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  • DE-95336 Mainleus, DE-95336 Mainleus
  • 03/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-279814)

„Alte Spinnerei“ Markt Mainleus


  • 1. Preis

    DNR Lageplan M. 1:500, © DNR Daab Nordheim Reutler PartGmbB

    Stadtplaner
    DNR Daab Nordheim Reutler PartGmbB | Architekten, Stadt- und Umweltplaner, Leipzig (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Dr. Karlfried Daab , Irmela von Nordheim , Adrian Reutler

    Mitarbeit
    Thorben Mielke

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: Alkewitz Landschaftsarchitekten, Erfurt (DE)

    Preisgeld
    14.500 EUR

    Erläuterungstext
    Leitidee

    Die mehr als 100-jährige städtebauliche Dominanz durch den prägenden Gebäudekomplex der Spinnerei soll Ausgangspunkt für die Zukunft von Mainleus werden. Die zusammenhängende Hallenstruktur soll als sichtbarer Teil der Geschichte in großen Teilen erhalten werden und wird zur Umnutzung aufgelockert. Die Identität des Ortes bleibt als deutliches Zeichen lesbar.

    Städtebauliches Konzept
    Mit der Öffnung des Geländes wird das ehemalige Spinnereigelände Teil der Ortslage von Mainleus. Unterstützt wird dies durch den neuen quergelagerten Platz im Verlauf der Spinnereistraße, der die künftigen Zugänge zusammenfasst und eine angemessene Bühne für das Quartier bereitet. Mit seinen linienförmig verlaufenden Bodenbelägen zeichnet er den Weg des Fadens von der Spule bis zum textilen Gewebe nach. Sowohl vom Konrad-Popp-Platz als auch von der deutlich erweiterten Unterführung vom Bahnhof gelangt man über diesen Vorplatz in das Kultur- und Gründerzentrum.
    Dieses Zentrum umfasst kulturelle Einrichtungen wie das Kulturhaus, das Museum im alten Kesselhaus, den Nahversorger am Parkplatz sowie Manufakturen, Oldtimerdepot mit Ausstellung und Handwerksbetriebe. Die Eingänge orientieren sich um einen geschützten begrünten Quartiersplatz als Treffpunkt mit Außengastronomie (Cafe/Biergarten).
    Nach Westen anschließend kann die die Mainleus MOTO das eindrucksvolle historische Portal in die ehem. Weberei als Entree nutzen.
    Weiter nach Westen in Richtung des Wohngebiets an der Peter-Beck-Straße sowie nach Norden schließen sich Wohnquartiere für unterschiedliche Nutzergruppen und Wohnformen an. Studentenappartements, barrierefreie Wohnungen auch für Wohngemeinschaften sowie ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung finden einen besonderen Raum unter den Dächern der ehem. Weberei. Von den sechs statisch voneinander unabhängigen Stützensystemen bleiben drei Systeme erhalten, die mit Belichtungs- und Erschließungshöfen und Einschnitten an den Rändern geöffnet werden.
    Zwischen den drei Hausgruppen entstehen gemeinschaftliche Grün- und Aufenthaltsbereiche für jung und alt. Aus diesen Freiräumen öffnet sich der Blick nach Osten in die zentrale Parkfläche.

