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  • DE-81667 München, DE-81547 München
  • 10/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-240654)

Neubau Konzerthaus


  • Anerkennung

    Konzerthaus München_Henning Larsen - Platzansicht, © Henning Larsen

    Architekten
    Henning Larsen Architects, Copenhagen V (DK), Oslo (NO), Munich (DE), Riyadh (SA), Gøta (FO) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Bauingenieure: BuroHappold Engineering, Berlin (DE), Bath (GB), Hong Kong (HK), Copenhagen K (DK), Warszawa (PL)
    Landschaftsarchitekten: MAN MADE LAND, Berlin (DE)
    Akustikplaner: Marshall Day, Collingwood (Melbourne) (AU)
    sonstige Fachplaner: Turner & Townsend GmbH, München (DE), Frankfurt am Main (DE)

    Preisgeld
    25.000 EUR

    Erläuterungstext
    Architektonisches Konzept
    Ein Konzertsaal ist gewissermaßen eine Form der Technologie, die es uns ermöglicht,
    gemeinsam in einer Umgebung mit der bestmöglichen Akustik Musik
    zu genießen, sozusagen ein HiFi-System.
    Grundsätzlich wird Musik heutzutage nicht nur in Konzertsälen erlebt,
    sondern auch digital über verschiedene Medien gehört. Historisch gesehen
    ist Musik jedoch ursprünglich ein aktiver und inklusiver Akt und eben nicht
    nur ein passives, wenn auch großartiges Erlebnis. Dies gilt für die ersten, von
    Menschenansammlungen hervorgebrachten Stammesrhythmen bis hin zur
    Volksmusik. Ungleich anderen Kunstformen ist das Einzigartige bei der Musik,
    dass wir das Gleiche zur gleichen Zeit erleben. Wir werden sozusagen synchronisiert,
    was einen fundamental kollektiven Akt darstellt.

    Das Konzept unseres Entwurfes für das neue Konzerthaus in München basiert
    auf drei Hauptelementen: Dem Konsum (den Konzertsälen), der Produktion
    (die Räume, die an die Säle gebunden sind: Nebenbühnen, Probenräume,
    Verwaltung, Logistik, Bildung und die Musikschule), und der Schnittstelle zwischen
    diesen beiden Elementen. Die Schnittstelle bildet den Übergang, das Tor
    zur Außenwelt, wo Besucher eingeladen werden und in die Welt der Produktion
    wie auch des Konsums von Musik eintauchen können.
    Das architektonische Konzept konzentriert sich somit auf die Beziehung zwischen
    Produktion und Konsum von Musik. An diesem Standort, einem früheren
    Ort der industriellen Produktion, wird zukünftig Musik produziert und konsumiert
    werden, und zwar innerhalb und in direkter Nachbarschaft des Gebäudes.
    Außerdem wird das Produkt aufgenommen und gespeichert und zu einer
    Vielzahl unterschiedlicher Plattformen übertragen werden.
    Die Beziehung zwischen den Elementen vor Ort, Produktion und Konsum,
    formt die Grundlage für das architektonische Konzept „MusikWerk“. Das
    MusikWerk betont die sozialen ebenso wie die ästhetischen Erlebnisse beim
    Konsum und der Produktion von Musik. Im MusikWerk wird Musik geteilt,
    dargeboten und auf unterschiedlichste Weise daran teilgenommen, in klaren
    und unterschiedlichen Volumen, die aber alle von gleicher Bedeutung sind. Die
    Zugänglichkeit ist eng mit der Klarheit des Gebäudes verbunden und damit,
    dass der Besucher die unterschiedlichen Bereiche wahrnehmen kann. Das
    MusikWerk ist einfach zu verstehen.

