationen und Anforderungen. Das Typenhaus entwickelt sich zum Multitalent:

    - als Solitär mit Zugang von einer der beiden Längsseiten
    - als Cluster von Solitären mit unterschiedlichen Gebäudehöhen
    - als präziser Eck- oder Ergänzungsbaustein im Plattenbaugefüge einer Großsiedlung
    - als Hochhauskopf im Rahmen einer neuen Blockrandbebauung.

    Der annähernd quadratische Grundriss kann durch die Ergänzung von ein bis vier 5 m breiten 1-Zimmer-Studios im Mittelfeld an jeder Ecke einzeln nach Osten oder Westen um 5 m erweitert werden. Hierdurch wird für das Gebäude eine größere Grundfläche erzeugt, die abhängig von der möglichen Ausnutzung, Abstandflächen und Maßgaben aus der bestehenden Umgebung nicht bis zum oberen Abschluss des Gebäudes durchgeführt wird. Mit einer Reduzierung der Basis-Kubatur im oberen Eckbereich kann außerdem auf die Vorgaben von Ausnutzung und Abstandsflächen reagiert werden, dies erleichtert die Realisierung in beengter Nachbarschaft. Beide Werkzeuge schaffen ein flexibleres Volumen, das neben einer höheren Passgenauigkeit auf komplexe Grundstücksgeometrien auch eine bessere Adaption an städtebauliche Aufgaben ermöglicht.
    Über die Rückstaffelung auf das Basisvolumen in den oberen Geschossen kann eine Traufhöhe aus der Umgebung aufgenommen werden, eine größere Sockelzone oder eine skulpturale Kubatur ausgebildet werden.

    Nutzungen
    Zusätzliche Elemente mit z.T. höherem Öffentlichkeitsfaktor können die reine Wohnnutzung aus der Auslobung ergänzen:
    - eine gemeinschaftlich genutzte Dachterrasse mit erhöhtem Holzdeck als kollektiver Freiraum mit Ausblick für die Bewohner
    - ein Gemeinschaftsraum / gemeinschaftlich genutzter Waschsalon mit Terrasse, der im Falle eines gestuften Volumens die Dachfläche im Bereich der Rückstaffelung auf das Basisvolumen nutzt
    - eine großzügigere Lobby im Erdgeschoss
    - die Integration einer Kita in einem erweiterten Sockel des Erdgeschosses
    - eine Begrünung der Terrassen

    Vom Typenhaus zum realisierten Gebäude
    Aus der Vielfalt der ersten Entwurfsansätze ergibt sich - anders als bei einem konkreten, ortsgebundenen Entwurf, dessen Eigenschaften sich in der Planung und einmaligen Realisierung immer weiter verdichten - in der Entwicklung eines Typenhauses eine Reduktion auf seine wichtigsten, aus dem Inneren abgeleiteten Eigenschaften, ein durchtrainierter, ungebundener Prototyp. Um als Gebäude aber später mit seiner Umgebung kommunizieren zu können, kann es, ohne sich dabei untreu zu werden, mit dem vorgestellten Anpassungskatalog an jedem Ort eine etwas andere Sprache sprechen.

