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  • DE-73430 Aalen, DE-73430 Aalen
  • 09/2018
  • Ergebnis
  • (ID 2-297264)

Aalen Süd / Union-Areal in Aalen


  • 2. Preis Realisierungs- und Ideenteil


    Architekten
    HASCHER JEHLE Architektur, Berlin (DE) Büroprofil

    Mitarbeit
    Lars Gebhardt, Aixin Xuan

    In Zusammenarbeit mit:
    Stadtplaner: kleyer.koblitz.siegmüller, Berlin (DE)
    Landschaftsarchitekten: Weidinger Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin (DE)

    Preisgeld
    37.500 EUR

    Erläuterungstext
    STÄDTEBAU – UNION AREAL
    Mit dem Abbruch des Union-Geländes und dem Neubau des Landratsamtes vollzieht sich ein struktureller Wandel südlich der Aalener Altstadt, der eine vollständige Neuordnung des Quartiers nach sich zieht. Dieser Wandel ist vom Verlust bestehender und identitätsstiftender Merkmale begleitet - im konkreten Fall einem Stück Industriegeschichte Baden-Württembergs. An die Stelle dessen was war, tritt nun das Neue, welches für die Zukunft bestimmend wird.

    In der Vergangenheit war das Union-Areal ein privat genutzter, nach außen geschlossener Komplex, der konsequent nach gewerblichen Maßgaben organisiert wurde, bis hin zur Kanalisierung des Kochers und seiner Nutzung als Industriegewässer. Dem steht mit der Neuplanung des Landratsamtes eine öffentliche Nutzung gegenüber, die den Ort und seine Identität neu definieren und die Spuren der Geschichte integrieren muss.

    Als Signet dieses Wandels sehen die Verfasser das neue Landratsamt, das als markanter Solitär in der grünen Aue des Kocher im Ensemble mit dem alten Kesselhaus und seinem Schornstein, sowie dem kleineren potentiellen Erweiterungsbau des Landratsamtes steht. Bewusst öffnet sich dieses Ensemble im Gegensatz zur ehemaligen straßenbegleitenden Blockstruktur zur Wilhelm Merz Straße, deren Charakter sich zu einer verkehrsberuhigten Zone wandelt. Die Bebauungshöhe ist mit drei bzw. vier geschossen moderat gewählt. Das höhere Landratsamt dominiert den vorgelagerten Platz.

    Als Blickfang zwischen den beiden runden Neubauten taucht das alte Kesselhaus am Ufer des Kocher auf und komplettiert das Ensemble. Das Kesselhaus kann als Cafe und Veranstaltungsort, oder auch als Ausstellungsraum für die Industriegeschichte des Standortes dienen. Von hier treppen sich großzügige Liege- und Spielwiesen zum Kocher hinunter.

    Erschlossen wird das Landratsamt über den Platz, ihm ist der Haupteingang zugewandt. Das Parkhaus, welches als standardisierte eingegrünte Parkpalette geplant ist, liegt im Südosten des Landratsamtes und wird über die Wilhelm Merz Straße angefahren. Hier befindet sich auch die Bushaltestelle. Das Landratsamt hat zu dieser Seite einen Nebeneingang.

    Der Grünzug entlang des Kocher wird vom bestehenden Landratsamt bis zum neuen Landratsamt erweitert und verknüpft. Beide Standorte werden so auf kurzem und attraktivem Weg verbunden. Der vorhandene Radweg erhält eine Brücke über den renaturierten Kocher. Der Flusslauf wird dabei gemäß der Studie aus der Auslobung entschärft und der obsolete Industriekanal wird verfüllt. Im Zusammenwirken von Außenraum und Gebäuden entsteht ein öffentlicher urbaner Raum mit parkähnlicher Aufenthaltsqualität. Die Verschränkung der Geschichte des Ortes - die durch das alte Kesselhaus erlebbar bleibt - mit der neuen öffentlichen Funktion des Platzes und dem Ausbau der grünen Aue mit Spielflächen, Liegewiesen und Einbindung ins Radwegenetz, macht den Neubau des Landratsamtes zu einem wichtigen Impuls der städtebaulichen Entwicklung des Quartiers.


