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  • DE-04860 Torgau
  • 05/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-286023)

9. Sächsische Landesgartenschau 2022 in Torgau


  • Anerkennung

    Skulpturale Holzplattform zwischen den Wasserflächen, © A24 Landschaft + A. Calitz Visual

    Landschaftsarchitekten
    A24 Landschaft, Berlin (DE) Büroprofil

    Verfasser
    Steffan Robel , Jan Grimmek

    Mitarbeit
    Melody Devillier

    Preisgeld
    6.000 EUR

    Erläuterungstext
    Natur Mensch Geschichte
    Torgau kann auf eine über 1000-jährige Geschichte zurück blicken. Auch heute ist diese noch im Stadtbild präsent – der einzigartige Altstadtkern Torgaus präsentiert sich als nahezu vollständig erhaltene kurfürstliche Residenzstadt der Renaissance. Bürgerschaftliche Weitsicht hat die Stadt vor den Fehlern vieler anderer Städte bewahrt. Ein Bürgerverein gestaltete die Glacisanlagen zusammen mit namhaften Landschaftsarchitekten der damaligen Zeit, wie Peter Joseph Lenné, zu einer weitläufigen Parkanlage um und bewahrte sie so vor weiterer Bebauung. Im Laufe der Jahr-hunderte entwickelte sich der Glacis von der inszenierten Natur des Landschaftsgartens zur „echten“ Natur mit zahlreichen Biotopen und reichhaltiger Flora und Fauna. Die üppigen und weitläufigen naturnahen Parkanlagen bilden heute einen wohltuenden Kontrast zur ansonsten steinernen Residenzstadt - ein Dialog zwischen Kulturgeschichte und Natur. Hier wird unmittelbar in der Stadt intensives Naturerleben möglich.

    Die Landesgartenschau knüpft an die gärtnerische Tradition Torgaus an. Sie verbindet eine explizit naturnahe Gestaltung mit bürgerschaftlichem Engagement und Kultur- und Freizeitnutzungen und verknüpft so beispielhaft Naturschutz, Denkmalschutz und Naherholung miteinander.

    In der Freiraumstruktur Torgaus zeichnen sich mehrere ringförmige Entwicklungsstufen ab. Während der innere Ring entlang der mittelalterlichen Stadtmauer geprägt ist von der Historie der steinernen Renaissancestadt, ist der Ring des Glacis geprägt von üppiger Natur. Ein dritter Ring der Produktion mit ehemaligen Industrie- und Gewerbeflächen, Kleingärten und neuen Bürger-gärten lagert sich außen entlang der Infrastrukturtrassen an. Entsprechend der räumlichen Gliederung werden drei differenzierte Rundwege geschaffen: eine Landschaftspromenade durch den Naturraum des Glacis, ein Aktivparcour durch den Jungen Garten und eine Stadtpromenade rund um die historische Altstadt. Für den Besucher ergeben sich dadurch klar differenzierte Routen mit ganz unterschiedlichen Erlebniswelten.

    Bahnhofsvorplatz
    Der Bahnhof ist wichtiger Verkehrsknoten und Ankunftsort in Torgau. Als Ergänzung zu den bereits neu gestalteten Verkehrs- und Infrastrukturflächen mit Fahrrad-, Bus- und Pkw-Stellplätzen wird ein neues Stadtentree ausformuliert. Ein offener steinerner Vorplatz mit Wasserbecken schafft einen klaren ersten Bezugspunkt in der Stadt. Die angrenzende Grünfläche wird unter weitgehen-dem Erhalt der Bestandsbäume über neue Wegeverbindungen direkt an den Bahnhof angebunden.
    Ein Baumdach bildet den räumlichen Endpunkt der historischen Allee in die Stadt und schafft einen schattigen Verweilort mit langem Sitzelement. Von hier aus betritt man über die Brücke des schwarzen Grabens den naturnah gestalteten Bereich des Glacis und taucht in eine vom Wasser geprägte, üppig grüne Gegenwelt ein. Ein eindrucksvoller Kontrast.

