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  • DE-98574 Schmalkalden
  • 09/2002
  • Ergebnis
  • (ID 2-8222)

Gestaltung öffentlicher Räume in der Altstadt


  • 1. Preis

    Entwurf (1:1000)

    Landschaftsarchitekten
    terra.nova Landschaftsarchitektur, München (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: wich architekten, München (DE)

    Erläuterungstext


    \'Es geht darum, das Herz der historischen Stadtkerne zu öffnen, den Asphalt oder die feuchten Pflastersteine und die bröckelnden Fassaden dem neugierigen und intressierten Spaziergänger zugänglich zu machen\'
    (Francis Soler, Architekt, in Architekturgeschichten, Ernst+Sohn1995)



    Zeitspuren.
    Beeindruckt von der vielschichtigen historischen Entwicklung der Stadt Schmalkalden schlagen wir vor, die ästhetischen Gestaltqualitäten der verschiedenen Entwicklungsperioden wieder sichtbar zu machen. Nicht das einheitliche Bild einer Epoche steht im Vordergrund, sondern die qualitätvoll hergestellte Gesamterscheinung einer gewachsenen Stadt und ihrer heterogenen Vergangenheit. Diese findet Ausdruck in der Reichhaltigkeit der angewanden räumlichen und gestalterischen Mittel der Stadtbaukunst, die es zu entdecken gilt, um sie entsprechend den heutigen Anforderungen in einen neuen Gesamtzusammenhang zu stellen. Ein wichtiger Bestandteil des Vorschlages ist, mit dem Mittel der bildenden Kunst ein durchgehendes Konzept für die Vermittlung der historischen Spuren zu erreichen und die Historie mit der Kunst der \'Jetzt-Zeit\' zu einer neuen Qualität zu verbinden.

    Zwei Epochen - zwei Materialien.
    Die Entwicklung der historischen Altstadt Schmalkaldens zeigt zwei wesentliche und bedeutsame städtebauliche Entwicklungen auf, die ihre Entsprechung im Stadtgrundriss finden. Zum einen ist dies die ehemalige Marktsiedlung (Altstadt), zum anderen die Siedlung im Bereich des \'Neuen Marktes\' (Neustadt). Die Altstadt mit ihrem Kernbereich im Umfeld der Kirche zeigt ein rhythmischen Wechsel aus Gassen, Strassen und Plätzen mit zufällig anmutendem Verlauf und unterschiedlichsten Raumprofilen. Dem gegenüber zeigt sich die Bebauungsstruktur ausgehend vom Neumarkt über die Steingasse bis hin zur Kothergasse regelmäßig gestaltet.

    Unser Entwurf sieht für die eben beschriebenen historischen Entwicklungsbereiche als Grundelement je einen homogenen und ruhigen Bodenbelag vor. Die Entwurfsidee sucht eine Art \'Teppich\' zu weben, der durch die einheitliche Textur der Oberflächen zwei ganz klar voneinander unterscheidbare Bereiche definiert, die Alt- und die Neustadt. Verlegemuster sowie Materialität nehmen Bezug auf die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten der Bereiche. Während in der Altstadt (2) entsprechend der stark variierenden Zuschnitte der Freiräume eine unregelmäßige Verlegeweise vorgeschlagen wird (wilder Verband) wird der Bereich Neustadt (9) mit einem regelmäßigen Belagsmuster aus in Reihen- oder Netzverbänden verlegtem Pflaster vorgesehen. Der Kernbereich der Altstadt im Umfeld der Kirche (1) erhält zusätzlich entsprechend dem vorgefundenen Material eine leichte Differenzierung. Gleiches wird für die Steingasse vorgesehen, die entsprechend ihrer besonderen hist. Bedeutung (erste gepflasterte Strasse) eine besondere Oberflächenstruktur erhält (7). Deutlich werden die Marktplätze- der Altmarkt und der Neumarkt als Zentren der beschriebenen Bereiche besonders hervorgehoben. Sie sollen ihrer Funktion entsprechend multifunktional nutzbar sein.

