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  • DE-72226 Simmersfeld, DE-70174 Stuttgart
  • 11/2017
  • Ergebnis
  • (ID 2-269096)

Neue Ortsmitte


  • ein 4. Preis

    EMP Leitidee

    Architekten, Stadtplaner
    Eble Messerschmidt Partner Architekten und Stadtplaner PartGmbB, Tübingen (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Joachim Eble, Rolf Messerschmidt, Oliver Lambrecht

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Ramboll Studio Dreiseitl, Überlingen (DE), Singapur (SG), Beijing (CN), Hamburg (DE)

    Preisgeld
    7.500 EUR

    Erläuterungstext
    Leitidee des Entwurfsansatzes
    Mit der Überplanung des zentralen Bereichs in Simmersfeld soll eine neue Mitte und ein wiedererkennbarer Ort geschaffen werden, der für die Bürger identitätsstiftend und gleichzeitig für die aktive und erfolgreiche Gemeinde repräsentativ ist. Dazu soll der Mix von bestehenden und neuen öffentlichen Gebäuden, sowie den ergänzenden Wohn- und Gewerbenutzungen, als Attraktor nach Innen und Außen wirken. Durch die Aufnahme und zeitgemäße Interpretation von ortsbildtypischen und regionalen Architektur- und Freiraumelementen soll der Charakter des Ortes Simmersfeld auch als Teil der Schwarzwaldregion gestärkt werden. Zudem sollen zusammenhängende, attraktive und angemessene öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen.

    Städtebauliches Konzept
    Die Körnung und Maßstäblichkeit des Ortes wird mit der neuen Bebauung aufgegriffen, indem kompakte und stattliche Hauptgebäude mit längeren, scheunenartigen Gebäuden zur Ausbildung von Hof- und Platzräumen kombiniert werden. Alle neuen Gebäude erhalten ortstypische steile Satteldächer mit ca. 40 Grad Dachneigung und werden teilweise durch leichte, passagenartige Verbindungsbauten zusammengefasst. Die wechselnden Hauptfirstrichtungen werden zur harmonischen Einfügung der vorgeschlagenen Neubaumaßnahmen in die bestehende Struktur des Ortes, sowohl an der Altensteiger Straße, wie auch am Landschaftsrand aufgenommen.
    Die Platzierung von Rathaus und Bürgersaal erfolgt auf der Südwestseite der Altensteiger Straße gegenüber der Kirche. Durch das so entstehende Ensemble, wird in Verbindung mit dem ebenfalls neuen Wohn- und Geschäftshaus als Gegenüber auf „Simmersfelder Dorfplatz“ klar akzentuierten Raumkanten ausgebildet. Während das 2 1/2-geschossige Rathaus prominent und giebelständig an der Hauptstraße steht, fungiert der eingeschossige Langbau mit dem Bürgersaal als Bindeglied zwischen Platz und südwestlicher Landschaft.
    Neben dem Dorfplatz als Nukleus, wird beim Festspielhaus zusammen mit dem für diese Stelle vorgeschlagenen Generationenwohnen der Park- und Vorplatz mit einem Baumdach ebenfalls neu strukturiert und räumlich gefasst. Die Wegeverbindung zwischen beiden Plätzen erfolgt sowohl entlang der Altensteiger Straße, wie auch durch eine diagonale Verbindung über den „Generationenhof“. Um diesen kann gut ein gemeinschaftsbildendes und kommunikatives Wohnprojekt in 3-geschossiger Bauweise mit Gemeinschaftseinrichtungen und Gewerbe im EG organisiert werden.
    Entlang der Fünfbronner Straße bis zur Kreuzung Altensteiger Straße schlagen wir ein weiteres Wohnprojekt im Geschossbau mit attraktiver Hauptorientierung nach Süden und zur Landschaft vor. Dieses soll zum einen die Kreuzung mit einem neuen 3-geschossigen Wohn- und Geschäftshaus markieren, aber auch im Bereich hinter dem Gasthof „Anker“ zusammen mit den geplanten Einfamilienhaustypologien einen weiteren Wohnhof ausbilden.
    Bedarfsabhängig kann die Nutzung der beiden Wohnprojekte jedoch auch angepasst und getauscht werden. Die Parkierung der Geschosswohnprojekte und öffentlichen Gebäuden erfolgt großteils in Tiefgaragen.
    Der südwestliche Ortsrand soll, angelehnt an den nachbarschaftlichen Bestand, durch attraktive Einfamilienhaustypologien mit Landschaftsbezug, in einem lebendigen Mix aus eingeschossigen Langhäusern und zweigeschossige Punkthäusern, sowie ebenfalls zweigeschossige Doppelhäusern ausgebildet werden.


