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  • DE-13355 Berlin
  • 12/2007
  • Ergebnis
  • (ID 2-8366)

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße


  • 2. Preis

    Gedenken an die Mauertoten

    Landschaftsarchitekten
    k1 Landschaftsarchitekten - Kuhn Klapka GmbH, Berlin (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Catherine Kuhn Axel Klapka Torsten Wolff Sören Rüdiger Lars Hopstock

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Rother Rother.Architekten Designer, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Erläuterungstext Freiraum + Ausstellung

    Leitidee
    Die Gedenkstätte Berliner Mauer wird mit wenigen landschaftsarchitektonischen Eingriffen räumlich und inhaltlich lesbar gemacht. Die Dimension der ehemaligen Grenzanlagen wird herausgearbeitet, die historischen Spuren lesbar gemacht und eine Informationsebene eingeführt.

    Struktur
    Die ehemalige Grenzanlage hat entlang der Bernauer Straße eine Versehrtheit der städtischen Struktur und des Gemeinwesens zurückgelassen. Ein einheitlicher Belag markiert diese Stelle im Stadtraum und bildet den Hintergrund für die verschiedenen Dokumentations- und Erzählebenen. Die linearen Elemente Mauer, Postenweg und Hinterlandabgrenzung verdeutlichen den Bruch in der städtebaulichen Struktur und den Biografien der betroffenen Menschen.

    Fläche und Spuren
    Die Fläche markiert die Narbe, die der Mauerbau im Stadtgrundriss hinterlassen hat, und symbolisiert die Leere. Sie besteht aus einem einheitlichen, grauen Kiesmaterial, das die Begehung in alle Richtungen zulässt und die verschiedenen Fragmente der Grenzanlage als Fundstücke freistellt. Im Bereich der ehemaligen Innenhöfe und Gräberfelder wird durch „Abdrücke“, in Form einer strukturellen Unterscheidung des Materials, auf die fehlenden Gebäude und Grabstätten aufmerksam gemacht.

    Band der Ereignisse
    Das „Band der Ereignisse“ dokumentiert die verorteten Ereignisse an der Schnittstelle des Mauerverlaufs. Der Besucher auf dem Gehweg Bernauer Straße erhält ein „Lesezeichen“ zu den Ereignissen an der Mauer. Gleichzeitig wird die Gedenkstätte von Westen aus gekennzeichnet und die räumliche Dimension der Mauer vom Gelände her erfahrbar gemacht. Das eingelassene Band beschreibt als Sonderform innerhalb der Gedenkstätte den Mauerverlauf, ist in der Breite des ehemaligen Mauerfußes dimensioniert und besteht aus Weißzement mit eingelassenen Schriftzügen.

    Raumkante
    Die östliche Begrenzung der Grenzanlagen wird in dem bestehenden, fragmentarischen Zustand erhalten. Die verschiedenartigen Begrenzungen dokumentieren den Bruch in der Stadtstruktur entlang der angeschnittenen Parzellen. Die Brandwände werden bis zu der Höhe des Mauerbereichs zur Dokumentation erhalten und verweisen mit einer Markierung, die das Logo der Gedenkstätte trägt, oberhalb des ehemaligen Mauerverlaufs, auf den Abbruch der Häuser für den Mauerbau.

    Städtebaulicher Kontext
    Die Fläche der Gedenkstätte wird von Mauerpark und Park am Nordbahnhof flankiert. Deren Gestaltung überformt die historische Situation und stellt die Erholungsnutzung in den Vordergrund. Die Gestaltung der Gedenkstätte reduziert sich dagegen auf die darstellerische, interpretatorische Ebene. Von einer Vermischung mit Erholungsfunktionen wird abgesehen.

    Erschließung
    Der Postenweg wird als innerer Erschließungsweg erhalten und ergänzt. Er trägt die Hauptbesucherströme und vermittelt dem Besucher die räumliche Dimension der Gesamtanlage. Dem Besucher ist es freigestellt entlang des Postenweges, an den sich ein Teil der objektungebundenen Informationen anlehnt, zu nutzen, oder sich frei auf der Fläche entlang der Objekte und Fundstücke zu orientieren. Der Gehweg Bernauer Straße wird mit dem Band der Ereignisse in einen Rundgang einbezogen.