    STÄDTEBAU – AALEN SÜD
    Das neue Wohnquartier Aalen Süd wird als lockere urbane, drei- bis viergeschossigen Bebauung vorgeschlagen, die sich an der Körnung des angrenzenden Wohnquartiers Schmale Str/Marienstr. orientiert. Die orthogonale Parzellenstruktur bildet auch aus Gründen der abschnittsweisen Realisierung das Ordnungsgerüst der Planung. Es entstehen grüne, gut durchmischte Cluster mit maßstäblichen Straßen- und Platzräumen mit hoher Aufenthaltsqualität.

    Die Umsetzung der Planung kann in flexiblen Bauphasen und entsprechend der heterogenen Eigentumsstruktur erfolgen. Die kleingliedrige Struktur lässt auch spätere Anpassungen zu ohne die quartiersprägenden Merkmale und das übergeordnete Gestaltungskonzept zu verwässern.

    Bestandteil des Konzeptes ist die Nutzungsdurchmischung mit erdgeschossigen Dienstleistungsnutzungen, wie Arzt, Apotheke, Frisör o.ä., sowie Nahversorgung und Gastronomie zu den Plätzen und öffentlichen Zonen. In den ruhigen Seitenstraßen sind auch im EG Wohnungen vorgesehen, in den Obergeschossen sollen Wohnformen in großer Bandbreite realisiert werden.
    Zwei parkähnliche Alleen (ohne Pkw-Verkehr) leiten auf den Grünraum des Kocher zu und verknüpfen das Quartier mit dem übergeordneten Radwegenetz. Gemeinsam mit den beiden vorgeschlagenen Plätzen dienen sie dem Quartier als grüne, qualitativ hochwertige urbane Lebensräume und Treffpunkte
    für alle Bewohnergruppen.

    FUNKTION
    Der Büroneubau des Landratsamtes ist gekennzeichnet durch eine klare strukturelle Ordnung, eine hochfunktionale Nutzungsverteilung mit einem optimalen Erschließungssystem, das alle Bereiche miteinander (Ringschluss) und auf kurzem Weg miteinander verbindet. Alle Nutzungsbereiche sind exakt nach den Vorgaben des Raumprogramms entwickelt. Die runde Form bietet dabei ein optimales A/V-Verhältnis und ist somit die Grundlage für für Kompaktheit, kurze Wege, Flächeneffizienz und Flexibilität.

    Im Erdgeschoss gelangen Mitarbeiter sowie Kunden und Besucher über einen großzügigen, einladenden Haupteingang in das öffentliche zentrale Foyer.

    Vom zentralen Eingangsbereich werden alle weiteren Bereiche auf kürzestem Weg barrierefrei über Aufzüge und drei Treppenkerne vertikal erschlossen. Die zwei nördlichen Treppenhäuser dienen als halböffentliche Verteiler in die Obergeschosse und sind gut auffindbar am Foyer positioniert. Die Treppenhäuser gliedern das Haus auf jeder Etage und verteilen das Nutzeraufkommen vertikal. Des weiteren beinhalten sie neben ELT- und Lagerflächen und den notwendigen Schachtflächen auf jeder Etage die Toilettenräume. Dieses klare und ordnende Erschließungskonzept ermöglicht auch eine gute Orientierung, was für ein publikumsintensives öffentliches Gebäude besonders wichtig ist.

