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  • DE-13355 Berlin
  • 12/2007
  • Ergebnis
  • (ID 2-8366)

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße


  • 4. Preis


    Landschaftsarchitekten
    Mettler Landschaftsarchitektur, Gossau (CH), Berlin (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Helge Kickert Jennifer Winkelmann Nicole Ptak Kristian Ritzmann Susanne Stiegat Louisa Schöneich

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: ENS - Eckert Negwer Suselbeek Architekten BDA, Berlin (DE)
    Architekten: fischer Ausstellungsgestaltung, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Erweiterung der Gedenkstätte Berliner Mauer Berlin – Mitte


    Freiraum

    Die Vielschichtigkeit des historischen Ortes an der Bernauer Straße wird zum Thema des Entwurfes. Dessen Ziel ist es einerseits die vorhandenen Elemente zu erhalten und anderseits die nicht mehr vorhandenen Elemente des Grenzstreifens lesbar zu machen.
    Dazu wird zunächst der Gesamtzusammenhang des Grenzstreifens wieder sichtbar gemacht.
    Hierzu wird der Bereich zwischen vorderem Mauerelement und Hinterlandmauer auf der gesamten Länge von Aufwuchs und Vegetation befreit und mit einer ebenen Fläche aus feinem, hellen Schotter bedeckt (verfestigt mit Stabilizer; Belag bleibt wasserdurchlässig).
    Die am Ort vorhandenen Originalspuren des Mauerstreifens bleiben erhalten und werden mit Konservierungsmittel geschützt. Grenzelemente wie Wachtürme oder Mauersegmente, die in der Vergangenheit entfernt wurden, werden nicht wieder aufgestellt oder rekonstruiert.
    Rekonstruiert wird einzig der eigentliche Grundriss, der „Abdruck“ der verschiedenen Grenzbereiche.
    Dazu wird die Schotterfläche auf den Flächen und Linien der ehemaligen Grenze „stufentief“ abgesenkt (15 cm tief, mit Glorit verfestigt), und beidseitig durch Metallbänder eingefasst.
    Auf diese Metallbänder wird die Funktion der jeweiligen Grenzspur mit Schrift eingraviert.
    Zusätzlich zu diesem Abdruck im Boden wird eine zweite Methode benutzt, verschwundenen Grenz,- und Stadtraum greifbarer zu machen.
    Auf den hellen Boden wird mit Farbe die Fläche des einmal vorhandenen Schattens neu aufgetragen.
    Die Grundrisse der ehemaligen Wohnhäuser der Bernauer Straße „werfen Schatten“ ebenso wie die Friedhofsmauer und die verschwunden Mauern, Lampen und Zäune der Grenze.
    Die schwarze Farbe wird auf die Schotterfläche aufgesprüht. Sie wird mit der Zeit verblassen und kann wieder neu aufgebracht werden.
    Dieser Vorgang soll bewusst in das Konzept der Ausstellung aufgenommen werden, zeigt er doch sichtbar die Veränderung von Erinnerung. Ihr Verblassen und ihre Erneuerung.
    Die Grenzelemente und die durch den Mauerbau zerstörten Gebäude und Friedhofsflächen werden unterschiedlich behandelt. Die Struktur der Grenze bekommt als prägenste Schicht für den Ort einen Abdruck im Boden, alle anderen Markierungen (ehemalige Wohngebäude, Friedhof, Kirche, Strassenverläufe) werden ausschließlich durch aufgesprühten Schatten und Metallbänder im Boden markiert, sie bleiben aber oberflächlich.
    Die Lesbarkeit des ehemaligen Grenzstreifens soll nicht nur auf den Freiflächen wiederhergestellt werden, sondern bewusst auch den Strassen- und Verkehrsraum mit einbeziehen.
    Hier werden die „Grundrisslinien“ der Grenze jedoch nur mit Metallbändern im Boden weitergeführt.
    Für ein Verständnis der Tiefenstaffelung des Grenzraumes ist es wichtig, das auch die Grenzlinie markiert wird, ab der auf dem Gebiet von ehemals Ostberlin sogenannte Tiefensicherungskräfte eingesetzt wurden. Denn schon hier begann das eigentliche Grenzgebiet.
    Eine vorgeschriebene Wegeführung auf dem Ausstellungsgelände gibt es nicht. Die Besucher können sich frei auf der Fläche bewegen und den Raum des Mauerstreifens in seinem authentischen stadträumlichen Zusammenhang erfahren. Damit die Ausstellung auch in den Abendstunden besucht werden kann, erhellen Bodenleuchten die Belagsflächen. In die Informationselemente an der Bernauer Straße sind Leuchten integriert.

