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  • DE-72226 Simmersfeld, DE-70174 Stuttgart
  • 11/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-269096)

Neue Ortsmitte


  • ein 4. Preis

    Blick auf die neue Ortsmitte, © Partner und Partner Architekten

    Architekten
    PARTNERUNDPARTNER architekten, Berlin (DE), Baiersbronn-Obertal (DE) Büroprofil

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: JUCA architektur + landschaftsarchitektur, Berlin (DE)
    Stadtplaner: berchtoldkrass space&options Raumplaner, Stadtplaner. Partnerschaft, Karlsruhe (DE)

    Preisgeld
    7.500 EUR

    Erläuterungstext
    Neue Ortsmitte Simmersfeld: „WAS ZU UNS PASST“

    Die neue Ortsmitte in Simmersfeld soll das Dorfzentrum der Gemeinde revitalisieren und dem Ort einen identitätsstiftenden Charakter geben. Die komplexe dörfliche Struktur des Ortes mit seinen vielseitigen differenzierten kleinräumlichen Qualitäten dient dem Entwurf als Grundlage und konzeptionelle Herangehensweise. Die gewachsene dörfliche Struktur ist geprägt von der Bebauung entlang der Ortsdurchfahrt, die immer wieder -durch bis an die Straße reichende Streuobstwiesen- Sichtbezüge zu der umgebenden Natur bis hin zum nahen Waldrand ermöglicht.

    STÄDTEBAU- Platz, Hof und Garten
    Die Setzung der neuen Gebäude entwickelt sich situativ aus den ortsspezifischen Gegebenheiten: Ineinander übergehende Straßen- und Platzräume erhalten Ihre Qualität weniger durch klare Abgrenzung und das Formulieren von Kanten, sondern vielmehr aus der kontinuierlichen Abfolge von ineinander übergehenden Räumen unterschiedlicher Ausdehnung, Nutzung und räumlicher Qualität. So entstehen die für Simmersfeld charakteristischen platzartigen Situationen, Höfe und Gärten, die dann in Landschaft und Wald übergehen und vielfältige Sichtbezüge entwickeln. Der Dorfplatz schält sich als Aufweitung der Hauptstraße heraus, weitere platzartige Elemente entwickeln sich entlang der Straße neben dem Anker und vor dem Festspielhaus.
    Die Ortsmitte selbst wird zum Einen durch die angelagerten Gebäude öffentlicher Nutzung (Rathaus, Kirche, Festspielhaus, etc) definiert und zum Anderen durch den sich von Gebäude zu Gebäude ersteckenden Belagsteppich zu einem Gefüge zusammengebunden. In einem zweiten Schritt werden Nutzungs- und Ruhebereiche definiert, die aus der Fläche herausgestanzt, die Bewegungen lenken und Nischen ausbilden. Über die dadurch entstehenden Inseln werden lockere Gruppierungen aus mehrstämmigen Obstbäumen gestreut, die den Bezug zur umgebenden Landschaft stärken.
    Im zweiten Bauabschnitt wird das Ensemble um Hof und Anger weiter geschärft und die alte Dorfstraße erfährt mit Fortführung bis zum Festspielhaus eine Aufwertung. Die Scheune soll hier als indentitätsstiftendes Element die dörflichen Qualitäten unterstreichen und als gemeinschaftlich genutztes Gebäude den Anliegern zur Aneignung zur Verfügung stehen.