    Gebäudebeschreibung
    Das Gebäude ist zu allen Seiten hin durchlässig und für alltägliche
    Aktivitäten, die im Inneren stattfinden, gibt es die Möglichkeit, die
    umgebenden Straßen und Grünflächen mit einzubeziehen.
    In der Gesamtkonfiguration werden die beiden Hauptsäle in Richtung
    des Piusangers angeordnet, um die grüne Achse vom Ostbahnhof
    zum Piusplatz zu stärken. Die Volumen der Hauptprogrammteile
    werden durch ein gemeinsames Dach verbunden, das wie eine riesige
    Lagerhalle einen ruhigen, Largo-Rhythmus schafft. Das Dach formt
    dabei die optimalen Höhen der einzelnen Funktionen nach.
    Der Haupt- bzw. Abendeingang und das Foyer zum Großen Saal
    sind an der neuen Plaza positioniert, wo sie die Besucher, die vom
    Ostbahnhof oder vom Taxistand kommen, willkommen heißen. Der
    Hauptteil des Foyers ist um ein Geschoss angehoben, um den Zugang
    zum Großen Saal für die Mehrheit der Besucher so bequem wie möglich
    zu gestalten. Freiräume schaffen Blickbeziehungen zwischen den verschiedenen
    Ebenen des Foyers und eine Terrasse zur Atelierstraße ermöglicht
    es, an lauen Sommerabenden nach draußen zu gehen.
    Das Restaurant, das über dem Foyer liegt, hat einen eigenen Zugang von
    der vorgelagerten Plaza aus. Es kann vollkommen eigenständig funktionieren,
    ist aber mit Brücken an das „Produktionsgebäude“ gekoppelt. Der
    Greenroom über dem Restaurant hat Zugang zu einer eigenen kleinen
    Dachterrasse mit einem atemberaubenden Blick über die Münchner
    Skyline und die Alpen.
    Das lineare „Produktionsgebäude“ entlang der Atelierstraße hat
    einen unruhigeren, schnelleren Allegrissimo-Rhythmus. Die verschiedenen
    Funktionen öffnen sich zur Straße, wobei diejenigen, die
    an Tagesaktivitäten gebunden sind, sich im Erdgeschoss befinden.
    Nebeneingang, Kartenverkauf, Information, Shops, Künstlereingang und
    Anlieferung schaffen so eine offene und transparente Fassade entlang
    der Straße.
    Die Anlieferung bietet Zugang zum Backstage-Zentrum der Hauptsäle.
    Für einen einfachen und direkten Arbeitsablauf befinden sich die
    Laderampe und die Bühnenebene des Großen und des Kleinen Saals auf
    gleicher Höhe. Das gemeinsame Musiker-Foyer bedient beide Säle und
    ist über Treppenhaus und Lift mit den Garderoben und Probenräumen
    verbunden. Die Anordnung beider Säle auf der gleichen Ebene ergibt
    die Möglichkeit, den kleinen Saal als Probenraum für das Orchester zu
    nutzen. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Hauptfoyer beider Säle über
    zwei Etagen verteilt ist, die aber visuell miteinander verbunden sind.
    Dies ermöglicht eine einfache Kartenkontrolle, wenn beide Säle bespielt
    werden.
    Der Tageseingang erschließt den Bereich Bildung und den Stützpunkt
    der Musikhochschule. Diese Funktionen sind über dem Kleinen Saal als
    „Hub“ zusammengeschlossen. Das Foyer zum dritten Veranstaltungsort,
    der Werkstatt, öffnet sich zum Park und ermöglicht es, den Saal autark
    zu nutzen, ohne das Hauptfoyer öffnen zu müssen.
    Durch Öffnungen und Einschnitte sieht die Öffentlichkeit das Leben
    und die Produktivität im Inneren des Gebäudes. Es öffnet sich, schafft
    Einblicke in die unterschiedlichen Aktivitäten und gibt so Neulingen
    einen Anstoß, sich damit auseinander zu setzen.
    Von außen erlebt man die Gleichwertigkeit der einzelnen Programmteile
    des Gebäudes für die „Produktion“ und den „Konsum“ und ihre unverkennbare
    innere Beziehung. Durch Brücken im „Übergangsbereich“ ist es
    möglich, alle Funktionen zu verbinden oder zu trennen, je nach Bedarf.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Hauptbaukörper wird in Form und materieller Erscheinung in den Charakter des Werksviertels eingebunden. Die gewählte Dachform gliedert dabei den Baukörper und lässt ein sehr eigenständiges Bild entstehen. Mit dem vorgelagerten Riegel – vom Verfasser „Produktionsgebäude“ genannt – wird an der Südwestseite ein völlig eigenständiges Element eingeführt, dessen Begründung nicht überzeugt, insbesondere weil die Separierung funktionale Defizite erzeugt. Der Entwurf erscheint durch die Gebäudeform, die prägnante Farbigkeit und Materialität einprägsam. Die Ausnutzung des kompletten Grundstücks erzeugt eine Enge am Vorplatz. Im Eingangsbereich Die Verfasser gelingt jedoch das Problem mit einer überdachten Aufweitung des Platzes zu lösen. Der Gebäudezugang ist aber nicht klar gelöst. Die formulierten Vorstellungen zur Landschaftsgestaltung des Vorplatzes mit großformatigen