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  • DE-99084 Erfurt, DE-99091 Erfurt
  • 05/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-286742)

Modellvorhaben „Neue Gartenstadt mit System“ - Wohnbebauung Tallinner Straße in Erfurt


  • Anerkennung

    Lageplan, © raumwerk GmbH

    Architekten
    raumwerk Gesellschaft für Architektur und Stadtplanung mbH, Frankfurt am Main (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Jon Prengel , Thorsten Wagner , Sonja Moers

    Mitarbeit
    Kai Rappold, Jan Fritz

    In Zusammenarbeit mit:
    Landschaftsarchitekten: ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin (DE)

    Erläuterungstext
    Städtebauliches Konzept
    Das zu bebauende Grundstück für die „Neue Gartenstadt mit System“ befindet sich im NordwestenErfurts. Die besondere städtebauliche Situation zwischen dem Plattenbau-Wohngebiet Moskauer Platzund der Gera Aue (dem Kernbereich der BUGA 2021) wird charakterisiert durch die 11- bzw. 5-geschossigen Systemgebäude WBS 70 auf der einen Seite und der reizvollen Landschaft auf der anderen Seite des Grundstücks. Die vorhandenen großmaßstäblichen Gebäuderiegel in der Umgebung erzeugen undifferenzierte
    städtische Räume ohne klare Adressierung der Hauseingänge. Im Gegensatz dazu entwickelt das vorgeschlagene Konzept eine kleinteilige polygonale Bebauung mit 6 Mehrfamilienhäusern. Diese 3- und 5-geschossigen Atriumhäuser sind in einer eigenständigen lockeren Folge um zwei Quartiersplätze angeordnet und bilden Blickbezüge zur angrenzenden Auenlandschaft. Das Grundstück ist in halböffentliche Bereiche (Quartiersplätze, Spielplätze, Zone für Urban Gardening), halbprivate Eingangsbereiche (Erdgeschosszonen der einzelnen Häuser mit anschließendem Treppenraum) und private Freibereiche (Balkone, Loggien, Terrassen der Wohnungen) gegliedert. Es entstehen 99 Wohnungen in 6 unterschiedlich ausgerichteten Häusern. Je drei Häuser gruppieren
    sich um einen Quartiersplatz und werden von dort erschlossen. Die Adressen sind klar ablesbar. Die Atriumhäuser werden im Innern von einem außenliegendem Treppenraum erschlossen. Die Innenhöfe dienen als Kommunikationszonen.
    Die Rechtwinkligkeit der seriellen Bauweise wird durch keilförmige Öffnungen aufgebrochen, so dass Ausblicke aus dem Atrium in den umgebenden Grünraum entstehen. Die offene Bauweise ermöglicht Ausblicke sowohl aus den Innenhöfen als auch aus den Wohnungen in die Gera Aue. So wird die besondere Qualität des Standortes innerhalb der Bebauung durchgängig für alle Bewohner erlebbar.

    Erschließung und Mobilitätskonzept
    Die PKW Erschließung des neuen Quartiers erfolgt über eine Stichstraße entlang der westlichen Grundstücksgrenze. An ihrem nördlichen Ende befindet sich eine Wendeanlage für Feuerwehr- und Entsorgungsfahrzeuge mit einem Radius von 11m. Über diese Straße können die dezentral organisierten, gemeinschaftlichen Parkierungsanlagen erreicht werden. Im Bereich der Quartiersplätze ist Parken unter begrünten Pergolen und am Rand des Wohngebiets unter Bäumen geplant. So bleibt die Mitte des neuen Wohngebiets autofrei. Die neuen Freiräume werden über fußläufige Verbindungen miteinander vernetzt und an die
    vorhandenen Fuß- und Radwege der Umgebung angebunden. Je 3 Wohnhäuser werden barrierefrei über die beiden Quartiersplätze erschlossen. Die einzelnen Hauseingänge sind klar ablesbar, so dass eine gute Orientierung möglich ist. Jeder Hauseingang ist eingerückt und erhält somit einen halböffentlichen, wettergeschützten, beleuchteten Vorbereich.
    Im Süden des Grundstücks befindet sich ein Mobility Hub. Hier stehen den Bewohnern innovative Angebote wie Elektroladestationen, Car- und BikeSharing zur Verfügung. Durch die Position am Eingang des Quartiers ist es für alle Bewohner gleichermaßen gut erreichbar.
    Die Stellplätze für Fahrräder, Rollstühle und Kinderwagen sind in ebenerdigen, überdachten und abgeschlossenen Räumen im Bereich der Hauseingänge nachgewiesen. Hier sind ebenso die hauseigenen Müllräume und ggf. erforderliche unbeheizte Kellerersatzräume untergebracht

    Konzept für serielles, modulares Bauen – Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit
    Alle Mehrfamilienhäuser werden in Holzmodulbauweise errichtet. Diese Konstruktionsart bietet einen hohen Vorfertigungsgrad und schafft damit die Voraussetzung für wirtschaftlichen mehrgeschossigen Wohnungsneubau. Die Module sind einheitlich 2.5m / 7.0m groß und können auf einer Stahlbetonbodenplatte aufgebaut werden. Sie sind für eine kompakte und energetisch optimierte Gebäudekubatur ohne Vor- und Rücksprünge entwickelt und können günstig hergestellt werden. Die angrenzenden thermisch entkoppelten Bauteile wie zB. die aufgeständerten Balkone und Loggien sowie die außenliegenden Treppenräume und Übergänge sind elementiert und können durch die schräge Form auf die jeweilige Gebäudesituation angepasst werden. Damit ist es möglich, die Häuser in ihrer
    polygonalen Gestalt leicht zu variieren. Diese Bauweise lässt einen sehr wirtschaftlichen Betrieb der Häuser erwarten, da lediglich die Wohnungen und nicht die Erschließungszonen beheizt werden müssen. Es entsteht ein nachhaltiges Bauwerk, das einfach und kostengünstig zu produzieren, in seiner Form anpassbar und zügig herzustellen ist.

