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  • DE-04275 Leipzig
  • 08/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-303625)

Studienpreis „Konrad Wachsmann 2018“


  • ein 1. Preis

    Ansicht Promenade, © Karolina Gajda

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    Projekt
    Siedlung Pzycólek Grochowski - Warschau, Polen

    Studenten (allgemein)
    Karolina Gajda

    In Zusammenarbeit mit:
    Universitäten / Hochschulen: Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, Cottbus (DE)

    Preisgeld
    500 EUR

    Erläuterungstext
    Die Wohnsiedlung Przyczółek Grochowski in Warschau wurde von 1969 bis 1973 von dem Architektenehepaar Sophia und Oskar Hansen entworfen und gebaut. Den damaligen Beschränkungen in der polnischen Volksrepublik gehorchend musste der Bau in erster Linie das drückende Wohnraumproblem in der nach dem 2. Weltkrieg fast vollständig zerstörten Stadt adressieren.
    Aus diesem Grund wurden bei der Planung der 1,2 km langen Struktur sehr viele sehr kleine Wohnungen geschaffen, wobei die durchschnittliche Wohnfläche pro Bewohner bei 12 qm lag. Ursprünglich war die Anlage für 7.000 Bewohner konzipiert worden. Die insgesamt 22 Einzelblöcke werden durch einen durchgehenden Laubengang verbunden.
    Die Siedlung hat in Warschau einen schlechten Ruf und ist bei der Bevölkerung unbeliebt, da sie zu einem Slum-ähnlichen Quartier verkommen ist. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Lebensstandard der Bewohner zu erhöhen, indem die Siedlung an zeitgenössische Qualitätsstandards angepasst wird und die Identifikation der Bewohner mit ihrem Zuhause erleichtert wird.

    Trotz der vielen Probleme bietet die Siedlung auch große Potenziale, wie die Lage nahe einem See und die großen Grünflächen zwischen den schlangenförmig angelegten Gebäudeteilen. Diese werden durch die Öffnung der Struktur hin zum See und die gleichzeitige Schließung der Innenhöfe genutzt. So entsteht eine Promenade, die durch Gastronomie und Einzelhandel belebt wird. Diese wird durch zwei neu geschaffene Türme als vertikale Dominante betont.
    Der Zugang zu der Siedlung ist im Bestand durch diese umgebende, abgesenkte Parkflächen für Autos behindert. Diese werden überdeckelt, wodurch zum einen private Gärten, zum anderen öffentlich zugängliche Flächen geschaffen werden.
    Eine Reorganisation der im Bestand sehr kleinen und dunklen Zugänge erleichtert die Orientierung in der Siedlung und erhöht das Sicherheitsempfinden der Bewohner. Durch die Integration der Treppenhäuser in die Gesamtstruktur wird der durchgehende Laubengang durchbrochen. Hierzu werden die sich überlappenden Enden der Einzelblöcke zurückgebaut.
    Da der Laubengang in seiner jetzigen Form direkt vor den Wohnungen diese verdunkelt, wird er um 2,5 Meter abgerückt. Hierdurch entsteht eine Zwischenzone zwischen privaten und öffentlich zugänglichen Bereichen.
    Um die einseitige Dominanz kleiner Wohnungen zu durchbrechen werden die Grundrisse und Nutzungen diversifiziert. So entstehen zur Promenade und zu den Innenhöfen in den unteren Geschossen Maisonettewohnungen, teilweise mit privaten Gärten. Diese ermöglichen auch eine Kombination von Wohnen und Arbeiten. Zusätzlich werden größere Wohnungen geschaffen, die für die Nutzung durch Wohngemeinschaften vorgesehen sind. Die neu geschaffenen Türme beherbergen in den unteren Geschossen Büroflächen, in den oberen großzügige Wohnungen.

    Insgesamt wird Przyczółek Grochowski durch die ausgearbeiteten Veränderungen von einem Ort der Kriminalität und des Elends zu einem lebenswerten, vielfältigen Quartier in einer attraktiven Lage transformiert, in dem die Bewohner gut leben und arbeiten können und der urbane Geschäftigkeit auf der Promenade mit ruhigen Rückzugsorten in den Innenhöfen verbindet.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Über die Aufgabenstellung einer Revitalisierung einer Wohnsiedlung aus den 1970er Jahren im Rahmen der Masterthesis zeigt sich die Jury sehr erfreut, da das Thema Städte und Bewohner betrifft. Mit minimalen Mitteln und maximalen Gewinn gelingt es der Verfasserin den Städtebau völlig neu zu konfigurieren. Die Struktur der Großsiedlung wird so verändert, dass eine zentrale Achse zum See geöffnet wird und die angrenzenden Bauten zwei parkähnliche Innenhöfe erhalten. Diese gekonnt gesetzte Maßnahme findet seine Ausformulierung fast ausschließlich im Bestand, der Neubau beschränkt sich auf die Blockschließung in der Südostecke. Die Passage, die durch die Wegnahme nur eines Bestandsgebäudes entsteht hat außerordentliche räumliche Qualitäten und man kann sich gut vorstellen, sie gerne entlangzugehen. Durch die herausragende Gestaltung des Freibereichs und kleine bauliche Interventionen gelingt es der Verfasserin das Quartier neu zu bespielen. Die architektonische Durcharbeitung des Entwurfes war nicht Thema. Dafür wird diese nicht angebotene Antwort aber durch eine sehr gute Darstellung der Außenräume kompensiert. Die Zonierungen sind gut und bieten räumliche Qualitäten und verschiedene neue Nutzungsangebote. Durch die sinnvolle Nachverdichtung und die Akzente der neuen Türme, die eine Torbildung generieren bekommt das Viertel einen urbanen Charakter und mehr Aussagekraft. Die Tiefe der Bearbeitung erstreckt sich bis zur Unterbringung des ruhenden Verkehrs, einem zeitgemäßen Angebot einer Wohnvielfalt und Nutzungsschemen sowie der Auseinandersetzung mit der Erschließung, die durch die Ergänzung von Laubengängen eine zweiseitige Belichtung der Wohnungen ermöglicht.


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