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  • DE-23552 Lübeck, DE-23552 Lübeck
  • 03/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-281547)

Das NEUE Buddenbrookhaus in Lübeck


  • 4. Preis

    Visualisierung Südfassade, © raumwerk Gesellschaft für Architektur und Stadtplanung mbH

    Architekten
    raumwerk Gesellschaft für Architektur und Stadtplanung mbH, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Jon Prengel , Sonja Moers , Thorsten Wagner

    Preisgeld
    8.500 EUR

    Erläuterungstext
    AUSSTELLUNGSKONZEPTION
    Der Ausstellungsgestaltung sind die zwei zentralen Begriffe zugrunde gelegt, die für die Bedeutung des Buddenbrookhauses und das Künstlertum der Familie Mann stehen: Die Sprache, also Ausdruck der Kraft des Wortes und das Buch als Form und Gefäß der schriftstellerischen Genieleistung. Für die chronologisch-biografischen Stationen wird ein einheitliches Holzmöbel konzipiert in rechtwinkeliger L-Form, das sich aus dem aufgeklappten Buch ableitet und den Raum auf unterschiedliche Weise gliedert. Sie kleidet ein Buchrücken zur Außenseite und eine mit Papier bezogene Vorderseite. Die abstrahierten Bücher werden durch Einbauten zu »Displays« und dienen je nach Exponat als Vitrine, Bücherregal, Aufbewahrungsschrank, Projektionsfläche, Pinnwand etc.

    Der fiktiv-literarische Teil der »Literatur-Inseln« nimmt Gestalt in klassischen, hölzernen Lesepulten als Innbegriff der konzentrierten Hingabe und Aufnahmen von Sprache und Text. Die Pulte, multimedial mit Sound, Video, Ipad oder Schreibevorrichtung ausgestattet, können, durchaus manövrierbar, alleine, als Duo, oder im Kreis aufgestellt als vielseitiges Hauptausstellungsmedium dienen. Große Papierbahnen, den Wänden vorgespannt, von der Decke hängend, an Schienen hin- und her zu bewegen, dienen darüber hinaus als Projektions- oder Darstellungsflächen für herausragende Textstellen, Zitate. Der Gang durch die Ausstellung folgt einem Narrativ und beginnt im EG mit historischer Fassade und durch die Diele des Buddenbrookhauses. Der Besucher betritt über Empfang und Café zur Rechten das Kontor und somit die Welt des ehemaligen und heutigen Lübeck. Das Kontor ist als neuartiger Museumsraum konzipiert: Eine Verbindung aus Museumsshop und Ausstellungsraum, der über die Station 0.2 »Willkommen im Weltbürgerhaus« den Rundgang eröffnet. Über die zentrale, alle Stockwerke überwindende, repräsentative Treppe betritt der Besucher die oberste Ausstellungsebene des Dachgeschosses. Der erfolgreiche Aufstieg der Kaufmannsfamilie Buddenbrook und die Bedeutung der Hanse- und Handelsstadt Lübeck wird hier körperlich nachempfunden. Von der obersten Ebene führt die Ausstellung abwärts und thematisiert sowohl den Verfall als auch die Errungenschaften der Schriftstellerfamilie Mann. Der Verfall der Kaufmannsfamilie wird über das kontinuierlich physische »Abwärts« inszeniert und führt am Ende des Rundgangs »Vom Elternhaus zur Menschheit« hinaus in die Welt und die Rezeptionsgeschichte. Aus Kuratorensicht bieten sich das Giebeldach in der Mengstraße 4 oberhalb der Galerie Station »Professor Unrat« für eine künstlerische Auftragsarbeit an. Ebenso wird eine Arbeit in-situ für den Boden z. B. der Ausstellungsfläche 1. OG Mengstraße 6 vorgeschlagen, die sich den Konterfeis der Manns und ihren literarischen Entsprechungen widmet. Attraktiv für eine Intervention durch Künstler ist auch die Wandfläche im Seminarraum (UG) zum Hof hin.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Leitidee, die historischen Raumproportionen aufzunehmen bzw. zeitgemäß zu übersetzen, um damit einerseits durch das Haus als Familienbesitz und gleichzeitig durch die Ausstellung zu führen, wird anerkannt, kann jedoch am Ende nicht in allen Belangen überzeugen.

