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  • DE-13355 Berlin
  • 12/2007
  • Ergebnis
  • (ID 2-8366)

Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße


  • Ankauf

    Konzeptdiagramme

    Landschaftsarchitekten
    Treibhaus Landschaftsarchitektur Berlin/Hamburg, Berlin (DE), Hamburg (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    in Zusammenarbeit mit: Dipl. Ing. Florian Mänz Cand. Ing. Susanne Mühlbauer, Sonderfachleute: Dipl. Museologin Anja Zenner Dipl. Museologin Christina Meyer

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Dieter Schröder, Dipl. Ing. Architekt, Stuttgart (DE)
    Designer: STUDIO SOPHIE JAHNKE, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Gedenkstätte Berliner Mauer: Bernauer Straße vom Nordbahnhof bis zum Mauerpark

    Haltung und Konzept
    Für eine abschließende geschichtliche Bewertung des historischen Komplexes „Berliner Mauer“ ist es noch zu früh. Bisher ist die Geschichte der deutschen Teilung nicht vollständig aufgearbeitet, daher sehen wir uns als Akteure mitten in einer andauernden Diskussion und wollen den von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Verein Berliner Mauer initiierten „Mauerdialog“ aufnehmen und weitergestalten.

    Der Ort „Gedenkstätte Berliner Mauer“ wird deutsch-deutsche Geschichte erlebbar machen. Er soll Anlaufstelle für Zeitzeugen sein; deren Erfahrungen dynamisch aufnehmen können. Zudem wird er Angehörigen und Freunden der Opfer die Möglichkeit des Erinnerns und Gedenkens geben, aber gleichzeitig interessierten Berlin-Besuchern aus aller Welt einen Ort der Orientierung über die Teilung Deutschlands schaffen – einen Ort, der für alle als „offene Gedenkstätte“ gedacht wird.

    Auch die Art der Informationsvermittlung wird sich durch Offenheit auszeichnen. Inhalte sollen weder chronologisch noch thematisch geordnet präsentiert werden, sondern am authentischen Ort geographisch verortet sein. Durch das individuelle Abschreiten des Geländes sollen die Informationszusammenhänge räumlich erfahren und thematische Querbezüge hergestellt werden.

    Dabei sollen die städtebaulich unterschiedlichen Entwicklungen auf beiden Seiten der Grenze während der Teilung und nach dem Fall der Mauer weiterhin deutlich sichtbar bleiben. Der Informationspavillon wird als zeitloser „Beobachter“ in den Stadtraum implantiert und als gesonderter Bestandteil der Gedenkstättenerweiterung ausformuliert.

    Räumlich wird der Zustand der Leere auf dem ehemaligen Grenzstreifen wieder hergestellt. Alle vorhandenen Relikte werden erhalten und erfahrbar gemacht. Es werden weder historische Elemente rekonstruiert noch neue dreidimensionale Objekte hinzugefügt: Alle Informationen werden ausschließlich in der Fläche dargestellt. Leere, Flächeneinheitlichkeit und damit verknüpfte Information bleiben damit die einzigen Mittel unserer Gestaltung.

    Um die vorhandenen baulichen Elemente und historischen Spuren des Mauerstreifens, wie zum Beispiel das Mauer-Denkmal und die Versöhnungskapelle, wird ein Informationsfeld gelegt. Das Informationsfeld stellt der räumlichen Leere die Dichte der historischen Ereignisse gegenüber. Im Bereich der letzten Ausbaustufe der Grenzanlage besteht es aus einer geschlossenen Asphaltdecke.

    Unter der Oberfläche verborgene Spuren und Überreste historischer Ereignisse, Bauten und persönlicher Schicksale werden mittels Markierungen auf diese Fläche gezeichnet. Es entsteht ein komplexes Zeichensystem aus Symbolen, Linien und Textbändern. Ähnlich einer maßstabsgetreuen topographischen Karte ist das Organisationsprinzip dieser Informationsebene die exakte Verortung. Die verschiedenen zeitlichen Schichten werden gleichberechtigt dargestellt.

    Unsere Intervention gliedert die vorhandene Fläche in drei Teile, analog zu den verschiedenen Ausbaustufen des Grenzstreifens: die Asphaltdecke, die überall begehbar ist und damit einem Platz gleicht; den Grobschotterabschnitt mit seinen punktuellen Pflanzungen, durch den feinschottrige Pfade führen; die dritte Struktur beschreibt den Bereich der Tiefensicherung mit Hilfe einer Schotterwiese.

    Mit diesen graduellen Stufungen von verschlossener zur aufgebrochener Struktur entsteht ein deutlicher Kontrast zwischen dem leicht begehbaren Teil und den Teilen, in denen die Fortbewegung durch die grobe Schotteroberfläche beziehungsweise die Bepflanzung schwierig wird.

