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  • DE-95100 Selb, DE-95100 Selb
  • 03/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-298548)

Westliche Altstadt Selb mit Integration des künftigen Factory Outlet Centers


  • ein 2. Preis Ideenteil

    Lageplan, © winkelmüller.architekten / SINAI / Machleidt

    Architekten
    winkelmüller.architekten gmbh, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Henner Winkelmüller

    Mitarbeit
    Daniel Cabrera Santana, Clemens Kirchmaier, Sebastian Gade

    In Zusammenarbeit mit:
    Stadtplaner: Machleidt GmbH, Berlin (DE)
    Landschaftsarchitekten: SINAI Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin (DE)

    Preisgeld
    16.000 EUR

    Erläuterungstext
    Porzellanstadt Selb - Die neue Mitte in der westlichen Altstadt

    Das neue Zentrum von Selb präsentiert sich als neuartige markante städtebauliche Figur.

    Städtebau

    Die zu erhaltenen Gebäude an der Friedrich-Ebert- und Bahnhofstraße werden jeweils durch eine geschlossene Riegelstruktur zu klar ablesbaren blockartigen Raumfiguren mit privaten Innenhöfen arrondiert. Gleichzeitig bilden diese neuen Baukörper eine klare Adresse mit belebten Erdgeschossen zum neuen Zentrum.
    Zwischen den neu definierten Raumkanten durch die Arrondierung und den bestehenden Raumkanten an der Marien-, Bahnhof- und Ludwigstraße spannt sich ein neuer durchgängiger Stadtraum als merkantiles Zentrum auf.
    In den neu definierten Stadtraum werden solitäre Gebäude eingestellt, welche durch ihre Stellung einerseits klar den verlärmten Straßenraum vom ruhigen Fußgängerbereich trennen sowie die beiden Höhenniveaus verknüpfen und andererseits eine Durchlässigkeit zum übrigen Stadtraum herstellen.
    Der innenliegende Fußgängerbereich mit den Läden im EG (Niveau Fußgängerzone) bietet eine geschützte durchgängige Verbindung von der Kernstadt bzw. dem Rathaus bis zum „Factory In“ mit hohen Aufenthaltsqualitäten und eröffnet immer wieder Anbindungen und Vernetzungen zum angrenzenden Stadtraum.
    Die Straßenräume der Marien-, Bahnhof- und Ludwigstraße werden nicht zu Rückseiten, sondern erhalten durch die Zugänge zu den Büros und Wohnungen (EG Niveau Straße bzw. OG in Bezug auf Niveau Fußgängerzone) sowie den Querverbindungen zum Innenbereich ebenfalls eine Adressqualität.
    Die Solitärgebäude erlauben eine hohe bauliche und gestalterische Flexibilität, Individualisierung, Prägnanz und damit auch einen enormen Wiedererkennungswert. Sie können am Marienplatz als Stadtentrée sowie am Sparkassenplatz als Orientierungspunkt durch eine leichte Überhöhung und repräsentative Architektur zusätzlich inszeniert werden.

    Freiraum

    Die Qualität des Freiraums beruht auf einer abwechslungsreichen und organischen Raumfolge. Platzräume und Gassen, Aufweitungen und Verengungen führen den Besucher von der Heinestraße bis hinunter zu Rathaus und Selb. Trotz der Durchlässigkeit der Solitäre und der Fugen zum umliegenden Stadtraum bietet das Ensemble einen geschlossenen und bergenden räumlichen Charakter mit attraktiven Baukanten. Die räumliche Gestaltung der Räume zielt daher auf eine Akzentuierung des Raums ab, mit Einzelbäumen und lockeren Baumgruppen auf den Platzweitungen. Der organische Charakter der Anlage wird dabei unterstützt. Der lichte Schatten unter dem Blätterdach der lockerkronigen Gleditsien bietet Raum für frei angeordnetes Mobiliar, kleinteilige Spielobjekte für Kleinkinder und ein bodenbündiges Wasserspiel im nördlichen Cluster.
    Der räumliche Zusammenhang wir durch die durchgängige Textur des Belages unterstützt. Der Pflasterteppich aus nachgestocktem Kleinsteinpflaster aus Granit unterlagert die Gebäude und bildet ein Belagsband bis zum Rathaus. Die städtebaulich angestrebte Verwebung mit dem öffentlichen Raum wird durch ein Durchbinden des Belages bis zu den Straßenräumen unterstützt. Die Heinestraße zum bestehenden Outlet und die Ludwigstraße vor dem Rathaus werden dabei ebenfalls aufgepflastert und zu Fußgängerbereichen bzw. zu geschwindigkeitsreduzierten, verkehrsberuhigten Bereichen umgewidmet.

    Architektur

    Die neue Bebauung gliedert sich in zwei verschiedene Grundtypen: zum einen lineare Zeilenbauten, welche eher zurückhaltend ausformuliert werden und die Blockfragmente der Bestandsbauten städtebaulich ergänzen. Zum anderen Solitärbauten, die an geschliffene Kristalle erinnern. In einer städtebaulichen Abfolge rhythmisieren sie den Straßenraum und fassen die Fußgängerzone, ohne ein Vorne und Hinten auszubilden.
    Die monolithischen Baukörper agieren als städtebauliche Hybride. Während sie die Fußgängerzone mit Geschäften flankieren, ermöglichen sie über zur Straße hin die Nutzung von Büros und weiteren Infrastrukturen. Ergänzt wird der Nutzungsmisch aus Wohnungen, die das obere Geschoss belegen. Den Wohnungen sind jeweils Dachterrassen zugeordnet, die sich zumeist zum ruhigeren straßenabgewandten Innenraum orientieren. Die Gebäudestruktur bietet eine flexible Nutzung in den oberen Geschossen. Büros oder Wohnungen können je nach Bedarf und Nachfrage gemischt oder getauscht werden. Auch die Fassade wickelt sich als nutzungsneutrale Lochfassade um die Solitäre herum.
    Als Referenz an die Porzellankultur in Selb wird eine samtige, weich glänzende keramische Oberfläche als Fassade vorgeschlagen. Die Solitäre erhalten so eine wertige Erscheinung und werden ihrem Anspruch als hochwertige Stadtbausteine mit imageprägender Präsenz gerecht. Die Fenster werden mit leicht hervorstehenden Faschen kräftig gerahmt und greifen so ein traditionelles Element der historischen Bestandsbauten auf.
    Alle Baukörper werden in den Bereichen, in denen sich keine nutzbaren Dachterrassen befinden mit einer Dachbegrünung versehen, wodurch große Mengen an Regenwasserretentionsflächen entstehen.