    Das zusammenhängende Museumsgebäude städtebaulich, architektonisch und maßstäblich konsequent entsprechend der historischen Parzellengrößen mit seinen Brandwänden und historischen Fassaden in zwei ablesbare Häuser mit unterschiedlichen Dachkonstruktionen zu gliedern wird positiv bewertet. Die lange Kaskadentreppe an der Nahtstelle beider Häuser stärkt diesen Entwurfsansatz und verspricht als verbindendes Element mit Blick auf die gemeinsame Brandwand ein besonderes räumliches Erlebnis. Gleichzeitig werden die versetzten Geschosshöhen hier geschickt miteinander verbunden, so dass Decken und Fassaden zueinander passen. Dieser Ansatz, die Altsubstanz weitgehend unangetastet zu lassen, wird vom Preisgericht begrüßt. Das konsequente Herausarbeiten zweier Häuser wird allerdings durch die Vereinheitlichung der rückwärtigen Bauflucht sowie die sehr ähnliche Gestaltung der Hoffassaden konterkariert, deren Qualitäten nicht überzeugen können.

    Das Belassen der Durchfahrt auf der rechten Seite des Hauses Mengstraße 6 mit der Separierung der Bibliothek auf der linken Seite wird positiv gewertet und könnte den tiefen Durchfahrtsraum aufwerten. Eine stärkere Einbindung der Bibliothek in den funktionalen Zusammenhang des Museums ist allerdings nicht möglich – sie bleibt isoliert. Die Chance, dem Haus Mengstraße 6 wieder ein stützendes Erdgeschoss zu geben, wird nicht genutzt. Die Position des Haupteinganges im Haus Mengstraße 4 ist richtig. Die erdgeschossige Diele als zweigeschossiger Eingangsraum wird typologisch anerkannt, kann aber in ihrer Ausgestaltung und Atmosphäre nicht vollständig überzeugen. Das Café im Zwischengeschoss erscheint in seiner Lage isoliert und ist nicht barrierefrei erreichbar. Die Unterbringung der Verwaltung im Zwischengeschoss ist grundsätzlich denkbar, kritisiert wird hier aber die unzureichende Ausformulierung der Grundrisse gemäß Raumprogramm.

    Die Lage des Verwaltungsraums und der Sonderausstellung im Dachgeschoss ist gut gelöst und verspricht mit den unterschiedlichen Proportionen aus den Dachformen ein interessantes räumliches Gefüge. Der rasterförmige Lichteinfall mit hellen Lichtpunkten in der Sonderausstellung wird hinterfragt.

    Die innenarchitektonische Gestaltung der Ausstellung ist nicht näher ausgearbeitet. Sie ist bisher nur schematisch und vor allem textlich ausgeführt. Die Räume sind flexibel nutzbar. Das zentrale Treppenhaus kann wirksam und attraktiv als Symbol für Auf- und Abstieg der Buddenbrooks inszeniert werden. Allerdings steht die jetzige Anlage des Rundgangs der Geschichte entgegen: Der Besucher sieht als erstes das Thema Weltbürgertum in der Lübecker Herkunftsdiele. Anschließend steigt man über die Mitteltreppe auf zum Raum Buddenbrook unter dem Dach. Mit der Familiengeschichte der Manns steigt der Besucher hingegen ab, was der Erfolgsgeschichte der Schriftstellerfamilie entgegensteht. Denkbar wäre eine umgekehrte Führung. Es müsste geprüft werden, ob etwa eine Verlagerung der Wegeführung zu einem semantisch logischen Ausstellungsrundgang führen könnte. Eine bloße Umkehrung der Richtung würde dann nicht ausreichen.

    Die Arbeit liegt sowohl bei Baukosten, BGF und den Kosten für die Ausstellung im Durchschnitt der eingereichten Arbeiten.

    Die Arbeit überzeugt insgesamt durch ihre städtebauliche und architektonische Selbstverständlichkeit sowie die klare Grundstruktur, hat jedoch Schwächen im Ausstellungskonzept und der räumlichen Atmosphäre in Teilbereichen.