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  • DE-32052 Herford, DE-32049 Herford
  • 03/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-280894)

Gelände der Hammersmith-Kaserne in Herford


  • Anerkennung


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    Landschaftsarchitekten
    Belvedere Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftsplanung mbH, Berlin (DE)

    In Zusammenarbeit mit:
    Architekten: Reinhold Nickles, Herford (DE)
    Architekten: Martin Petrzika

    Preisgeld
    7.000 EUR

    Erläuterungstext
    ERLÄUTERUNGSBERICHT 123669
    „Hier spielt die Musik!“
    Mitten im Musikerviertel Herfords existierte jahrzehntelang ein Vakuum, eine für die benachbarten Bewohner „verbotene Stadt“. Durch dieses Konzept soll das Gebiet der ehemaligen Hammersmith-Kaserne zum umgebenden Stadtteil geöffnet werden und dieser ein neues, lebendiges Zentrum erhalten.
    Struktur
    Das Areal nimmt zu allen Seiten mehrere Anknüpfungspunkte auf und ist für Blicke, fuß- und radläufige Durchwegungen offen. Außerdem ist das innere Erschließungssystem rasterartig so angelegt, dass es robust genug ist, um durch die zu-künftigen Nutzergruppen vielfältig den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend gestaltet werden zu können. Im Prinzip wird also kein fixierter Masterplan vorgelegt, sondern ein Erschließungssystem vorgegeben, in dem sich die zukünftigen Wohnquartiere frei entwickeln können.
    Erschließung
    Der Hauptanknüpfungspunkt des Hammersmith-Areals mit seiner Umgebung ist die Verbindung zum Bildungscampus. Diese wird täglich mehrmals von hunderten Studenten, Dozenten und Besuchern zu Fuß und mit dem Rad genutzt wer-den. Deshalb ist der Übergang über die Vlothoer Straße besonders breit (30 m) und sicher (Markierungen, Querungshilfe) angelegt. Er ist außerdem von den Autozufahrten entflochten und liegt am vorläufig westlichen Ende des Mary-Somerville-Boulevards des Bildungscampus. So bildet er einen Gegenpol zum Eingang Liststraße. Dieser Zugang zum Hammersmith-Areal führt direkt in die belebte Mitte des neuen Wohngebietes und erschließt die Studentenwohnungen zentral. Ein Nebenübergang führt wie bisher von der Mitte der Wentworth-Kaserne über die Schumannstraße ins Gebietszentrum. Da heute noch nicht auf den individuellen KFZ-Verkehr verzichtet werden kann, wird dieser unterstützend über eine Schleife von der Vlothoer Straße über den “Benjamin-Britten-Platz“ geführt. In Anlehnung an die Straßennamen der Nachbarschaft und in Erinnerung an die letzten Nutzer sollen die neuen Straßen nach englischen Komponisten benannt werden. Die neuen Wohnquartiere werden von der Schumann- und Mozartstraße ebenfalls in Schleifen erschlossen. Während die umgebenden Straßen und die Schleife über den Benjamin-Britten-Platz getrennt für motorisierten und nicht motorisierten Verkehr ausgelegt werden, bestehen die "Henry-Purcell-Straße" und die "Edward-Elgar-Straße" aus gemischt genutzten Flächen. Die restlichen Wege sind nur für Radler und Fußgänger zugelassen, so dass sich in dem rasterartigen Wegenetz jeder seinen idealen Weg selbst suchen kann. Außerdem ist so eine autofreie Durchquerung des zentralen Grünraumes möglich. Der Stadtbus wird mit einem Haltepunkt in die Gebietsmitte geführt. Ergänzend soll ein alternatives Mobilitätsangebot mit quartierseigenen Elektroleihrädern und Leihautos in der alten Fahrzeughalle an der Verdistraße angeboten werden.
    In Nähe des Gebietszentrums werden 72 offene Kurzzeitstellplätze angeboten. 320 Stellplätze sind den 10 Nachbarschaften zugeordnet und können von diesen nach Bedarf als PKW-Stellplätze, E-Bike-Ladestationen, Gerätehäuschen, Unterstand, Kinderhaus etc. gestaltet werden. Weitere 392 Stellplätze befinden sich in Tiefgaragen im Gebiet verteilt.
    Topografie
    Die derzeitigen Geländeterrassen bestehen aus aufgeschüttetem, für Gebäude nicht tragfähigem Erdreich, welches teil-weise durch massive Böschungsbauwerke gehalten wird. Nach einer Entsiegelung und dem damit verbundenen Bodenaustausch stellen sie keine wirtschaftliche Grundlage für eine Geländemodellierung mehr dar. Eine terrassenartige Abstufung des Geländes wird jedoch so beibehalten, dass sich in der Gebietsmitte der Blick auf einen zentralen Grünraum mit drei Stufen in der Art von "grünen Trittsteinen" bietet. Das hat den Vorteil, dass sich feinere Abstufungen von je 1 m Höhe ergeben, die leichter zu bewältigen sind. Außerdem kann das Gelände so von innen nach außen besser dem natürlichen Geländerverlauf angepasst und die Anschlusspunkte eleganter gelöst werden.