    Elementierte Fassaden
    Die Fassaden werden als Lochfassaden mit einer begrenzten Anzahl an Tafeln erstellt. Außenwandelemente mit Fenstern werden in einer Regelbreite von 5 m vorgefertigt montiert. Die Fassadenverkleidung aus vorgehängten Keramikelementen erfolgt im Anschluss. Ein Relief auf den Keramikelementen überspielt das Fugenbild der Fassadentafeln und erzeugt eine große, zusammenhängende Fläche. Verschieden hohe Brüstungselemente von
    0,30 m, 0,60 m und 1,10 m reagieren auf unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche der zukünftigen Mieter in Bezug auf Aus- und Einblicksmöglichkeiten. Sie fördern den Ausblick im Sitzen oder schaffen Geborgenheit. Aus dem Sturz und dieser Brüstungshöhe ergibt sich eine geschlossene Fläche von mehr als 1 m Höhe, die den Brandüberschlag von Geschoss zu Geschoss behindert.
    Durch den hohen Vorfertigungsgrad und die identischen Grundabbmessungen der Fassadentafeln lassen sich aus den unterschiedlichen Tafeln in Kombination mit wenigen Fenstertypen stark voneinander differenzierbare Fassadenbilder entwickeln, die jedem Haus eine eigene Erscheinung geben können. Zusätzlich zu den verschiedenen Wohnungstypen tragen die Fensterkombinationen zur Individualisierung des Gebäudes bei. Auch übereinanderliegende Wohneinheiten haben nicht notwendigerweise die gleiche Fensterposition und Größe. Von einer strengen, gleichmäßigen Fassade über die Koppelung der unterschiedlichen Wohnungen mit einer jeweiligen Fensteranordnung bis zu einer völlig freien Kombination, in der es gleiche Wohnungen mit nahezu bodentiefen oder brüstungshohen Fenstern geben kann, ergibt sich bei annähernd gleicher Wirtschaftlichkeit ein breites Spektrum an Möglichkeiten.

