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  • DE-41751 Viersen, DE-41747 Viersen
  • 12/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-263243)

Neubau des Kreisarchivs


  • ein 3. Preis


    Architekten
    walter huber architekten gmbh, Stuttgart (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Energieplaner: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart (DE), München (DE), New York, NY (US), Paris (FR)

    Preisgeld
    12.500 EUR

    Erläuterungstext
    Materialien / Konstruktion
    Das neue Archiv entwickelt sich als linearer 3-geschossiger Baukörper parallel zur Viersener Strasse und formuliert mit dem Kopfbau den neuen Stadteingang. Die klare Gebäudestruktur lässt sich für spätere Entwicklungen Richtung Westen erweitern.

    Einschnitte gliedern den an sich kompakten Baukörper. Die Erschliessung erfolgt sowohl von Süden als auch über die Viersener Strasse von Norden. Archiv und Büro mit den öffentlichen Nutzungen werden durch eine über alle Geschosse reichende Halle verbunden (Herzstück des neuen Gebäudes). Diese dient als Ort des Ankommens, der Wissensvermittlung und als Aufent-haltsraum für die Mitarbeiter.

    Erschliessung / Funktion
    Die Haupterschliessung für Besucher und Mitarbeiter erfolgt von Süden mit dem vorgelagerten Eingangshof. Durch die Lage der Halle wird ein zusätzlicher Eingang von Norden geplant.

    Archiv
    Das Archiv ist mit einem überdachten Einfahrtsbereich geplant. Daran anschliessend sind die Werkstattbereiche angegliedert. Das Archiv ist klar strukturiert. Die Vertikalerschliessung mit Lastenaufzug und Treppe ist zentral angeordnet. Die lineare Erschliessungsstruktur verbindet die Archive mit den Bürobereichen.

    Büro
    Bereits in der Halle wird dem Besucher die Gebäudestruktur verständlich.
    Die öffentlichen Nutzungen wie Vortragssaal, Ausstellung und Lesesaal sind im Erdgeschoss geplant. In den Obergeschossen sind die Arbeitsplätze der Mitarbeiter angeordnet. Archiv und Büro sind über Brücken miteinander verbunden.

    Material / Konstruktion
    Grundsätzlich ist das Gebäude einschl. der verwendeten Materialien so geplant, dass einerseits bei der Herstellung wenig Energie benötigt wird, im Gebrauch Beeinträchtigungen durch z. B. SickBuilding für den Nutzer vermieden werden und ein Rückbau / Rückgewinnung der Materialien ermöglicht wird. Dies wird einerseits durch die Verwendung von natürlichen und nachwachsen-den Baustoffen erreicht (Stampflehm, Schilfrohrmatten als Dämmung) bzw. Recycling-Baustoffen (RC Beton). Auf Farbbeschichtungen und Verbundwerkstoffe wird (soweit wie mög-lich) verzichtet.

    Konstruktion
    Die Primärkonstruktion des Gebäudes ist als Stahlbetonskelettbau aus RC-Beton geplant. Tra-gende Wände und Kerne steifen das Gebäude aus. Die Fassaden sind als nichttragende Fassaden geplant. Stampflehmfassade als Speichermassen und Glas (Büro) im Zusammenhang mit der Fas-sadenbegrünung geben dem Gebäude den Charakter.

    Fassade
    Die Fassade ist aus Stampflehm (1- bzw. 2-schalig) geplant. Horizontale Schichten aus Mauer-ziegel als Tropfkanten geben der Fassade einen lagernden Charakter, was die Nutzung unter-streicht. Einschnitte und Fenster sind im Archiv auf ein Minimum reduziert. Das Büro ist gegen-über dem eher geschlossenen Charakter des Archivs verglast. Eine vorgestellte Fassadenbegrünung dient im Sommer als Sonnenschutz und trägt zur Luftverbesserung bei.

    Nachhaltigkeit / Zirkuläre Wertschöpfung

    Ziel ist die Entwicklung eines ökologisch und ökonomisch optimierten Archivs, das hohen Schutz für die archivierten Dokumente und hohen Komfort für die Mitarbeiter bietet, dabei aber niedrige CO2-Emissionen verursacht, die Luftqualität verbessert, energetische Überschüsse erzeugt und kostengünstig im laufenden Betrieb funktioniert.

