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  • DE-91564 Neuendettelsau, DE-91564 Neuendettelsau
  • 05/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-301746)

Ersatzneubau der katholischen Pfarrkirche St. Franziskus in Neuendettelsau


  • 3. Preis

    Kirchenraum, © Franz Steinberger

    Architekten
    Franz Steinberger, Architekt, München (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Martina Servos, Felix Stark

    In Zusammenarbeit mit:
    Modellbauer: Thomas Egger Modellbau | Frässervice, München (DE)
    Landschaftsarchitekten: Stefan J. Hierl Landschaftsarchitekt, München (DE)

    Erläuterungstext
    BAUGESCHICHTE UND AUFGABENSTELLUNG
    Die Pfarrkirche St. Franziskus in Neuendettelsau wurde in den Jahren 1961/ 62 nach den Plänen des Nürnberger Architekten Ferdinand Reubel erbaut. Dem Kirchengebäude mit quadratischen Grundriss und flachen Dach (21x21x9m L/B/H) ist ein quadratischer Hof vorgelagert, der von einer ca. 3m hohen Mauer umschlossen ist. Während das Pfarramt, welches die Südseite des Innenhofes umschließt, mit der Kirche errichtet wurde, ist das Pfarrheim erst ca. 20 Jahre später (1980/81) an die Nordseite des Hofes gebaut worden. Ein vor der Hofanlage freistehender quadratischer Kirchenturm ergänzt das Ensemble.
    Während der Turm, das Pfarrheim, das Pfarramt und die Mauer mit hammerrechtem Schichtenmauerwerk aus hellem Kalkstein verkleidet oder ausgefacht sind, ist am Kirchengebäude die Strahlbetonkonstruktion sowohl innen als auch außen weitgehend
    unverkleidet sichtbar.
    Da das Kirchengebäude alters- und bauzeitbedingte Mängel aufweist und der für ca. 300 Personen konzipierte Kirchenraum an Sonntagen nur von 80-100 Besuchern genutzt wird, soll im Rahmen eines Architektenwettbewerbs Vorschläge für den Neubau der Kirche oder den Umbau des bestehenden Gebäudes erarbeitet werden.
    Obwohl die Kirche St. Franziskus in Neuendettelsau wenige Tage vor dem Beginn des 2.Vatikanischen Konzils (Oktober 1962 - Dezember 1965) am 07.10.1962 durch Bischof Joseph Schröffer geweiht wurde, sind hier viele Aspekte der späteren Liturgiereform umgesetzt. Der Kirchenraum ist somit ein frühes Zeugnis der kirchlichen Reformbewegung, die bereits in den 1920er Jahren begann und durch das 2.Vatikanische Konzil manifestiert wurde.
    Da die gesamte Hofanlage darüber hinaus eine hohe gestalterische Qualitäten aufweist und sehr konsequent umgesetzt wurde ist der Erhalt der Kirche, das Herzstück des Ensembles, anzustreben und einem Ersatzbau unbedingt vorzuziehen.