    Den Besucher erwartet hier keine kompakte Informationsquelle. Er wird vielmehr aufgefordert, sich sein Bild selbst zusammenzufügen, die Geschichte buchstäblich aktiv zu durchlaufen, indem er Dichte und Überlagerung der Ereignisse zu Fuß abschreitet. Wie in einer Bibliothek sind alle Informationen gleichzeitig verfügbar, müssen aber entdeckt und erschlossen werden. Die Informationsebene ist ein offenes, nicht abgeschlossenes System, dem neue Aspekte hinzugefügt werden können – und funktioniert somit als Piktogramm für den andauernden Prozess der Aufarbeitung der deutschen Teilung.

    Innerhalb des Zeichensystems, welches ähnlich wie Straßenmarkierungen aufgetragen wird, existiert, allerdings ohne hierarchische Gliederung, ein einfaches Schichtenprinzip: Die unterste Schicht zeigt mittels Asphalt in Asphalt die ehemaligen Gebäudegrundrisse, die mittlere Schicht dient als Tafel für das lineare Grenzsystem, das weiß-rot aufgebracht wird, mit weiß-gelb werden einzelne Ereignisse schließlich darüber markiert.

    Begrenzt wird das Gelände mit Hilfe eines differenzierten Kantensystems. Entlang der Bernauer Straße erstreckt sich das angeschnittene Ende der Asphaltdecke auf dem Untergrund, so dass die Schichtungen im Querschnitt deutlich sichtbar werden. Die Einschnitte für die querenden Straßen begrenzen bis zu 80 Zentimeter hohe Stahlkanten. Darüber hinaus sind Ausstanzungen für Relikte wie beispielsweise Mauerreste oder auch noch verborgene Relikte (Ausgrabungen, die eine Öffnung der Asphaltdecke erfordern) vorgesehen. Deren scharfe Stahlkanten überragen die sie umgebende Fläche kaum.

    Die an den Asphaltstreifen anschließenden Flächen der ehemaligen Grenzanlage werden über eine Schotterfläche nachgezeichnet. Sie verdeutlichen die tief reichende Staffelung der Grenzanlagen. Diese Flächen sind Teil des Prozesses „Mauerdialog“ und offen für individuelle Aneignung. Sie bieten die Möglichkeit, örtliche Akteure, Vereine und Interessengruppen in den Gestaltungsprozess einzubinden. An die Opfer der Mauer wird hier durch bündig eingelassene Gedenksteine erinnert. Diese sind nicht Teil des grafischen Teppichs.

    Das Gelände wird von Lichtpunkten durchzogen, die in die Asphaltdecke eingelassen sind – exakt auf den ehemaligen Laternenstandorten. Als Lichtquellen dienen Reflektorleuchten, die an den Straßenbahnmasten angebracht sind, das Gelände „von außen“ beleuchten und es so während der Dunkelheit optisch scharf gegen den Verkehrsraum absetzen. Mit Hilfe von Beamern werden Bildinhalte auf die umliegenden Brandmauern projiziert werden.

    Versöhnungskapelle, Mauer-Denkmal und alle weiteren baulichen Volumina bleiben erhalten. Sie werden zu Solitären auf dem Informationsfeld, nachdem die gesamte Fläche des ehemaligen Grenzstreifens von ruderalem Aufwuchs befreit ist. Die Baumhecken und die wenigen seit 1989 gewachsenen Einzelbäume jedoch werden als Spuren der Nachwendezeit ausgestellt.

    Informationspavillon
    Der Informationspavillon ist erster Anlauf- und Ausgangspunkt der Mauergedenkstätte. Er orientiert sich in Ausrichtung und Ausformung an keinerlei räumlichen Spuren. Durch seine Differenzierung in Ausrichtung, Form und Materialität ist er, aus allen Richtungen und besonders vom Nordbahnhof aus, schnell identifizierbar. Durch die Verwendung von Stahlgewebe als Fassadenmaterial, wird der Bezug zum bestehenden Dokumentationszentrum hergestellt.

    Dieses Stahlgewebe, das komplett um die beiden Obergeschosse läuft, lässt den Baukörper von weitem als einheitlichen Kubus erscheinen. Erst mit der Annäherung werden die unter dem Gewebe angebrachten großformatigen Fotobanner sichtbar. Je näher man dem Pavillon kommt, desto mehr offenbart er seine Information. Diese Fotobanner ermöglichen es, das Erscheinungsbild des Pavillons gegebenenfalls zu ändern - beispielsweise anlässlich des Tages der Deutschen Einheit oder einer besonderen Ausstellung.

