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  • DE-70771 Leinfelden-Echterdingen, DE-70771 Leinfelden-Echterdingen
  • 02/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-273958)

Schelmenäcker


  • ein 3. Preis

    Perspektive, © Renderbar

    Architekten
    Hähnig + Gemmeke Freie Architekten BDA, Tübingen (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Anthony Carimando, Jan Gienau

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Stefan Fromm Landschaftsarchitekten, Dettenhausen (DE)
    Investoren: Siedlungswerk GmbH Wohnungs- und Städtebau, Stuttgart (DE)

    Preisgeld
    15.000 EUR

    Erläuterungstext
    Nutzungskonzept
    Leitidee ist die Schaffung von sozial gemischten Quartieren nach Einkommen, Haushalt und Herkunft. Angestrebt wird in neues Wohnumfeld für junge und alte Menschen sowie inklusive Wohnorte in Nachbarschafft im Sinne eines Wohnens für Alle. Preisgedämpfte Miet- und Eigentumswohnungen sowie geförderter Mietwohnungsbau sind in einen Gesamtwohnkontext eingebunden.
    Wohnungen für Alleinerziehende, Wohngruppen für Menschen mit Behinderungen ergänzen, arrondieren ein vielfältiges Wohnungsgemenge.
    Zum öffentlichen Raum, zu den adressbildenden Quartiersplätzen orientieren sich Nutzungsangebote die die Plätze einbeziehen und beleben.
    Auftakt zum öffentlichen Parkbereich im Westen bildet ein Café, eine Bäckerei mit Innen- und Außenbewirtung. Mit einer Begegnungsstätte, der „Lichterstube“ entsteht ein Gelenk zwischen den Wohngruppen für Menschen mit Behinderungen und ihren Nachbarschaften.
    Die besonderen Angebote für Alleinerziehende mit flexiblen Schalträumen und Wohngruppen bzw. Appartements für Menschen mit Handicap ergänzen die geplanten Wohntypologien.

    Durch ein erhöhtes Wohnungsangebot von 40% geförderten Mietwohnungen, 10% preisgedämpften Mietwohnungen und 15% preisgedämpften Eigentumswohnungen entsteht ein soziales Wohnprojekt für bezahlbaren Wohnraum.
    Aufgrund des ausgesprochenen Familienschwerpunktes, soll bei dieser Bauaufgabe ein zusätzliche hauseigene Familienkomponente, in Ergänzung zur bereits vorhandenen öffentlichen Förderung für mittleres Einkommensgruppen, angeboten werden.
    Konkret werden Familien und Lebensgemeinschaften beim Wohnungserwerb mit 2.500.- € pro Kind unterstützt. Bei den freifinanzierten Mietwohnungen wird ein Nachlass in Höhe von 0,50.- € je minderjährigem Kind und m² Mietfläche auf die Dauer von 5 Jahren gewährt.

    Städtebauliche Idee
    Mit der städtebaulichen Entwicklung der Schelmenäcker entsteht eine klare Raumkante zur Max-Lang-Straße, zum nördlich angrenzenden Gewerbegebiet. Nach Süden zu den bestehenden Streuobstwiesen und dem Landschaftsraum wird eine Bebauungsstruktur formuliert die, die Quartiersstrukturen der Baufelder mit dem Freiraum verzahnt.
    Von dem neuen Quartiersplatz an der U5-Haltestelle mit Jugendzentrum und Kindertagesstätte entsteht entlang der Max-Lang-Straße eine Abfolge von kleinen Platzsituationen, die in die neuen Quartier einleiten, adressbildend die Eingänge der jeweiligen Stadtbaufelder definieren.
    Die IV- bis VI-geschossige winkelförmige Bebauung im Norden schafft den raumbildenden Rücken zum heterogenen Gewerbebestand und gewährleistet den gewünschten Lärmschutz für die nach Süden und Südwesten ausgerichteten Wohnsituationen. Innerhalb der neuen Wohnviertel verzahnen sich die punktförmigen Solitärgebäude über grüne Innenhofsituationen mit den angrenzenden, zu erhaltenden Streuobstwiesen. Klar zoniert entstehen hochwertige, private und öffentliche Freiflächen.