    Ausstattung
    Die Ausstattung wird auf ein Minimum reduziert und orientiert sich im Raum zwischen Postenweg und östlicher Abgrenzung. Die Beleuchtung wird so angeordnet, dass hohe Mastleuchten als technisches Licht den Raum ausleuchten, sich aber den historischen Grenzleuchten unterordnen. Fundstücke und Relikte werden dagegen indirekt, diffus beleuchtet. Die Ausstellungssysteme erhalten eine eigene, indirekte Beleuchtung. Bänke werden in den Bereichen nahe der Kirche und des Friedhofs angeordnet.

    Ausstellungsbereich Gartenstraße - Ackerstraße
    Der Bereich zwischen Garten- und Ackerstraße verdichtet die Informationen zu den Themen Mauerbau/Grenzanlagen und Grenzsoldaten/Grenzdienst. Die bestehenden Relikte werden um die frei stehenden Mauerstücke und Ergänzungen durch neue Mauerteile ergänzt. Die musealen Ergänzungen werden deutlich von den Originalrelikten abgerückt und gekennzeichnet. Die verschiedenen Stadien von Mauerbau und Hinterlandmauern werden anhand des Vorhandenen mit Ergänzungen erklärt.

    Fluchttunnel
    Die Fluchttunnel erhalten eine Markierung aus Stahl. Ein eingelassenes Acrylband trägt Informationen und markiert die Tunnel im Dunkeln. Für die nicht darstellbare Flucht wird entlang des Gegentunnels ein Keller freigelegt und für Ausstellungszwecke ausgebaut.

    Totengedenken
    Das Totengedenken für alle Mauertoten wird an den Sophienfriedhof mit Glasstelen angelagert. Im Übergangsbereich von Friedhof zu Mauerstreifen kann der Besucher den Opfern direkt gegenübertreten und deren persönliche Geschichte erfahren. Besucher und Opfer durchmischen sich und dokumentieren das Gedenken als etwas Lebendiges.

    Versöhnungsgemeinde
    Der Zaun hinter der Kirche wird entfernt und die dahinter liegende Wand freigestellt. An dieser Wand wird, analog zu den früheren Grabmälern, die sich an der alten Friedhofsmauer angelehnt haben, mit Tafeln die Geschichte der Gemeinde und des Friedhofes erzählt.

    Bergstraße
    Die Bergstraße wird als letzter getrennter Straßenzug im Bereich des Mauerverlaufs mit dem alten Material wieder hergestellt. Hier kann die Trennung von Verkehrs- und Versorgungswegen deutlich nachvollzogen werden.

    Ausstellung
    Postenweg-Geschichten
    der Postenweg ist das authentische Relikt, das durch den gesamten zerstörten Stadtraum führt; Stahlstelen, rhythmisch gruppiert, links und rechts des Wegs und quer zur Wegführung thematisieren die Kapitel J, C, O, D, E F, K und L ohne den Blick auf die Ausdehnung des Grenzstreifens zu verstellen.

    Bernauer Strasse, Bürgersteig und Mauerspur
    Die Ereignisse an der Bernauer Strasse werden typografisch auf dem Mauerstreifen vermittelt (vgl. Ereignisorte), Stahlstehlen, auch hier quer zur Wegführung berichten die Kapitel G, M, und F, daneben gibt es Gruppierungen von Ferngläsern an den westlichen Beobachtungsposten.

    Sophienfriedhof und Versöhnungsgemeinde
    Themengemäß wechselt der Duktus, Medienträger sind Lithosteine mit ihrer künstlerischen Anmutung linear, wandmontiert an der Hinterland-/Friedhofsmauer, Kapitel H und J.

    Totengedenkort
    Glasstelen im Zeitraster schaffen einen meditativen Raum mit individuellen Personenbeschreibungen und den Umständen ihres gewaltsamen Todes; die Stelengruppe schafft gleichzeitig eine transparente räumliche Trennung zwischen Gedenkstätte und Friedhof.