    Freiraumkonzept
    Ziel ist die Schaffung von maßstäblichen und modernen Freiräumen, mit einer hohen Aufenthaltsqualität über das ganze Jahr hinweg, sowie die Stärkung des Landschaftsbezugs in dieser attraktiven Hochlage im Schwarzwald.
    Der Dorfplatz ist das zentrale Element einer Freiraumtypologie mit orthogonalen, gut lesbaren neuen Platz- und Hofräumen. Dieser wird mit einem durchgängigen Wegenetz aus straßenbegleitenden Gehwegen, eigenen Fuß- und Radwegen sowie Dorfgassen und abwechslungsreichen Raumsequenzen mit dem Park- und Vorplatz des Festspielhauses und dem Wohnhof beim Anker verbunden.
    Darüber hinaus wird auch die umgebende Schwarzwaldlandschaft, sowohl beim neuen Bürgersaal wie auch beim Festspielhaus, mit den Siedlungskörpern verzahnt, indem die Landschaftsfugen bis ins Dorf hinein gezogen und über Fußwege zugänglich gemacht werden.
    Der Dorfplatz überspannt die Altensteiger Straße mit einem einheitlichen Plattenbelag aus Sandstein, auch um eine gute und barrierefreie Querungsmöglichkeit für Fußgänger im Sinne eines Shared-Space-Konzeptes zu schaffen, und hierfür den Autoverkehr auf der Ortsdurchfahrtsstraße durch den Belagswechsel zu bremsen. Dieser Ansatz wird durch weiteren Aufpflasterungen mit Granitpflastersteinen und zwei Fahrbahnverengungen mit einseitigen Ausbuchtungen und Straßenbaumsetzungen unterstützt.
    Der Dorfplatz soll ein „öffentliches Foyer“ für die Gemeinde sein und wird in Anlehnung an historische Brunnenplätze in einem Teilbereich durch integrierte und künstlerisch gestaltete Wasser- und Sitzelemente bespielt. Die Wasserfläche mit flachem Wasserspiegel kann ein Anziehungspunkt für Menschen aller Altersgruppen als Treffpunkt und Spielmöglichkeit werden. Das Wasser wird somit zum kommunikativen und verbindenden Element, und soll zudem zusammen mit den Platzbäumen in Zeiten des Klimawandels zu einem hohen bioklimatischen Komfort führen.
    Die Fassadematerialität der Gebäude spiegelt sich in den Materialen des Platzes wieder – Holz und Stein wiederholen sich, wodurch ein einheitliches, sich ergänzendes Bild zwischen dem Platz und die Architektur geschaffen wird. Der Platzbelag soll mit Sandsteinplatten von 200 bis 300 mm Kantenlänge ausgeführt werden. Das Wasserspiel entsteht aus einem dunklen Basalt- oder Granitkeil, der den Platzbelag aufzubrechen scheint und die markanten Kanten formt. Dadurch wird eine feine Bodenskulptur gebildet, die im Millimeterbereich ihre Kraft entfaltet. Die größeren Flächenausdehnungen des Wasserteppichs werden mit Bitu-Terrazzo angelegt, das mit geschliffenem Basaltschotter, sowie Aluminiumeinschluss dunkle Noblesse mit funkelnder Freude kombiniert. Erst im Auftreten des Elements Wasser klärt sich das Verwirrspiel von Gefälle und Gegengefälle. Dann bringt das Glitzern, Plätschern und Fließen des Wassers einen belebenden Aspekt für Simmersfelds Bürgersaal und Rathaus.
    Die Höhenversätze im Bewegungsraum und bieten dabei Kanten zum Aufenthalt. Hauptbewegungsrichtungen schneiden sich versatzfrei in die Basalt- oder Granitscholle und teilen die lineare Wasseranlage in einzelne Segmente. Die Choreographie des Wasserspiels lässt zeitweilig eine Reihe von Fontänen bogenförmig auf die Basalt- bzw. Granitfläche spritzen. Je nach Wetterlage können sich die flachen Senken mit Regenwasser füllen. An einem sonnigen Tag, ist der trockene Steinboden eine Bühne für öffentliche Aktivitäten. Um einer möglichen Platznutzung auch für Veranstaltungen, wie z.B. Dorffesten, Rechnung zu tragen, kann das Wasserspiel auch temporär abgestellt und die Fläche in multifunktionaler Weise anders genutzt werden. Die Speisung des Wasserelementes soll mit dem Regenwasser des Rathausdaches und des Bürgersaals erfolgen.