    Die Gebäude erhalten im Sockelbereich eine durchgehende \'Vorzone\', die Sonderelemente wie Eingänge, Vor- und Rücksprünge, Zu- und Ausgänge sowie Treppenstufen aufnimmt. Pflasterflächen und Rahmen unterscheiden sich durch die Textur der Oberflächen der gewählten Materialien, dennoch schöpfen sie infolge abgestimmter Farbigkeit und Materialität aus einem gemeinsamen Vokabular. Eine Varianz in der Dimensionierung ermöglicht die Integration der Funktionszonen wie Geschäftsvorzonen, Auslagenbereiche, gebäudezugeordnete Freisitze.

    Erinnerungen mit Zukunft.
    Historische Besonderheiten verliehen den Stadträumen ihre Einzigartigkeit, ihre Atmosphären, ihre Erinnerungen (...es war doch dieses Rosenfeld, in dem wir uns gestern begegneten...). Schmalkalden ist reich an architektonischen Besonderheiten, die vollständig, zum Teil oder gar nicht mehr vorhanden sind. Wir möchten mit einem übergeordneten Kunstkonzept als integrativem Bestandteil der beschriebenen Grundkonzeption den Versuch unternehmen, die historischen Spuren punktuell zu thematisieren und im Sinne eines gesamtheitlichen Ansatzes dem Bürger, Besucher oder Spaziergänger näher bringen. Die Themen sind hierbei so vielfältig, wie die Erscheinungen selbst:

    Kunstgräben. (5) Nachzeichnen des historischen Verlaufes der Kunstgräben an räumlich wirksamen Stellen. Künstlerisch gestaltete Einlauf- bzw. Auslaufbauwerke, Übergänge oder Oberflächen sowie gesteuerte Wasserereignisse unterstreichen die Künstlichkeit der Elemente

    Stadttore. (3,12) Lichtzeichen und Lichtwände als Fortsetzung des Stadtmauerringes

    Handelswege. (3, 6) Visualisierung des Verlaufes der Handelswege an deren Kreuzungspunkten (beispielsweise Mittels einer kreuzenden Lichtlinie)

    Brunnenstandorte. (4) Nachzeichnen der Brunnenstandorte mittels einfacher geometrischer Elemente, Bodenreliefs, Wasserteppiche, Wassersäulen...
    Pflaster- und Materialdetails. Akzentuierung besonderer Situationen wie Radabweiser (10), Rinnen, Zuflüsse zu den Kunstgräben (5) durch besondere Materialität z.B. Gusseisen
    Solitärgebäude. Akzentuierung bedeutsamer Gebäude wie Kirche, Kemenaten (11), Lutherhaus (8) durch spezielle Effektbeleuchtung

    Die künstlerisch gestalteten Einzelsituationen sind eigenständige Elemente, die durch ihre gemeinsame Sprache in Material und Oberfläche sowie ihre inhaltliche Zuordnung sich zu einem Ganzen verbinden, sie erzählen die Geschichten der Stadt- historisch bedeutsame, aber auch alltägliche.

    Materialität.
    Die Materialien werden auf Naturstein (Granit) in braun-gelb-Abstufungen für den Altstadtbereich und grau für den Neustadtbereich beschränkt. Im Kernbereich der Altstadt (Kirchplatz) wird das vorhandene \'Wildpflaster\' wiedereingebaut und ergänzt. Für den Bereich Neustadt können vorhandene Materialien wiederverwendet werden, der Duktus sollte jedoch eine visuell homogene und zur Altstadt unterscheidbare Oberfläche sein. Von daher sind Materialkompositionen wie die der Weidenbrunner Gasse vorstellbar.

    Anknüpfend an die örtlichen Handwerkstraditionen, diesbezüglich der Eisengießerei, kann oberflächenveredeltes Gussmaterial für die Schaffung der besonderen Orte, der künstlerischen Installationen sowie der Einrichtungsgegenstände, der Lampen, der Bänke, der Warenauslagen... Anwendung finden.
    Glas für die Beleuchtungselemente wird als ergänzendes und zurücktretendes Material eingesetzt.

    Wenig Substantielles und Wahrnehmbares ist notwendig, um den Charakter des Stadtraumes zu bewahren.