    Brandschutz
    Die Aufstellflächen der Feuerwehr befinden sich entlang der internen Erschließungsstraße am westlichen Grundstücksrand. Von hier aus können alle Häuser innerhalb von 50m für die Rettung der Bewohner erreicht werden. Bei den 3-geschossigen Wohnhäusern dient der außenliegenden Treppenraum im Innern des Atriumhauses als baulicher Rettungsweg. Als alternativer Rettungsweg können die Bewohner in den Obergeschossen mit Steckleitern der Feuerwehr gerettet werden. Die 5-geschossigen Wohnhäuser haben zwei baulich unabhängige Rettungswege, durch zwei Treppen,
    die 5m voneinander entfernt liegen und über die Laubengänge erreicht werden können, so dass das Anleitern mit Hubrettungsfahrzeugen nicht erforderlich ist.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Der Entwurf sieht eine Bebauung mit großzügigen polygonal-rechteckig geformten Punkthäusern vor. Insgesamt werden 6 Baukörper mit entweder 3 oder 5 Geschossen vorgeschlagen, die bei gleicher Grundrisslösung jeweils um 90 Grad verdreht angeordnet werden. Hierdurch entsteht eine gute Verzahnung der Baukörper mit dem Außenraum, die angenehme Teilflächen erzeugt. Der ruhende Verkehr wird weitgehend dezentral den Häusern zugeordnet. Die Lage und Ausprägung der Stellplätze lässt eine gute verkehrliche Erschließung erwarten.
    Der Außenraum wird relativ homogen als „halböffentlicher“ Raum ausgebildet. Der Übergang zwischen Gebäude und Außenraum erscheint wenig differenziert. Die Fernwärmetrasse wird teilweise (Haus B) überbaut.
    Die Besonderheit des Entwurfs besteht in den rechtwinkligen Grundbaukörpern, die durch
    ihre Anordnung geschickt eine offene Erschließung einbinden und damit eine besondere
    Bauform erzeugen.
    In wie weit diese Erschließung qualitätsvolle und funktionale Flächen herstellt, bleibt offen. Auch die Eignung dieser Erschließungsform als Rettungsweg wurde diskutiert. Bei den 5-
    geschossigen Gebäuden scheint die Ausbeute an Tageslicht im Innenhof fraglich.

    Das Gebäude setzt im Wesentlichen auf eine Holzmodulbauweise – diese stiftet für das Thema der Gartenstadt eine sinnfällige Materialität. In wie weit die 5-geschossigen Gebäude innerhalb des Baurechts sichtbar in Holz ausgeführt werden können und auch die Wartungsfragen, ist zu wurde kontrovers diskutieren.
    Die hohe Zahl gleicher Bauteile lässt eine effiziente Umsetzung erwarten.
    Der Städtebau liefert unter Einhaltung der geforderten ca. 100 WE eine gute Verhältnismäßigkeit. Es entsteht ein ausgewogenes Verhältnis von Baumassen zu Außenraum.In wie weit die offene Erschließung hinsichtlich Realisierung und Betrieb wirtschaftlich ist wird hinterfragt. Die Darstellung der Treppen im Grundriss wird hinterfragt. Die großen Glasflächen/Fenster erscheinen wenig wirtschaftlich. Die Holzfassaden erzeugen vermutlich höhere Unterhaltskosten.
    Insgesamt liegt die Qualität der Arbeit bei ihrer eigenständigen, städtebaulichen Grundkonfiguration mit einem ausgewogenen Verhältnis von Baukörper zu Außenraum sowie einer guter Gliederung des Außenraums in angemessene Bereiche. Dies bietet eine robuste Grundstruktur für die weiteren Entwicklungsschritte.
    Die Idee der offene Erschließung/Innenhof stellt die bauliche Besonderheit der Arbeit dar,
    diese kann die Jury aber letztendlich in ihrer Qualität nicht überzeugen.

    Die in ähnlichen Proportionen gesetzten Freiräume entwickeln eine große räumliche und funktionale Vielfalt, die vom gemeinschaftlichen Gärtnern bis zur Nutzung des Regenwassers reicht. Die einzelnen Bereiche sind angemessen gegliedert und ausgestattet, jedoch wirkt die Baumsetzung teilweise etwas hilflos. Positiv werden die Distanzflächen an den Gebäuden bewertet, die eine abgestufte Privatheit ermöglichen.
    Leider ist dieser Gedanke in der Visualisierung nicht ablesbar.
    Angenehm erscheint auch die offene Orientierung der Räume, wodurch die Nachbarquartiere und vor allem die Geraaue auf eine selbstverständliche Weise angebunden werden. Die Ausbildung der Pergolen erscheint problematisch.

    Die Anbindung der Radwege findet über die internen Wohnwege statt, was als Lösung nicht vollkommen befriedigend ist. Dafür ist die Fahrradstellplatzversorgung ausreichend, jedoch teilweise offen. Für das beabsichtigte Mobilitätskonzept ist dies ungünstig, da die Sicherheit für die Fahrräder nicht optimal ist.
    Eine Regenwasserversickerung auf dem Grundstück ist vorgesehen.
    Die Einhaltung des Schallschutz-Abstands ist nicht ausreichend. Es sind Schallschutzmaßnahmen am Gebäude (Grundrissorientierung Küchen / Bäder oder Wegfall von Immissionspunkten (nicht zu öffnende / keine Fenster) notwendig.
    Eine Abfallentsorgung kann nur über einen Service geleistet werden.