    Der zentrale Gedenkort ‚In Erinnerung an die Teilung der Stadt vom 13. August 1961 bis 9. November 1989’ und die Kapelle der Versöhnung als Stätte der Besinnung und Andacht bleiben als Schwerpunkte im Ausstellungsgelände unverändert erhalten. Die Aussichtsplattform des derzeitigen Dokumentationszentrums Berliner Mauer verschafft einen guten Überblick über die Gesamtanlage der Gedenkstätte.

    Ausstellungskonzept


    Das Exponat
    Der gesamte Mauerstreifen wird als Exponat verstanden. Dieses Bild wird durch keine Schilder und \"neue Zutaten\" gestört. Einzig durch \"Bodenspuren\" wird die Überlagerung von Geschichte aufgezeigt. In die Bodenmarkierungen sind Beschriftungen von Elementen und Ereignissen eingelassen. Diese Spuren erzeugen eine begehbare Landkarte.

    Das Ausstellungsband
    Entlang der Fluchtlinie der ehemaligen Häuser und der Friedhofsmauer läuft das Ausstellungsband. Das Exponat von Außen betrachtend erfährt hier der Besucher Geschichten, Bilder und Information.
    Der Körper des Ausstellungsbandes orientiert sich an der Fassade der verschwundenen Häuser der Bernauer Straße. Wie ein Abguss zeigt seine Oberfläche Einschnitte von Kellerfenstern, Türschwellen und Fenstersimsen. Die Zugänge zu den Häusern sind Eingänge in das Gelände oder Sitzelemente zum Verweilen.

    Ergänzende Ausstellungselemente
    Als Auftakt der Begehung vermittelt ein 10x4 Meter großes Modell die räumliche Struktur der Grenzanlage. Hier kann sich der Besucher orientieren und seinen Blick für die verschwundene Grenze \"schärfen\", bevor er das Gelände der Open-Air-Ausstellung betritt. Pda-Führungssysteme mit Bild, Text und Tonangeboten sowie Audioguides mit speziellen thematischen Führungsrundgängen können am Infopavillon ausliehen werden. Sie ergänzen und erweitern den Rundgang durch das Grenzgebiet, die Open-Air-Ausstellung ist jedoch auch ohne zusätzliche Informationsquelle erfahrbar, unabhängig von Tages- und Jahreszeit.

    Gedenken
    Der Mauertoten wird im ehemaligen Grenzstreifen auf einer eigenen Fläche vor dem Friedhof der Sophiengemeinde gedacht. Hier, wo sich vor dem Bau der Berliner Mauer Grabflächen befanden, werden Gedenksteine in das Bodenrelief integriert. Sie sind mit persönlichen Texten der Angehörigen beschriftet und ermöglichen individuelles Gedenken und Erinnern.

    Lichtkonzept
    Die Spur der Lichttrasse der ehemaligen Grenze wird als Linie aufgenommen und mit neuen Bodenleuchten fortgeführt. Hier wird bewusst auf Lichtmasten, wie sie so prägend für das Erscheinungsbild der Berliner Mauer waren, verzichtet und statt dessen eine indirekte, flächige Beleuchtung gewählt. In das Ausstellungsband ist eine eigene Beleuchtung integriert.


    Lichtkonzept:
    Die Spur der Lichttrasse der ehenmaligen Grenze wird als Linie aufgenommen und mit neuen, punktweisen Bodenleuchten fortgeführt. Hier wird bewusst auf Lichtmasten, wie sie so prägend für das Erscheinungsbild der Berliner Mauer waren, verzichtet und statt dessen eine indirekte, flächige Beleuchtung gewählt. In das Ausstellungsband ist eine eigene Beleuchtung integriert.


    Informationspavillon

    4 Argumente

    Ein Pavillon - der Begriff stammt aus dem Französischen. Im 17. Jahrhundert bezeichnete man große viereckige Militärzelte, im 18. Jahrhundert frei stehende Bauten, meist Leichtbauten, in Gärten oder auf Ausstellungen als Pavillons. Zugrunde liegt dem Begriff des Pavillons das lateinische Wort papilio „Schmetterling“, spätlat. Soldatenzelt, da die am Zelteingang nach außen umgeschlagenen Enden einem Schmetterling ähneln. Den baulichen Ausdruck von Bewegung und Leichtigkeit, bildet das Leitmotiv des Vorschlages zum Neubau des Informationspavillons.

    Empfangstor - Der Neubau des Informationspavillons für die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist für die Besucher der eigentliche Auftakt zur Besichtigung der Gedenkstätte. Seine Rolle ist die eines Empfangstores und Ausgangspunktes zum Gelände zugleich. Der gewählte Bauplatz wird dieser Anforderung in hervorragender Weise gerecht. Leicht oberhalb des Geländeverlaufes der Bernauer Straße positioniert, zeigt sich das Bauwerk dem gegenüberliegenden Stadtraum mit dem früheren Mauerverlauf. Von der dem Eingang vorgelagerten überdeckten Terrasse kann das Gelände in Augenschein genommen werden. Der Pavillon öffnet sich mit einer Glasfront die gesamte Gebäudebreite ausmachend zur Terrasse hin.