    Materialität und Farbe
    Über die Kombination von verschiedenen Farbtönen lässt sich auf der Fassade in Kombination mit verschiedenen Oberflächenqualitäten (glänzend bis matt) ein changierender Mischfarbton erzeugen, der sich aus der Nähe betrachtet in seine Komponenten auflöst. Je nach Anordnung in größeren Wolken oder gleichmäßiger Verteilung über die Fläche und je nach kontrastierender Farbauswahl entsteht eine bewegte oder ruhige Oberfläche, die im Kontrast zur Anordnung der Fenster stehen kann.
    Ergänzend zu den Keramikelementen der vorgestellten Basisvariante können weitere mineralische Materialien von Faserzement über Betonwerkstein bis zu Naturstein als Plattenmaterial zur Ausführung kommen. Auch schuppenartige metallische Fassadensysteme sind denkbar. Ein Wärmedämmverbundsystem im Hochhausbereich liegt aus Nachhaltigkeits- und wirtschaftlichen Gründen eher fern.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit schöpft den angestrebten Fußabdruck voll aus. Ein zentraler Kern mit H-Flur und zentraler Etagenlobby erschließt entweder 10 oder 7 Wohnungen je Geschoss. Jede WE verfügt über eine eingezogene Loggia. Die Wohnungen bilden den geforderten Wohnungsschlüssel im Mix, in den Größen und in der Funktionalität ab. Die vorgeschlagenen Nutzungen mit Wohnungen und einem Müllraum wird auch aufgrund des Fehlens von attraktiven Gemeinschaftsflächen kritisch gesehen.
    Die Arbeit schlägt ein Typenhochhaus in Holz-Hybrid-Bauweise vor. Die statische Grundkonstruktion erscheint plausibel und hinsichtlich der gewählten Spannweiten und Aufbauten wirtschaftlich, elementiert und qualitätsgesichert baubar. Wesentlich für die Grundrissgestaltung erscheint die im Wohnungsgrundriss freigestellten Badzellen der Wohnungen zu den West- und Ostfassaden. Zu diesen sind die Wohnungen mit hohem Fassadenanteil, also mit geringerer Wohnungstiefe angeordnet, die jeweils 2 WE nach Norden und Süden sind er in die Tiefe gegliedert und sind als effiziente 33 m² 1-Zi-WE gestaltet.
    Der Kern ist als Stahlbetonkern das aussteifende Element des Hauses mit zwei Aufzügen. Die Etagenlobby erscheint etwas zu großzügig. Die Decken sind als Holzhybriddecken mit Holzstützen in den Fassadenachsen ausgebildet. In der Nord- und Südfassade werden je 2 Stahlbetonstützen mit Stahlbetonunterzügen zum Kern angebunden. Als Fassade wird eine vorgehängte Holztafelbauweise mit Keramikaußenhaut und sehr Variablen Fenstergeometrie und -Anordnung vorgeschlagen.
    Die wesentlichen bau- und planungsrechtlichen Anforderungen sind erfüllt, mit Ausnahme der sich aus der Muster Hochhausrichtlinie zwingend ableitbaren Brandschutzforderungen, speziell in Bezug auf das Tragsystem aus Holz und den brennbaren Anteil in der Tafelbauweise der Fassade.
    Die wirtschaftlichen Vorgaben im Hinblick auf den Kostenrahmen und Effizienz erscheinen annähernd erreichbar. Die Werte können sowohl für das Thema Hochhaus, als auch für die spezifische Bauweise als günstig und gut angesehen werden.
    Dier Flexibilität der Gestaltung ist durch die Trennung von Tragwerk und Fassadenraster durch die Tafelbauweise extrem hoch. Der Entwurfsverfasser stellt auch die äußere Beschichtung hier mit farbiger, streifiger Keramik zur Diskussion. Eine Einordnung in unterschiedliche städtebauliche Kontexte erscheint möglich.
    Der Grundriss ist leicht rechteckig, wobei die Schmalseite den Anteil nach Norden reduziert. Zudem schlägt der Entwurf städtebauliche Korrekturen in Form von Volumenergänzungen und/oder - Reduktionen vor, wobei unbeantwortet bleibt, wie diese zusätzlichen Flächen aus dem Kern heraus erschlossen werden. Die Adressbildung erfolgt über Helligkeitsabstufungen der Geschosse. Der Eingang wir auch nach außen ins Haus gezogen und zweigeschossig ausgebildet. In Summe kann der Entwurf hier nicht überzeugen. Den Nachweis der 12- und 22-Geschossigkeit bleibt der Verfasser schuldig. Zudem verzichtet der Entwurf auf eine vertikale Gliederung des Baukörpers.
    Die Wohnungen sind flächeneffizient gestaltet. Der Entwurf kommt mit drei Badtypen aus. Bäder und Küchen sind direkt benachbart angeordnet. Eine Schachtstruktur sowohl für die Nasszellen der Wohnung, den Sicherheitstreppenraum und für die nicht berücksichtigte aber vermutlich erforderliche Sprinklerung ist nicht angedacht. Flächen dafür fehlen gänzlich. Zudem fehlen Aussagen zur Einhaltung der geforderten Energieeffizenz und Ver- und Entsorgung.
    Die Wohnungen sind möbliert, womit eine gewisse Funktionalität nachgewiesen ist. Die ausgebildeten Schlafräume erscheinen etwas zu knapp geschnitten.
    Die Eingangslobby ist zweigeschossig gestaltet, bildet aber flächenspezifisch keinen wirklich attraktiven Raum aus.
    Die vorgeschlagenen Konstruktionen für Tragwerk und Fassade lassen eine nachhaltige Weiterentwicklung als möglich erscheinen. Damit einhergehend gibt das Konzept auch eine Möglichkeit der Instandsetzung bis hin zum kompletten Austausch der Fassade als Potential her. Die glatte Fassade hat dahingehend Nachteile gegenüber Konzepten z.B. mit umlaufenden Balkonen. Die Nutzbarkeit der eingezogenen Loggien für die Mieter wird auch hinsichtlich der Flächen als positiv bewertet. Fehlende Gemeinschaftsflächen werden vom Verfasser in den vorgeschlagenen städtebaulich zu ergänzenden Volumina verortet. Der Entwurf ist unterkellert.
    Der Entwurf arbeitet eine Typologie aus, die hinsichtlich der Fragen der Wirtschaftlichkeit, des Brandschutzes und der Energieeffizienz auch im Vergleich zu anderen Wettbewerbsarbeiten und des Lohnen der vervielfältigten Realisierung noch der Weiterentwicklung bedarf.


INFO-BOX

Angelegt am 07.04.2017, 12:11
Zuletzt aktualisiert 18.04.2017, 08:04
Beitrags-ID 4-138484
Seitenaufrufe 205