    Zentrum
    Im Sinne der oben angesprochenen Offenheit der Anlage bleibt der Benjamin-Britten-Platz, in den der Hauptzugang und die PKW-Schleife münden mittelfristig nicht nur dem studentischen Leben vorbehalten, sondern wird zum Gebietszentrum ausgebaut. Dafür wird vorgeschlagen, Gebäude 1 zu erhalten und statt der Gebäude 5 und 10 dieses für Studentenapartments zu ertüchtigen. Letztere können gleich oder später mit öffentlichkeitswirksamen Nutzungen (z. B. Seniorentagesstätte mit Café, Frühstückssaal für Studenten, Praxisgemeinschaften oder temporäres Wohnen) belegt werden.
    Im Sinne einer nachhaltigen Planung sollen die Studentengebäude (spätestens nach Auslauf des ersten Nutzungsvertrages mit der FHF) durch additive Elemente gestärkt werden. Zwei Kopfbauten verbinden je zwei Kasernengebäude zu Gebäudegruppen die den Platz fassen. Sie nehmen im EG Läden auf und in den Obergeschossen zusätzliche Appartements. Begrüßenswert wäre eine Teilnutzung der EGs der Gebäude 1-4 für ergänzende Nutzungen (Dienstleistungen, Arbeitsplätze, Ateliers) nach Möglichkeit schon während der Nutzung für die FHF, spätestens aber zur Zeit der Nachnutzung. Zum Süden erhalten die Bestandsgebäude offene Galerien, die sowohl Treppen und Aufzüge als auch Aufenthaltsflächen und Abstellboxen (Räder etc.) aufnehmen können und einen gestalterischen Akzent zur Vlothoer Straße setzen. Außerdem können zwischen je zwei Bestandsgebäude eingeschossige begrünte Tiefgaragen (je 76 Stellplätze) auf UG-Niveau hinzugefügt werden.
    Die seitlichen (PKW-) Zufahrten zum Quartiersplatz werden markiert durch die erhaltene Fahrzeughalle an der Verdistraße und einen viergeschossigen Bau für Quartiersmanagement im EG und Büroflächen in den Obergeschossen. Der Nahversorger und weitere publikumswirksame Nutzungen (z. B. Stadtteiltreffpunkt, Geschichtswerkstatt, Stadtteilbibliothek mit Lernräumen, Physiotherapie, Fitnessräume) ergänzen den Platz an seiner nordwestlichen Begrenzung.
    Als Gegenpol zur Quartiersmitte wird am nördlichen Ende des Grünzuges das temporär überdachte Stahlskelett der Reithalle freigelegt und zu einem Festplatz (Stadtloggia) für verschiedenste temporäre Aktionen (Streetball, Flohmarkt, Stadtteilfest, Skulpturenausstellung Marta etc.) genutzt. Ergänzend kann hier gut die geforderte Gemeinbedarfsfläche (lokales Freizeitzentrum, Selbsthilfewerkstätten etc.) Platz finden.
    Nachbarschaften
    Die Neubauten sind in 10 Nachbarschaften organisiert. Sie sind auch als Bauabschnitte zu verstehen, die stufenweise entwickelt werden können. Generell sind gemischte Wohnformen in jeder Nachbarschaft möglich. Im Sinne einer funktionierenden Gemeinschaft sollte aber je Nachbarschaft als Ziel ein Nutzungsschwerpunkt für eine ähnlich motivierte Lebensform etabliert werden (siehe Anregungen 1 bis 10 auf Blatt 01). Dementsprechend sind auch verschiedene Eigentumsformen (Privatgrundstück, Genossenschaft, Erbpacht, Miete) anzubieten.
    Jede Nachbarschaft gruppiert sich um einen „Innenhof“. In den Außenbereichen können hier private Grünflächen enthalten sein, die mit einem zentralen Weg verbunden sind. Dieser führt über eine der Nachbarschaft vorbehaltene Stellplätzfläche zu einem jeweils inhaltlich passend gestalteten Quartiersplatz. Er wird begleitet von Geschoßwohnungsbauten und öffnet sich zum zentralen Grünraum. Unter dieser Anlage befindet sich in vier Fällen eine Tiefgarage für 60 Stellplätze.
    Die gezeigten Gebäude sollen nur als Beispiel verstanden werden. Die genauen Positionen und Gestaltungen sind jeweils von den Nachbarschaften mit ihren Planern zu entwickeln. Lediglich Baugrenzen, Geschosshöhen und eine abnehmende Dichte von Südost nach Nordwest sind bindend.
    Grünflächen