    Auf den Geschossen, direkt neben den Treppenhäusern, befinden sich halböffentliche Wartebereiche. Von den Treppenhäusern weiter entfernt, liegen die interneren Arbeitsbereiche. Die Flächentypen höherer Konzentration sind dabei zwischen den Kernen angeordnet und somit frei von jeglichem Durchgangsverkehr oder sonstigen Störungen. Die Struktur lässt variabel verschiedene Bürokonzepte zu. So kann frei zwischen Großraum-, Kombi- und Zellenbüro nach Bedarf gewählt werden. Die Obergeschosse sind ganz unter der Prämisse optimaler Arbeitsbedingungen eines zeitgemäßen, flexiblen und kommunikationsfördernden Bürokonzeptes entwickelt. Durch die Anordnung der Bürozonen als Ring kann immer flexibel auch in der Größe der Einheiten variiert werden. Diese atmende Büroorganisation kann auch optimal auf zukünftig Umstrukturierung mit geringem Aufwand reagieren. Zudem belebt und fördert die Ringstruktur das Büroleben und wirkt sich auf die informelle Kommunikation im Arbeitsprozess positiv aus.

    Der Erweiterungsbaukörper kann bei Bedarf mit einer Brücke im ersten Obergeschoss mit dem Neubau des Landratsamtes barrierefrei kurzgeschossen werden. Für den Zeitraum der Fremdvermietung wird diese Verbindung nicht benötigt.

    FASSADE UND MATERIAL
    Die Fassade ist durch eine hohe Funktionalität charakterisiert. Geschlossene und vollverglaste Elemente im Wechsel rhythmisieren die Fassade und ermöglichen eine voll flexible Raumaufteilung bei moderatem Verglasungsanteil. Die geschlossenen Elemente sind mit einer schlagregendichten und einbruchsicheren Lüftungsklappe ausgestattet, die auch zur freien Nachtlüftung geeignet ist. Die modular aufgebauten Fassadenelemente werden im Werk vorgefertigt und sind einfach in der Montage. Die festverglasten 3-Scheiben-Wärmeschutzgläser werden durch einen außenliegenden Alu-Raffstore mit Lichtlenkfunktion beschattet.
    Im EG sind alle Sondernutzungen angeordnet, hier springt die Fassade gegenüber den Bürogeschossen leicht zurück. Der öffentliche Charakter der erdgeschossigen Nutzungen bildet sich so auch in der vollverglasten Fassade ab und präsentiert das neue Landratsamt als bürgernahes und einladendes Zentrum.
    Die Eingangsbereiche wenden sich den Vorplätzen zu, insbesondere der Haupteingang wird klar durch die Fassadeneinschnürung an dieser Stelle markiert - Innen und Außen fließen ineinander.

    Der runde Baukörper des Landratsamts erhält durch die hervortretenden Deckenverkleidungen eine horizontale Gliederung. Hohen Abdeckleisten der vertikalen Pfosten und die entsprechende vertikale Gliederung der geschlossenen Paneele, führen die polygonale Fassade elegant um die Rundungen.
    Als Material wir hier ebenfalls Holz vorgeschlagen, ein nachwachsender und CO2-neutraler Baustoff, der mit dem Kontrast zum steinernen Kesselhaus spielt. Alternativ zum Holz sind auch zementgebundene Verbundwerkstoffe möglich.

    In der Gesamterscheinung entsteht eine ruhige, homogene und dennoch lebendige Fassade in Holzoptik, welche über dem Erdgeschoss zu schweben scheint.

    Die funktionale Fassadenkonstruktion vereint angenehme Transparenz und ausgezeichnete Belichtungsverhältnisse für die Raumqualitäten im Inneren mit zeitgemäßer ökologischer Fassadentechnologie, die durch den Wiederholungsfaktor der Elemente und die Kompaktheit des Baukörpers eine hohe Wirtschaftlichkeit erzielt.