    MAßNAHMENBESCHREIBUNG
    Zur Erfüllung der aktuellen funktionalen Anforderungen und zur Behebung der technischen Probleme werden für den Umbau der Kirche folgende Maßnahmen vorgeschlagen:
    Zunächst wird das Bauwerk auf die raumbildende Stahlbetonkonstruktion, die vier Außenwände / Außenstützen und die Kassettendecke zurückgeführt.
    Um den Kirchenraum von derzeit ca. 410m² auf ca. 240m² zu verkleinern wird innerhalb des Kirchenraums ein Geviert mit neuen Stahlbetonwänden abgegrenzt, welches die vorhandene Gebäudehülle nicht berührt. Dabei wird die Ausrichtung des neuen Kirchenraums um 90° gedreht, so dass die Kirche geostet ist.
    Das raumbestimmende Element des neuen, introvertierten Kirchenraums ist die „historische“ Stahlbeton-Kassettendecke, welche durch das Raster die Raumgröße definiert und durch das kreuzförmige Öffnen von Deckenfelder zur raumerfüllenden Lichtquelle wird. Durch das kreuzförmige Zenitlicht wird ein sakraler Raum erschaffen, der von der Welt entrückt ist.
    Der von vier Wänden umschlossene Versammlungsraum öffnet sich lediglich im unteren Drittel der Zugangsseite über die gesamte Breite zum Innenhof und schafft so die Verbindung zur profanen Außenwelt.
    Der neue Bodenbelag besteht aus hellen Jura-Kalksteinplatten. In Verbindung mit den neuen weißpigmentierten Sichtbetonwänden und der vorhandenen Stahlbetondecke entstehen monochrome aber nuancierte Oberflächen, die einen zeitgemäßen schlichten und würdigen Kirchenraum schaffen.
    Die zentralen liturgischen Orte sind auf einer Altarinsel aufgestellt, die sich weit in den Kirchenraum hineinschiebt, so dass das Kirchengestühl dreiseitig um den neuen, punktförmigen Altar angeordnet werden kann. Die Gemeinde versammelt sich entsprechend den Vorgaben des 2. Vatikanischen Konzils um den Altar zur Feier der Eucharistie (omnes circumstances).
    Die Prinzipalstücke Altar, Ambo und Vorsitz werden aus dem bestehenden Altarblock (Jura-Kalkstein) gefertigt. Die vorhandenen, raumbestimmenden Ausstattungstücke (Kruzifix, Tabernakel, Taufstein, Muttergottes) werden im neuen Kirchenraum
    wiederverwendet und neu aufgestellt. Das Gestühl wird aus massivem Eichenholz gefertigt.
    Zwischen dem vorhandenen Außenvolumen und dem neuen Kirchenraum entstehen schmale Raumschichten, die verschiedene funktionale und raumklimatische Funktionen übernehmen. Neben einer kleinen Marienkapelle, die auch als Werktagskapelle dienen kann, finden hier die Orte für die Taufe und für die Buße als Raumerweiterungen zwischen dem neuen Kirchenraum und den bestehenden Außenwänden Platz. Durch die Einführung einer zweiten Ebene kann sowohl eine Empore für die Orgel als auch eine zweigeschossige Sakristei untergebracht werden. Als Übergang vom Innenhof zum neuen Kirchenraum entsteht ein hoher Vorraum.
    Die Fassade zwischen den bestehenden Stahlbetonpfeilern wird mit einer Einfachverglasung geschlossen, so dass ein Zwischenklima zwischen Außenraum und Kirchenraum hergestellt wird, wodurch die bauphysikalischen Schwächen der vorhandenen Stahlbetonkonstruktion gelöst werden können.
    Nach dem Prinzip des Kastenfensters wird auch auf der Ostseite eine schmale Raumschicht hinter dem Kirchenraum geschaffen, welche die Temperaturschwankungen zwischen Innen- und Außenraum kompensieren kann.
    Da dieser Raum den Ort der Beichte mit der Taufkapelle verbindet kann er als Weg der Buße begangen und erlebt werden.

    AUßENRAUMGESTALTUNG
    Da sich die bisherige Gestaltung des Innenhofes als eine Fortführung der Kirchengeometrie darstellt, soll auch hier die ursprüngliche Entwurfsidee beibehalten werden. Durch die Ergänzung des Pflasterbelags wird der bestehende Charakter des
    Innenhofes verstärkt und durch neue Ausstattungsgegenstände wie Sitzblöcke und Quellsteine mit fließendem Wasser erweitert.
    Die Zugänglichkeit des östlichen Teils des Grundstückes wird durch eine neue Zuwegung ermöglicht.
    Die Fluchttreppe aus dem Kellergeschoss des Pfarrheims kann durch wenige Eingriffe in den Grundriss des Kellergeschosses an der nördlichen Seite platziert werden.