    Verkehr

    Um eine kreuzungsfreie Querung der Fußgängerzone mit der Hauptverkehrsader der Stadt zu gewährleiten wird die Ausbildung des Kreisverkehrs am Sparkassenplatz aufgegriffen. In der Mitte der Verkehrsinsel wird zur Belichtung im Bereich der Schnittmenge mit der Fußgängerzone der Kreiselmittelpunkt ausgestanzt.
    In Bereichen von höherer Verkehrsbelastung werden die Solitäre mittels transparenter Erschließungsbaukörper zusammengebunden, um Geborgenheit und Schallschutz für die Fußgängerzone zu gewährleistet.
    Der ruhende Verkehr wird über die Friedrich-Ebert-Straße in einem Parkhaus aufgenommen, welches direkt an die Fußgängerzone angebunden ist. Somit wird eine direkte und barrierefreie Anbindung des Parkhauses mit der Fußgängerzone gewährleistet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Städtebauliche Ausbildung und Qualität der Freiräume
    Der Entwurf schafft zwei klar gegliederte Bereiche, welche eigenständige abgeschlossene innerstädtische Räume bilden. Der dadurch neu gebildete Stadtraum ist in der Größe und Ausprägung der Aufgabe angemessen. Die Rückseiten der bestehenden Stadtstruktur werden durch neue davorliegende Gebäudezeilen geschickt abgegrenzt. Diesen Zeilen gegenüberliegende Einzelgebäude reihen sich perlenkettenartig entlang der Marien- und Bahnhofstraße auf und schaffen zu diesen gut platzierte Durchgänge und Blickachsen. Die Setzung der einzelnen Baukörper und die Geschoßigkeit ist angemessen, ortsgerecht und nachvollziehbar umgesetzt. Die aufgezeigte Lösung mit der Unterführung des Sparkassenplatzes ist qualitätsvoll ausgearbeitet.

    Qualität der Freiräume
    Der Entwurf zeichnet sich durch eine gut proportionierte Abfolge von Freiräumen im Inneren und angenehm großzügig dimensioniere Vorflächen entlang der Straßen aus. Die Verbindung mit der umgebenden Stadtstruktur ist über mehrere Zugänge gegeben, allerdings durch die Tieflage des Zwischenraums mehrheitlich über Treppen. Die Unterführung gewährleistet eine durchgängige Geschäftslage, bedarf aber aufgrund der öffentlichen Nutzung einer besonderen Pflege und sozialen Kontrolle. Die einheitliche Pflasterung und die vorgeschlagenen Freiraumelemente stärken den urbanen Charakter der Anlage. Die Einbeziehung der Heinestraße und des Rathausvorfeldes in diesen Bereich ist folgerichtig und wird positiv vermerkt.

    Architektonische und funktionale Qualität
    Die vorgeschlagene Fassadengestaltung und die klare Trennung von Sockel- und Obergeschossen sind funktional und architektonisch gut gelöst. Die Wahl eines keramischen Materials für die neuen Fassaden greift die Geschichte Selbs auf und stellt somit eine identitätsstiftende Lösung dar. Die Durchmischung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Handel und Gastronomie ist geschickt gelöst. Aufgezeigte Wohnungsgrundrisse, Adressierung, Erschließung und die Fassadengestaltung im Realisierungsteil sowie der räumliche Umgang mit der Topografie lassen hohe Qualität erhoffen. Durch die Einzelgebäude entstehen gut funktionierende Verkaufsräume ohne Rückseiten, da sich die Gebäude sowohl zur neuen innen liegenden Erschließung, als auch zur Marien- und Bahnhofstraße öffnen.

    Lärmschutz
    Durch die Zusammenbindung der einzelnen Baukörper durch gläserne Passagen am Marienplatz, wird dem Lärmschutz Rechnung getragen.

    Verkehr
    Das Parken ist ausschließlich in der unteren Friedrich-Ebert-Straße platziert. Eine Erschließung, zumindest in eine Fahrtrichtung über die Schillerstraße wird vermisst. Für den westlichen Bereich des Outlet-Centers sind keine Stellplätze vorgesehen. Die Lösung mit einem Kreisverkehr am Sparkassenplatz ist zur Verkehrsabwicklung nicht zwingend erforderlich. Die Verkehrsberuhigung der Heinestraße ist möglich und schafft einen guten Übergang zum bereits bestehenden Factory-In. Die Erschließungen des Outlet Centers sind gut gelöst.

    Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit
    Die Arbeit geht wirtschaftlich mit den geforderten Flächen um. Durch die Ausbildung von einzelnen Baukörpern entlang der Erschließungsstraßen ist auch langfristig eine flexible Nutzung der Gebäudevolumen möglich.

    Allgemein werden eine hohe städtebauliche und architektonische Qualität sowie die Bearbeitungstiefe der Arbeit hervorgehoben.