    Architektonisches Konzept
    Durch die versetzt angeordneten Baukörperstellungen und –orientierungen entstehen durchgängig gut belichtete Wohnsituationen. In den winkelförmigen Bebauungen mit „Fuge“ werden im Bereich der Wohnungen in den Obergeschossen durch baukörperliche Differenzierung ebenfalls gute Belichtungssituationen geschaffen. Die geplanten Gewerbe- und Dienstleistungsbereiche erhalten direkt erschlossen von Norden, Adressen zur Max-Lang-Straße und finden im nordöstlichen Bereich, im Bereich des Baufeldes III einen Nutzungsschwerpunkt.
    Neben sorgfältig durchgearbeiteten Grundrissideen sind bei unterschiedlicher Witterung gut nutzbare Freibereiche von größter Bedeutung für individuelle Wohnqualität. Alle Wohnungen erhalten einen Gartenanteil oder eine vorgelagerte Loggia bzw. Balkonsituation und in den obersten Geschossen Dachterrassen. Bei den solitären Punkthäusern unterstreichen großzügig vorgelagerte Loggienbereiche nach Süden bzw. Westen hier den architektonischen Ausdruck.

    In der architektonischen Haltung, der Architektursprache wird der städtebauliche Gedanke transformiert. Zum öffentlichen Raum zur Max-Lang-Straße wird die Bebauung mit einer farblich gestalteten und abgesetzten Klinkerfassade vorgeschlagen. Im Innenbereich, im Süden zum Landschaftsraum entstehen „hell“ gestaltete Gebäude die den offenen Charakter zur Kulturlandschaft verstärken und mit den individuellen Grünbereichen vermitteln. Durch die gewählten Fassadenmaterialien entstehen klare Differenzierungen zwischen Urbanität und Grün.

    Mobilitätskonzept
    Ziel ist es durch ein attraktives Angebot sowohl eine Alternative zum eigenen PKW , wie auch ein umweltfreundliche Möglichkeit der Mobilität anzubieten. In Ergänzung zu der hervorragenden Anbindung an den ÖPNV ist deshalb die Errichtung eines „Mobilitätspunktes“ mit elektromobiler carsharing Station in Kooperation mit Stadtmobil, sowie eine bikesharing Station geplant.
    Alle Tiefgaragenstellplätze erhalten einen Stromanschluss und können im Bedarfsfall mit Schnellladestationen und intelligenten Ladesystemen ausgestattet werden.

    So wie auch bei den Gebäuden der energetische Anspruch besteht, mit natürlichen Ressourcen nachhaltig umzugehen (KFW 55 Standard, Anschluss an das geplante Nahwärmekonzept mit BHKW…), soll auch bei der Mobilität auf CO² Einsparung geachtet werden.

    Freiraumkonzept / Innere Erschließung
    Das Freiraumkonzept reagiert auf die städtisch geprägte Max-Lang-Straße im Norden und den Landschaftsraum mit Streuobstwiesen im Süden.
    Kernstück der quartiersbezogenen Freiräume stellen drei Spiel- und Aufenthaltszonen dar, die sich aus den Wohnhöfen bis ins landschaftliche Grün entwickeln. Durch die polygonale Formensprache entsteht eine formal gelungene Einheit mit der südlich angelagerten öffentlichen Grünzone. Raumübergreifend vernetzen sich Wege, Platzsituationen sowie der große Spielbereich. Nutzungsmischungen und -ergänzungen sind gewünscht. Im südwestlichen Bereich der Höfe sind die jeweiligen LBO-Spielplätze vorgesehen, während in den Quartiershöfen ruhige Aufenthaltsflächen („Plätzle“) geplant sind. Die Bepflanzung aus Baumreihen aus jeweils verschiedenen Wildobstsorten entlang der Nord-Süd-Achsen und lockeren Baumgruppen im Süden im Übergang zu den Streuobstwiesen unterstützen diese Leitidee.

