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  • DE-59759 Arnsberg, DE-59759 Arnsberg
  • 12/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-261670)

Rathaus Arnsberg – klimaneutral und offen


  • 2. Preis

    Perspektive, © Gerber Architekten

    Architekten
    Gerber Architekten GmbH, Dortmund (DE), Hamburg (DE), Berlin (DE), Shanghai (CN), Riad (SA) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    TGA-Fachplaner: Ingenieurbüro Hausladen GmbH, Kirchheim (DE), München (DE)

    Preisgeld
    53.190 EUR

    Erläuterungstext
    Konzept
    Um künftigen Anforderungen gerecht zu werden, soll das Rathaus in Arnsberg nach 50 Jahren erstmals saniert werden. Speziell der Energieverbrauch und die Barrierefreiheit soll heutigen Standards angepasst werden. Hierzu wird das Gebäude bis auf den Rohbau zurückgebaut werden, um anschließend einen offenen Ort entstehen lassen zu können, der von allen Nutzer*innen gerne frequentiert wird.
    Rudulf Bürgins Entwurf bildet hierzu die ideale Grundlage, da er sowohl in seinen Proportionen sehr gut abgestimmt ist, als auch spannende räumliche Bezüge im Inneren herstellt. Das Sanierungskonzept setzt genau an diesen beiden Punkten an: Durch die neue Fassade soll die ursprüngliche gedachte Klarheit des Gebäudes herausgearbeitet und gleichzeitig die innere Struktur so „aufgeräumt“ werden, dass eine angenehme und effiziente Raumnutzung ermöglicht wird.
    Äußerlich bleibt die ursprüngliche Gliederung in Hochhaustrakt mit Verwaltungsräumen und zweigeschossigem Repräsentationstrakt, aus dem der große Sitzungssaal plastisch hervortritt, erhalten. Um die Identität des Ortes zu wahren, werden prägnante Elemente wie die dreieckigen Fassadenelemente des Sitzungssaals an gleicher Stelle wieder eingebaut. Bestehende Architekturqualitäten wie das umlaufende Fassadenband oder die „schwebenden“ Gebäudeteile werden ebenso beibehalten und betont.
    Im Inneren werden die künftigen Nutzer von einem offenen, hellen und klar strukturierten Foyer empfangen. Die Position der ursprünglichen Treppen wird erhalten, lediglich ein gläserner Aufzug im Eingangsbereich ergänzt. Wesentliche Materialien sind geschliffener, dunkel gefärbter Estrich, geöltes Eichenholz und helle Sichtbetonoberflächen. Direkt an die Foyerzone angegliedert befindet sich das neue Café/der neue Speisesaal, der zur Belebung des Eingangs beiträgt und durch einen großzügigen Freibereich einen unmittelbaren Bezug zur Ruhr herstellt.
    Im Hochhaustrakt findet eine Neusortierung der Büroräume statt. Durch ein kleinteiligeres Ausbauraster von 1.34 m kann eine Flächenoptimierung und hohe Flexibilität erreicht werden. Einzelbüros können in zwei Achsen, Doppelbüros in drei Achsen realisiert werden. Zusätzlich entstehen größere Teamarbeitsbereiche und Kommunikationszonen.

    Freiraum
    Die Gestaltung des Freiraums antwortet auf die besonders inszenierte topografische Lage des Rathausgebäudes und überbrückt den Höhenunterschied mit großzügigen Terrassen und einer breiten barrierefreien Rampe. Dabei wird der Rathausvorplatz über einen einheitlichen hochwertigen Bodenbelag verbunden. Der Vorplatz wendet sich gestalterisch zur Ruhr und endet mit einem neuen Aussichtsplateau über dem Gewässer. Östlich und westlich des Gebäudes schwingen sich die strengen geometrischen Wege entlang des Gebäudes in organische Formen in der Landschaft aus. Hier werden die neuen Spiel- und Bewegungsflächen für die angeschlossenen Wohnquartiere eingebettet. Die verkehrliche Erschließung erfolgt weiterhin über die L544 und wird als verkehrsberuhigter Bereich, an dem die geforderten Stellplätze angegliedert sind, nördlich um das Gebäude geführt. Der überörtliche drei Meter breite Ruhrtal-Radweg verläuft ungestört entlang des Ufers. Die Fußwegeverbindung verläuft parallel und getrennt vom Radweg. Durch die neue Fußgänger- und Radfahrerbrücke gewinnt die Verbindung vom Rathaus zum Bahnhof zusätzliche Attraktivität.

