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  • DE-72622 Nürtingen, DE-72622 Nürtingen
  • 09/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-249296)

Bahnstadt


  • 1. Preis


    Architekten
    Hosoya Schaefer Architects AG, Zürich (CH) Büroprofil

    Verfasser
    Markus Schaefer , Hiromi Hosoya , Alexander Kneer , Valentin Ott

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Agence Ter, Karlsruhe (DE), Paris (FR), Barcelona (ES)
    Verkehrsplaner: IBV Hüsler AG, Zürich (CH)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Die Stadtstruktur wird zum Bahndamm hin fortgeführt und ergänzt - die Querbeziehungen über und unter den Bahndamm werden durch öffentliche Räume und Plätze beidseits der Gleise gestärkt. Die Unterführungen beim Bahnhof werden über einen Platz gebündelt, um einfache und eindeutige Wegebeziehungen zu schaffen. Großzügig gestaltete Zu- und Abgänge machen diese neuen Beziehungen im Stadtraum sichtbar.

    1 -Bahnhofsplatz, alter ZOB
    Der Bahnhofsplatz wird zum städtebaulichen Scharnier. Auf zwei Ebenen klärt er Bezüge. Der Neubau wird zum gemischt genutzten Stadtbaustein, der als städtisches Entrée funktioniert und den Platz definiert.
    Das ehemalige Jugendhaus fasst als freistehender Baukörper den Bahnhofplatz nach Süden und lenkt die Verkehrsströme. Als Bürgerzentrum, mit Gastronomie und Handel kann es neu belebt werden. Die Platzebene zieht sich in Form eines großzügigen Stadtraumes als Shared Space entlang des neuen Gebäudes weiter bis auf Höhe der Steinengrabenstraße.
    Der Bachlauf des Saubachs wird nach Norden in Richtung Finanzamt verschoben und freigelegt. Er wird erlebbar gemacht, so dass sich zwischen Neubau und Finanzamt eine Freiraumqualität entwickeln kann und die Radwegverbindung zwischen Ost und West gestärkt wird. Das Jugendzentrum wird im Sockel des neuen Gebäudes untergebracht und bespielt den Raum um den freigelegten Saubach.

    2 - Neuer ZOB
    Der neue ZOB erhält einen Kopfbau und schafft einen weiteren räumlichen Abschluss des Bahnhofplatzes. Das Erdgeschoss bleibt offen und durchlässig.

    3 – Bahnhof Süd
    Der Straßenraum der Bahnhofsstraße auf der westlichen Seite der Gleise steht unter dem Motto Entschleunigung. Der motorisierte Verkehr wird zurückgenommen, die Fahrspuren auf das nötige Minimum reduziert. Die Gehwege werden verbreitert, um einen großzügigen Boulevard zu schaffen. Korrespondierende Plätze auf beiden Seiten der Trasse sind durch Unterführungen sinnvoll verknüpft.

    4 - Durchwegung Bahndamm (Saubachpassage)
    In der Saubachpassage werden gelernte Wegeverbindungen fortgeführt und gebündelt. Sie verwebt den neuen ZOB, die Mobilitätszentrale, den Bahnhof und Bahnsteige miteinander. Mit erlebbaren, großzügig gestalteten Zu- und Abgängen wird sie im Stadtraum sichtbar. Offene Erschließungen belichten und verknüpfen die Passage mit dem ZOB, dem Bahnhof und den Gleisen, bringen Tageslicht in die Passage und verkürzen optisch die Distanz. Tageslicht, Wasser (Saubach) und Bepflanzungen schaffen einen attraktive Durchwegung.