    Architektonisches Konzept Rathaus und Bürgersaal
    Die öffentliche Nutzungen Rathaus und Bürgersaal werden auf zwei Gebäude, dem Bürgersaal und dem Rathaus, aufgeteilt, die über ein gemeinsames Foyer in Form einer Glasfuge gemeinsam erschlossen werden. Der in dem in Holzbauweise geplanten Gebäude integrierte Bürgersaal öffnet sich zur südwestlichen Landschaftsfuge mit einer großflächigen Glasfassade und einer Terrasse mit Ausblick. Gleichzeitig wirkt der Bürgersaal über den Garderobenbereich als Foyer-Ausweitung mittels eines großen, öffenbaren Glaselements auch auf den Dorfplatz. Die Sanitäranlagen liegen im Rathaus und sind über das Foyer sowohl für die Saalnutzung und bei geöffnetem Rathaus auch vom Dorfplatz aus direkt zugänglich. Für Schließzeiten des Rathauses ist einen Nebeneingang auf der Ostseite vorgesehen.
    Die Rathaus-Nutzung selbst entwickelt sich über das Foyer mit Bürgerbüro, über eine offene Treppe, hoch in das 1. Obergeschoss. Dieses Geschoss ist die Hauptebene für die Verwaltung mit Bürgermeisterbüro und Besprechungszimmer. Teilverglaste Büros sollen eine lichte und kommunikative Arbeitswelt erzeugen, sowie zu einer transparenten Kommunalverwaltung beitragen. Im Dachgeschoss kann das Forstamt als eine weitere Verwaltungseinheit angesiedelt werden. Auf der Galerie soll ein ergänzendes Angebot für offenes und kreatives Arbeiten, alleine oder in der Gruppe, mit einer Lounge-artigen Arbeitsumgebung gemacht werden. Dieser Bereich dient aber auch als Vorbereich für den Sitzungssaal, der durch eine Schiebewand bei Bedarf mit der Galerie verbunden werden kann. Der Sitzungssaal, auch mit der Trauzimmerfunktion besetzt, ist bis unters Dach offen und wird seitlich durch Dach- und Wandverglasungselemente, sowie an der Stirnseite durch ein in die Giebelfassade eingeschnittenes Glaselement mit Balkon und Landschaftsblick, belichtet.
    Im Erdgeschoss wird wegen der damit einfachen und gut barrierefreien Zugänglichkeit die Arztpraxis mit Eingang und Wartebereich zum Dorfplatz angeordnet.
    Die notwendigen Stellplätze für Rathaus und Bürgersaal werden in einer Tiefgarage mit Zufahrt auf der Westseite des Rathauses untergebracht. Für Besucher an Werktagen können die südlich des Bürgersaals angeordnete Stellplätze genutzt werden. Zudem könnte eine Doppelnutzung der Stellplätze der Kirche überlegt werden. Bei Veranstaltungen kann der Parkplatz vor dem Festspielhaus verwendet werden.
    Die Materialität und Gestaltung des Gebäudes mit dem Bürgersaals ist mit einer regionalen Holzbauweise angedacht. Das Dachtragwerk ist mit unterspannten Holzträgern und dazwischen liegenden Pfettenelementen und Dachverglasungen, sowie tragendem Holzwandelement vorgesehen. Eine Holzverkleidung mit unregelmäßigen Schalungsbrettern aus Weißtanne soll an Fassade und Dach den skulpturalen Baukörper verkleiden. Schlitzartige Fenster und behutsam gesetzte, mit Sondernutzung hinterlegte, großflächige Verglasungen, unterstützen diesen Ansatz.