    Entsprechend der Zielgruppen der drei Wohnhöfe erhält jeder Innenhof eine eigene Identität, sein eigenes Thema. Im westlichen Hof werden „Lernorte für Jung und Alt“ inklusiv angeboten, als grünes Klassenzimmer mit Spielgeräten zu Sinneserfahrungen, Wildbienenhäuser für Biodiversität u.ä.. Im mittleren Hof dominiert das Thema „Spielen und Toben“ mit einem Spielplatz als Hügellandschaft, multifunktionalem Spielgerät, Trampolinen u.a. Diese Spielorte gehen direkt in den geplanten öffentlichen Spielplatz über und sollen diesen ergänzen. Im östlichen Hof ist eine „Business-Lounge“ mit Wasserspiel, Fitnessgeräten und einer Pergola vorgesehen.

    Die Retention und Pufferung des Niederschlagswassers erfolgt außerhalb der Tiefgaragen in unterirdischen Rückhaltesystemen unter den Eingangsplätzen und im östlichen Bereich zwischen Bebauung und Straße.
    Insgesamt vernähen sich bebaute und kulturlandschaftliche Erlebnisräume. Durch die verschiedenen Themen wird eine Identitätsbildung und Aneignung der halböffentlichen Freiräume durch die künftigen Bewohner befördert.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit modifiziert den vorgegebenen Städtebau durch Einschnitte in die Gebäudewinkel und Verkürzung der Baukörper im Hof, so dass die Wirkung einer Gruppe von Punkthäusern entsteht. Dadurch entsteht eine im Modell ablesbare, aber aus dem Gelände wohl nicht entsprechend erkennbare angemessene Körnung. Zudem werden die schwierigen Nordost-Ecken grundrisslich „entschärft“. Allerdings führen die Veränderungen der Baukörper zu einer Vereinheitlichung der Dimensionen innerhalb der Höfe, was kritisch kommentiert wird.
    Die Tiefgarage ist entlang der Höfe in 3 Einheiten unterteilt, so dass eine Umsetzung durch mehrere Investoren und Architekten möglich wird.
    Das Freiraumkonzept ist in guter Abstufung entwickelt: Die „Plätzle“ an den Eingängen von der Max-Lang-Straße führen zu ruhigen, sehr schlicht und funktional gehaltenen gemeinschaftlich nutzbaren Hofflächen. Die privaten Gärten im EG sind nur zum Teil geschützt und gut nutzbar – unter anderem aufgrund der erforderlichen und nachgewiesenen Rettungswege für die Feuerwehr.
    Der Vorschlag, intensiv genutzte Spielräume im Süden zum offenen Grünraum zu orientieren, überzeugt. Allerdings erscheint die Durchwegung unnötig engmaschig. Die Ausbildung der Vorbereiche zur Straße mit Rücksprüngen und frei stehenden Säulen wird kontrovers diskutiert.
    Zur Straße hin ist das Erscheinungsbild der Gebäude sehr urban: nur ein Fensterformat, tief eingeschnitten in mit Klinker-Riemchen belegte WDV-Fassaden. Die Fassaden im Hof (sowohl der Winkelbauten als auch der freistehenden Häuser sind verputzt dargestellt. Diese Unterscheidung erscheint im gegebenen Umfeld gut nachvollziehbar.
    Der Entwurf schlägt in den Erdgeschossen neben einer Bäckerei mit Café im Westen ausschließlich Dienstleistungsflächen vor, die im Hochparterre angeordnet sind und mit üblichen Geschosshöhen auskommen können. Weitere Büros finden sich in den Nordost Ecken in den ersten Obergeschossen. Dies führt zu einer Über-Erfüllung des geforderten Anteils an Gewerbeflächen. Die Nutzungsziffern liegen im Mittelfeld, die angestrebte Aufteilung der Marktsegmente ist recht genau erfüllt.
    Die Wohnungen sind in den Baukörpern hinsichtlich der Marktsegmente durchmischt, in der Größenverteilung aber recht homogen. Die Grundrisse sind überwiegend handwerklich sauber durchgearbeitet, lassen aber typologische -Vielfalt und innovative Ansätze vermissen. Trotz der Auflösung der Ecken der Winkelgebäude lassen können die dort vorgeschlagenen Wohnsituationen in Sachen Belichtung und Ausblick nicht rundum überzeugen.
    Die Arbeit hat ihre Stärken in einem robusten Konzept und ihrem urbanen Erscheinungsbild. Sie kann für die Umsetzung zumindest eines Hofes als gute Grundlage.