    5 - Mobilitätszentrale und Platz vor alter Seegrasspinnerei
    Der klar gefasste Spinnereiplatz bildet als Pendant zum Bahnhofplatz den Auftakt in das neue Stadtviertel. Er dient als Gelenk zwischen Bahnstadt-Ost, Kirchheimer Vorstadt, Mobilitätszentrale, Wohngebiet Säer und Saubachpassage.
    Die alte Seegrasspinnerei, der Kopfbau des Mobilitätszentrums und die translozierte Tankstelle als gastronomischer Akzent bilden durch ihren öffentlichen Charakter eine belebte Trias am Platz. Der Verkehr wird mit reduzierter Geschwindigkeit am Platz vorbeigeführt.
    Die Mobilitätszentrale teilt sich in zwei Gebäudevolumen, wodurch eine bessere Einbindung der Gebäude in den Maßstab der umgebenden Stadtstruktur ermöglicht wird. Der Kopfbau hat als Hochpunkt am Platz einen öffentlichen Charakter und eine wichtige Funktion als Stadtbaustein. In ihm sind alle publikumsrelevanten Funktionen des Mobilitätszentrums untergebracht. In den Obergeschossen sind weitere Büros und Gewerbenutzungen denkbar. Den zweiten Baustein des Mobilitätszentrums bildet das Magazin, welches den infrastrukturellen Teil mit der Unterbringung der unterschiedlichen Transportmittel übernimmt. Das Erdgeschoss weist neben den Fahrradparkplätzen auch Gewerbe- und Handelsnutzungen auf.

    6 – Bahnstadt Nordost
    Mit dem Mobilitätszentrum als Auftakt von Süden folgen weiter nördlich flexible Baufelder mit öffentlichem Charakter. Sie schirmen die dahinter liegende Bebauung vom Lärm ab und beleben zugleich die parallel verlaufende innere Straße.
    Am Bahndamm verläuft die neue Plochinger Straße mit eigenständigem begrüntem Profil. Sie erschließt das neue Quartier, ohne es zu dominieren. Durch ihre Lage am Bahndamm können attraktive Freiräume entstehen, in denen der motorisierte Verkehr weitestgehend zurückgenommen wird.
    Vom Platz an der alten Seegrasspinnerei her verläuft eine innere öffentliche Quartiersstraße nach Norden mit hoher Aufenthaltsqualität, Verkehrssicherheit (als Einbahnstraße) und sozialer Kontrolle. Die Erdgeschosszone mit öffentlichem Charakter und standortaffiner Gewerbenutzung, Dienstleistung und Gastronomie wird zum öffntlichen Rückgrat des neuen Quartiers.

    7 – Stadtquartier Ost
    Das neue Stadtquartier bietet eine robuste städtebauliche Grundstruktur mit aufgelösten Blöcken. Diese nehmen die langgestreckten Gevierte der Kirchheimer Vorstadt auf und schließen diese zum Hang hin ab. Vielseitige Gebäude- und Wohntypologien, von Einzel- und Doppelstadthäusern bis zu Apartmenthäusern unterschiedlicher Größe, sowie unterschiedliche Standorte für gewerbliche Nutzungsformen ermöglichen eine zielgruppenorientierte Stadtentwicklung.
    Das Quartier schafft in Ost-West-Richtung eine Abfolge von öffentlichen Räumen - Vorplatz öffentliches Gebäude, Nachbarschaftsmitte, Passage, Quartiersplatz -, die dem Quartier eine Mitte gibt und eine starke Vernetzung in alle Richtungen ermöglicht. Gemeinschaftliche Innenhöfe mit individuell gestalteten privaten Freiräumen in Form von Vorgärten, Terrassen, Loggien und Dachgärten bilden eine Balance aus Möglichkeitsräumen für soziale Interaktion und nötiger Intimität ihrer Bewohner/innen.