    Durch eine kompakte Bauweise erreicht das Gebäude ein energetisch vorteilhaftes A/V-Verhältnis. Gleichzeitig ermöglichen die Grundrisse eine gute Tageslicht- und Luftversorgung. Die Gebäudehülle wird in Passivhaus Qualität errichtet um die Energieverluste zu minimieren und hohen thermischen Komfort zu gewährleisten. Dafür wird die Hülle hochwärmegedämmt, Wärmebrückenfrei und Luftdicht ausgeführt. Um eine sommerliche Überhitzung zu verhindern und um einen hohen visuellen Komfort zu gewährleisten, haben die verglasten Fassaden einen Sonnenschutz in Form eines textilen Screens. Dieser ermöglicht eine Durchsicht nach Außen, auch im geschlossenen Zustand. Zusätzlich kann ein innenliegender Blendschutz installiert werden. Die Büro-Fassade ist zudem mit einer Bepflanzung als zusätzlicher Sonnenschutz und zur Verbesserung des Mikroklimas und der Luftqualität versehen.
    Die Fassaden des Archivs werden aus Stampflehm mit einer Kerndämmung errichtet. Dieser natürliche Baustoff hat eine ausgezeichnete thermische Speicherkapazität, kann Feuchtigkeit puffern und ist zudem aufgrund seines guten ökologischen Fußabdruckes und der Wiederver-wendbarkeit hervorragend für eine Kreislaufwirtschaft geeignet. Um eine Grundbelichtung mit Tageslicht zu ermöglichen, aber den Licht- und Wärmeeintrag zu minimieren, werden die Fen-sterflächen klein gehalten. Alle Fensteröffnungen sind mit einem Sonnenschutz versehen, um eine direkte Sonneneinstrahlung in das Archiv zu verhindern. Die Dächer werden zur Verbesse-rung des lokalen Mikroklimas extensiv begrünt, eine aufgeständerte Solaranlage installiert.
    Die Belüftung der Büros kann rein natürlich über Öffnungselemente in der Fassade erfolgen. Diese können für eine Nachtluftspülung zur passiven Kühlung motorisch geöffnet werden. In der Heizperiode werden die Büros mechanisch belüftet um die Lüftungswärmeverluste zu mi-nimieren. Dabei wird Quellluft zugluftfrei über den Doppelboden in die Räume eingebracht.
    Das Archiv wird mechanisch belüftet, die Zuluft dabei vorkonditioniert um hohe Feuchteeinträ-ge oder kalte Lufttemperatur zu vermeiden. In den Archiven können zusätzlich Silicagel Ele-mente platziert werden um die Feuchtigkeit zu binden. Die Lüftungsanlage ist mit einer hochef-fizienten Wärmerückgewinnung ausgestattet.
    Die oben genannte Konzeption ermöglicht einen sehr niedrigen Heizwärmebedarf. Die benötig-te Heizenergie wird über Erdsonden mit einer Wärmepumpe erzeugt. Eine Gastherme kann als Notfall-Backup installiert werden. Zur Wärmeübergabe wird eine Bauteilaktivierung in die Dek-ken integriert. Die Büros werden zusätzlich mit schnell regelbaren Unterflurkonvektoren ausge-stattet um Spitzenheizlasten zu decken und den individuellen Komfort der Mitarbeiter zu ge-währleisten.
    Aufgrund der passiven Maßnahmen ist keine aktive Gebäudekühlung nötig. Optional kann die Bauteilaktivierung in Kombination mit den Erdsonden zur passiven Kühlung eingesetzt werden. Die auf dem Dach installierten Hybridkollektoren erzeugen Strom und Wärme, die Wärme wird im Winter zur Beheizung eingesetzt und im Sommer ins Erdreich eingespeist. Das Erdreich dient als saisonaler Wärmespeicher. Der Strom wird direkt im Gebäude genutzt, Batteriespeicher er-höhen den Eigennutzungsanteil. Überschüsse werden in das öffentliche Netz eingespeist.
    Die Baumaterialien werden, soweit möglich, c2c-zertifiziert. Insgesamt wurde das Konzept ent-wickelt um ein ökologisch hochwertiges Gebäude zu erhalten, das im gesamten Lebenszyklus vorteilhaft ist. Die Lehmfassade ist ein natürlicher Baustoff, die Betonelemente werden mit ei-nem hohen Anteil an Recycling-Beton errichtet, um die CO2-Emissionen der Betonherstellung zu reduzieren. Betondecken werden mit Hohlkörpern versehen um die Betonmenge zu verringern. Die Fassade kann nach ihrem Lebensende sortenrein demontiert und recycelt werden. Durch den Einsatz von Schadstoff- und Lösungsmittelarmen Klebe- und Dichtstoffen werden Emissionen (VOC) verringert und die Gesundheit der Gebäudenutzer geschont (Sick-Building-Syndrom).