    Mauertote an der Bernauer Strasse
    Mauerhohe Glassegmente erinnern an die, für die die dokumentierte Stelle unüberwindlich tödlich war; diskreter Typoeinsatz steht im Kontrast zu den Dimensionen der Mauersegmente.

    Alltag vor dem Mauerbau
    Die privaten Erzählungen sind auf den beschriebenen Innenhöfen angesiedelt, auf schräg in den Befundöffnungen platzierten Stahltafeln, Kapitel A, B und E.

    Fluchttunnel
    Soweit das Thema zu bebildern ist sind die Stahlplatten der Tunnelspur Bildträger, schriftliche Information ist einzeilig auf dem Tunnelschlitz platziert; im „Tunnelfenster“ (vgl.) werden entsprechende Filmausschnitte gezeigt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Eine Stärke des Entwurfs ist einerseits die räumliche Offenheit und andererseits die Farb- und Materialstimmung des einheitlichen, grauen Kiesund Schottermaterials, was die Leere und die Narbe im Stadtraum des ehemaligen Mauer- und Todesstreifens eindrücklich markiert. Die Originalmauerteile finden dadurch einen stimmigen Kontext. Das Band aus Weißzement mit eingelagerten Schriften markiert farblich im Gesamtkonzept integriert stimmig den Mauerverlauf, ist aber als Markierungselement zu schwach, um sich im Stadtraum behaupten zu können. Unverständlich und unnötig ist der Nachbau von Mauerteilen und konterkariert den sehr schönen Umgang mit weiteren „Originalelementen“ nämlich den Kellermauern der zerstörten Häuser. Diese werden quasi archäologisch ausgegraben und in zwei abgesenkten Räumen freigelegt. Gleichzeitig entstehen dort sehr qualitätsvolle Orte für Ausstellung und Information.

    Gelungen ist auch die Ergänzung des zerstörten Sophienfriedhofs durch Intarsien im Kies, Felder gröberer Körnung, welche eindrücklich an die verschwundene Geometrie der Friedhoffelder erinnert. Richtig und stimmig sind dort die Tafeln im Gedenken an die Mauertoten platziert. Das Ausstellungskonzept nimmt die bereits etablierten Glasstelen der Geschichtsmeile auf im Sinne einer Kontinuität und Wiedererkennung. Die zahlreichen Ausstellungselemente im Außenraum bedürfen im Fall der Realisierung einer Straffung und Bündelung.

    Die Arbeit nimmt viele der geforderten Gedenkelemente im Außenraum sinnvoll und gezielt auf. Die zwei abgesenkten Ausstellungsbereiche zum Thema „Fluchttunnel“ und „Leben vor der Mauer“ machen Angebote für thematisch geeignete Informationsorte und führen zu einer interessanten räumliche Differenzierung des Ausstellungsraumes.

    Der Infopavillon ist grundsätzlich interessant in die bewegte Topografie gesetzt. Leider wird durch die Konzeption eines tiefergesetzten Hofes das effektiv natürlich vorhandene Gefälle überhöht und führt zu schwer umsetzbaren steilen Zugangsrampen. Der entstehende Eingangshof im Untergeschoss ist zwar ein schönes Angebot für wartende oder sich sammelnde Besuchergruppen, auch erscheint der zweite Zugang auf der oberen Ebene bei Besucherandrang sinnvoll für den Personenfluss. Die Abwicklung von Innen und Außen, welche drei Eingänge zur Folge hat ist aber sehr kompliziert. Gänzlich unbegreiflich erscheint dem Preisgericht die Mauerintarsie in der Fassade. Der raumgreifende Pavillon ist in der Grunddisposition interessant, in der architektonischen Wegführung und Grundrisskonzeption jedoch noch nicht überzeugend.

    Insgesamt besticht das Freiraumkonzept durch seine durchgängig abgestimmte Gestaltung, welche sich auch gut in die Bebauung an der Bernauer Straße integriert. Gerade die krude Materialität verleiht dem Ort des Gedenkens aber auch dem Ort der Geschichtserzählung eine mögliche Form.