    Der Baukörper gliedert sich in drei Hauptbereiche: das gläserne Foyer, den massiven Erschließungsturm und den über dem Foyer „schwebenden“ Quader mit den Gruppenräumen. Unter diesem auskragenden Quader befinden sich der offene Informationsbereich und die Caféterrasse. Neben dem Haupteingang durchstößt ein Pult die Fassade des Buchladens. Auf der Innenseite dient es als Buchtisch, im Außenbereich ist hier wetterfeste Basisinformation über die Gedenkstätte angebracht. Der Außeninformationsbereich weist in Richtung des Hauptzugangs der Gedenkstätte. Das für alle Besucher zugängliche Foyer mit Basisinformation und Broschüren zur Gedenkstätte präsentiert sich offen und transparent. Von hier gelangen die Besucher in die in den beiden Obergeschossen untergebrachten Gruppenräume. Die Gruppenräume sind durch ein vom Foyer bis zum Dach reichenden Luftraum vom massiven Erschließungsturm getrennt. Hier ist ein Modell des Mauerstreifens mit Umgebung angebracht. Es erleichtert die Orientierung und bietet die Möglichkeit, über die Gedenkstätte hinaus reichende Zusammenhänge zu vermitteln. Nur leichte Stahlstege durchschneiden diesen Raum. Hier ergeben sich Blickbezüge zur Mauergedenkstätte und zum Park auf dem Gelände der ehemaligen Gleisanlagen. In Richtung Nordbahnhof sind die Gruppenräume zwar mit einer Glasfassade ausgestattet, doch dämpfen die davor angebrachten Fotobanner und das Stahlgewebe den Lichteinfall und Blicke nach außen. So sind diese Räume nicht geschlossen und dennoch bieten sie eine zurückgezogene Atmosphäre. Alle Technikräume sind im Untergeschoss untergebracht, das sich nur unter dem Erschließungsturm erstreckt.

    Auf der gegenüberliegenden Seite der Bernauer Straße schiebt sich das Ausstellungsgelände leicht aus dem bestehenden Gelände heraus. So wird der Beginn der Gedenkstätte markiert und vom Verkehrsraum leicht abgesetzt. Der ehemalige Mauerverlauf wird so als Sitzstufe betont. Durch die unterschiedliche Flächen Behandlung wird hier die Staffelung der Grenzanlage sichtbar.

    Die Asphaltfläche sowie die grafischen Markierungen des Informationsfeldes laufen bis an die Mauerreste und das bestehende Denkmal. An den vorhanden Relikten – zu den wir auch den Postenweg zählen - hält Markierung und Asphalt einen Abstand ein. Für einen Moment materialisiert sich mit dem Denkmal ein Stück Grenzstreifen, muss jedoch im weiteren Verlauf von neuem assoziativ ergänzt werden. Bestehendes Denkmal und das Gesamtkonzept der Gedenkstätte ergänzen sich nun.


    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit präsentiert eine eindeutige Handschrift zur Markierung des Todesstreifens, die von großer Kraft des grafischen Ausdrucks gekennzeichnet ist. Im Sinne der Aufgabenstellung werden die historischen Spuren erhalten und die Gebäudegrundrisse nachgezeichnet. Der Mauerstreifen wird großflächig abgedeckt und mit einem durchdachten Markierungssystem versehen, das Assoziationen wie Stauraum am Fähranleger oder ähnliches provoziert. In dem Bestreben, zu erzählen, welche Elemente das Mauerregime zu verschiedenen Zeiten prägten, werden auch Elemente wie Panzersperren und Hundeauslauf nur grafisch und nicht authentisch eingearbeitet. Angesichts der beabsichtigten Offenheit und Leere können unbeabsichtigte Nutzungen der asphaltierten Flächen nicht ausgeschlossen werden. Die vertikale Dimension der Mauer wird wegen der angestrebten offenen Konzeption nicht angesprochen, das Opfergedenken durch Verlegung hinter den Postenweg zum Friedhof eher versteckt, denn bewusst in den Vordergrund gerückt. Die Verlegung vorhandener Relikte in ein Informationsfeld ist wegen der Dislozierung vom authentischen Ort zu kritisieren.

    Bezogen auf die Eindeutigkeit des Freiraumkonzepts und der Open Air Ausstellung ist der dreigeschossige Informationspavillon wenig überzeugend. Die Architektursprache ist hier nur auf sich selbst bezogen. Der Baukörper exponiert sich im Stadtraum durch seine diagonale Orientierung zum Nordbahnhof und erzeugt hierdurch uneindeutige Vorplatzdimensionen. Die Verfasser betonen die Nähe zum bestehenden Dokumentationszentrum durch die Wahl des Fassadenmaterials. Die Jury ist im Gedanken der Vergleichbarkeit beider Bauten miteinander uneinig. Die räumliche Folge von dem überdachten Außenraum (Auskragung) zum Inneren des Gebäudes ist für den Ort unangemessen. Der Luftraum, welcher sich über 3 Geschosse erstreckt, ist im Gebäude nur als Zwischenraum erfahrbar. Das Verhältnis von BGF und NF ist überaus unwirtschaftlich und wird durch die Entwurfsqualität nicht ausgeglichen.