    Flanieren bis spät in die Nacht.
    Die primäre Grundbeleuchtung der Gassen, Strassen und Plätze wird grundsätzlich durch einen Lampentyp erreicht. Je nach Raumprofil werden einseitig oder beidseitig Wandleuchten angeordnet, die indirekt die Oberflächen oder die Gebäude ausleuchten. Ergänzt wird dieses System an platzartigen Aufweitungen durch Spiegel-Werfer-Systeme an den Gebäuden, die für eine ausreichende Grundbeleuchtung sorgen.
    Weitere Differenzierungen und Akzentuierungen der primären Grundbeleuchtung werden durch die gezielte Ausleuchtung von Objekten erreicht. Dies sind zum einen die besonderen Gebäude des Ortes (Kirche, Kemenaten)
    sowie die eingesetzten punktuellen Akzentuierungen des Stadtraumes wie Kunstgräben, Brunneninstallationen, Bodenreliefs, etc. ...
    Die Materialität sowie die erhöhte Beleuchtungsstärke verstärken die Kontrastwirkung zum durchgehenden Stadtboden. Die variierenden Belagstexturen der Bewegungsräume tragen zudem zur Verfeinerung des homogenen Lichtrahmens bei.
    Die Gebäudevorzonen sowie die Detaillierungen der Eingangsituationen erzeugen durch gezielten Materialeinsatz (Farbabstufungen, Oberflächenbehandlungen) ihr eigenes Sekundärlicht.
    Auf den Einsatz von Leuchtschrift sowie Leuchtreklame an den Gebäudefassaden sollte verzichtet werden, vielmehr sollten die Schriftzüge und Werbeschilder durch ein eigenes Beleuchtungssystem zurückhaltend und indirekt angestrahlt werden. Der gesamtheitlichen Raumeindruck der Fußgängerbereiche sollte auch am Abend und in der Nacht seine angemessene Wirkung auf den Flaneur hervorrufen.


    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser setzen ihre Idee der Unterscheidung der Alt- und Neustadt auch in den Oberflächen konsequent neu um. Dabei benutzen sie eine einheitliche Materialart und unterscheiden die Teilbereiche nur im Farbton. Sie trennen den Bereich Kirchhof von Altmarktbereich durch einen Materialwechsel. Mit der Oberflächengestaltung wird die multifunktionale Nutzung gewahrt, Störungselemente werden vermieden. Durch den Einsatz von Sandsteinplatten gelingt es, dem Altmarkt vor dem Rathaus ein besonderes Gepräge zu geben.

    Die Anordnung der Wasserinstallationen auf dem Altmarkt ist folgerichtig in einem nichtstörenden Bereich und wertet diesen in der Aufenthaltsqualität auf, lässt Blick- und Wegebeziehungen ungestört zu.

    Die Verfasser behandeln Funktionsflächen, die offensichtlich den Gebäuden zuzuordnen sind, durch eine leichte Zäsur im Pflaster. Zur Überwindung bestehender Höhensprünge an den Gebäuden Auergasse werden keine Aussagen getroffen.

    Die Arbeit setzt sich mit den Kunstgräben auseinander, öffnet diese zum Teil und bezieht somit die Hofstadt in das Gebiet mit ein.

    Der Niveauunterschied am Kirchhof wird durch eine Treppe überwunden und gibt die bisherige gestalterische Trennung zwischen Kirchenumfeld und der Bebauung (nördlich) auf. Das WC-Gebäude, Lage und Gestalt wird teilweise kritisch bewertet, hier wäre eine Überarbeitung und nochmalige Prüfung hinsichtlich der städtebaulich-räumlichen Situation wünschenswert.

    Die Verfasser treffen eine Aussage zur Beleuchtung, die schlüssig ist. Wesentliches Element ist die fassadenbegleitende Ausleuchtung des Raumes. Die zusätzliche Bodenbeleuchtung kann mit Einschränkungen als Unterstützung für die Wirkung des Raumes gewertet werden.

    Die Gestaltung der Freiflächen in der Neustadt setzt die Grundhaltung des Altstadt-Bereiches fort und lässt eine multifunktionale Nutzung des Lutherplatzes zu.

    Der Neumarkt ist offen gestaltet und ermöglicht die Blickbeziehung auf den historisch wertvollen Gebäudebestand. Durch die sparsame Begrünung lässt man die Raumwände wirken, der Platz kann multifunktional genutzt werden.

    Die Verfasser unterbreiten akzeptable Lösungsvorschläge für die Stadtmöblierung. Insgesamt überzeugt diese Arbeit in allen Bereichen und verspricht einen subtilen Umgang im Spannungsverhältnis zwischen vorhandener Bebauung und der neue zu gestaltenden Oberfläche des Stadtbodens.