    8 -Quartier Bahnstadt Südost (Ideenteil)
    Die Kirchheimer Vorstadt wird „weitergestrickt“. Die Verlegung der Plochinger Straße an den Bahndamm ermöglicht eine Fortführung der gewachsenen Stadtstruktur. Die aufgelösten Stadtblöcke erhalten einen baulichen Abschluss, der zugleich als Lärmschutz fungiert. Die Anwohner profitieren durch die Straßenverlegung, bestehende Immobilien werden deutlich aufgewertet.
    Die Plochinger Straße erhält einen großzügigen und von Bäumen gesäumten Querschnitt, Aufweitungen und Platzsituationen an den Bahndammpassagen schaffen attraktive Freiraumsituationen.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf zeigt eine gründliche, detaillierte Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung. Die drei Bereiche: Zentraler Omnibusbahnhof, westliche und östliche Bahnstadt, werden als zusammenhängende Einheit begriffen, städtebaulich klar geordnet und gut mit den umliegenden baulichen Strukturen vernetzt.
    Besondere Kennzeichen der Arbeit sind zunächst zwei gut proportionierte Plätze beidseits der Bahngleise: Als Scharnier der zentrale Bahnhofsplatz sowie der Platz an der Seegrasspinnerei gegenüber als Auftakt in die Kirchheimer Vorstadt. Der Bahnhofsplatz erstreckt sich in gleicher Höhenlage bis zu dem in seiner Positionierung Stadtbaustein und erhält damit die seiner Bedeutung angemessen Größe. Beide Plätze sind räumlich auch durch die korrespondierenden neuen Hochpunkte gut gefasst, beziehen bestehende Bauten sinnvoll ein und verfügen über eigene Identitäten und hohe Aufenthaltsqualität.
    Beim Bahnhofsplatz wird mit der Ausformung und Schrägstellung des neuen Stadtbausteins auf der Südseite eine schlüssige, deutlich ablesbare räumliche sowie attraktive fußläufige Verbindung zwischen Altstadt und Bahnhof geschaffen, was das Preisgericht als besondere Qualität des Beitrags anerkennt. Zum Saubach hin wird ein Stadtbalkon mit einer klar ausformulierten Kante zur tiefer liegenden Ebene angeboten, eine Lösung, die überzeugt. Durch geschickte Ausnutzung der Topographie sind zwei Handelsflächen vom öffentlichen Raum zugänglich.

    Das Konzept, die bahnparallele Osttangente in gleicher Höhenlage wie das Quartier zu führen, überzeugt grundsätzlich. Im Gegensatz zu einer Hochlage ist eine solche Lösung wirtschaftlich, Lärmemissionen werden gering gehalten und auf stadtgestalterisch problematische Rampen kann verzichtet werden. Auch ist eine abschnittsweise Realisierung leichter möglich. Die vorgeschlagene Trasse ist ausreichend breit, könnte auch noch einen Radschnellweg aufnehmen und hat den angemessenen Abstand zur begleitenden Bebauung.

    Das neue Stadtquartier Ost bietet eine robuste Grundstruktur mit aufgelösten Blöcken. Das urbane Viertel mit der Abfolge öffentlicher Räume und einem Quartiersplatz in der Mitte verspricht hohe Wohn- und Aufenthaltsqualität. Die öffentlichen Freiräume im Wohnquartier sind noch wenig ausformuliert. Der im Osten vorgesehene zweite Quartiersplatz wird hinterfragt und erscheint überflüssig.
    Die vorgeschlagene Bebauung ist in allen Bereichen kompakt, die weitgehende Ost-West-
    Orientierung der Wohngebäude ist im Sinne des solaren Städtebaus nicht ideal. Durch die
    ausreichend großen Gebäudeabstände ist dennoch eine gute Belichtung der Wohnungen zu erwarten. Die überwiegend einheitliche Gebäudehöhe bietet gute Voraussetzungen für aktive Solaranlagen auf den Dachflächen. Es werden keine Aussagen zu Energiekonzept und zur Regenwasserbewirtschaftung gemacht.

    Der städtebauliche Ansatz, vorhandene Strukturen und Charaktere von Stadträumen aufzugreifen und in neuen Quartieren herauszuarbeiten, wird überzeugend vorgetragen. Dabei gelingt es den Verfassern auch, über das Spiel der korrespondierenden Hochpunkte Verbindungs- und Sichtlinien so zu ziehen, dass mit den neuen Quartieren insgesamt eine sinnfällige Einbindung in die größere Stadtstruktur entsteht. So entsteht ein neues, zusammenhängendes Stadtgebiet, das an der Nahtstelle im Bahnhofsbereich eine starke stadträumliche Akzentuierung erhält.
    Der Entwurf ist ein wertvoller, zukunftsfähiger Beitrag mit Entwicklungspotenzial. Er zeigt ein überzeugendes, im positiven Sinne einfaches und städtebaulich robustes Konzept, das in Maßstab, Körnigkeit und Gestaltung der Freiräume zur gewünschten Verknüpfung und Neuordnung führt.