    Die Gestaltung der Grünflächen im Quartier soll Bestandteil eines durchgängigen öffentlichen Grünzuges zwischen Langenberg und Stukenberg werden, mit seitlichen Anbindungen an die privaten Grünflächen der bestehenden Wohnquartiere. Innerhalb des Hammersmith Areals sind sie entsprechend der städtebaulichen Planung in öffentliche (Grünzug), halböffentliche (Nachbarschaftsplätze) und private (Gärten) Bereiche abgestuft. Die Gestaltung der Grünflächen innerhalb der Nachbarschaften wird mit den Bewohner-innen erarbeitet. Für den öffentlichen Grünzug ist eine naturnahe, organische Gestaltung aus unversiegelten Wegen, Blumen- und Streuobstwiesen (Bienenweiden) in Verbindung mit einem Trockenbachlauf geplant. Er ist nicht als Dekorationsgrün gedacht, sondern als intensiv nutzbare und von den Nachbarn interpretierbare Aufenthaltsfläche. Die Terrassierung ermöglicht gleichzeitig auch die Anlage von Spielflächen für Sport und Freizeit.
    Ökologie
    Nach einer Reduzierung der versiegelten Flächen um ca. 50% kann die Oberflächenentwässerung über offene Gerinne in einem durch den zentralen Grünzug mäandrierenden Trockenbachlauf gesammelt und über Retentionsfächen in das vorhandene unterirdische Rückhaltebecken geleitet werden. Durch die Eindeckung der Neubebauung mit begrünten Flachdächern wird ein zusätzlicher Beitrag zur Regenrückhaltung, Energieeinsparung durch Verdunstungskälte und Verbesserung des Kleinklimas erreicht. Bei der Architektur der Gebäude kann durch passiven Sonnenschutz und aktive Nutzung der Sonnenenergie gemeinsam mit einem Nahwärme- und Stromnetz (zentrales Blockheizkraftwerk für Alt- und Neubauten in Gebäude 1) auf Basis nachwachsender Rohstoffe eine CO2-neutrale Energieversorgung erreicht werden.
    Durch die hauptsächliche Orientierung der Wohngebäude in Ost-West-Richtung (bedingt durch die Hanglage) und die offene Organisation kann das Gelände im Sinne eines angenehmen Mikroklimas gut durchlüftet werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf entwickelt, im Süden ausgehend von den fünf Bestandsgebäuden der Fachhochschule für Finanzen (FHF), drei neue parallele Baufelder, die durch Erschließungsstraßen voneinander getrennt sind und so grundsätzlich auf die Topografie reagieren. Sie werden mittig durch einen von Süden nach Norden mit der Topografie abfallenden zentralen Freiraum geteilt. Die Bestandsgebäude der Pferdeställe bleiben erhalten und werden für Wohnen und Gemeinschaftseinrichtungen umgenutzt und begrenzen das neue Quartier zum Stiftskamp hin.
    Die Verfasser schlagen eine hohe bauliche Dichte für das Planungsgebiet vor sowie eine vielfältige, unterschiedliche Wohnqualitäten ermöglichende Typologie in den Baufeldern. Dabei entstehen hauptsächlich private, stellenweise gemeinschaftliche Freiflächen. Die Wohngebäude der FHF werden zu zwei Blocks zusammengefasst und bilden in südlicher Verlängerung des zentralen Freiraums eine interessante Erschließungsoption in Richtung Süden. Die Zerschneidung des zentralen Freiraums durch Straßen überzeugt nicht und ist funktional angesichts der in den Erschließungsstraßen liegenden Zufahrten der Tiefgaragen nicht notwendig. Die baumbestandenen Erschließungsstraßen parallel zu Schumann- und Mozartstraße sind überdimensioniert und leider nicht durch räumlich überzeugende Endpunkte begrenzt.
    Die Verteilung der Nutzungen überzeugt. Die grundsätzlich positiv bewertete zukünftige EG-Nutzung der Kasernengebäude der FHF und des Standorts der Kindertagesstätte erscheint für den Standort als sehr ambitioniert und ist in absehbarer Zeit nicht realisierbar. Die Nutzung des Hangars als Fahrradstation kann als wichtiger Beitrag zur zukünftigen Mobilität gewertet werden.
    Der Entwurf ist besonders in den neuen Baufeldern schlüssig und abschnittsweise zu realisieren. Er ist allerdings besonders im Nordosten mit deutlichen Eingriffen in die Topografie verbunden. Der Unterhalt der gemeinschaftlichen Freiflächen in den Baufeldern durch die angrenzenden privaten Nutzer erscheint fraglich. Angesichts der hohen Dichte ist der Anteil öffentlicher Verkehrsflächen zu hoch, der Anteil privater Flächen deshalb vergleichsweise niedrig.
    Der Entwurf stellt einen wichtigen Beitrag zur gestellten Aufgabe dar, ist aber im Bereich der FHF nicht realisierbar.


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