    ZUSAMMENFASSUNG
    Durch die vorgeschlagenen Maßnahmen muss die bestehende Kirche, welche ein mutiges Zeugnis einer Aufbruchstimmung aus der Mitte des 20.Jahrhunderts ist, keinem Ersatzbau weichen. In der seit Jahrhunderten praktizierten Tradition des Kirchenbaus
    kann das, von der vorangegangenen Generation geschaffene Gotteshaus so umgebaut und auf die aktuellen Bedürfnisse angepasst werden, dass es den heutigen technischen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wird, und eine zeitgemäße Nutzung auch in Zukunft möglich ist.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Basierend auf der Übernahme des Bestandsgebäudes bleiben Lage und Stellung der Kirche unverändert. Die bisherigen Qualitäten werden aufgenommen, bewahrt und durch die neue Eingangssituation verstärkt. Diese öffnet sich zum Innenhof und bezieht den Innenhof mit in das Konzept ein.
    Die Neugestaltung des Innenhofes mit Sitzmöglichkeiten und Quellsteinen wird positiv bewertet. Auch die Neusituierung des Kriegerdenkmals stellt eine Verbesserung des Ist-Zustandes dar.
    Der neue rückwärtige Zugang an der Ostseite entlang zum Pfarrheim wird als nicht erforderlich betrachtet. Die Freifläche für das Büro des Pfarrers erscheint ohne Sichtschutz nicht nutzbar. Die räumliche Gestaltung des Grundrisses ist klar und gut strukturiert.
    Der Altarbereich ist ausreichend und großzügig dimensioniert und erfüllt die liturgischen, gottesdienstlichen Erfordernisse gut. Die Abmessungen der Werktagskapelle allerdings sind zu knapp / zu schmal und werden kritisch gesehen.
    Die Platzverhältnisse in der Sakristei und in den Ministranten-Umkleiden erscheinen durch den Einbau der Treppe sehr eng und der Nachweis der Nutzbarkeit ist nicht erbracht. Auch die Stauflächen für die Messgewänder und die Flächen für die Ministranten sind nicht ausreichend vorhanden.
    Die ruhige und zurückhaltende Gestaltung der Innenwandoberflächen wird als sehr positiv bewertet und bietet u.a. Möglichkeiten, die Wände mit Projektionen zu bespielen.
    Die starre Anordnung der Kirchenbänke ist in Frage zu stellen. Es wären auch mobile Kirchenstühle denkbar.
    Die Bezeichnung des Zugangs zum Beichtort sollte besser umbenannt werden, z.B. Weg der Erneuerung /Versöhnung.
    Die Flächenvorgaben sind zwar grundsätzlich erfüllt, jedoch wären Bewegungsräume, Verkehrsflächen und räumliche Flexibilität noch im Detail zu überprüfen.
    Der Chor findet zwar auf der Empore Platz, jedoch bei sehr beengten Verhältnissen.
    Durch die Wiederverwendung des Bestandes und das gewählte Raum-im-Raum-Konzept ist eine hohe Nachhaltigkeit sichergestellt. Die Bauweise ist ressourcen- und umweltschonend. Das Einstellen einer neuen Konstruktion und deren Funktion als Klimapuffer wird positiv betrachtet.
    Die Anordnung und der Einbau der angedachten Dachoberlichter wären hinsichtlich Wärme- und Sonnenschutz sowie insbesondere bezüglich der statischen Belange sorgfältig zu planen.
    Durch die gewählte Konstruktion und die Materialen ist mit einem wirtschaftlich vertretbaren Unterhalt und Betrieb zu rechnen. Die Baukosten sind im angemessenen, mittleren Bereich zu erwarten.
    Insgesamt ein klarer, maßstäblicher und angemessener Entwurf mit hoher gestalterischer Qualität, in dem die liturgischen Belange sehr gut gelöst sind.