    Glacis
    Das ehemalige Glacis bildet das Rückgrat des städtischen Grünsystems und eine wichtige Freiraumverbindung zwischen Bahnhof und Elbe. Die sternförmige napoleonische Festungsanlage ist noch heute im Stadtbild gut ablesbar. Da die strengen Naturschutz- und Denkmalschutz-auflagen großflächige Eingriffe verhindern und einen sensiblen Umgang mit den Bestands-strukturen erfordern, wird das historische Wegenetz behutsam heraus gearbeitet und durch punktuelle Eingriffe akzentuiert. So werden die unterschiedlichen landschaftsräumlichen Situationen gestärkt und eine Abfolge ganz unterschiedlicher Atmosphären geschaffen.
    Das Glacis teilt sich in einen nördlichen von offenen Wasserflächen geprägten und einen südlichen waldartigen Bereich.
    Die Teiche der Eisbahnwiese bleiben in ihrer Grundform unverändert. Drei Holzdecks schaffen punktuelle Schnittstellen zum Wasser und treten in einen engen Dialog zueinander. Ein Holzsteg durch die sumpfartigen Feuchtwiesen endet als breites Holzdeck an der nördlichen Uferkante.
    Der den See in zwei Hälften teilende künstlich angelegte Damm wird als besonderer Ort zwischen den Wasserflächen inszeniert. Ähnlich verkeilter Baumstämme stapeln sich ineinander geschobene Holzpodeste zu einem markanten, weithin sichtbaren Freiraummöbel, das unterschiedliche Aufenthaltssituationen und Blickpunkte aufs Wasser zulässt. In räumlicher Nähe zum Damm erhält der neu geschaffene Auenspielplatz bespielbare Strukturen aus Holz, die in abstrahierter Form der Gestaltsprache von Biberbauten nachempfunden sind.
    Der dichte und schattige Charakter des Waldparks wird erhalten und bildet einen interessanten Kontrast zu den offenen und sonnigen Wasserflächen. Pilz-, Farn- und Moosgärten verdichten den Charakter des Waldes in atmosphärischen Garteninseln. Der zentrale Waldspielplatz bildet ein markantes Objekt im Wald, ein bekletterbares Bündel aus Totholzstämmen mit Plattformen und Netzen.
    Den südlichen Endpunkt des Glacis mit weitem Blick über die Elbauen bildet ein großes Holzdeck, das auch als Rastpunkt am überregionalen Elberadweg dient.

    Junger Garten
    Der sogenannte Junge Garten schafft neue sonnige Freiräume für eine aktive Freizeitgestaltung, als Gegenstück zum dichtbewaldeten Glacis mit seinen vielen limitierenden Einschränkungen. Aufgespannt zwischen der Straße Am Stadtpark, dem Kleingartenareal und den Bahngleisen entsteht ein neuer Aktivpark auf ehemalig genutzten Gewerbeflächen und weitläufigen Ruderalflächen. Ein Nutzungsmix aus Trendsportarten und urbanen Gärten spricht insbesondere die Lebenswelten junger Menschen an.

    Ein großzügiger Eingangsplatz schafft mit seinen erhaltenen Betonoberflächen und den heraus geschnittenen Belags- und Vegetationsflächen einen rauen, urbanen Kontrast zur Natürlichkeit des Waldparks. Eine artifizielle Fläche aus farbigem EPDM-Fallschutzbelag bündelt verschiedene Sportfelder, wie ein Multifunktionsspielfeld und eine Beachvolleyballanlage. Eine große Kletter- und Boulderwand bildet einen prägnanten Abschluss zu den benachbarten Gewerbebauten. Die umgenutzte ehemalige Fertigungshalle ergänzt mit einem Parkcafé und Vereinsräumen das vielfältige Freizeitangebot. Den westlichen Abschluss zu den bestehenden Wohnbauten bildet ein ruhiger Puffer mit Gemeinschaftsgärten für urbane Agrikultur.
    Ein zentrales Gartenband verbindet als öffentliche Fuge durch die Kleingärten den urbanen Auftaktplatz mit dem rückwärtigen Ruderalpark. Ein abwechslungsreicher Rhythmus aus Bäumen und Gräsern, Picknicktischen und Spielelementen sowie Fahrradabstellplätzen gliedert die Parkachse. Die Enden betonen zwei markante Holztribünen mit Blick auf die Sportfelder und den Skatepark. Eine zweite Achse verlängert den bestehenden Stichweg in den Park und bindet eine großzügige Fläche für gemeinsames experimentelles Gärtnern an. Ein mäandrierender Weg verbindet die beiden Gartenbänder mit dem Repitzer Weg und Elbdeich. Der Endpunkt am Deich wird als kleiner Aussichtsbalkon aus Holz ausgebildet. Der Parkweg bewegt sich entlang des Ruderalwaldsaums mit Blick in den offenen Wiesenraum. Er verbindet verschiedene Stationen auf der Wiese, wie Biotope, Spielelemente und gefaltete Picknickdecks.