    Erschließungskonzept
    Die verkehrliche Erschließung der Wohnquartiere erfolgt ausschließlich von Westen über die Industriestraße. Die kurze Straße wird als Mischverkehrsfläche gestaltet. Alle übrigen Nutzungen werden hauptsächlich von der Spinnereistraße über einen Schleifenring erschlossen. Einige Gewerbebetriebe im Norden erhalten eine Zufahrt direkt von der Industriestraße im Norden.
    Der ruhende Verkehr wird an den Rändern des Plangebiets gebündelt. Hier sind auch Ladesäulen und Flächen für Car- und Bike-Sharing angeordnet.
    Fuß- und Radwege verbinden in Ost-West-Richtung das Sportzentrum im Osten mit den vorhandenen Wohngebieten im Westen. Im Wegekreuz mit der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden historischen Wegeachse liegt die Markthalle mit einem Marktplatz für regionale Erzeuger.
    Realisierungsabschnitte und Zwischennutzungen
    Das Konzept kann in flexiblen Einzelschritten realisiert werden. Initialzündung für die Entwicklung des Gebiets könnte die Gestaltung des Quartiersplatzes mit seinen angrenzenden vielfältigen Nutzungen sowie die Dauernutzung der Mainleus Moto sein.
    Unabhängig davon können die Wohngebiete entwickelt werden. Als Zwischennutzung für die Hallen bietet sich ihre Nutzung für Sport und Freizeit an (BMX-Parcour, Indoor-Skating usw.).
    Leere Hallen können temporär für Logistik-Unternehmen, als Lager oder als Werkstätten vermietet werden.
    Mittelfristig können die bestehenden Hallen auch als Schauflächen für die kleine Landesgartenschau verwendet werden. Die Hauptattraktion der kleinen Landesgartenschau ist natürlich der neue zentrale Park mit Wasserfläche.

    Immissionsschutz
    Emittierende gewerbliche Nutzungen sowie Wohnnutzungen werden im Plangebiet räumlich getrennt. Die vorgesehene Gewerbefläche für die Firma AFC Hartmetall grenzt an das bestehende Großgewerbe östlich des Plangebiets und wird abgeschirmt von der Rückseite des Handwerker- und Gewerbehofs. Die übrigen gewerblichen Bauflächen (eingeschränktes Gewerbegebiet GE(e)) grenzen im Norden des Plangebiets an die dort vorhandenen großflächigen Gewerbegebiete entlang der Industriestraße an.
    Die schützenswerte Wohnbebauung liegt im großen Abstand zu emittierendem Gewerbe im Westen des Gebiets. Sie wird auch durch das kulturelle Zentrum vom Gewerbelärm geschützt.

    Energie- und Klimaschutz sowie Regenwassermanagement
    Die Aufenthalts- und Wohnbereiche der Wohnungen sind überwiegend nach Süden oder Westen orientiert. Ausreichende Gebäudeabstände vor den nach Süden ausgerichteten Fassaden erlauben auch im Winter eine Ausnutzung der passiven Solarenergie.
    Die vorhandenen Sheddächer sind mit einer Neigung von ca. 30° nach Süden ausgerichtet und so optimal für die Anbringung von Solar- und Photovoltaikanlagen geeignet.
    Zur Wärmeversorgung kann sowohl die Produktionswärme aus den benachbarten produzierenden Gewerbebetrieben genutzt als auch ein Blockheizkraftwerk im ehem. Heizhaus betrieben werden. Auch die Erdwärme der beiden vorhandenen Brunnen wird als Grundlast verwendet.
    Das anfallende Niederschlagswasser wird soweit möglich am Entstehungsort genutzt bzw. versickert. Das übrige Wasser wird in den flachen See im Park geleitet, kann dort verdunsten oder zeitverzögert in den Vorfluter eingeleitet werden.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Verfasser der Arbeit setzen sich nicht nur sensibel mit der Struktur des Ortes auseinander, dieser Entwurf trifft den Geist des Ortes.
    Die Autoren lassen sich vom Takt der alten Hallen inspirieren und nutzen diese intensiv zur Unterbringung der angestrebten Nutzungen. Geschickt werden die großen Fabrikhallen an den richtigen Stellen aufgeschnitten und neue Wege/Erschließungsräume in das Gebiet eingefügt bzw. bestärkt, um sukzessive Entwicklungen zu ermöglichen.
    Dabei werden für Wohnen und Gewerbe getrennte und damit sich gegenseitig nicht störende Erschließungen angelegt. Diese Herangehensweise offeriert Mainleus verschiedene, eindeutig zuzuordnende Entwicklungsfelder. Lärmkonflikte werden durch die Einhaltung der notwendigen Abstände konsequent vermieden.