    Leitbilder - Eine in 15m Höhe schwebende, signalrot lackierte Info-Box wie am Potsdamer Platz gibt kein Leitbild ab. Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße erhält einen neuen „Berlin-Pavillon“. Der alte sogenannte „Berlin-Pavillon“, von Fehling und Gogel an der Straße des 17.Juni als Auftakt zur Interbau konzipiert, dient als Leitbild für den Info-Pavillon der Gedenkstätte Berliner Mauer. Er soll eine wiedererkennbare und zu erinnernde baukörperliche Gestalt verleihen und auf subtile, räumlich expressive Weise eine Beziehung zur Thematik des Ortes und der Geschichte herstellen. Seine bauliche Qualität und der räumliche Ausdruck schaffen einen Identifikationsort für die geschichtliche Thematik. Ebenso, wie der bekannte Schinkelpavillon am Charlottenburger Schlosses, erzeugt der Info-Pavillon dank der einfachen schlüssigen Geometrie und Platzierung auf ungezwungene Art und Weise einen Bezugspunkt zwischen Stadtraum und Park.

    Bauliche Struktur - Wir schlagen für den Neubau des Informationspavillons eine auf dem Grundmotiv des Rombus aufbauende, gefaltete bauliche Struktur vor, die im Kontrast zur leichten äußeren Erscheinung in massivem gefärbten Sichtbeton erstellt wird. Die bauliche Struktur von Dach und Wänden entwickelt eine räumliche Hülle, die einen Raum, die „Halle“ umschließt. Der Grundriß wurde so entwickelt, das trotz räumlicher Unterteilungen von jedem Standpunkt die „Halle“ in ihrer Gesamtheit erfahrbar bleibt. Das Dach des Pavillons ist verglast- die Halle erhält ihr Licht durch den „Himmel über Berlin“. Lediglich die Endfelder bilden vorgelagerte Terrassen mit geschlossener Bedachung. Der gesamte Bau wird von einem robusten Holzdielenbelag durchzogen. Die Erweiterbarkeit des Pavillons ist in den hinteren Grundstücksteil jederzeit herstellbar.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Grundidee des Freiraumkonzeptes ist die Sichtbarmachung des stadtzerteilenden, platzgreifenden Mauerstreifens. Die Dimension der Grenzanlagen wird durch die einheitliche Oberfläche eines gebundenen hellen Schotters sinnlich erfahrbar. Alle existierenden oberirdischen Mauerrelikte werden durch den Kontrast zur zweidimensionalen Fläche betont. Die Grenzmauer wird durch einen stufentiefen Abdruck nachgezeichnet. Die Hinterlandsicherungsmauer und Grundrisse der Kirche und Wohnbebauung werden durch Metallbänder markiert.

    Die Abwesenheit verschwundener dreidimensionaler Elemente (Mauern, Kirche, Leuchten, Gebäude) werden durch aufgemalte Schattenwürfe scheinbar vergegenwärtigt. Die Schattenwürfe stellen eine originelle Idee dar, sind jedoch aus Besuchersicht vermutlich schwer lesbar.

    Die Information auf dem Pult entlang der „politischen Grenze“ ist aus verschiedenen Gründen zu verwerfen:

    1. die Information ist nur von „außen“, von der Straßenseite lesbar.
    2. der Nachbau der Kellerfenster und Eingänge in den „Fassadenstummeln“ führt zu irrigen Assoziationen (Miniaturmodell der Häuserfassaden)
    3. die Position entspricht nicht dem Mauerverlauf.
    4. sie versperrt den Blick und den Zugang auf die vorhandenen Mauerreste
    Der typologisch als Pavillon gut erkennbare Informationsort ist sehr ambitioniert und folgt im Grundriss wie im Aufriss einer Rhombusstruktur.

    Zur Bernauer Straße wird eine großzügig einladende Geste formuliert. Nach Innen folgt der äußeren Rhombusstruktur entsprechend die Abwicklung des Raumprogramms in der Form von eingestellten Räumen. Durch die Glasfronten an den Schmalseiten des Gebäudes sowie das verglaste Dach einerseits und den geschlossenen Fassadenwänden andererseits werden die Räume sehr gut belichtet. Außerdem ist eine konzentrationsfördernde Atmosphäre sehr gut vorstellbar. Die Formulierung des Grundrisses auf dem Rhombusschema erscheint eher formalistisch als praktisch.