    GEBÄUDE - Rathaus und Bürgersaal
    Das Raumprogramm der Gebäude zergliedert sich in zwei ortstypische Satteldachhäuser, die wie Hofhaus und Scheune zueinanderfinden und zusammen mit Kirche und Geschäftshaus den Dorfplatz bilden. Das Rathaus positioniert sich markant zur Dorfstraße hin. Der Bürgersaal schiebt sich zurück, erschließt die Tiefe des Grundstücks in Richtung Natur. Dadurch entsteht einerseits der Dorfplatz und formuliert einen „Platz“. Zudem entsteht im Gegenüber mit dem Pferdehof ein „Hof“, der über Sitzstufen den Übergang zur Natur formuliert. Mit dieser klaren Setzung fügt sich das Gebäude in Maßstab und Körnung in die Umgebung ein.
    Das dreigeschossige Rathaus mit der Arztpraxis im Dachgeschoß ist beim Durchfahren des Ortes von Osten und Westen gut sichtbar und findet ein angemessenes Verhältnis zur Kirche. Im Erdgeschoß ist sind das Bürgerbüro und der Sitzungsaal angeordnet, der über große „Schaufenster“ zum Platz ein transparentes Demokratieverständnis formuliert. Zudem lässt sich bei Trauungen das Foyer problemlos für Stehempfänge nutzen. Die Verwaltung ist über eine Freitreppe intuitiv erreichbar. Der Aufzug an der Rückseite des Foyers erlaubt eine leichte Orientierung und Gebäudeerschließung auch für eine barrierefreie Nutzung. Die Arztpraxis kann wahlweise über das Rathausfoyer und nach 17:00 Uhr über den hinteren Eingang separat erschlossen bzw. verlassen werden.
    Der Bürgersaal ist über das Foyer mit dem Rathaus verbunden. Das Foyer verbindet den „Platz“ und den „Hof“. Angegliedert an das Foyer befinden sich auf der Ostseite die Toiletten, die auch direkt vom Platz aus erschlossen werden können. Über den Bürgersaal gelangt man auf den „Hof“, der sich als privaterer Außenraum bei Veranstaltungen Nutzen lässt. Der Giebel auf der Südseite erlaubt über ein großes Panoramafenster einen spektakulären Blick über die Streuobstwiesen in Richtung Schwäbische Alp. Auf der Ostseite des Saals befinden sich die „dienenden Räume“: Küche, Lager, Regieraum.
    Der durch das abfallende Gelände entstehende Sockel des Saals wird genutzt, um das Stuhllager unter der versenkbaren Bühne unterzubringen. Dadurch ist es ohne lange Wege erreichbar.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf schlägt zwei Gebäude vor, die sich zur Kirche hin öffnen und durch ein großzügiges Foyer verbunden werden. Dazwischen spannt sich der neue Dorfpatz auf, der durch die Otto-Kalt-enbach-Straße geteilt wird. Nach Süden wird der Platz durch das Gebäude der Metzgerei begrenzt, was städtebaulich fragwürdig ist. Der Platz ist mit Passepflaster belegt, in das vier sogenannte In-seln mit wassergebundenen Decken eingestreut sind, deren Formen sich allerdings nicht erschlie-ßen.
    Die nördliche Seite der Altensteiger Straße wird durch ein Wohn- und Geschäftshaus in angemesse-ner Weise geschlossen. Zur Fünfbronner-Straße wird ein dreigliedriges zweigeschossiges Gebäude für betreutes Wohnen vorgeschlagen, was städtebaulich positiv bewertet wird. Zusätzlich werden drei eingeschossige Wohngebäude auf der heutigen Obstwiese platziert. Die Realisierungsab-schnitte entsprechen somit der gegebenen Flächenverfügbarkeit.
    Die notwendigen Stellplätze befinden sich im Bereich des Festspielhauses. Lediglich 4 Stellplätze werden dem Rathaus und der Arztpraxis direkt zugeordnet, was als nicht ausreichend angesehen wird.
    Der Gedanke, den Dorfplatz durch das Foyer fließen zu lassen, ist ein interessanter Ansatz. Aller-dings wirkt das Foyer durch diese Geste überdimensioniert. Westlich des Gebäudes wird eine Ter-rasse zur Ankerwiese vorgeschlagen, deren Aufenthaltsqualität eher skeptisch gesehen wird.
    Die Platzierung der Nutzungen im Gebäude wird in Teilen kritisch bewertet. Es ist ein interessanter Ansatz, den Bürgersaal nach Süden in die Landschaft zu schieben. Allerdings befinden sich die Ne-benräume des Bürgersaals im südöstlichen Bereich des Gebäudes und verhindern somit den mögli-chen Bezug zum attraktiven Landschaftsraum.
    Die isolierte und exponierte Lage des Sitzungssaals im Erdgeschoss wird kritisch gewertet. Die Arzt-praxis liegt unattraktiv und unzureichend belichtet im Dachgeschoss.
    Die Entwurfsverfasser schlagen polygonale Gebäudeformen vor, was zu fragwürdigen Dachformen und Gebäudeansichten führt. Das Gebäude des Bürgersaals entwickelt nur eine geringe Höhe und bildet hierdurch keinen adäquaten Platzabschluss.
    Die Mittelinsel auf der L351 ist ein interessantes Gestaltungselement, kann aber wegen zu geringer Breite nicht als sichere Querungshilfe gewertet werden. Die Bushaltestelle auf der Südseite der L351 ermöglicht bei Lage in der Außenkurve keinen borsteinparallelen und barrierefreien Halt.
    Die Arbeit bietet einen interessanten Beitrag für die gestellte Aufgabe, zeigt sind aber Schwächen insbesondere bei der Platzausbildung und der Raumaufteilung im Innern der Gebäude.