    Das Rathaus übernimmt bei den Fenstern, Leibungen und Intarsien die Holzgestaltung des Bürgersaals. Die Tragkonstruktion ist als Hybridbauweise mit einer Holzdachkonstruktion ebenfalls analog dem Bürgersaal, einer Brettstapelbetonverbund-Geschossdecken und tragenden Wänden als Mauerwerksbau vorgesehen. Die Außenwand soll massiv und im Kontrast zum Bürgerhaus mit einer Kalkfarbe-geschlämmten Sichtmauerwerkverkleidung aus regionalem Kalksandstein (Jurastein-Vorkommen) ausgebildet werden. Durch die Fensterteilung mit vertikalen Formaten soll sich der Neubau in den Kontext der Bestandsgebäude einfügen, während die größeren, eingeschnitten Fensterelemente und die Leibungsausbildung in Holz, als Teil des Lüftungskonzeptes, zu einem zeitgemäßen Erscheinungsbild beitragen. Das Dach ist Betondachsteinen eingedeckt.
    Damit ergibt sich zusammen mit der Sandsteinfassade der Kirche ein Dreiklang regionaler Materialen und eine Ablesbarkeit der Funktionen der Gebäude. So soll mit dem Gebäude-Ensemble eine harmonische und kleinteilige Einbindung in die Umgebung, ein zeitgemäßer Ausdruck und eine ökonomische, nachhaltige Bauweise erreicht werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Das Konzept stellt eine kleingliedrige Mitte mit einer eher beengten Freiraumstruktur dar. Für Ortsunkundige besteht die Gefahr am Dorfplatz vorbeigeführt zu werden ohne das neue Gebäudeensemble bewusst wahrnehmen zu können. Die neue Raumkante nördlich mit den direkt an die Altensteiger Straße platzierten Geschäftsgebäuden schafft ein gefasstes räumliches Gelenk zum Fest-spielhaus und sie bildet einen Abschluss zum Dorfplatz hin, jedoch wirkt der Raum ergänzt durch zusätzliche Baumstellungen zu beengt. Die Orientierung im Straßenraum wird erschwert, die Sichtbeziehung zur Kirche zu wenig betont. Der Bürgersaal ist zu versteckt. Das der Kirche gegenüber liegende Rathaus schafft es nicht ein würdiges Pendant auszubilden. Zu unterschiedlich sind die beiden Baukörper in Kubatur, Höhenstaffelung und Materialität. Der bauliche Rand im südwestlichen Bereich, geprägt durch Einfamilienhäuser, entspricht nicht der Bedeutung des Ortes in Bezug auf die öffentlichen Funktionen Rathaus und Verknüpfung mit der Landschaft. Positiv zu sehen jedoch ist die durchgängige Wegeverbindung von der Landschaft entlang des Platzes bis zum Festspielhaus. Der Dorfplatz an sich ist angemessen ausgebildet unterstützt durch die bis an den nördlichen Rand herangeführte Belagsstruktur. Schade, dass das Potential des Kirchenvorplatzes nicht genutzt wird und dieser abgrenzend wirkt. Im Bereich der einseitigen Einengungen gegenüber dem Gasthof Anker und dem Dorfplatz wird im Bedarfsfall (Begegnung 2 LKWs) in die Seitenbereiche ausgewichen, auch weil die L 351 einen hohen Schwerverkehrsanteil aufweist. Auf der L 351 ist auf der Südseite keine Bushaltestelle ausgewiesen.
    Die architektonische Qualität des Rathauses ist nicht schlüssig erkennbar, d.h. die Funktionalität im Innern spiegelt sich nicht in der Fassadengestaltung und Fensteraufteilung wieder. Genannt seine die Arztpraxis, prominent am öffentlichen Raum gelegen, der Sitzungssaal im Dachgeschoß. Der Eingang zum Bürgersaal führt direkt auf die Garderobenwand mit dahinterliegenden Technikräumen.
    Die städtebauliche- freiräumliche Gesamtidee schafft es nicht, eine identifikationsstiftende Dorfmitte auszubilden und einen großzügigen erkennbaren Mittelpunkt zu generieren. Auch bleiben die inneren Nutzungen in Bezug zum Gebäude und zu seiner äußeren Erscheinung unbestimmt.