    Schlachthofareal und Bastion VII
    Das brachliegende Areal des Schlachthofs wird zu einem zentralen Veranstaltungsort von stadtweiter Bedeutung. Die neue Stadthalle und das benachbarte Zielhaus schaffen einen wichtigen touristischen Anlaufpunkt in unmittelbarer Nähe zum neu errichteten Wasserwanderrastplatz, zu den Schiffsanlegestellen und zu den Wohnmobilstellplätzen. Der Haupteingang in die Stadthalle verlängert sich als Platzteppich aus Natursteinplatten bis auf die leicht erhöhte Bastion der Stadtmauer mit Panoramablick über den Fluss.
    Zur Gartenschau wird hier der zentrale Festplatz mit Hauptbühne, Gastronomie und Gärtnermarkt verortet. In der Nachnutzung bietet die rückwärtige Fläche Raum für 135 baumbestandene Pkw-Stellplätze. Eine Picknickwiese schafft eine räumliche Distanz zum Parkplatz und erhält einen platzseitigen Abschluss aus einer breiten Betonbank.
    Die Bastion VII bildet ein wichtiges stadträumliches Gelenk innerhalb der Querverbindung zwischen Innenstadt, Schlachthof und Glacis bis zum Hauptzugang in den Jungen Garten. Die historischen Gewölbe werden zu einem stimmungsvollen Gastronomiestandort ausgebaut und erhalten einen Vorplatz für Außengastronomie und temporäre Veranstaltungen im Freien. Bastionsgärten mit Informationen zur Stadtgeschichte unterstreichen die historische Bedeutung des Ortes und schaffen einen ansprechenden Nebeneingang in das Gartenschaugelände.

    Historische Stadtpromenade
    Die lose verstreuten baulichen Attraktionen der Altstadt wie das Schloss Hartenfels oder das Alte Rathaus am Markt werden räumlich miteinander verknüpft und in eine durchgehend attraktive Wegeverbindung rund um den historischen Stadtkern eingebunden. Die charakteristische Abfolge von öffentlichen Freiräumen und Stadtplätzen vom Friedrichplatz über den Rosa-Luxemburg-Platz bis zum Denkmal der Begegnung direkt an der Elbe wird qualifiziert und durch neue Bausteine ergänzt. Die Schlossgärten und Aussichtsbalkone am Elbufer werden als wichtige flankierende Stationen in das Gartenschaukonzept eingebunden und lassen die weit zurück reichenden gärtnerischen Traditionen Torgaus mit einfließen.

    Gartenschau
    Die Gartenschau erhält zwei Haupteingänge: einen vom Bahnhof in das kompakte Kerngelände aus Glacis und Junger Garten und den anderen am Festplatz an der neuen Stadthalle. Viele Nebeneingänge und Ausgänge verzahnen das Gartenschaugelände mit der Stadt. Der Junge Garten wird als Eventfläche mit Hauptgastronomie und Blumenschau in der ehemaligen Produktionshalle genutzt.

    Die langjährige gärtnerische Tradition als Zentrum für pharmazeutisches und botanisches Wissen drückt sich in vielfältigen Kräuter- und Arzneigärten aus. Produktive Gärten loten die Möglichkeiten urbaner Nahrungsmittelproduktion in der heutigen Zeit aus und Gemeinschaftsgärten knüpfen an das tief verankerte Bewusstsein für bürgerschaftliches Engagement an. Die handwerklichen Traditionen werden im Glas- und Keramikgarten, sowie in den Forst- und Papiergärten spielerisch umgesetzt. Im Pilzgarten kann auf das Know-how der modernsten Pilzfabrik Europas zurückgegriffen werden. Temporäre Schattendächer aus Photovoltaikpanelen schließen den Bogen vom Mittelalter in die heutige Zeit und lassen eine Gartenschau mit vielfältigen historischen aber auch zeitgenössisch relevanten Themen entstehen. Die klar differenzierten Freiraumsysteme helfen bei der Orientierung und Fortschreibung der Freiraumstrukturen und erzeugen ein charakteristisches Stadtbild, das Torgaus Blick in die Zukunft richtet ohne die wichtigen historischen Bezüge zu verlieren.

    Beurteilung durch das Preisgericht
    Liegt nicht vor.