    Allgemeine Erläuterung Energie und TGA
    Die vorliegende Gebäudekonzeption wurde als ganzheitliche Architektur für die ausgelobte Sanierung des Rathauses in Arnsberg im Sinne der Flexibilität, der bauklimatischen und energetischen Optimierung entwickelt. Im Mittelpunkt der Konzeption stehen Lösungen auf die Fragestellungen des Standortes und ein maximales Zusammenspiel von passivem Gebäudeverhalten und aktivem technischen Equipment.
    Neben einer hohen Schallbelastung am Standort stellen die überwiegend vorhandenen Ost-West Fassaden die maßgeblichen Anforderungen an die Schutzfunktion der Gebäudehülle. Im Entwurf wurde im Büroturm auf diese funktionalen Herausforderungen gestalterisch mittels einer zweischaligen Fassade geantwortet. Geschossweise werden im Prinzip von Kastenfenstern Bänder ausgebildet. Die Schottung zwischen den Geschossen erfolgt durch die horizontale Anordnung der dezentralen Lüftungsgeräte. Durch diese Positionierung wird die frische Luft direkt an der Außenhaut und nicht aus der Doppelfassade gezogen. Im Winter wird die Pufferzone bei Fensteröffnung genutzt.
    Ebenso wird im Fassadenzwischenraum ein außenliegender Sonnenschutz integriert, damit kann unabhängig vom Winddruck auf die Fassade eine gute Verschattung der tiefstehenden und strahlungsintensiven Ost und Westsonne garantiert werden.
    Grundsätzlich kann sowohl im Büroturm als auch im Sockel des Gebäudes eine effiziente natürliche Lüftung realisiert werden. Im Bereich der Seminar- und Veranstaltungsräume wird eine zentrale Be- und Entlüftung vorgesehen. Die RLT Anlage, mit einer Auslegung auf 27.000 m3/h, ist im Keller verortet und damit auf kurzem Weg an Erd- sowie erstes Obergeschoss angeschlossen.
    Die Temperierung der Räume erfolgt zur Grundlastdeckung im Sommer und Winter über eine Flächentemperierung im Boden. Bei der Deckenbelegung werden Akustikpaneele abgependelt, so dass die Speichermasse frei zum Raum wirken kann. In den Räumen mit hohen Belegungsdichten im Erdgeschoss sowie im OG I werden zur Spitzenlastdeckung Kühlsegel vorgesehen, diese werden ebenfalls zu raumakustischen Optimierung genutzt.
    Für die Versorgung wird die Nutzung des Flusswassers vorgeschlagen. Mittels Wärmepumpe im Winter und Wärmetauscher im Sommer können so effektiv die notwendigen Temperaturniveaus erzeugt werden. Mechanisch erzeugte Kälte, die zu Spitzenlastzeiten notwendig ist, wird über eine Kompressionskältemaschine bereitgestellt. Diese dient der Vorkonditionierung der Luft sowie für die Versorgung der Kühlsegel. Integriert auf der Dachfläche des Bürotraktes wird eine PV Anlage zur solaren Stromerzeugung installiert. Durch die Gleichzeitigkeit der Spitzenlasten von solarer Stromerzeugung, Kühlbedarf und einem stetigen Strombedarf für die Lüftungsgeräte wird ein hoher Eigennutzungsgrad angestrebt.
    Durch die Einbindung der dezentralen Lüftungsgeräte sowie der Flächentemperierung im Fußboden wird der Installationsaufwand im Bestand auf ein Minimum reduziert. Die Elektroverteilung erfolgt parallel zur Belüftung entlang der Fassade.