    Beurteilung durch das Preisgericht

    Die Arbeit lebt von der großzügigen Weiterentwicklung des Landschaftsraumes des Kochers, in den die Ovale des Landratsamts, wie Kiesel platziert, eine hohe Identität des Ortes definieren.
    Gekonnt umspielt der „Aue“-Bereich die Gebäude und führt zielgerichtet in die Innenstadt. Hier wer-den Freiraum und Städtebau zu Partnern eines künftig öffentlich gelebten Stadtraums.
    Auf der anderen Seite wird das Areal des Ideenteils zwischen der Ulmer Straße und der Wilhelm-Merz-Straße orthogonal entwickelt. Die bauliche Struktur wird im Übergang zum Bestand an der Marienstraße offen gestaltet. Einzelne Quartiere und Gebäudereihen werden mit Betonung der Quartiersränder um Plätze herum gruppiert. Diesen Plätzen fehlt die räumliche Fassung. Öffentliche und private Flächen gehen ohne erkennbare Schwellen ineinander über. Dadurch leidet die Privatheit des Wohnens in den Höfen.
    Die Erschließung der Quartiere erfolgt schlüssig durch drei Wohnstraßen zwischen Ulmer- und Wil-helm-Merz-Straße. Ergänzend sind parallel dazu zwei verkehrsfreie Grünzüge geführt. Es entsteht dadurch zwar eine Raumverbindung zwischen Kocheraue und Ulmer Straße, diese Grünräume kom-men aber an der Ulmer Straße an nicht definierten Stellen an. Mangels Begrünung der Ulmer Straße werden die Nutzer dieser Grünbezüge dann in der Ulmer Straße auf einen schmalen Gehweg entlas-sen. Diese Raumbildungen führen zu dem größten Erschließungsaufwand aller Teilnehmer, ohne dass ein adäquater städteräumlicher Gewinn erreicht wurde. Der Lärmeintrag von der Ulmer Straße ist nicht zu unterschätzen.
    Die städtebauliche Struktur könnte nur mit Anpassungen auf der Grundlage der bestehenden Grund-stücke realisiert werden.
    Der Erweiterungsbau des Landratsamts zeigt sich als Solitär mit starker Präsenz und Unverwechsel-barkeit. Das Kesselhaus wird überzeugend in das Ensemble mit dem kleineren Dienstleistungsge-bäude eingebunden. Die Ausgangssituation ist niederschwellig angelegt. Die Verteilung der Ämter ist schlüssig konzipiert. Die innere Wegeführung ist besonders übersichtlich und gut orientierbar. Durch die Verdrehung der äußeren und inneren Dreiecksovale entstehen unterschiedliche tiefe Baukör-persequenzen. Dies ermöglicht die Realisierung der differenzierten Anforderungen an unterschiedli-che Bürolandschaften.
    Das Preisgericht diskutiert den Anspruch der gewählten Architektur. Die gewählte Holzverbundbau-weise und Fassadengestaltung durch Holzlamellen werden begrüßt. Die architektonische Ovalform wird als zu anspruchsvoll betrachtet für einen Ergänzungsbau des weiter als Haupthaus bestehenden Landratsamts an der Stuttgarter Straße.
    Es wird begrüßt, das Gebäude nicht zu unterkellern. Ebenfalls ist die Unterbringung der Stellplätze in einem Parkhaus von Vorteil.
    Das energetische Konzept der Heizung, Kühlung und Lüftung überzeugt.
    Kritisch wird das Fehlen von insgesamt 23 Büroräumen sowie anderen Nebenräumen in unterschied-lichen Dezernaten gesehen. Die abgeschlossene Ovalform erschwert die Behebung dieses Mangels.
    Trotz der gekrümmten Außen- und Innenwände erwartet das Preisgericht aufgrund der gewählten Konstruktionen eine wirtschaftliche Realisierung. Die angegebenen Baukosten liegen im erwarteten Rahmen, allerdings mit Defiziten im Raumprogramm.
    Der Beitrag besticht durch eine unverwechselbare architektonische Konzeption von hoher Nutzungs-qualität und ihrer Einbettung in die naturnah gestaltete Kocheraue. Die Offenheit und Durchwegung der Kocheraue und der Ideenquartiere sind ein Gewinn im Aalener Süden. Allerdings ist der öffent-lich-räumliche Aufwand hoch.