    Die gesamte Interpretation der komplexen Aufgabe des Verfahrens wird überzeugend geführt: Die Autoren gehen bei allen entwurflichen Entscheidungen sehr systematisch vor, finden dennoch immer wieder eigenständige Antworten auf die verschiedenen Situationen.
    Auftakt ins Gebiet schafft ein quer angelegter Platz im Süden. Dieser ist markant und robust genug, um notwendige Stellplätze aufzunehmen und bildet gleichzeitig ein angemessenes Vorfeld. Logisch zur Bestandssituation und aus dem Gesamtkonzept heraus werden im Süden der Gesamtanlage die wertvollsten Bauten der Fabrik für gemeinschaftliche-öffentliche bzw. gewerbliche Nutzungen angeboten. Damit entsteht ein Nutzungsfeld von großer Anziehungskraft.

    Spannendstes Moment der Arbeit ist der Umgang mit dem Bestand im Norden:
    Die nördlichen gelagerten Hallen werden in 3 Stränge geteilt und zu einem innovativen Wohngemeinschaftskonzept umgebaut. Auch wenn sich im Einzelnen viele Fragen an den Umgang mit der bestehenden Struktur stellen, findet das Preisgericht die erzeugte Maßstäblichkeit und erkennbare Atmosphäre dieser Intervention sehr überzeugend. Die Bauten der Mainleuser Spinnerei werden belebt, nicht abgerissen.

    Ebenso werden die im Südosten des Areals gelegenen Fabrikhallen auf nutzbare neue Größen zurechtgeschnitten. Dabei wird diszipliniert vorgegangen – möglichst weitgehend wird Substanz erhalten, der Duktus der Fabrik bleibt spürbar.
    In diesem Gebiet werden Hofräume eingeschrieben, die dem Nahversorger oder den angrenzenden Dienstleistern gut nutzbare Außenräume bieten. Ob die vorgeschlagene Markthalle im Bestand Mainleus beflügelt oder überfordert, vermag das Preisgericht heute nicht entscheiden - auch ohne diesen Baustein kann das Konzept bestehen.

    Ungewöhnlich und doch klar, geradezu beispielhaft erfolgt der Cut zum Freiraum: die Verfasser konzentrieren Nutzungen im südlichen und westlichen Teil des Fabrikareals, eine Landschaftskante schafft eine balkonartige Situation zum Freiraum.
    Großzügig und eigenständig wird ein offener Raum zum anschließenden Sportfeld geschaffen.

    Die notwendigen neuen Gewerbeflächen/neuen Hallen werden ebenso geschickt wie gut proportioniert in das Gesamtkonzept eingefügt. So entstehen im Nordosten und im Süden im Anschluss an die vorhandenen Gewerbegebiete neue Flächenausweisungen, die separat entwickelt werden können.
    Die Lesbarkeit der Planung ist im Bereich Südost nicht sehr deutlich und wäre zu untersetzen.

    Die neugeplanten Wohnergänzungen auf der Westseite des Grundstücks sitzen richtig, sind aber noch nicht optimal nach Süden angebunden (Fußwegeverbindung zum Konrad-Popp-Platz wäre wünschenswert). Dieser Part der Arbeit rundet das Konzept strukturell ab, erscheint aber weniger richtungsweisend, was für die sich auf den Bestand fokussierende Arbeit auch angemessen erscheint.

    Die Verfasser zeigen insgesamt ein großes Einfühlungsvermögen in den Ort und schaffen ein Gesamtkonzept von großer Klarheit, ihre Gestaltungslösungen sind fundiert und von hoher Qualität.
    Insgesamt ist das Preisgericht beeindruckt von der konzentrierten Arbeit.