    Das Raumkonditionierungskonzept gekoppelt mit der genannten Energieerzeugung sowie ein, auf das notwendigste Maß reduzierter zentraler Installationsaufwand, stellt die Basis für ein Gebäude mit großem Komfort und Variabilität dar. Die gezeigte passive und aktive Gebäudestrategie ermöglicht das Generieren eines nutzerfreundlichen und nachhaltigen Lösungsansatzes für den Bestand, im Sinne einer hohen Flexibilität, Komfort und Energieeffizienz.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die städtebauliche Anlage orientiert sich insgesamt an den Qualitäten des Bestands. Im Freiraum bekommt das Rathaus einen neuen, attraktiven, barrierefreien Rathausplatz in der Geometrie des Gebäudes mit guten Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten. Überzeugend ist die rampenartig ausgebildete breite Wegeanbindung an die Ruhr mit einem Holzdeck am Fluss. Die angebotene Neupositionierung von Stellplätzen auf der Nordseite des Rathauses ermöglicht die Anlage von weiteren Spiel- und Aufenthaltsangeboten. Kritisch hinterfragt wird die Lage und Anbindung der geplanten Fußgängerbrücke, die sich aus dem orthogonal entwickelten Wegegerüst zu formal ableitet. Das Gebäudeensemble aus den 1960er Jahren bleibt wahrnehmbar und deutlich erkennbar. Es wird positiv bewertet, dass damit korrespondierend auch die inneren Erschließungs- und Raumstrukturen weitgehend erhalten werden. Die Verfasser respektieren ebenso die Gestaltqualitäten des Ursprungsentwurfs und übersetzen sie in eine angemessene zeitgemäße Form. Dadurch entwickelt der Beitrag in seiner Schlichtheit eine erkennbar neue Eleganz. Die angestrebten innenräumlichen Qualitäten im Foyer lassen die Intention der Verfasser erkennen, den Rohbau des Gebäudes herauszuschälen und diesen durch hölzerne, möbelartige, skulpturale Einbauten zu ergänzen. Dabei lässt es der Entwurf zu, besondere, wertvolle Materialien des Bestands – z.B. Natursteinböden – zu erhalten und zu integrieren. In der inneren Organisation des Hochtraktes orientiert sich der Beitrag eng am Bestand. Auch wenn dies grundsätzlich dem Gesamtkonzept entspricht, wäre hier eine größere Freiheit im Umgang mit dem Ursprungsbau wünschenswert: Es bleibt ein konventioneller Dreibund ohne offenere Kommunikationszonen, Lufträume oder offene Treppen. Die Barrierefreiheit ist in den Bürogeschossen eingeschränkt gewährleistet. Die erkennbare Transparenz zwischen den Büros und der Erschließungszone wird begrüßt. Das Fassadenkonzept ermöglicht den freien, uneingeschränkten Ausblick in die Landschaft der Ruhr-Aue. Die Tageslichtversorgung und das Raumklima lassen aufgrund der Kastenfenster und dem effizienten Sonnenschutz förderliche Arbeitsplatzbedingungen erwarten. Trotz des eher hohen Fensterflächenanteils und der bodentiefen Verglasung stellen die Lüftungsklappen im Bereich der Geschossdecken die Wärmeabfuhr ausreichend sicher. Die Energiekosten liegen im niedrigen, die Lebenszykluskosten im durchschnittlichen Bereich. Folgende Punkte werden kritisch gesehen: Die vorgeschlagene, großzügige Anordnung von Oberlichtern im Ratssaal wird unter funktionalen und bauklimatischen Gesichtspunkten als problematisch und verzichtbar angesehen. Die Lage der PV auf dem niedrigen Baukörper überzeugt als fünfte Fassade nicht. Im Flächennachweis sind die geforderten Arbeitsplätze nicht vollständig nachgewiesen, obwohl das Potenzial einer Optimierung der Flächen in den Obergeschossen sowie durch Aktivierung von (Lager-) Flächen im Souterrain vorhanden ist. Zusammenfassend überzeugt der Beitrag durch seinen Respekt und den vorsichtigen Umgang mit dem Bestand. In seiner Reduktion und Selbstverständlichkeit legt er eine wirtschaftliche Umsetzung nahe. Zugleich verspricht der Entwurf eine hohe, neue ästhetische Qualität.