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf verkörpert gleichermaßen eine städtebauliche und eine architektonische Qualität unter Berücksichtigung des innovativen Ansatzes einer zukunftsweisenden Gestaltung. Die Stellung des Gebäudes wird der städtebaulichen Anforderung an Adressbildung und Bildung einer Raumkante sehr gut gerecht. Durch die Magistrale gelingt eine hervorragende Verknüpfung der Erreichbarkeit per Pkw-, Fuß- und Radverkehr. Damit öffnet sich der Baukörper für alle Besucher gleichermaßen. Eine Gliederung des ansonsten sehr schlicht gehaltenen Baukörpers wird durch die transparent gehaltene, überdachte Magistrale geschaffen und gibt dem Baukörper dadurch eine gut gegliederte Proportion. Hinzu kommt die großzügige nach Osten orientierte, großflächig verglaste Fassade. Damit öffnet sich das Gebäude einladend in Richtung der anzunehmenden Hauptzufahrtsrichtung für den Besucher.

    Durch die Verwendung von natürlichen und nachwachsenden Baustoffen (z.B. Stampflehm und Schilfrohrmatten) für die Fassade greift der Entwurf in besonderer Weise den gewünschten Gedanken zu nachhaltigen, ökologischen Baustoffen auf. Eine konstruktive, nachhaltige Lösung zum Schutz der Lehmfassade ist jedoch nicht überzeugend dargestellt. Der Entwurf bezieht sich im Bereich der zirkulären Wertschöpfung vornehmlich und sinnvoll auf das Ziel eines gesunden Gebäudes. Andere Bereiche wie z.B. Wasser und Material sind noch nicht ausgearbeitet. Insgesamt erscheint das Gebäude eher als Passivhaus anstatt als Gebäude mit Mehrwert in Bezug auf die zirkuläre Wertschöpfung.

    Der Entwurf sieht eine Trennung der Bereiche für die Öffentlichkeit und Verwaltung von den Bereichen für Anlieferung, Werkstatt und Magazine vor. Für den Besucher ist dies eine klare und nachvollziehbare Aufteilung. Für die Arbeitsabläufe ergeben sich allerdings Nachteile, da die Räume für die Mitarbeiter über drei Etagen und unterschiedliche Gebäudeteile verteilt sind. Zudem werden die im Erdgeschoss vorgesehenen Magazinflächen für die Andienung an den Lesesaal und die Optimierung der Laufwege für die Mitarbeiter als zu klein eingeschätzt.

    Die Lage des Fluchttreppenhauses gliedert zwar den Baukörper in Richtung Süden, schafft aber gleichzeitig eine über die gesamte Gebäudehöhe gehende Schlucht, die unnötige zusätzliche Fassadenflächen generiert und in Bezug auf Belichtung und Belüftung kritisch gesehen wird. Die Summe der Verkehrsflächen und überdurchschnittlich hohe Werte für BGF und BRI stehen eine uneingeschränkt wirtschaftlichen Gebäuderealisierung und -nutzung entgegen.

    Insgesamt handelt es sich um einen gelungenen städtebaulichen und architektonischen sowie innovativen und ökologischen Entwurfsansatz, dem leider eine etwas eingeschränkte Gebäudefunktionalität gegenüber steht.