Ortbetonplatten ist interessant, wobei die Funktionsfähigkeit überprüft werden müsste. Die räumliche Qualität des erdgeschossigen Foyers, sowie die Wegführung ins Obergeschoss sind einem Konzerthaus dieser Größe und Bedeutung nicht angemessen. Die Idee zweier separater Zugänge am Vorplatz und im Bereich des Zentralparks schafft eine eigene Adresse für den kleinen Saal, die innere Wegeführung zwischen den beiden Zugängen überzeugt aber nicht. Tiefgaragenzufahrt und Anlieferung weisen deutliche Mängel auf. Der große Saal mit einer klaren Weinberg-Konfiguration erzeugt eine angenehme und spannungsvolle Atmosphäre. Er wirkt jedoch im gesamten Grundriss überproportioniert und reduziert das südwestlich gelegene Foyer auf Restflächen. Der Entwurf des kleinen Saales zeigt vielfältige technische Gestaltungsmöglichkeiten auf und bietet die Möglichkeit den Raum mit Tageslicht zu versorgen. Chorprobensaal und Werkstatt überzeugen ebenfalls durch natürliche Belichtung Das Projekt zeigt über alle Aspekte sehr gute akustische Voraussetzungen. Der Große Konzertsaal hat ein sehr hohes akustisches Potenzial. Das Volumen sollte jedoch deutlich reduziert werden. Die Anordnung des Foyers entlang der Glasfront an der Atelierstraße erscheint zunächst schlüssig. Die Ausgestaltung entbehrt jedoch einer klaren räumlichen Fassung. Insgesamt sind Schlüsselstellen der inneren Erschließung für die zu erwartenden Besucherströme viel zu eng. Diese Problematik zeigt sich insbesondere bei der Garderobe, der Gastronomie, an Treppen und Toiletten. Die Orientierung der Besucher fällt schwer. Die Wege zwischen den Sälen sind zu lang. Im großen Saal funktionieren sowohl die Verteilung des Publikums als auch die Bühne sehr gut. Es werden durchdachte Details wie flexible Hubpodien und ein optimal platzierter Flügelaufzug gezeigt. Die Backstage-Bereiche für großen und kleinen Saal sind großzügig, insbesondere die Bühnenzugänglichkeit funktioniert sehr gut. Allerdings liegen die Stimmzimmer drei Ebenen über der Bühne und sind damit falsch angeordnet. In einer Überarbeitung könnten diese mit den Büros getauscht werden. Der Education-Bereich ist kompakt zusammengefasst und kann tagsüber natürlich belichtet werden. Die Defizite der Besuchererschließung setzen sich bei weiteren Funktionen des Foyers fort. Es fehlen vom Foyer unabhängige Rettungswege. Die Barrierefreiheit ist nicht adäquat hergestellt und muss punktuell überarbeitet werden, die WCs sind im Untergeschoss ungünstig situiert. Insgesamt gibt es viel zu wenige WCs. Auch die Garderoben sind zu klein bemessen. Die vorgeschlagenen Dachausschnitte könnten – nach Vorschlag des Entwurfsverfassers - für kleinere Konzerte genutzt werden. Ihre Anordnung liefert jedoch nicht die gewünschten Ausblicke. Die Logistik funktioniert, bis auf die Schrägstellung der LKW-Anlieferung, gut. Die Oberflächen der Fassade des Hauptkörpers, hauptsächlich Kupfer und Glas, erzeugen durch unterschiedliche Transparenz innerhalb dieses Materialkanons insgesamt ein haptisches und gegliedertes Bild. Die Verteilung der offenen, geschlossenen und semitransparenten Flächen erscheint aber zufällig. Die Fassade des „Produktionsgebäudes“ bricht ohne nachvollziehbaren Grund mit dem Materialkanon des Hauptgebäudes. Die vorgeschlagene Beton-Glas-Fassade überzeugt nicht, die horizontalen Faltungen der Fassade erscheinen zumindest in den oberen Geschossen willkürlich und manieriert. Die Konstruktion ist gut nachvollziehbar. Jedoch fehlt der Nachweis einer konstruktiven schalltechnischen Entkopplung. Es werden zu wenig Technikflächen nachgewiesen. Die Energiebilanz ist aufgrund der großen Hüllflächen mit sehr hohem Glasflächenanteil in Bezug auf Heizen und Kühlen ungünstig. In der Gesamtbetrachtung ist die Wirtschaftlichkeit bei der Erstellung des Gebäudes gegeben. Die Fassade lässt aufgrund der aufwändigen Oberflächen aus metallischen Geweben (Corten-Stahl, Kupfer, Aluminium) hohe Investitions- als auch Unterhaltskosten erwarten. Insgesamt erfüllt die Arbeit weitgehend die Vorgaben der Auslobung. Der äußere Ausdruck erscheint an diesem Ort überzeugend. Die Säle selbst bieten Atmosphäre, haben großes akustisches Potenzial und erfüllen die Ansprüche an die Nutzungsvariabilität. Die qualitativen Defizite bei Zugangssituation und innerer Erschließung, sowie die genannten funktionalen Mängel und die unausgereifte innere Organisation erscheinen jedoch gravierend und in der Summe schwer heilbar.


INFO-BOX

Angelegt am 30.10.2017, 12:03
Zuletzt aktualisiert 06.11.2017, 12:50
Beitrags-ID 4-147756
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